Archiv für März, 2010

Augenrollen. Ein ganz sicheres Zeichen dafür, dass eine Frage gestellt wurde, die offensichtlich nicht bei jedem Faszination auslöst. Augenrollen kombiniert mit einem abschätzigen Schnauben kann dann sogar übersetzt werden als:

„Volckmann, glaubst du wirklich, das interessiert irgendjemanden?“

Auch wenn es schwer ist, sich dies einzugestehen, reift wahrscheinlich früher oder später bei jedem die Erkenntnis, dass es tatsächlich gewisse Fragestellungen gibt, die wohl wirklich nicht jeden animieren, kostbare Zeit und unwiederbringliche Nervenzellen für deren Ergründung zu opfern. Entweder ist es ein Zeichen mangelnder Reife oder aber eine genetische Anomalie, die mich veranlasst hat, dieser Erkenntnis stets erfolgreich aus dem Weg gegangen zu sein. Ich tippe auf Letzteres. Und so kam es dazu, dass sich, angeregt durch die Lektüre zahlreicher Kriminalromane und dank des Filmvergnügens, das mir der eine oder andere Thriller bereitet hat, in meinem Kopf eine Frage manifestierte, die ich meinen Mitmenschen nicht vorenthalten konnte.

Wie engagiert man eigentlich einen Auftragsmörder?

Augenrollen. War ja klar. Aber mal ehrlich, wie geht das? Nicht, dass ich jemals vorgehabt hätte, von so einer schon gar nicht mehr ins Zwielichtige, sondern eher ins komplett Abgedunkelte gehörenden Dienstleistung Gebrauch zu machen. Aber fast jeder zweite Thriller wartet an der einen oder anderen Ecke des Plots mit einer solchen Gestalt auf. Der Auftragsmörder ist dann einfach da, hat seinen Auftrag in der Tasche aber der Zuschauer und Leser bekommt nie mit, wie der Auftrag da eigentlich rein kommt.

Auftrags- oder Meuchelmörder, Killer, Hitman, Ninja, Assassine. Meine Neugierde war geweckt.

Der erste Rechercheschritt war natürlich Google zu konsultieren. <Wie engagiert man einen Auftragsmörder> gab ich in die Suchmaske ein. Mein Finger lag schon am Abzug des Suchauftrages, beziehungsweise auf der Eingabetaste, als sich plötzlich die Internetüberwachungsparanoia in meinem Kopf räuspernd zu Wort meldete. Wenn ich jetzt auf die Entertaste drücke, dann kann garantiert dank Vorratsdatenspeicherung und sonstiger ausgeklügelter Teufeleien diese Suchanfrage auf mich zurückgeführt werden. Da könnte ich doch gleich beim Bundesnachrichtendienst anrufen!

Moment mal. Beim BND anrufen? Nein, das wäre wirklich verrückt. So etwas würde ich nicht tun. Mein Blick wanderte zwischen Entertaste und dem neben der Tastatur liegenden Telefon hin und her.

„Bundesnachrichtendienst, Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Sie sprechen mit Tanja Wolka. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ja, äh. Guten Tag, Frau Wolka. Mein Name ist …“ Sollte ich wirklich meinen Namen nennen? Klar, ich spreche da mit Profis, die würden so oder so in Windeseile den Anschluss ermitteln können und es würde mich ja wohl noch verdächtiger machen, wenn ich sagen würde, dass hier Vito Corleone spricht.

„Mein Name ist Volckmann.“ Ungutes Gefühl, echt schlecht. „Ich habe da mal eine Frage.“

„Herr Volckmann, darf ich Sie kurz darauf hinweisen, dass wir zur Evaluierung unserer Öffentlichkeitsarbeit ausgewählte Telefongespräche aufzeichnen?“ Das ungute Gefühl schwoll an und erzeugte leichte Übelkeit.

„Ah ja, das ist schön. Ich wollte Ihnen auch eigentlich nur mitteilen, wie sehr ich die Arbeit des BND schätze und wollte einfach mal Danke sagen. Wiederhören.“ Das Telefon lag wieder neben der Tastatur. Vielleicht ist es nur Zufall aber ich bin mir relativ sicher, dass ich seitdem jedes Mal, wenn ich telefoniere, ein kurzes Knacken in der Leitung höre.

Das Problem war also immer noch nicht gelöst. Vielmehr gestaltete es sich jetzt noch komplizierter. Wie kann man einen Auftragsmörder engagieren, ohne gleich hinter Schloss und Riegel zu kommen? Im Branchenbuch nachzuschlagen bringt sicherlich auch nichts. Auftragsmördermarketing ist offensichtlich keine zukunftsweisende Branche. Das ganze muss also über irgendwelche verdeckten Kanäle laufen.

Wenn man beim Recherchieren nicht weiterkommt, muss man einfach mal die Assoziationsmaschine anwerfen: Auftragsmord, Attentat, jemanden um die Ecke bringen, jemanden entsorgen. Entsorgen, das klang gut. Der Blick wanderte wieder zum Telefon.

„Berliner Stadtreinigung. Thomas Wichniewski, wat kann ick für Sie tun?“ Kurzes Knacken in der Leitung.

„Guten Tag Herr Wichniewski, ich hätte da etwas, was ich entsorgt wissen möchte.“ Ich betonte jede Silbe extra, damit klar war, dass sich hinter meinen Worten noch ein verborgener Sinn befand. Schmatzen und das Geräusch von Alufolie, die zusammengeknüllt wird, drang durch den Telefonhörer.

„Na dann komm Se doch einfach uff den Recyclinghof in Ihre Nähe. Da jibt’s zig Tonnen für unterschiedlichen Müll.“

„Ja, ja, Sie verstehen nicht. Nicht ich habe etwas zu entsorgen, sondern ich wünsche, dass ETWAS entsorgt wird. Sagen wir aus dem Nachbarhaus. Und es soll so klein gemacht werden, dass man es nicht mehr erkennt.“

„Und Ihr Nachbar hat keen eigenes Telefon oder wat? Wenn Se für Ihrn Nachbarn schon anrufen, dann können Se doch einfach och seine Sachen ins Auto laden und zum Hof fahrn. Für Sperrmüll jibt’s da och Pressen, da erkennt niemand mehr, wat da rinjeworfen wurde.“

Zwecklos, das brachte wohl auch nichts. Ich war kurz davor in die Pizzeria um die Ecke zu gehen und mal nach italienischem Rat zu fragen. Aber eigentlich wollte ich da in den nächsten Monaten auch noch essen gehen ohne schräg angeguckt zu werden oder dank Hausverbot Pizza nur noch nasal konsumieren zu dürfen.

Vorratsdatenspeicherung hin oder her, der BND hing ja eh schon in meiner Leitung, also musste doch Google herhalten. Sonderlich viele Treffer gab es nicht. 2600, das war nicht viel. Aha, da hat in den Staaten also ein vierzehn Jahre alter Junge einen Auftragsmörder engagieren wollen, weil seine Mutter ihm die Playstation weggenommen hat. Das beantwortete zwar nicht meine Frage aber immerhin fügte es meiner Ideen-Pinwand für Kommentare zum Zeitgeist ein weiteres Stichwort hinzu.

In einem Forum wurde ich fündig. Fast wortwörtlich wurde da meine Frage gestellt. Großartige Antwort: Am besten, indem man gute Kontakte zum organisierten Verbrechen besitzt. Na Mensch, das beantwortete ja alle meine Fragen. Also musste ich weiterstöbern. Da, das sah nach einer brauchbaren Information aus, auch wenn ich keinerlei Möglichkeit hatte, den Wahrheitsgehalt zu verifizieren. Die Wahrscheinlichkeit, einen Kontakt zu einem Auftragsmörder herzustellen, steigt um 65 %, wenn Sie in einem Gefängnis interniert sind. Die Qual der Wahl zwischen zwei Alternativen: Gute Kontakte zum organisierten Verbrechen oder als Knastbruder einsitzen. Ersteres dürfte eine gute Voraussetzung für Letzteres sein. Aber mal ehrlich, wenn jemand erst ins Gefängnis muss, um einen Auftragsmörder zu engagieren, dann kann er das doch gleich selber erledigen und spart dabei noch einen Haufen Geld. Wenn er sich dabei auch noch geschickt anstellt und nicht gestellt wird, dann könnte er sich selber als Auftragsmörder verdingen. Aber Moment mal, wie soll er denn dann Kundenakquise betreiben? Dafür müsste er ja entweder eine geschickte Marketingkampagne fahren oder aber gute Kontakte zum organisierten Verbrechen besitzen. Die kann er bestimmt am besten im Gefängnis knüpfen. Aber dazu müsste er ja gefasst werden. Das tut seinem Ruf als Auftragsmörder und damit seiner Selbstvermarktung sicherlich nicht sonderlich gut:

„Hey du, Zellennachbar, pst, wenn du hier wieder raus kommst und mal einen Mann fürs Grobe brauchst, denk einfach an mich. Hier hast du meine Karte. Auftragsmörderei Häcksel-Drechsel. Aber pst!“

– „Warum sitzt du denn ein?“

„Hab jemanden um die Ecke gebracht, einem das Zeitliche gesegnet, ihn entsorgt. Verstehste Kollege?“

– „Ah ja, du, ich komm auf dich zurück.“

Der einzig logische Schluss: Es gibt gar keine Auftragsmörder! Alles nur eine Erfindung, ein Mythos wie die Ninja.

… der Fisch da?

Veröffentlicht: 3. März 2010 in Gesellschaft
Schlagwörter:, , , , ,

Zweierlei vorweg:

1. Personen und Begebenheiten des nachstehenden Beitrages sind Ursprung reiner Fiktion. Jedwede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen und sich tatsächlich zugetragenen Begebenheiten ist nichts als Zufall.

2. Hab dich lieb, Papa.

***

Die gute Nachricht kam vor wenigen Jahren aus Schweden und versprach, Ungeahntes möglich zu machen. „Entdecke die Möglichkeiten!“, verkündeten Radio- und Fernsehwerbung mit einem so fröhlichen schwedischen Akzent, dass man zu denken geneigt war, dies könnte tatsächlich ein Sprichwort der Nordeuropäer sein. Jedem Spott über komplizierte Aufbauanleitungen zum Trotze, erfreut sich das schwedische Einrichtungshaus IKEA jeher großer Beliebtheit und es gibt wohl kaum eine Wohnung, in der sich nicht Kassenschlager mit schwedisch anmutenden Namen finden lassen.

„Poäng“ zum Beispiel ist Schwedisch und bedeutet „Punkt“. Eigentlich ein eigentümlicher Name für einen bequemen freischwingenden Sessel, der zum Entspannen einlädt. Aber offensichtlich ist der Name doch treffend gewählt, kann man doch wohl beim entspannten Vor- und Zurückwippen auf den Punkt genau die Möglichkeiten entdecken.

Poäng ist es also, auf dem der Mann sitzt. Sein kurzgeschnittenes Haar ist im Laufe der Zeit etwas schütter geworden und der dichte graue Bart schafft es nicht, die Falten komplett zu bedecken, die sein Gesicht zieren. Ihr Ursprung liegt wahrscheinlich in einer angemessenen Mischung aus Sorgen und Lachen, wobei das Lachen wohl überwogen haben wird. Die Beine hat er hochgelegt und überschlagen, die Füße reiben leicht aneinander. Gerade legt er das Feuilleton der aktuellen Tageszeitung beiseite und wird dabei aufmerksam von seinem Hund beobachtet. Er reibt sich die Augen und schiebt seine Brille zurück auf die Nase. Er schaut sich um in seinem Entspannungszimmer. Hund, hechelnd und mit dem Schwanz wedelnd auf dem Bett. Kakteen und zum Teil blühende Sukkulenten auf dem Fensterbrett. Ein Aquarium mit verspielten Süßwasserfischen und schönen Wasserpflanzen auf der Kommode. Ein weiteres kleineres Aquarium mit nur einem einzelnen Fisch und angenagten Pflanzen auf dem viel zu kleinen Schreibtisch.

Dieses Aquarium macht ihm ein bisschen zu schaffen. Während er auf dem Sessel leicht hin- und herwippt, die Füße aneinander reibt und seinem Hund den Kopf streichelt, der das mit einem Sabbern der Zuneigung quittiert, grübelt er über dieses Aquarium nach. Nur ein Fisch, löchrige Pflanzen und ein Haufen Algen, die überall festhängen. „Tja, mein Lieber“, denkt der Mann, „wenn du nicht alles und jeden annagen würdest, dann hättest du wohl noch Gesellschaft.“ Unbeirrt schwimmt der einsame Fisch seine einsamen Runden und hält nur kurz inne, um an einer traurig anmutenden zerrupften Pflanze zu zupfen. Früher einmal konnte der Fisch noch neidisch zu seinen geselligen Nachbarn auf der anderen Zimmerseite hinüberblicken. Mittlerweile bedecken wieder dichte Algen das Aquariumglas und seine lange Erfahrung sagt dem Mann, dass er den Kampf gegen die Algen nicht gewinnen kann.

„Eigentlich“, denkt sich der Mann, „ist der Schreibtisch wirklich viel zu klein und durch das Aquarium mit dem einsamen Fisch wird viel zu viel des kostbaren Platzes geraubt.“ Er trifft einen Entschluss: Das Aquarium muss da weg! Aber wohin? Einen anderen Platz gibt es in der Wohnung nicht. „Nein“, sagt er sich, „das Aquarium muss ganz weg!“ Aber was tun mit dem Fisch? Ein Bekannter hatte auch mal ein Aquarium aufgelöst und das Problem schlicht und einfach die Toilette hinuntergespült. Aber so etwas kann er einfach nicht. Dafür schätzt er das Leben viel zu sehr, wie klein es auch erscheinen mag. Auch seinen beiden Kindern hat er das beigebracht. Er würde es nicht übers Herz bringen, den einsamen hartnäckig nagenden Fisch auf diese Weise zu entsorgen. Vielleicht vom Balkon in den kleinen Gartenteich der Nachbarn werfen? Auch nicht so günstig. Nicht dass er nicht treffen würde. Aber die dicke Eisfläche, die der Winter auf den Teich gezaubert hat, würde dem Fisch sicherlich ziemlich zusetzen. Die niedrigen Temperaturen würden ihre Übriges tun.

So schnell ist eine Lösung also nicht zu finden. Seufzend stellt der Mann seine müden und leicht schmerzenden Beine auf und erhebt sich. Sein Magen knurrt leicht, der Hund springt freudig auf, der Blick auf die Uhr verrät, dass es noch einige Stunden dauern wird, bis seine Frau von der Arbeit nach Hause kommen wird. Der Mann geht in die Küche, öffnet den Kühlschrank und findet ein Glas mit eingelegten Gurken. „Guter Snack für zwischendurch“, denkt er sich.

Kurze Zeit später hat er wieder auf Poäng Platz genommen, ein Teller mit Gurken neben ihm, der ungeliebte Wirtschaftsteil der Zeitung auf seinem Schoß und der treue Hund auf seinem Stammplatz. Leise summt er vor sich hin, eine Melodie von Louis Armstrong, die er vorhin im Radio gehört hat. Er wippt wieder, ganz leicht nur. Den Wirtschaftsteil mag er wirklich nicht besonders. Kein Wunder also, dass seine Gedanken schnell wieder abschweifen. Knackend beißt er von einer der Gurken ab, als er wieder gedankenverloren den einsamen Fisch anschaut, der ihn keines Blickes würdigt und dickköpfig versucht am Filter zu nagen. Plötzlich halten die Kaubewegungen des Mannes inne. Sein Blick springt vom nagenden Fisch auf die angebissene Gurke in seiner Hand. Und da urplötzlich: Poäng hat zugeschlagen! Der Mann hat die Möglichkeiten entdeckt.

*** Szenenwechsel ***

Nicht ganz so prophetisch und optimistisch wie IKEA, dafür um einiges alltagsweiser und pragmatischer wirbt ein Baumarkt mit dem Slogan „Es gibt immer was zu tun!“. Hartgesottene Heimwerker finden hier, was ihr Heimwerkerherz höher schlagen lässt. Es ist auch dieser Geruch von Sägemehl, Holzleim und Schmierfett der verrät, dass hier wirklich immer was zu tun ist. Und während sich einige Kunden Holzbalken zurecht sägen lassen, andere zufrieden lächelnd eine Schlagbohrmaschine in den Händen wiegen und wieder andere die daheimgebliebene Gattin via Mobiltelefon davon zu überzeugen versuchen, dass eine Flex zu diesem Preis eine wirklich gute Investition sei, betritt ein Mann den Baumarkt. Sein Haar ist etwas schütter, sein Bart ist dicht und grau und ein verschmitztes Lächeln, das seine Lippen umspielt, kündet davon, dass die Falten, die sein Gesicht zieren tatsächlich vom häufigen Lachen stammen.

Würde sich ein Mitarbeiter die Überwachungsvideos noch einmal anschauen, würde ihm vielleicht auffallen, dass die eine Tasche der Weste, die der Mann trägt, verdächtig ausgebeult ist. Wer böses denkt und den Mann nicht kennt, der würde vielleicht Alarm schlagen, doch da der Mann erscheint, als könnte er keiner Fliege etwas zu leide tun, betritt er den Baumarkt und steuert zielgenau auf die Gartenbau- und Tierabteilung zu. Dort gibt es alles, was den Tierfreund begeistert. Vögel, Katzen, Eidechsen, Schildkröten, Futter für jedes Haustier. Sogar Utensilien für Pferdeliebhaber kann man dort käuflich erwerben. Und auch Fische und Wasserpflanzen. Erstere in einer langen Reihe übereinander gestapelter Aquarien. Der Mann mag es, an diesen Aquarien entlang zu schlendern, die Farbenpracht der Süßwasserfische auf sich wirken zu lassen.

Die Wasserpflanzen hingegen werden in einem sehr großen breiten offenen Becken präsentiert. Nur hier bei den Aquarien wird der trockene Holzgeruch verdrängt, vom feuchten Geruch des Wassers und der warmen Note des Kieses, der den Boden eines jeden Aquariums bedeckt. Vor dem großen Wasserpflanzenbecken bleibt der Mann stehen. Heute ist nicht viel los im Baumarkt, kaum jemand hat sich in die Tierabteilung verirrt und niemand scheint sich für Fische geschweige denn Wasserpflanzen zu interessieren. Mehrmals schaut sich der Mann um. Er will sichergehen, dass ihn niemand beobachtet. Unauffällig steckt er seine Hand in die ausgebeulte Tasche. Als er sicher ist, dass wirklich niemand in seiner Nähe ist oder zufälligerweise in seine Richtung schaut, zieht er die Hand behutsam aus der Tasche.  Ein Glas kommt zum Vorschein. Zugeschraubt und bis zum Rand mit Wasser gefüllt. „So mein Freund,“ murmelt der Mann dem einsamen Fisch zu, der krampfhaft bemüht ist, sich durch das Glas zu nagen, um das grüne Etikett anzuknabbern, das würzige Spreewälder Gurken verspricht. „Jetzt ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen.“ Der Fisch hält im Nagen inne und blickt den Mann ungläubig an, als dieser das Glas aufschraubt und Fisch samt Wasser in das Wasserpflanzenbecken schüttet.

Ein bisschen wehmütig ist ihm schon ums Herz, als er, das leere Gurkenglas wieder in der Westentasche verstaut, zum Ausgang schlendert. „Hoffentlich erschreckt sich nicht der Mitarbeiter, der die Pflanzen pflegt, wenn plötzlich ein Fisch an seinen Fingern saugt,“ denkt der Mann. Aber eigentlich, da ist er sich sicher, hat er etwas Gutes getan. Was für ein Nageparadies für den Fisch, der zwar noch immer einsam ist, aber jetzt eine Menge zu tun hat. Gut gelaunt stimmt er wieder in den Louis Armstrong Song ein.

*** Abends ***

Der Hund hebt den Kopf, springt auf und bellt freudig, als es an der Tür schließt. Der Mann hat wieder auf Poäng Platz genommen und sieht sich die Tagesschau an. Der Schreibtisch sieht jetzt wirklich viel geräumiger aus. Der Wirtschaftsteil liegt noch immer ungelesen neben ihm, der Teller mit Gurken schon lange leer und in die Küche geräumt. Endlich hat seine Frau Feierabend.
„Hallo, mein Schatz!“, ruft er ihr entgegen.
„Nanu,“ sagt sie, während sie ihre Jacke aufhängt, den Schal ablegt und in das Entspannungszimmer ihres Mannes schaut. „Wo ist denn das Aquarium hin?“ Sie kommt rein und gibt ihm einen Kuss.
„Das steht jetzt auf dem Balkon, muss demnächst mal zum Müll gebracht werden.“
„Und was hast du mit dem Fisch gemacht?“
„Ach den,“ sagt der Mann, während er wieder den Kopf des Hundes streichelt, der es sich, zufrieden damit, dass sein kleines Rudel vereint ist, wieder auf seinem Stammplatz bequem gemacht hat. „Den hab ich ausgesetzt.“