… der Fisch da?

Veröffentlicht: 3. März 2010 in Gesellschaft
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Zweierlei vorweg:

1. Personen und Begebenheiten des nachstehenden Beitrages sind Ursprung reiner Fiktion. Jedwede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen und sich tatsächlich zugetragenen Begebenheiten ist nichts als Zufall.

2. Hab dich lieb, Papa.

***

Die gute Nachricht kam vor wenigen Jahren aus Schweden und versprach, Ungeahntes möglich zu machen. „Entdecke die Möglichkeiten!“, verkündeten Radio- und Fernsehwerbung mit einem so fröhlichen schwedischen Akzent, dass man zu denken geneigt war, dies könnte tatsächlich ein Sprichwort der Nordeuropäer sein. Jedem Spott über komplizierte Aufbauanleitungen zum Trotze, erfreut sich das schwedische Einrichtungshaus IKEA jeher großer Beliebtheit und es gibt wohl kaum eine Wohnung, in der sich nicht Kassenschlager mit schwedisch anmutenden Namen finden lassen.

„Poäng“ zum Beispiel ist Schwedisch und bedeutet „Punkt“. Eigentlich ein eigentümlicher Name für einen bequemen freischwingenden Sessel, der zum Entspannen einlädt. Aber offensichtlich ist der Name doch treffend gewählt, kann man doch wohl beim entspannten Vor- und Zurückwippen auf den Punkt genau die Möglichkeiten entdecken.

Poäng ist es also, auf dem der Mann sitzt. Sein kurzgeschnittenes Haar ist im Laufe der Zeit etwas schütter geworden und der dichte graue Bart schafft es nicht, die Falten komplett zu bedecken, die sein Gesicht zieren. Ihr Ursprung liegt wahrscheinlich in einer angemessenen Mischung aus Sorgen und Lachen, wobei das Lachen wohl überwogen haben wird. Die Beine hat er hochgelegt und überschlagen, die Füße reiben leicht aneinander. Gerade legt er das Feuilleton der aktuellen Tageszeitung beiseite und wird dabei aufmerksam von seinem Hund beobachtet. Er reibt sich die Augen und schiebt seine Brille zurück auf die Nase. Er schaut sich um in seinem Entspannungszimmer. Hund, hechelnd und mit dem Schwanz wedelnd auf dem Bett. Kakteen und zum Teil blühende Sukkulenten auf dem Fensterbrett. Ein Aquarium mit verspielten Süßwasserfischen und schönen Wasserpflanzen auf der Kommode. Ein weiteres kleineres Aquarium mit nur einem einzelnen Fisch und angenagten Pflanzen auf dem viel zu kleinen Schreibtisch.

Dieses Aquarium macht ihm ein bisschen zu schaffen. Während er auf dem Sessel leicht hin- und herwippt, die Füße aneinander reibt und seinem Hund den Kopf streichelt, der das mit einem Sabbern der Zuneigung quittiert, grübelt er über dieses Aquarium nach. Nur ein Fisch, löchrige Pflanzen und ein Haufen Algen, die überall festhängen. „Tja, mein Lieber“, denkt der Mann, „wenn du nicht alles und jeden annagen würdest, dann hättest du wohl noch Gesellschaft.“ Unbeirrt schwimmt der einsame Fisch seine einsamen Runden und hält nur kurz inne, um an einer traurig anmutenden zerrupften Pflanze zu zupfen. Früher einmal konnte der Fisch noch neidisch zu seinen geselligen Nachbarn auf der anderen Zimmerseite hinüberblicken. Mittlerweile bedecken wieder dichte Algen das Aquariumglas und seine lange Erfahrung sagt dem Mann, dass er den Kampf gegen die Algen nicht gewinnen kann.

„Eigentlich“, denkt sich der Mann, „ist der Schreibtisch wirklich viel zu klein und durch das Aquarium mit dem einsamen Fisch wird viel zu viel des kostbaren Platzes geraubt.“ Er trifft einen Entschluss: Das Aquarium muss da weg! Aber wohin? Einen anderen Platz gibt es in der Wohnung nicht. „Nein“, sagt er sich, „das Aquarium muss ganz weg!“ Aber was tun mit dem Fisch? Ein Bekannter hatte auch mal ein Aquarium aufgelöst und das Problem schlicht und einfach die Toilette hinuntergespült. Aber so etwas kann er einfach nicht. Dafür schätzt er das Leben viel zu sehr, wie klein es auch erscheinen mag. Auch seinen beiden Kindern hat er das beigebracht. Er würde es nicht übers Herz bringen, den einsamen hartnäckig nagenden Fisch auf diese Weise zu entsorgen. Vielleicht vom Balkon in den kleinen Gartenteich der Nachbarn werfen? Auch nicht so günstig. Nicht dass er nicht treffen würde. Aber die dicke Eisfläche, die der Winter auf den Teich gezaubert hat, würde dem Fisch sicherlich ziemlich zusetzen. Die niedrigen Temperaturen würden ihre Übriges tun.

So schnell ist eine Lösung also nicht zu finden. Seufzend stellt der Mann seine müden und leicht schmerzenden Beine auf und erhebt sich. Sein Magen knurrt leicht, der Hund springt freudig auf, der Blick auf die Uhr verrät, dass es noch einige Stunden dauern wird, bis seine Frau von der Arbeit nach Hause kommen wird. Der Mann geht in die Küche, öffnet den Kühlschrank und findet ein Glas mit eingelegten Gurken. „Guter Snack für zwischendurch“, denkt er sich.

Kurze Zeit später hat er wieder auf Poäng Platz genommen, ein Teller mit Gurken neben ihm, der ungeliebte Wirtschaftsteil der Zeitung auf seinem Schoß und der treue Hund auf seinem Stammplatz. Leise summt er vor sich hin, eine Melodie von Louis Armstrong, die er vorhin im Radio gehört hat. Er wippt wieder, ganz leicht nur. Den Wirtschaftsteil mag er wirklich nicht besonders. Kein Wunder also, dass seine Gedanken schnell wieder abschweifen. Knackend beißt er von einer der Gurken ab, als er wieder gedankenverloren den einsamen Fisch anschaut, der ihn keines Blickes würdigt und dickköpfig versucht am Filter zu nagen. Plötzlich halten die Kaubewegungen des Mannes inne. Sein Blick springt vom nagenden Fisch auf die angebissene Gurke in seiner Hand. Und da urplötzlich: Poäng hat zugeschlagen! Der Mann hat die Möglichkeiten entdeckt.

*** Szenenwechsel ***

Nicht ganz so prophetisch und optimistisch wie IKEA, dafür um einiges alltagsweiser und pragmatischer wirbt ein Baumarkt mit dem Slogan „Es gibt immer was zu tun!“. Hartgesottene Heimwerker finden hier, was ihr Heimwerkerherz höher schlagen lässt. Es ist auch dieser Geruch von Sägemehl, Holzleim und Schmierfett der verrät, dass hier wirklich immer was zu tun ist. Und während sich einige Kunden Holzbalken zurecht sägen lassen, andere zufrieden lächelnd eine Schlagbohrmaschine in den Händen wiegen und wieder andere die daheimgebliebene Gattin via Mobiltelefon davon zu überzeugen versuchen, dass eine Flex zu diesem Preis eine wirklich gute Investition sei, betritt ein Mann den Baumarkt. Sein Haar ist etwas schütter, sein Bart ist dicht und grau und ein verschmitztes Lächeln, das seine Lippen umspielt, kündet davon, dass die Falten, die sein Gesicht zieren tatsächlich vom häufigen Lachen stammen.

Würde sich ein Mitarbeiter die Überwachungsvideos noch einmal anschauen, würde ihm vielleicht auffallen, dass die eine Tasche der Weste, die der Mann trägt, verdächtig ausgebeult ist. Wer böses denkt und den Mann nicht kennt, der würde vielleicht Alarm schlagen, doch da der Mann erscheint, als könnte er keiner Fliege etwas zu leide tun, betritt er den Baumarkt und steuert zielgenau auf die Gartenbau- und Tierabteilung zu. Dort gibt es alles, was den Tierfreund begeistert. Vögel, Katzen, Eidechsen, Schildkröten, Futter für jedes Haustier. Sogar Utensilien für Pferdeliebhaber kann man dort käuflich erwerben. Und auch Fische und Wasserpflanzen. Erstere in einer langen Reihe übereinander gestapelter Aquarien. Der Mann mag es, an diesen Aquarien entlang zu schlendern, die Farbenpracht der Süßwasserfische auf sich wirken zu lassen.

Die Wasserpflanzen hingegen werden in einem sehr großen breiten offenen Becken präsentiert. Nur hier bei den Aquarien wird der trockene Holzgeruch verdrängt, vom feuchten Geruch des Wassers und der warmen Note des Kieses, der den Boden eines jeden Aquariums bedeckt. Vor dem großen Wasserpflanzenbecken bleibt der Mann stehen. Heute ist nicht viel los im Baumarkt, kaum jemand hat sich in die Tierabteilung verirrt und niemand scheint sich für Fische geschweige denn Wasserpflanzen zu interessieren. Mehrmals schaut sich der Mann um. Er will sichergehen, dass ihn niemand beobachtet. Unauffällig steckt er seine Hand in die ausgebeulte Tasche. Als er sicher ist, dass wirklich niemand in seiner Nähe ist oder zufälligerweise in seine Richtung schaut, zieht er die Hand behutsam aus der Tasche.  Ein Glas kommt zum Vorschein. Zugeschraubt und bis zum Rand mit Wasser gefüllt. „So mein Freund,“ murmelt der Mann dem einsamen Fisch zu, der krampfhaft bemüht ist, sich durch das Glas zu nagen, um das grüne Etikett anzuknabbern, das würzige Spreewälder Gurken verspricht. „Jetzt ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen.“ Der Fisch hält im Nagen inne und blickt den Mann ungläubig an, als dieser das Glas aufschraubt und Fisch samt Wasser in das Wasserpflanzenbecken schüttet.

Ein bisschen wehmütig ist ihm schon ums Herz, als er, das leere Gurkenglas wieder in der Westentasche verstaut, zum Ausgang schlendert. „Hoffentlich erschreckt sich nicht der Mitarbeiter, der die Pflanzen pflegt, wenn plötzlich ein Fisch an seinen Fingern saugt,“ denkt der Mann. Aber eigentlich, da ist er sich sicher, hat er etwas Gutes getan. Was für ein Nageparadies für den Fisch, der zwar noch immer einsam ist, aber jetzt eine Menge zu tun hat. Gut gelaunt stimmt er wieder in den Louis Armstrong Song ein.

*** Abends ***

Der Hund hebt den Kopf, springt auf und bellt freudig, als es an der Tür schließt. Der Mann hat wieder auf Poäng Platz genommen und sieht sich die Tagesschau an. Der Schreibtisch sieht jetzt wirklich viel geräumiger aus. Der Wirtschaftsteil liegt noch immer ungelesen neben ihm, der Teller mit Gurken schon lange leer und in die Küche geräumt. Endlich hat seine Frau Feierabend.
„Hallo, mein Schatz!“, ruft er ihr entgegen.
„Nanu,“ sagt sie, während sie ihre Jacke aufhängt, den Schal ablegt und in das Entspannungszimmer ihres Mannes schaut. „Wo ist denn das Aquarium hin?“ Sie kommt rein und gibt ihm einen Kuss.
„Das steht jetzt auf dem Balkon, muss demnächst mal zum Müll gebracht werden.“
„Und was hast du mit dem Fisch gemacht?“
„Ach den,“ sagt der Mann, während er wieder den Kopf des Hundes streichelt, der es sich, zufrieden damit, dass sein kleines Rudel vereint ist, wieder auf seinem Stammplatz bequem gemacht hat. „Den hab ich ausgesetzt.“

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Kommentare
  1. Elvira sagt:

    Jens, Du hast ein wunderbares Talent einem beim Lesen das Gefühl zu geben, dabei gewesen zu sein. Ich kann mir den Mann so richtig vorstellen. Komisch, auch Hund, Frau, sogar den Fisch sehe ich vor meinen geistigen Augen. Ein Tipp am Rande: Bitte beim nächsten Angriff auf die Lachmuskeln darauf hinweisen, dass es hilfreich sein könnte, VOR dem Lesen noch einmal ein gewisses Örtchen aufzusuchen, weil eine leere Blase von großer Wichtigkeit sein könnte. Na, ja, ich habs grade noch geschafft!

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