… die Abteilung „Marketingstrategien für Auftragsmörder“?

Veröffentlicht: 24. März 2010 in Gesellschaft, Kultur
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Augenrollen. Ein ganz sicheres Zeichen dafür, dass eine Frage gestellt wurde, die offensichtlich nicht bei jedem Faszination auslöst. Augenrollen kombiniert mit einem abschätzigen Schnauben kann dann sogar übersetzt werden als:

„Volckmann, glaubst du wirklich, das interessiert irgendjemanden?“

Auch wenn es schwer ist, sich dies einzugestehen, reift wahrscheinlich früher oder später bei jedem die Erkenntnis, dass es tatsächlich gewisse Fragestellungen gibt, die wohl wirklich nicht jeden animieren, kostbare Zeit und unwiederbringliche Nervenzellen für deren Ergründung zu opfern. Entweder ist es ein Zeichen mangelnder Reife oder aber eine genetische Anomalie, die mich veranlasst hat, dieser Erkenntnis stets erfolgreich aus dem Weg gegangen zu sein. Ich tippe auf Letzteres. Und so kam es dazu, dass sich, angeregt durch die Lektüre zahlreicher Kriminalromane und dank des Filmvergnügens, das mir der eine oder andere Thriller bereitet hat, in meinem Kopf eine Frage manifestierte, die ich meinen Mitmenschen nicht vorenthalten konnte.

Wie engagiert man eigentlich einen Auftragsmörder?

Augenrollen. War ja klar. Aber mal ehrlich, wie geht das? Nicht, dass ich jemals vorgehabt hätte, von so einer schon gar nicht mehr ins Zwielichtige, sondern eher ins komplett Abgedunkelte gehörenden Dienstleistung Gebrauch zu machen. Aber fast jeder zweite Thriller wartet an der einen oder anderen Ecke des Plots mit einer solchen Gestalt auf. Der Auftragsmörder ist dann einfach da, hat seinen Auftrag in der Tasche aber der Zuschauer und Leser bekommt nie mit, wie der Auftrag da eigentlich rein kommt.

Auftrags- oder Meuchelmörder, Killer, Hitman, Ninja, Assassine. Meine Neugierde war geweckt.

Der erste Rechercheschritt war natürlich Google zu konsultieren. <Wie engagiert man einen Auftragsmörder> gab ich in die Suchmaske ein. Mein Finger lag schon am Abzug des Suchauftrages, beziehungsweise auf der Eingabetaste, als sich plötzlich die Internetüberwachungsparanoia in meinem Kopf räuspernd zu Wort meldete. Wenn ich jetzt auf die Entertaste drücke, dann kann garantiert dank Vorratsdatenspeicherung und sonstiger ausgeklügelter Teufeleien diese Suchanfrage auf mich zurückgeführt werden. Da könnte ich doch gleich beim Bundesnachrichtendienst anrufen!

Moment mal. Beim BND anrufen? Nein, das wäre wirklich verrückt. So etwas würde ich nicht tun. Mein Blick wanderte zwischen Entertaste und dem neben der Tastatur liegenden Telefon hin und her.

„Bundesnachrichtendienst, Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Sie sprechen mit Tanja Wolka. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ja, äh. Guten Tag, Frau Wolka. Mein Name ist …“ Sollte ich wirklich meinen Namen nennen? Klar, ich spreche da mit Profis, die würden so oder so in Windeseile den Anschluss ermitteln können und es würde mich ja wohl noch verdächtiger machen, wenn ich sagen würde, dass hier Vito Corleone spricht.

„Mein Name ist Volckmann.“ Ungutes Gefühl, echt schlecht. „Ich habe da mal eine Frage.“

„Herr Volckmann, darf ich Sie kurz darauf hinweisen, dass wir zur Evaluierung unserer Öffentlichkeitsarbeit ausgewählte Telefongespräche aufzeichnen?“ Das ungute Gefühl schwoll an und erzeugte leichte Übelkeit.

„Ah ja, das ist schön. Ich wollte Ihnen auch eigentlich nur mitteilen, wie sehr ich die Arbeit des BND schätze und wollte einfach mal Danke sagen. Wiederhören.“ Das Telefon lag wieder neben der Tastatur. Vielleicht ist es nur Zufall aber ich bin mir relativ sicher, dass ich seitdem jedes Mal, wenn ich telefoniere, ein kurzes Knacken in der Leitung höre.

Das Problem war also immer noch nicht gelöst. Vielmehr gestaltete es sich jetzt noch komplizierter. Wie kann man einen Auftragsmörder engagieren, ohne gleich hinter Schloss und Riegel zu kommen? Im Branchenbuch nachzuschlagen bringt sicherlich auch nichts. Auftragsmördermarketing ist offensichtlich keine zukunftsweisende Branche. Das ganze muss also über irgendwelche verdeckten Kanäle laufen.

Wenn man beim Recherchieren nicht weiterkommt, muss man einfach mal die Assoziationsmaschine anwerfen: Auftragsmord, Attentat, jemanden um die Ecke bringen, jemanden entsorgen. Entsorgen, das klang gut. Der Blick wanderte wieder zum Telefon.

„Berliner Stadtreinigung. Thomas Wichniewski, wat kann ick für Sie tun?“ Kurzes Knacken in der Leitung.

„Guten Tag Herr Wichniewski, ich hätte da etwas, was ich entsorgt wissen möchte.“ Ich betonte jede Silbe extra, damit klar war, dass sich hinter meinen Worten noch ein verborgener Sinn befand. Schmatzen und das Geräusch von Alufolie, die zusammengeknüllt wird, drang durch den Telefonhörer.

„Na dann komm Se doch einfach uff den Recyclinghof in Ihre Nähe. Da jibt’s zig Tonnen für unterschiedlichen Müll.“

„Ja, ja, Sie verstehen nicht. Nicht ich habe etwas zu entsorgen, sondern ich wünsche, dass ETWAS entsorgt wird. Sagen wir aus dem Nachbarhaus. Und es soll so klein gemacht werden, dass man es nicht mehr erkennt.“

„Und Ihr Nachbar hat keen eigenes Telefon oder wat? Wenn Se für Ihrn Nachbarn schon anrufen, dann können Se doch einfach och seine Sachen ins Auto laden und zum Hof fahrn. Für Sperrmüll jibt’s da och Pressen, da erkennt niemand mehr, wat da rinjeworfen wurde.“

Zwecklos, das brachte wohl auch nichts. Ich war kurz davor in die Pizzeria um die Ecke zu gehen und mal nach italienischem Rat zu fragen. Aber eigentlich wollte ich da in den nächsten Monaten auch noch essen gehen ohne schräg angeguckt zu werden oder dank Hausverbot Pizza nur noch nasal konsumieren zu dürfen.

Vorratsdatenspeicherung hin oder her, der BND hing ja eh schon in meiner Leitung, also musste doch Google herhalten. Sonderlich viele Treffer gab es nicht. 2600, das war nicht viel. Aha, da hat in den Staaten also ein vierzehn Jahre alter Junge einen Auftragsmörder engagieren wollen, weil seine Mutter ihm die Playstation weggenommen hat. Das beantwortete zwar nicht meine Frage aber immerhin fügte es meiner Ideen-Pinwand für Kommentare zum Zeitgeist ein weiteres Stichwort hinzu.

In einem Forum wurde ich fündig. Fast wortwörtlich wurde da meine Frage gestellt. Großartige Antwort: Am besten, indem man gute Kontakte zum organisierten Verbrechen besitzt. Na Mensch, das beantwortete ja alle meine Fragen. Also musste ich weiterstöbern. Da, das sah nach einer brauchbaren Information aus, auch wenn ich keinerlei Möglichkeit hatte, den Wahrheitsgehalt zu verifizieren. Die Wahrscheinlichkeit, einen Kontakt zu einem Auftragsmörder herzustellen, steigt um 65 %, wenn Sie in einem Gefängnis interniert sind. Die Qual der Wahl zwischen zwei Alternativen: Gute Kontakte zum organisierten Verbrechen oder als Knastbruder einsitzen. Ersteres dürfte eine gute Voraussetzung für Letzteres sein. Aber mal ehrlich, wenn jemand erst ins Gefängnis muss, um einen Auftragsmörder zu engagieren, dann kann er das doch gleich selber erledigen und spart dabei noch einen Haufen Geld. Wenn er sich dabei auch noch geschickt anstellt und nicht gestellt wird, dann könnte er sich selber als Auftragsmörder verdingen. Aber Moment mal, wie soll er denn dann Kundenakquise betreiben? Dafür müsste er ja entweder eine geschickte Marketingkampagne fahren oder aber gute Kontakte zum organisierten Verbrechen besitzen. Die kann er bestimmt am besten im Gefängnis knüpfen. Aber dazu müsste er ja gefasst werden. Das tut seinem Ruf als Auftragsmörder und damit seiner Selbstvermarktung sicherlich nicht sonderlich gut:

„Hey du, Zellennachbar, pst, wenn du hier wieder raus kommst und mal einen Mann fürs Grobe brauchst, denk einfach an mich. Hier hast du meine Karte. Auftragsmörderei Häcksel-Drechsel. Aber pst!“

– „Warum sitzt du denn ein?“

„Hab jemanden um die Ecke gebracht, einem das Zeitliche gesegnet, ihn entsorgt. Verstehste Kollege?“

– „Ah ja, du, ich komm auf dich zurück.“

Der einzig logische Schluss: Es gibt gar keine Auftragsmörder! Alles nur eine Erfindung, ein Mythos wie die Ninja.

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Kommentare
  1. Jens sagt:

    Jetzt frag ich mich mich warum Du Dich für Auftragsmörder interessierst???
    Zum Thema Mördermarketing: such mal Pod_Caine-Marketing…
    Gruß * Jens

  2. „Vielleicht ist es nur Zufall aber ich bin mir relativ sicher, dass ich seitdem jedes Mal, wenn ich telefoniere, ein kurzes Knacken in der Leitung höre.“

    Sehr schön. Musste sehr oft schmunzeln. Deine Texte gefallen mir immer besser. Skurrile Ideen, interessante Ansätze, spaßig formuliert. Als Belohnung nehme ich deinen Blog jetzt mal in meine Blogroll auf 😉

  3. Danke euch allen für die positive Resonanz. Das macht doch Mut, weiter zu schreiben.

  4. Ach und um etwas klarzustellen: Nein, ich habe weder beim BND noch bei der BSR angerufen. Aber danke euch, dass ihr mir das zutraut!

  5. […] Dass ich es nicht aufklären kann, wie man in Kontakt mit einem Auftragsmörder tritt. […]

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