Archiv für April, 2010

Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis das Kriegsrecht verhängt wird. Seit Tagen berichten die Tageszeitungen der Hauptstadt von nichts anderem als den schwersten Krawallen seit Jahren. Mittlerweile ist die Rede von mehreren Toten. Bei der Berliner Polizei herrscht Ausnahmezustand und die Nerven liegen blank. Fieberhaft arbeitet die Staatsanwaltschaft in den bis zum Bersten überfüllten Gefangenensammelstellen, um schnellstmöglich Anklage erheben zu können, gegen die unzähligen Randalierer, Vandalen, Radikalen und Gewalttätigen.

Aber irgendetwas stimmt da nicht so ganz. Man liest und hört zwar seit fast einer Woche, dass sich die Berliner Polizei mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus dem gesamten Bundesgebiet am Kottbusser Tor verbarrikadieren wird, um die Störenfriede in Schach zu halten. Doch ein Blick ins Herz von Kreuzberg offenbart: Da ist ja gar keine Polizeihochburg errichtet. Und dann wird schlagartig klar: 1. Mai? Der ist ja erst übermorgen!

Also muss man gleich wieder relativieren: Es könnte die schwersten Krawalle seit Jahren geben. Von Toten wird eventuell die Rede sein. Die Nerven der Polizisten werden erst noch blank liegen. Und noch arbeitet kein Staatsanwalt fieberhaft in den Sammelstellen für gewaltbereite Radikale beiderseits des ideologischen Spektrums. Die derzeitige Berichterstattung über die möglichen Eskalationen am Tag der Arbeit  in Berlin wird jedoch mit einer Vehemenz geführt, die schnell den Konjunktiv vergessen lässt.

Es ist absolut legitim und wichtig, vor schweren Krawallen zu warnen. Auch Berichte über das befürchtete Erstarken der rechtsradikalen Szene sind zwingend notwendig, um die Gefahr von rechtsaußen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Gleiches gilt für autonome Radikale, deren gewaltbereites Gebaren ebenfalls medial gebrandmarkt gehört. Doch gegen Krawallmacher aus dem rechten und linken Randbereich der Gesellschaft hilft es nicht, eine Berichterstattung zu inszenieren, die einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gleicht und mit möglichen Todesopfern und Horrorszenarien jongliert. Jedes Jahr gibt es aufs Neue eine Diskussion über das geplante Vorgehen der Polizei: Wie kann die Situation und die Stimmung von vornherein deeskaliert werden? Soll hart durchgegriffen werden? Oder führt ein massives Polizeiaufgebot eher zur Eskalation, als dass es gewaltbereite Radikale einschüchtert und die aufgelesenen Steine lieber wieder feinsäuberlich mit dem Straßenpflaster verschmelzen lässt?

Deeskalation kann aber nur funktionieren, wenn sie von allen gesellschaftlichen Akteuren unterstützt wird. Die beste Strategie dafür ist zivilgesellschaftliches Engagement. Bestes Beispiel: Das MyFest, das seit 2003 vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg jährlich am 1. Mai veranstaltet wird. Das bunte Straßenfest, an dem sich Anwohner und Gewerbebetreiber beteiligen und das die gesamte Stadt ansprechen soll, wurde 2004 mit dem Präventionspreis des Landes Berlin ausgezeichnet. Es findet genau in dem Kiez statt, in dem sich Ende der 1980er Jahre zum ersten Mal Autonome und die Polizei Straßenschlachten lieferten, die dem Berliner 1. Mai seinen von Gewalt geprägten Ruf einbrachten.

„Ein Fest gegen Gewalt und für Chancengleichheit, Bildung und Ausbildung, Integration für alle und das friedliche, tolerante Zusammenleben der Kulturen“, so lautet das Motto des MyFests. Leider ist die Medienpräsenz des Festes stark gesunken. Erwähnt wird es fast nur noch, wenn von den Plänen der Polizei berichtet wird, wie die Demonstrationen von dem Straßenfest ferngehalten werden können. Ob das zu einem Besuch tatsächlich einlädt, ist indes fragwürdig.

Traurig außerdem, dass von den historisch gewachsenen Inhalten des 1. Mais so gut wie keine Rede mehr ist. Wer hat zum letzten Mal etwas von den Umständen gelesen, die zum Haymarket Riot im Chicago des Jahres 1886 geführt hatten? Kaum mehr als eine Randnotiz nahmen in den letzten Jahren die großen Demonstrationen des Deutschen Gewerkschaftsbundes in der Berichterstattung ein. Schnell wird vergessen, dass die Themen, die Gewerkschafter und Arbeitnehmer einst auf die Straßen trieben, heute immer noch aktuell sind. So bezeichnet Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse den 1. Mai als „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde.“

Doch das alles geht zum größten Teil unter in einer Welle von Warnungen vor Gewalt, Toten und Straßenschlachten. Am besten sollte man wohl zu Hause bleiben, scheint der Rat der Medien zu lauten. So kann Zivilcourage allerdings nicht funktionieren. Doch viel dramatischer an dieser Art der Berichterstattung ist die Gefahr, dass Zusammenhänge entstehen und in der Erinnerungen hängen bleiben, die so nicht existieren. Wird von linken Gewaltexzessen und Demonstrationen für soziale Gerechtigkeit und gegen Rechtsradikalismus in einem Atemzug berichtet, entsteht schnell eine Gleichbedeutung zwischen diesen beiden Gegensätzen, die Zivilcourage und das Einfordern von Gerechtigkeit in ein schlechtes Licht rückt.

Kann die Zivilcourage und das zivilgesellschaftliche Engagement das in diesen Zeiten verkraften? Stichworte wie Finanzkrise, Zeitarbeit, Arbeitslosigkeit, Einkommensschere, bildungsferne Schichten, soziales Prekariat und Kinderarmut sprechen eindeutig dagegen.

Quelle: spd-berlin.de – myfest.de

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Oh Graus, ein Beben der Empörung erschüttert das Fundament des Abendlandes. Ein kollektives Stöhnen, Jammern, ja streckenweise sogar Aufschreien geht durch die Republik. Nein, es sind nicht die Fälle sexuellen Missbrauchs und priesterlicher Züchtigung. Schon fast vergessen und vergeben erscheinen die Skandale der letzten Wochen und Monate, die Tag für Tag ans Licht der Öffentlichkeit gelangten und Atheisten wie Gläubigen gleichsam die Zornesröte ins Gesicht trieben. Nun ist sie weggewischt und ersetzt durch ein fahles Weiß, als wäre das Antlitz mit Kreidestaub bedeckt.

„Wie kann es sein? Wie kann sie es wagen?“, schreit es kollektiv durch das Land. Kruzifixe aus Klassenräumen, ja gar komplett aus deutschen Schulgebäuden zu verbannen! Ein Frevel, der seines gleichen sucht. So versuchen es zumindest quer durch die Republik Christdemokraten und ihre Parteifreunde aus der bayrischen Schwesterpartei zu vermitteln. Unvorstellbar, dass eine aus ihren eigenen Reihen diesen Vorschlag gebracht hat. Dazu auch noch eine gläubige Muslima mit türkischen Wurzeln, die Ministerin für Soziales in Niedersachsen werden soll.

Dass sie aber auch ein striktes Kopftuchverbot an deutschen Schulen gefordert hat, geht im Hagel der Entrüstung unter. Passt ja auch nicht so recht in das Bild, das nun krampfhaft zu vermitteln versucht wird. Die Zustimmung und die Begeisterung waren groß, als Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff die türkischstämmige Aygül Özkan für den Ministerposten vorschlug. Großartig, ein Musterbeispiel für Integration. Ein regelrechtes Vorzeigeland dieses Niedersachsen. Wie häufig doch erwähnt werden musste, dass sie der islamischen Glaubensgemeinschaft angehört und ihre familiären Wurzeln in die Türkei reichen. Ungünstig nur, dass auch türkischstämmige und muslimische Ministerinnen für Soziales eine eigene Meinung haben. Noch ungünstiger, dass diese eigene Meinung mitunter mit dem offiziellen Unionskonsens kollidiert. In einigen Punkten sogar mehrfach, spricht sie sich doch auch noch für ergebnisoffene Beitrittsverhandlungen zwischen der Türkei und der EU aus.

„Das Kreuz ist aus Sicht der CDU ein Symbol der Toleranz auch gegenüber anderen Religionen. Die über das Wochenende entstandenen Irritationen und Missverständnisse sind damit ausgeräumt.“ So heißt es im News-Ticker auf der Internetpräsenz der niedersächsischen CDU. Das Kreuz und Toleranz gegenüber anderen Religionen noch immer mit Begriffen wie Kreuzzug, Ketzer und Inquisition zu assoziieren, ist heutzutage vielleicht wirklich schon ein wenig antiquiert. Der CDU geht daher vielmehr um die christlichen Werte, auf denen unsere säkulare Gesellschaft basiert. Säkular? Das bedeutet doch die strikte Trennung von Kirche und Staat?

Egal, sei es drum. Das Kreuz soll also für alle Bundesbürger für Toleranz, Gerechtigkeit und Nächstenliebe stehen. Für alle Christen, Juden, Moslems, Hindus und Buddhisten. Für alle Deutschen, Immigranten und Staatenlose. Kurzum also für jeden Schüler, der das Privileg genießt, an Deutschen Schulen unterrichtet zu werden. Es ist natürlich absolut naheliegend, dass ein jeder Schüler versteht, was das Kreuz für die CDU bedeutet. Angela Merkel ist ja schließlich Kanzlerin für alle Deutschen. Auch für Berliner Schüler, die vor nicht allzu langer Zeit im medialen Zentrum rund um den Volksentscheid um Religion als Pflicht- oder Wahlfach standen und nun verpflichtend in Ethik unterrichtet werden und bei Interesse den Religionsunterricht besuchen können. So könnten sie nun beruhigt unter dem Kruzifix sitzen und dem Ethiklehrer lauschen und fühlen sich wohlbehütet von der toleranten Ausstrahlung des christlichen Kreuzes.

Es gibt in unserer Gesellschaft ja auch nichts anderes, was für Gerechtigkeit, Toleranz und Nächstenliebe steht. Nichts anderes als das Kreuz vermittelt die Botschaft, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. In unserem Zusammenleben sind es nur die christlichen Werte, die uns wissen lassen, dass sich das Deutsche Volk zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt bekennt.

Unfassbar also! Fehlt nur noch, dass Frau Özkan als nächstes auch noch fordert, dass an Stelle des Kreuzes Artikel 1 des Grundgesetzes an die Schulwände geschrieben wird. Das würde ja wirklich zu weit gehen in unserer säkularen Welt. Wie gut, dass sie sich entschuldigt hat.

Es gibt Begriffe, die geradezu wie der Schlüssel zu einer Kiste voller Assoziationen erscheinen. Nachhaltigkeit erzeugt beispielsweise ein solches assoziatives Blitzlichtgewitter. Öko, Bio, Grün, Windkraft, Photovoltaik, Bionade, Umweltschutz, Bioladen, Jutebeutel. Und ehe man sich versieht, reiht sich für den einen oder anderen Berliner noch Prenzlauer Berg und Schwabe ein, in diese kognitive Verknüpfungsleistung. Spätestens von dort ist es nicht mehr weit bis zur Diskussion über das Entstehen pseudo-alternativer Subkulturen, die manchmal so schön direkt und undiplomatisch geführt werden kann, wie Mely Kiyak das in ihrer Kolumne „Liebe Kreuzberger“ in der Frankfurter Rundschau im Juli 2009 vorgeführt hat.

Doch all das führt dazu, dass dem Begriff der Nachhaltigkeit eine gewisse Sinnentleerung widerfährt. Genauso vorschnell wird die Vorsilbe „Öko-“ mit handgewebten Leinenhosen, Sandalenbewaffneten Großstadtfüßen und Matetee in einen selbstgeknöppelten Jutehut geworfen. Dem kollektiven gesellschaftlichen Aufschrei bei Tankerhavarien folgen meistens pflichtbewusst mit Tränen geschwängerte Augen beim Konsum der Fernsehbilder, die ölverschmierte und durch ein schwarzes Wattenmeer watende Seevögel zeigen. Doch danach ist dann wirklich Schluss mit emotionalen Regungen, Konsequenzen sind sowieso ausgeschlossen. Es wird dann lieber über zu hohe Spritkosten gewettert, an denen ja auch hauptsächlich die Ökosteuer Schuld ist.

Sie sehen: Öko, Bio und Nachhaltigkeit erfahren nur wenig gesellschaftliche Reflexion. Entweder entsteht daraus ein bigottes Lebensgefühl, das krampfhaft zelebriert wird, oder die Verantwortung wird zivilgesellschaftlichen Interessenvertretern, wie Greenpeace, BUND und ähnlichem zugeschoben, die man je nach Tagesform mit Wohlwollen betrachtet oder als Spinner verteufelt. Ernsthaftigkeit und Seriosität werden gerne außen vor gelassen.

So wird wahrscheinlich auch dem Earth Day am 22. April in Deutschland nur wenig Beachtung geschenkt. Earth Day? Kennen Sie nicht? Sehen Sie! Höchstwahrscheinlich wurde der Earth Day bisher auch nur im Prenzlauer Berg wahrgenommen und mit einer Extraportion Dinkelbrötchen und großen Wassersparaktionen à la „Das einwöchige Toilettenspül- und Duschboykott!“ gefeiert. Der Earth Day, der jedes Jahr auf Klima- und Umweltprobleme aufmerksam machen soll und in vielen Staaten sogar auf eine ganze Earth Week ausgeweitet wurde, wird dieses Jahr 40. Er geht auf eine US-amerikanische studentische Umweltbewegung zurück, die politische Rückendeckung durch den sozial engagierten Senator Gaylord Nelson erhalten hat. Ziel der Bewegung, die mittlerweile in nationalen und internationalen Verbänden organisiert ist, ist unter anderem Umweltbildung an Schulen und Universitäten zu betreiben. Seit 1990 ist der 22. April eines jeden Jahres in den USA nationaler Feiertag. Im letzten Jahr hat sich auch die Generalversammlung der Vereinten Nationen dem Earth Day gewidmet und den 22. April zum Internationalen Tag der Mutter Erde erklärt.

Zugegebenermaßen entbehrt es sicherlich nicht einer gewissen Ironie, dass der Earth Day seinen Ursprung in den USA hat, dem Land, das weltweit für den zweitgrößten Kohlenstoffdioxid-Ausstoß verantwortlich ist. Politisch gesehen ist dieser Tag also auch nichts anderes als ein Symbol, ein Alibi, das für Umweltbewusstsein steht, wenn mal wieder die Automobilindustrie subventioniert wird. Aber immerhin wird der Tag wahrgenommen und löst zumindest gesellschaftlich kontroverse Diskussionen aus.

Dass es mit dem Schlagwort Nachhaltigkeit in Deutschland auch anders geht, zeigt eindrucksvoll ein neues Magazin. „Enorm – Wirtschaft für den Menschen“ schafft es, die eingangs aufgeführte Assoziationskette nicht in den Prenzlauer Berg zu führen, sondern streicht den Jutebeutel und hängt mal eben „Corporate Social Responsibility“ ran. Nachhaltigkeit, das wird eindrucksvoll auf den 130 Seiten des Wirtschaftsmagazins gezeigt, ist etwas ganz seriöses und entwickelt sich immer mehr zum Kerngedanken guten Wirtschaftens. So bringt es Chefredakteur Thomas Friemel im Vorwort auf den Punkt, wenn er darauf hinweist, dass es offensichtlich ein Umdenken in der Wirtschaft gibt, dass Gewinne reinvestiert werden und sozialer Profit erwirtschaftet wird. Nachhaltigkeit wird so zum Wirtschaftskonzept und weltweit von Großkonzernen praktiziert. Das Magazin ist prall gefüllt mit Neuigkeiten, gut recherchierten Reportagen, Interviews (herausragend das Gespräch mit Nobelpreisträger Muhammad Yunus), Unternehmensportraits und vielem mehr. Wer denkt, ein Ökomagazin in den Händen zu halten, der täuscht sich gewaltig. Nachhaltigkeit, Umweltschutz und soziale Verantwortung werden nicht durchdekliniert und blauäugig für gut befunden, sondern befinden sich stets auf dem Prüfstand und werden kritisch analysiert. Die Reportage über die ISO-Norm 26 000, die Unternehmen weltweit eine ethische Zertifizierung verleihen soll, ist das beste Beispiel dafür.

Wenn auch die weiteren Ausgaben des vierteljährlich erscheinenden Magazins so hochwertig sind, wie das erste, seit Mitte März im Zeitschriftenhandel erhältliche Exemplar, gibt es eine sehr gute Ergänzung zu etablierten Wirtschaftsmagazinen wie Brandeins.

Quelle: enorm-magazin.de – bmwi.de – earthday.de
Bildmaterial: enorm-magazin.de

Über das Für und Wider der neuen Studiengänge – ein Erfahrungsbericht

Es gibt wohl kaum einen Studenten, der, so das Gespräch auf die Motivation seiner Studiengangswahl kommt, nicht mit dieser Standardfrage konfrontiert wird: „Und was kannst du damit später machen?“

Vor einigen Jahren, als sich die universitären Disziplinen noch übersichtlicher gestalteten und Titel trugen, die genau das implizierten, was der entsprechende Lehrplan hergab, traf diese Frage meistens Geistes- und Kulturwissenschaftler besonders hart. Der in aller Ausführlichkeit diskutierte Bologna-Prozess schaffte zumindest hier Gerechtigkeit. Denn wer nicht gerade Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre studiert, muss sich noch immer mit dieser Frage herumplagen. Speziell viele Masterstudiengänge lassen sich nur schwer gängigen Vorstellungen der universitären Disziplinenlandschaft zuordnen. Historische Urbanistik an der Technischen Universität Berlin, Forschung und Entwicklung in sozialen und pädagogischen Organisationen an der Freien Universität Berlin und Executive Master of Public Management an der Universität Potsdam sind drei besonders schillernde Perlen im Sortiment klangvoller Titel.

Dass nicht nur Masterstudiengänge eine genaue Beschreibung ihrer Inhalte benötigen, um Bewerbern klarzumachen, auf was für ein hochschulpolitisches und fachwissenschaftliches Experiment sie sich einlassen, illustriert wiederum die Universität Potsdam mit ihrem Bachelorstudiengang Regionalwissenschaften.

Der Weg eines angehenden Regionalwissenschaftlers führt nicht etwa zum Neuen Palais im Schlosspark Sanssouci, das das Logo der Universität ziert, sondern in den Randbezirk Golm. Auch der Stationsdurchsage in der Regionalbahn, die vom Potsdamer Hauptbahnhof zum Wissenschaftspark Golm fährt, scheint der Name nicht ganz geläufig zu sein. So kann man durchaus gewillt sein, ein Fragezeichen mitschwingen zu hören, wenn es vom Band heißt: „Nächste Station Golm?“

Das Institut für Geographie ist das Hirn des Studiengangs. Hier wurde er ersonnen, noch bevor Bologna unter Dach und Fach war. Wahrscheinlich ist das schon eines der ersten großen Probleme. Das Bachelor- und Mastersystem sollte eine klare Struktur in das Studium bringen. Austauschbare und universell anerkennbare Module sind das Rückgrat der neuen Studiengänge. Nicht so bei Regionalwissenschaften, nach Modulen sucht man hier vergebens. Es scheint viel eher, dass das Ganze auch ein Diplomstudiengang hätte sein können, bei dem schlicht der Abschluss verändert wurde. Auch die unkomplizierte elektronische Verwaltung der Studienleistungen, die alle anderen Bachelor- und Masterstudiengänge betrifft, lässt die Regionalwissenschaften außen vor.

Doch nur etwa ein Drittel aller zu besuchenden Veranstaltungen tragen einen geographischen beziehungsweise erdwissenschaftlichen Titel. Ein weiteres Drittel machen Wirtschaftswissenschaften aus. Das letzte Drittel teilt sich auf mehr oder weniger den gesamten Rest der universitären Fächer auf: Politik, Verwaltung, Soziologie, Kulturwissenschaften, Recht, selbst die eine oder andere philologische Veranstaltung kann mitbesucht werden.

Was man da so lernt? „Eine ganze Menge, zumindest in Ansätzen“, erklärt ein Dozent recht früh im Studienverlauf. „Sie werden von allem ein bisschen wissen, aber auf keinem Gebiet richtige Experten sein. Das hat aber den großen Vorteil, dass sie überall mitreden und hervorragend zwischen den Fachgebieten vermitteln können.“

Für die Studenten bedeutet das ein hohes Maß an Flexibilität. Der Stundenplan wird ihnen zwar nicht vorgegeben, aber wirkliche Wahlmöglichkeiten zwischen Veranstaltungen gibt es nicht. So geschieht es leicht, dass am Montag auf eine Vorlesung über Geoökologie ein Seminar in Wirtschaftspolitik folgt und der Tag mit einer kulturwissenschaftlichen Veranstaltung endet. Dienstags muss dann wohlmöglich der intellektuelle Spagat zwischen topographischer Kartographie und volkswirtschaftlicher Mikroökonomik erfolgen, um sich danach auf betriebswirtschaftliches Marketing, Verwaltungsmodernisierung und Landschaftsplanung einzustellen. Auch logistisch bedeutet dies Flexibilität, denn lediglich die Erdwissenschaften sind in Golm beheimatet, der Rest verteilt sich auf die anderen Unistandorte in der Stadt.

In den meisten Veranstaltungen sitzen die Regionalwissenschaftler neben Studenten, die sich auf nur ein Fach spezialisieren müssen. Wer BWL studiert und sich eine Marketing Vorlesung anhört, der weiß meistens gar nichts von den Regionalwissenschaftlern, die um ihn herum sitzen. Für die Dozenten gilt das gleiche: Von Regionalwissenschaften haben sie häufig noch gar nichts gehört. Das Resultat: Es müssen der gleiche Stoff gelernt und die gleichen Prüfungen bestanden werden. Ohne die vorbereitenden Übungen besuchen zu können, weil die Regionalwissenschaftler zu diesem Zeitpunkt schon wieder thematisch und räumlich ganz woanders sind. Die fehlende Koordination zwischen den Fakultäten und den Instituten lassen die Studenten häufig den Kopf schütteln. „Interdisziplinarität ist gut und schön“, wird dann beklagt, „aber wie soll das ohne Absprache gehen. Es ist einfach anstrengend, wenn man jedes Semester den Dozenten erst erklären muss, was ein Regionalwissenschaftler eigentlich macht.“

Und was macht ein Regionalwissenschaftler nun? Das bringt selbst die Studenten des Faches in Erklärungsschwierigkeiten. „Man könnte es so beschreiben: Ein Regionalwissenschaftler kann eine beliebige Region im wahrsten Sinne des Wortes vom Boden an aufwärts beschreiben, bis hin zur Wirtschaftsstruktur, Gesellschaft und Kultur“, so lautet der zaghafte Versuch eines Studenten.

Bis auf ein paar Projektseminare pro Semester und wenige Exkursionen ist der Bachelorstudiengang eher durch Theorievermittlung geprägt. Eine vermehrt praktische Ausrichtung soll im gleichnamigen Masterstudium folgen, mit dem gleich zu Beginn des Bachelorstudiums geworben wird. Doch hier wartet schon das nächste große Problem. Das Masterstudium soll reformiert werden, noch praxisnaher werden. Dazu sollen Kooperationen mit großen Berliner und Brandenburger Institutionen entstehen, so dass ein praktischer Forschungsstudiengang entsteht. Soweit die Planung. Im Wintersemester 2009/2010 kam dann die Ernüchterung. Erstmals konnte kein Master in Regionalwissenschaften angeboten werden. Die Neuausrichtung des Studiengangs wurde von der Universitätsleitung nicht abgesegnet und die Fortführung des alten Masters vom Institut für Geographie scheinbar nicht beantragt. Die Enttäuschung bei Dozenten und Studenten ist gleichermaßen groß. „Ach, auch Sie gehören zu den von der Universität verschaukelten?“, begrüßt seitdem ein Dozent Regionalwissenschaftler in seiner Sprechstunde.

Querelen in der Personalpolitik der Universität haben mittlerweile dazu geführt, dass selbst im Bachelorstudiengang keine neuen Studenten mehr aufgenommen werden. Die letzten drei Jahrgänge werden also höchstens mit einem Bachelor of Science die Universität verlassen können, müssen sich dann komplett neu orientieren und werden vorerst die letzten in Potsdam ausgebildeten Regionalwissenschaftler sein. Das ist das große Dilemma der neuen Studiengänge. Es sind wahre Perlen darunter, gute Ideen, die aber aufgrund schlechter Umsetzungen schnell matt und stumpf werden.

Der Autor hat Ende 2009 seinen Bachelor of Science in Regionalwissenschaften gemacht und hofft, dass die breit gefächerten Themen des Studiengangs eine journalistische Karriere begünstigen. Auf jeden Fall lässt sich damit schon mal ein Blog füllen.