… ein Regionalwissenschaftler?

Veröffentlicht: 10. April 2010 in Kultur
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Über das Für und Wider der neuen Studiengänge – ein Erfahrungsbericht

Es gibt wohl kaum einen Studenten, der, so das Gespräch auf die Motivation seiner Studiengangswahl kommt, nicht mit dieser Standardfrage konfrontiert wird: „Und was kannst du damit später machen?“

Vor einigen Jahren, als sich die universitären Disziplinen noch übersichtlicher gestalteten und Titel trugen, die genau das implizierten, was der entsprechende Lehrplan hergab, traf diese Frage meistens Geistes- und Kulturwissenschaftler besonders hart. Der in aller Ausführlichkeit diskutierte Bologna-Prozess schaffte zumindest hier Gerechtigkeit. Denn wer nicht gerade Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre studiert, muss sich noch immer mit dieser Frage herumplagen. Speziell viele Masterstudiengänge lassen sich nur schwer gängigen Vorstellungen der universitären Disziplinenlandschaft zuordnen. Historische Urbanistik an der Technischen Universität Berlin, Forschung und Entwicklung in sozialen und pädagogischen Organisationen an der Freien Universität Berlin und Executive Master of Public Management an der Universität Potsdam sind drei besonders schillernde Perlen im Sortiment klangvoller Titel.

Dass nicht nur Masterstudiengänge eine genaue Beschreibung ihrer Inhalte benötigen, um Bewerbern klarzumachen, auf was für ein hochschulpolitisches und fachwissenschaftliches Experiment sie sich einlassen, illustriert wiederum die Universität Potsdam mit ihrem Bachelorstudiengang Regionalwissenschaften.

Der Weg eines angehenden Regionalwissenschaftlers führt nicht etwa zum Neuen Palais im Schlosspark Sanssouci, das das Logo der Universität ziert, sondern in den Randbezirk Golm. Auch der Stationsdurchsage in der Regionalbahn, die vom Potsdamer Hauptbahnhof zum Wissenschaftspark Golm fährt, scheint der Name nicht ganz geläufig zu sein. So kann man durchaus gewillt sein, ein Fragezeichen mitschwingen zu hören, wenn es vom Band heißt: „Nächste Station Golm?“

Das Institut für Geographie ist das Hirn des Studiengangs. Hier wurde er ersonnen, noch bevor Bologna unter Dach und Fach war. Wahrscheinlich ist das schon eines der ersten großen Probleme. Das Bachelor- und Mastersystem sollte eine klare Struktur in das Studium bringen. Austauschbare und universell anerkennbare Module sind das Rückgrat der neuen Studiengänge. Nicht so bei Regionalwissenschaften, nach Modulen sucht man hier vergebens. Es scheint viel eher, dass das Ganze auch ein Diplomstudiengang hätte sein können, bei dem schlicht der Abschluss verändert wurde. Auch die unkomplizierte elektronische Verwaltung der Studienleistungen, die alle anderen Bachelor- und Masterstudiengänge betrifft, lässt die Regionalwissenschaften außen vor.

Doch nur etwa ein Drittel aller zu besuchenden Veranstaltungen tragen einen geographischen beziehungsweise erdwissenschaftlichen Titel. Ein weiteres Drittel machen Wirtschaftswissenschaften aus. Das letzte Drittel teilt sich auf mehr oder weniger den gesamten Rest der universitären Fächer auf: Politik, Verwaltung, Soziologie, Kulturwissenschaften, Recht, selbst die eine oder andere philologische Veranstaltung kann mitbesucht werden.

Was man da so lernt? „Eine ganze Menge, zumindest in Ansätzen“, erklärt ein Dozent recht früh im Studienverlauf. „Sie werden von allem ein bisschen wissen, aber auf keinem Gebiet richtige Experten sein. Das hat aber den großen Vorteil, dass sie überall mitreden und hervorragend zwischen den Fachgebieten vermitteln können.“

Für die Studenten bedeutet das ein hohes Maß an Flexibilität. Der Stundenplan wird ihnen zwar nicht vorgegeben, aber wirkliche Wahlmöglichkeiten zwischen Veranstaltungen gibt es nicht. So geschieht es leicht, dass am Montag auf eine Vorlesung über Geoökologie ein Seminar in Wirtschaftspolitik folgt und der Tag mit einer kulturwissenschaftlichen Veranstaltung endet. Dienstags muss dann wohlmöglich der intellektuelle Spagat zwischen topographischer Kartographie und volkswirtschaftlicher Mikroökonomik erfolgen, um sich danach auf betriebswirtschaftliches Marketing, Verwaltungsmodernisierung und Landschaftsplanung einzustellen. Auch logistisch bedeutet dies Flexibilität, denn lediglich die Erdwissenschaften sind in Golm beheimatet, der Rest verteilt sich auf die anderen Unistandorte in der Stadt.

In den meisten Veranstaltungen sitzen die Regionalwissenschaftler neben Studenten, die sich auf nur ein Fach spezialisieren müssen. Wer BWL studiert und sich eine Marketing Vorlesung anhört, der weiß meistens gar nichts von den Regionalwissenschaftlern, die um ihn herum sitzen. Für die Dozenten gilt das gleiche: Von Regionalwissenschaften haben sie häufig noch gar nichts gehört. Das Resultat: Es müssen der gleiche Stoff gelernt und die gleichen Prüfungen bestanden werden. Ohne die vorbereitenden Übungen besuchen zu können, weil die Regionalwissenschaftler zu diesem Zeitpunkt schon wieder thematisch und räumlich ganz woanders sind. Die fehlende Koordination zwischen den Fakultäten und den Instituten lassen die Studenten häufig den Kopf schütteln. „Interdisziplinarität ist gut und schön“, wird dann beklagt, „aber wie soll das ohne Absprache gehen. Es ist einfach anstrengend, wenn man jedes Semester den Dozenten erst erklären muss, was ein Regionalwissenschaftler eigentlich macht.“

Und was macht ein Regionalwissenschaftler nun? Das bringt selbst die Studenten des Faches in Erklärungsschwierigkeiten. „Man könnte es so beschreiben: Ein Regionalwissenschaftler kann eine beliebige Region im wahrsten Sinne des Wortes vom Boden an aufwärts beschreiben, bis hin zur Wirtschaftsstruktur, Gesellschaft und Kultur“, so lautet der zaghafte Versuch eines Studenten.

Bis auf ein paar Projektseminare pro Semester und wenige Exkursionen ist der Bachelorstudiengang eher durch Theorievermittlung geprägt. Eine vermehrt praktische Ausrichtung soll im gleichnamigen Masterstudium folgen, mit dem gleich zu Beginn des Bachelorstudiums geworben wird. Doch hier wartet schon das nächste große Problem. Das Masterstudium soll reformiert werden, noch praxisnaher werden. Dazu sollen Kooperationen mit großen Berliner und Brandenburger Institutionen entstehen, so dass ein praktischer Forschungsstudiengang entsteht. Soweit die Planung. Im Wintersemester 2009/2010 kam dann die Ernüchterung. Erstmals konnte kein Master in Regionalwissenschaften angeboten werden. Die Neuausrichtung des Studiengangs wurde von der Universitätsleitung nicht abgesegnet und die Fortführung des alten Masters vom Institut für Geographie scheinbar nicht beantragt. Die Enttäuschung bei Dozenten und Studenten ist gleichermaßen groß. „Ach, auch Sie gehören zu den von der Universität verschaukelten?“, begrüßt seitdem ein Dozent Regionalwissenschaftler in seiner Sprechstunde.

Querelen in der Personalpolitik der Universität haben mittlerweile dazu geführt, dass selbst im Bachelorstudiengang keine neuen Studenten mehr aufgenommen werden. Die letzten drei Jahrgänge werden also höchstens mit einem Bachelor of Science die Universität verlassen können, müssen sich dann komplett neu orientieren und werden vorerst die letzten in Potsdam ausgebildeten Regionalwissenschaftler sein. Das ist das große Dilemma der neuen Studiengänge. Es sind wahre Perlen darunter, gute Ideen, die aber aufgrund schlechter Umsetzungen schnell matt und stumpf werden.

Der Autor hat Ende 2009 seinen Bachelor of Science in Regionalwissenschaften gemacht und hofft, dass die breit gefächerten Themen des Studiengangs eine journalistische Karriere begünstigen. Auf jeden Fall lässt sich damit schon mal ein Blog füllen.

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Kommentare
  1. Elvira sagt:

    … und den kann ich ausdrucken und jedem, der mir obige Frage stellt, in die Hand drücken. Endlich keine Erklärungsnot mehr! Danke, Jens!

  2. elassius sagt:

    Ein herrlicher Beitrag! Er beschreibt genau das, was andernorts im anderen Kleid zu Hauf stattfindet und symptomatisch ist für unser Verbildungssystem.
    Und, was macht „der Autor“ inzwischen?

    • Danke für die Lorbeeren. Der Autor stand nach Abschluss des Bachelor-Studiums vor einer kleinen Sinnkrise und war sich nicht ganz sicher, wie es weitergehen soll. Eine journalistische Laufbahn hat er bisher nicht weiter ernsthaft verfolgt, sondern sich erst einmal für den „falschen“ Masterstudiengang entschieden. Naja, konnte ja nicht anders kommen. Aber schnell aus den Fehlern gelernt, Studium abgebrochen, sich – um den schönen Studentenstatus zu behalten – in Greifswald immatrikuliert, dann die Zusage für den „richtigen“ Mastertstudiengang (Geographie der Großstadt) erhalten, dann Vater geworden und nun mit großen Schritten hindurch durch das Jammertal der Organisationsschwierigkeit hin zum Studienabschluss. Und dann? Na mal schauen.

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