… der Zeitgeist (2)? – Stichwort: Nachhaltigkeit

Veröffentlicht: 15. April 2010 in Gesellschaft, Wirtschaft
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Es gibt Begriffe, die geradezu wie der Schlüssel zu einer Kiste voller Assoziationen erscheinen. Nachhaltigkeit erzeugt beispielsweise ein solches assoziatives Blitzlichtgewitter. Öko, Bio, Grün, Windkraft, Photovoltaik, Bionade, Umweltschutz, Bioladen, Jutebeutel. Und ehe man sich versieht, reiht sich für den einen oder anderen Berliner noch Prenzlauer Berg und Schwabe ein, in diese kognitive Verknüpfungsleistung. Spätestens von dort ist es nicht mehr weit bis zur Diskussion über das Entstehen pseudo-alternativer Subkulturen, die manchmal so schön direkt und undiplomatisch geführt werden kann, wie Mely Kiyak das in ihrer Kolumne „Liebe Kreuzberger“ in der Frankfurter Rundschau im Juli 2009 vorgeführt hat.

Doch all das führt dazu, dass dem Begriff der Nachhaltigkeit eine gewisse Sinnentleerung widerfährt. Genauso vorschnell wird die Vorsilbe „Öko-“ mit handgewebten Leinenhosen, Sandalenbewaffneten Großstadtfüßen und Matetee in einen selbstgeknöppelten Jutehut geworfen. Dem kollektiven gesellschaftlichen Aufschrei bei Tankerhavarien folgen meistens pflichtbewusst mit Tränen geschwängerte Augen beim Konsum der Fernsehbilder, die ölverschmierte und durch ein schwarzes Wattenmeer watende Seevögel zeigen. Doch danach ist dann wirklich Schluss mit emotionalen Regungen, Konsequenzen sind sowieso ausgeschlossen. Es wird dann lieber über zu hohe Spritkosten gewettert, an denen ja auch hauptsächlich die Ökosteuer Schuld ist.

Sie sehen: Öko, Bio und Nachhaltigkeit erfahren nur wenig gesellschaftliche Reflexion. Entweder entsteht daraus ein bigottes Lebensgefühl, das krampfhaft zelebriert wird, oder die Verantwortung wird zivilgesellschaftlichen Interessenvertretern, wie Greenpeace, BUND und ähnlichem zugeschoben, die man je nach Tagesform mit Wohlwollen betrachtet oder als Spinner verteufelt. Ernsthaftigkeit und Seriosität werden gerne außen vor gelassen.

So wird wahrscheinlich auch dem Earth Day am 22. April in Deutschland nur wenig Beachtung geschenkt. Earth Day? Kennen Sie nicht? Sehen Sie! Höchstwahrscheinlich wurde der Earth Day bisher auch nur im Prenzlauer Berg wahrgenommen und mit einer Extraportion Dinkelbrötchen und großen Wassersparaktionen à la „Das einwöchige Toilettenspül- und Duschboykott!“ gefeiert. Der Earth Day, der jedes Jahr auf Klima- und Umweltprobleme aufmerksam machen soll und in vielen Staaten sogar auf eine ganze Earth Week ausgeweitet wurde, wird dieses Jahr 40. Er geht auf eine US-amerikanische studentische Umweltbewegung zurück, die politische Rückendeckung durch den sozial engagierten Senator Gaylord Nelson erhalten hat. Ziel der Bewegung, die mittlerweile in nationalen und internationalen Verbänden organisiert ist, ist unter anderem Umweltbildung an Schulen und Universitäten zu betreiben. Seit 1990 ist der 22. April eines jeden Jahres in den USA nationaler Feiertag. Im letzten Jahr hat sich auch die Generalversammlung der Vereinten Nationen dem Earth Day gewidmet und den 22. April zum Internationalen Tag der Mutter Erde erklärt.

Zugegebenermaßen entbehrt es sicherlich nicht einer gewissen Ironie, dass der Earth Day seinen Ursprung in den USA hat, dem Land, das weltweit für den zweitgrößten Kohlenstoffdioxid-Ausstoß verantwortlich ist. Politisch gesehen ist dieser Tag also auch nichts anderes als ein Symbol, ein Alibi, das für Umweltbewusstsein steht, wenn mal wieder die Automobilindustrie subventioniert wird. Aber immerhin wird der Tag wahrgenommen und löst zumindest gesellschaftlich kontroverse Diskussionen aus.

Dass es mit dem Schlagwort Nachhaltigkeit in Deutschland auch anders geht, zeigt eindrucksvoll ein neues Magazin. „Enorm – Wirtschaft für den Menschen“ schafft es, die eingangs aufgeführte Assoziationskette nicht in den Prenzlauer Berg zu führen, sondern streicht den Jutebeutel und hängt mal eben „Corporate Social Responsibility“ ran. Nachhaltigkeit, das wird eindrucksvoll auf den 130 Seiten des Wirtschaftsmagazins gezeigt, ist etwas ganz seriöses und entwickelt sich immer mehr zum Kerngedanken guten Wirtschaftens. So bringt es Chefredakteur Thomas Friemel im Vorwort auf den Punkt, wenn er darauf hinweist, dass es offensichtlich ein Umdenken in der Wirtschaft gibt, dass Gewinne reinvestiert werden und sozialer Profit erwirtschaftet wird. Nachhaltigkeit wird so zum Wirtschaftskonzept und weltweit von Großkonzernen praktiziert. Das Magazin ist prall gefüllt mit Neuigkeiten, gut recherchierten Reportagen, Interviews (herausragend das Gespräch mit Nobelpreisträger Muhammad Yunus), Unternehmensportraits und vielem mehr. Wer denkt, ein Ökomagazin in den Händen zu halten, der täuscht sich gewaltig. Nachhaltigkeit, Umweltschutz und soziale Verantwortung werden nicht durchdekliniert und blauäugig für gut befunden, sondern befinden sich stets auf dem Prüfstand und werden kritisch analysiert. Die Reportage über die ISO-Norm 26 000, die Unternehmen weltweit eine ethische Zertifizierung verleihen soll, ist das beste Beispiel dafür.

Wenn auch die weiteren Ausgaben des vierteljährlich erscheinenden Magazins so hochwertig sind, wie das erste, seit Mitte März im Zeitschriftenhandel erhältliche Exemplar, gibt es eine sehr gute Ergänzung zu etablierten Wirtschaftsmagazinen wie Brandeins.

Quelle: enorm-magazin.de – bmwi.de – earthday.de
Bildmaterial: enorm-magazin.de
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Kommentare
  1. Frau Momo sagt:

    Ich bin durch einen Kommentar auf meinem Blog auf diesen Beitrag gestoßen. Diese Zeitschrift hatte ich auch gerade in den Händen. Sie war mir ad hoc etwas zu teuer, aber hat mich durchaus interessiert. Ich selber arbeite in der Bio Branche, hasse Dinkelbrötchen und interessiere mich sehr für das Thema. Vielleicht sehe ich jetzt doch mal zu, das ich ein Heft erwerbe.
    Danke für den Beitrag. Als „Öko“ ohne Jutetasche mußte ich auch sehr schmunzeln.

  2. […] ich aber doch mal der Zeitung im Netz hinterher gegoogelt, zumal ich auch noch durch einen anderen Blog wieder darauf aufmerksam […]

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