… das Bundeskruzifix?

Veröffentlicht: 26. April 2010 in Gesellschaft, Politik
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Oh Graus, ein Beben der Empörung erschüttert das Fundament des Abendlandes. Ein kollektives Stöhnen, Jammern, ja streckenweise sogar Aufschreien geht durch die Republik. Nein, es sind nicht die Fälle sexuellen Missbrauchs und priesterlicher Züchtigung. Schon fast vergessen und vergeben erscheinen die Skandale der letzten Wochen und Monate, die Tag für Tag ans Licht der Öffentlichkeit gelangten und Atheisten wie Gläubigen gleichsam die Zornesröte ins Gesicht trieben. Nun ist sie weggewischt und ersetzt durch ein fahles Weiß, als wäre das Antlitz mit Kreidestaub bedeckt.

„Wie kann es sein? Wie kann sie es wagen?“, schreit es kollektiv durch das Land. Kruzifixe aus Klassenräumen, ja gar komplett aus deutschen Schulgebäuden zu verbannen! Ein Frevel, der seines gleichen sucht. So versuchen es zumindest quer durch die Republik Christdemokraten und ihre Parteifreunde aus der bayrischen Schwesterpartei zu vermitteln. Unvorstellbar, dass eine aus ihren eigenen Reihen diesen Vorschlag gebracht hat. Dazu auch noch eine gläubige Muslima mit türkischen Wurzeln, die Ministerin für Soziales in Niedersachsen werden soll.

Dass sie aber auch ein striktes Kopftuchverbot an deutschen Schulen gefordert hat, geht im Hagel der Entrüstung unter. Passt ja auch nicht so recht in das Bild, das nun krampfhaft zu vermitteln versucht wird. Die Zustimmung und die Begeisterung waren groß, als Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff die türkischstämmige Aygül Özkan für den Ministerposten vorschlug. Großartig, ein Musterbeispiel für Integration. Ein regelrechtes Vorzeigeland dieses Niedersachsen. Wie häufig doch erwähnt werden musste, dass sie der islamischen Glaubensgemeinschaft angehört und ihre familiären Wurzeln in die Türkei reichen. Ungünstig nur, dass auch türkischstämmige und muslimische Ministerinnen für Soziales eine eigene Meinung haben. Noch ungünstiger, dass diese eigene Meinung mitunter mit dem offiziellen Unionskonsens kollidiert. In einigen Punkten sogar mehrfach, spricht sie sich doch auch noch für ergebnisoffene Beitrittsverhandlungen zwischen der Türkei und der EU aus.

„Das Kreuz ist aus Sicht der CDU ein Symbol der Toleranz auch gegenüber anderen Religionen. Die über das Wochenende entstandenen Irritationen und Missverständnisse sind damit ausgeräumt.“ So heißt es im News-Ticker auf der Internetpräsenz der niedersächsischen CDU. Das Kreuz und Toleranz gegenüber anderen Religionen noch immer mit Begriffen wie Kreuzzug, Ketzer und Inquisition zu assoziieren, ist heutzutage vielleicht wirklich schon ein wenig antiquiert. Der CDU geht daher vielmehr um die christlichen Werte, auf denen unsere säkulare Gesellschaft basiert. Säkular? Das bedeutet doch die strikte Trennung von Kirche und Staat?

Egal, sei es drum. Das Kreuz soll also für alle Bundesbürger für Toleranz, Gerechtigkeit und Nächstenliebe stehen. Für alle Christen, Juden, Moslems, Hindus und Buddhisten. Für alle Deutschen, Immigranten und Staatenlose. Kurzum also für jeden Schüler, der das Privileg genießt, an Deutschen Schulen unterrichtet zu werden. Es ist natürlich absolut naheliegend, dass ein jeder Schüler versteht, was das Kreuz für die CDU bedeutet. Angela Merkel ist ja schließlich Kanzlerin für alle Deutschen. Auch für Berliner Schüler, die vor nicht allzu langer Zeit im medialen Zentrum rund um den Volksentscheid um Religion als Pflicht- oder Wahlfach standen und nun verpflichtend in Ethik unterrichtet werden und bei Interesse den Religionsunterricht besuchen können. So könnten sie nun beruhigt unter dem Kruzifix sitzen und dem Ethiklehrer lauschen und fühlen sich wohlbehütet von der toleranten Ausstrahlung des christlichen Kreuzes.

Es gibt in unserer Gesellschaft ja auch nichts anderes, was für Gerechtigkeit, Toleranz und Nächstenliebe steht. Nichts anderes als das Kreuz vermittelt die Botschaft, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. In unserem Zusammenleben sind es nur die christlichen Werte, die uns wissen lassen, dass sich das Deutsche Volk zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt bekennt.

Unfassbar also! Fehlt nur noch, dass Frau Özkan als nächstes auch noch fordert, dass an Stelle des Kreuzes Artikel 1 des Grundgesetzes an die Schulwände geschrieben wird. Das würde ja wirklich zu weit gehen in unserer säkularen Welt. Wie gut, dass sie sich entschuldigt hat.

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Kommentare
  1. Elvira sagt:

    Das Thema Kruzifix in Klassenräumen wurde vor 15 Jahren schon einmal kräftig diskutiert und verschwand nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, das das Anbringen von Kruzifixen in staatlichen Pflichtschulen, die keine Bekennerschulen sind, gegen Artikel 4 Abs.1 Grundgesetz verstößt, dann still und leise aus der medialen Berichterstattung. Wäre es nicht von Frau Özkan, einer gläubigen Muslima, aufgegriffen worden, würde dieses Begehren den Zeitungen sicherlich nur eine Randnotiz wert sein. Für mich, einer gläubigen Christin, ist das Entfernen jedweder religösen Symbolik aus den Klassenräumen schon lange überfällig. Ich bedauere zutiefst die Entschuldigung der künftigen niedersächsichen Sozialministerin vor der CDU-Landtagsfraktion, weil ich nicht nachvollziehen kann, warum ihre Meinung oder dieser Vorschlag entschuldigt werden muss. Es sei denn, die politische Karriere könnte daran scheitern. Hätte ihre Partei sich dieser Äußerung wegen von ihr distanziert und würde sie sie nicht zur Ministerin ernennen, könnte Frau Özkan sich, wie im Leitartikel der Berliner Zeitung erwähnt, an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wenden. Klagegrund wäre „Diskriminierung wegen Verteidigung des grundgesetzlichen Neutralitätsgebotes“. Das aber wäre mit Sicherheit das Ende ihrer Karriere in der CDU. Ich frage mich, ob Frau Özkan für die CDU nicht nur als Quotenfrau für weiblich, Muslima, türkischstämmig steht. Und natürlich wird sicherlich auch an die Stimmen wahlberechtigter Migranten gedacht. Ich würde Frau Özkan einen Parteiwechsel raten, denn „christliche“ Werte, ihr Grund für den Einritt in die CDU, findet sie sicher auch in Parteien ohne den Buchstaben „C“ im Namen.

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