Archiv für Juni, 2010

Totgesagte leben länger, sagt man. Wenn es danach geht, dann müsste den Zeitungen mittlerweile das ewige Leben so gut wie sicher sein. Es ist nicht das erste Mal, dass aus vielen Ecken prophezeit wird, dass sich eine Krise im Zeitungswesen anbahnt. Was in den Vereinigten Staaten begann und dazu geführt hat, dass nicht nur Redaktionen personell und finanziell stark beschnitten wurden, sondern dass einige renommierte und alteingesessene Tageszeitungen vor dem finanziellen Ruin standen und Konkurs anmelden mussten, wird auch in Deutschland spürbar.

Man muss nicht lange recherchieren, um festzustellen, dass  sich Tageszeitungen mit veränderten Bedingungen konfrontiert sehen. Ein Blick auf die Daten der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) reicht aus, um beispielsweise für den Berliner Zeitungsmarkt feststellen zu können, dass den Tageszeitungen innerhalb von zwei Jahren mehr oder weniger kontinuierlich die Leser davonlaufen. Lediglich der taz und der Welt konnte eine leichte Zunahme der Leserschaft attestiert werden. Die Gründe für diese Entwicklungen, die bisher bei weitem nicht ein so dramatisches Ausmaß angenommen haben, wie in den USA, werden in Medienmagazinen heiß diskutiert.

Neben den ganz offensichtlichen Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise und den wegbrechenden Anzeigenschaltungen in Tageszeitungen (lesenswert) wird vor allem auch die rasantere Entwicklung des Internets als Erklärung herangezogen. Soziologen bezeichnen Medien allgemein als intermediäre Institutionen. Sie bilden sozusagen eine verbindende Schicht zwischen unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft, indem sie das, was gesellschaftlich relevant ist, öffentlich und verständlich machen und es zum Diskurs stellen. Idealerweise und im klassischen Sinne, geht es dabei also um die reine Vermittlung von Informationen und nicht um Meinungsbildung. Es ist klar, dass dieser Anspruch nur noch selten erhoben werden kann (beispielhaft,wie sich alleine die neutralen Nachrichtensendungen heute und Tagesschau unterscheiden) und es steht auch außer Frage, dass eine rein objektive Berichterstattung, die auf jeden Kommentar, jeden kritischen Hinweis und jeden Anstoß zur Diskussion einer politischen und gesellschaftlichen Entwicklung eher hinderlich denn förderlich wäre.

Gerade was die politische Meinungsbildung angeht, sind Zeitungen nach wie vor unerlässlich. In Zeiten, in denen es keiner großen Anstrengung bedarf, zielgerichtet, neutrale Informationen aus dem Internet zu beziehen, können Tageszeitungen nicht mehr damit punkten, am nächsten Tag abzudrucken, was schon 20 Stunden zuvor bekannt wurde und mittlerweile Staub angesetzt hat. Dass den Verlagen diese Tatsache bewusst ist und sie darauf reagieren müssen, ist klar. Die Gefahr besteht jedoch darin, dass die online-Redaktionen den Printredaktionen den Rang ablaufen könnten. Sind Printredaktionen natürlicherweise an einen Redaktionsschluss gebunden, arbeitet die online-Redaktion weiter.

Die Sorge, dass die Tageszeitungen  zwar nicht vor dem Ende ihrer Daseinsberechtigung stehen, aber ein strukturelles Problem mit ihren Printausgaben bekommen könnten, erscheint daher berechtigt. Die schnelle und unproblematische Verfügbarkeit von Informationen aus dem Internet, sowie aus den regelmäßigen Radio- und Fernsehnachrichten, erweckt den Eindruck, dass Tageszeitungen nur noch als verhältnismäßig teures Begleitmedium fungieren können. Zudem sind Bild und Ton nach wie vor leichter zu konsumieren und die zunehmende Verbreitung von weiteren Formen der Web-2.0-Medien durch das mobile Internet macht auch den Zugang zu Kommentaren, Kolumnen und Diskussionen jenseits der gedruckten Meinungsseiten einfacher. Die Vielfalt der Blogs, Foren und Newsfeed-Angebote spricht zwar auf den ersten Blick für Unübersichtlichkeit, doch ist sie zu 99% kostenlos, weitgehend aktuell und flexibel und bietet die Möglichkeit des schnellen Zugriffs auf das, was man zu konsumieren wünscht.

Tageszeitungen stehen also vor einem Dilemma: Bei der Breite kostenloser Informationen können es sich die wenigsten Zeitungen leisten, ihre online-Dienste kostenpflichtig zu gestalten. Auch wenn zwar die traditionelle Bindung der Leser an ein haptisches Erlebnis beim Zeitungslesen nach wie vor besteht (der spezielle Geruch, das Anfassen, das Umblättern), wird aber bei einer gleichbleibend rasanten Verbreitung entsprechender Hardware (das iPad lässt grüßen) die Freigabe der Printausgaben der Zeitungen für den online-Bereich zu einer weiteren Abnahme der Verkaufszahlen im Printbereich führen.

Eine Lösung wäre es, aus der Not eine Tugend zu machen und einen radikalen Strukturwandel einzuleiten. Darauf zu hoffen, dass die Bindung des Lesers zum handfesten Produkt wirklich bestehen bleibt, wäre fatal. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis Produkte wie das iPad oder in Produktion befindliche eReader für eine breite Masse erschwinglich sein werden. Displays und Monitore werden mitunter schon so produziert, dass es kaum noch einen spürbaren Unterschied zum Konsum vom Papier aus gibt. Sowohl für die Print-, wie auch für die online-Ausgabe wäre ein modularisiertes Angebot denkbar. Warum soll jemand für den Sportteil zahlen, wenn er keinerlei Interesse daran hat? Gerade für die Produktion der Printausgaben wäre zwar ein modularisiertes Abonnement eine logistische Herausforderung aber durchaus eine Überlegung wert. Einem festen Kern, der Nachrichten und Lokalteil enthält, werden die bestellten Module beigefügt: Wirtschaft, Sport, Kultur, Politik, etc. Der Mantel wäre ein geeigneter Ort, um mit Schlagzeilen auch auf nicht bestellte Ressorts aufmerksam zu machen. Das Abonnement würde gleichzeitig Zugang zu exklusiven online-Angeboten gewähren, wie beispielsweise Audiodokumente (wie es die Zeit schon anbietet), Filme, Grafiken, Hintergrundinformationen, etc., die auch bequem unterwegs abrufbar wären.

Die online-Ausgabe wäre demgegenüber einfacher zu gestalten und würde auch mehr Komfort bieten. Die Hypertextualisierung – also Verlinkungen und direkte Verweise – bietet hier ein großes Potential, das gerade für das iPad verlockend ist. Mit einer sinnvollen Struktur könnten die online-Angebote, die auch der modularisierten Printausgabe zur Verfügung stehen, direkt in das Produkt eingebettet werden. Auch eine regelmäßige Aktualisierung durch die online-Redaktion müsste Teil des Angebots sein.

Die zweite Alternative wäre, dass gerade Tageszeitungen in Metropolenregionen verstärkt auf ihre Regionalität setzen und damit ein Angebot unterstreichen, das bisher kein ausgeprägtes online-Pendant gefunden hat. So können die meisten Tageszeitungen auf eine enge geschichtliche Vernetzung zwischen der Stadt und ihrem Verlagshaus zurückblicken. Diese gegenseitige Identitätsuntermauerung – Berlin macht Berliner Tageszeitungen erst zu dem, was sie sind und die Zeitungen machen Berlins Gesicht erst publik – müsste ausgebaut werden.

In beiden Fällen ist jedoch wichtig, dass die Tageszeitungen nicht einen plötzlichen Wandel ihres Charakters vornehmen. Auch ein modularisiertes Angebot muss noch immer Überraschungen parat halten und bekannt machen, womit man nicht gerechnet hat. Tageszeitungen dürfen nicht zu einer schriftlichen Form der Tagesschau des Vortages werden, wie auch im Radioeins Medienmagazin vom 29. Mai 2010 angemerkt wurde. Tageszeitungen müssen darüber hinaus in ihrem Beitrag zur politischen Meinungsbildung auch immer pluralistisch bleiben und nicht die Prinzipien des Qualitätsjournalismus über Bord werfen.

Alles in allem wird die aktuelle Zeitungskrise sicherlich nicht das Ende des Zeitungswesens einläuten, sondern über kurz oder lang wahrscheinlich eher zu einer strukturellen Änderung führen. Wie sich Tagesspiegel, Berliner Zeitung und taz innerhalb der nächsten 20 Jahre verändern werden, wird sicherlich spannend und interessant zu beobachten sein.

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Es gibt wirklich keinen Weg dran vorbei am Phänomen, am Hype, an der Leidenschaft, am Wahnsinn namens Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Und da Fußball ein gesellschaftliches Ereignis sondergleichen ist, das schon fast einer Naturgewalt gleichkommt, gilt es, Fußball auch stets in der Gesellschaft von Freunden, Bekannten und Fremden zu genießen, die sich alle für mindestens 105 Minuten zu einer Patchwork-Familie in Reinform zusammenschließen.  Für das richtige Verhalten beim Public Viewing werden Ihnen hier interessante Rollen vorgeschlagen, die Sie üben und perfektionieren können. Zum ursprünglichen Artikel und der ersten Rolle gelangen Sie hier.

Heute: Der passive Mitbrüller
Es gibt so unfassbar viele Fußballexperten auf der Welt, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass Sie sich beim Public Viewing im Biergarten die Sitzbank mit einem Autor teilen, der eines der unglaublich vielen Fußballbücher geschrieben hat: Fußballbücher für Kinder, Fußballratgeber für Manager, Abseitsfallenumgehen für Broker, Trainingshandbücher für Fußballtrainer, Fußbälle richtig aufgepumpt, Fußballrekorde, Fußballnichtrekorde, Rasenpflege für den Kunstrasen, Afrikaans für WM-Reisende, Galileo-Mystery: Wie dunkel ist es wirklich in einem Fußball? – das Buch zur Sensationssendung, und so weiter und so fort.

Wie peinlich es doch wäre, wenn Sie sich in so erlauchter Gesellschaft als Nicht-Fußballexperte zu erkennen geben müssten. Die Fußballgemeinde würde Sie sicherlich des Platzes verweisen und Sie hätten anschließend Hausverbot in Ihrem Biergarten, da man Sie noch vor dem Begleichen der Bierrechnung vor die Gartentür gesetzt hätte.

Diesem Schicksal können Sie sicher entgehen, wenn Sie einfach die Rolle des passiven Mitbrüllers einnehmen. Viel müssen Sie dafür nicht mitbringen. Sicherlich können Sie Ihre Rolle durch profundes Fußballfachwissen festigen, aber notwendig ist es dafür nicht. Einzig und allein ein schnelles Reaktionsvermögen ist notwendig, um als passiver Mitbrüller punkten zu können. Eine Warnung sei noch an Personen gerichtet, die über ein gutes Artikulationsvermögen verfügen: Schalten Sie es ab – oder, wenn Sie dazu nicht in der Lage sind, versuchen Sie sich ein gutes Gleichgewicht zwischen noch vorhandenem Reaktionsvermögen und an die Tierwelt erinnernder Lautartikulation anzutrinken.

Ihre Aufgabe ist es nun, relativ passiv abzuwarten. Sie müssen ein Auge für die Schiedsrichter haben und natürlich für Ihre Mitmenschen, aber lassen Sie auch nicht eventuell stürzende Spieler aus den Augen. Sobald Sie merken, dass es um Sie herum unruhig wird, machen Sie mit. Sie können auch schon leise anfangen zu grunzen, wenn sich ein Spieler dem Strafraum nähert. Grunzen oder leise Affenlaute sind sowieso eine hervorragende Wahl, da sie schnell zu Begeisterungsbrüllern oder Verachtungslauten umgewandelt werden können.

Vermuten Sie eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters, dann springen Sie auf keinen Fall sofort auf und brüllen Sie „Abseits!“. Vergessen Sie nicht, dass Sie der passive Mitbrüller sind, außerdem ist „Abseits“ zu schwer zu artikulieren. Erst wenn Sie merken, dass Ihre Banknachbarn aufspringen und wild schreien, machen Sie mit, vorher erheben Sie sich nicht. Springen Sie auf, brüllen Sie ein mächtiges „DOOOOOOOOOOOOOH!“ und gestikulieren Sie wild.

Das wiederholen Sie immer, wenn sich etwas auf dem Spielfeld und im Biergarten tut. Achten Sie aber auf die Emotionen, die Sie in den Brülllaut legen. Wenn Sie von Fußball nicht einmal so viel Ahnung haben, dass Sie nicht wissen, ob es gut ist, dass gerade ein Tor gefallen ist, achten Sie auf die Stimmung um Sie herum. Fangen Ihre Mitmenschen an zu singen, sobald ein Tor gefallen ist, dann können Sie ruhig mitmachen, die Texte werden im Allgemeinen nicht sonderlich schwer sein und nur aus wenigen Silben bestehen.

Sie müssen aber auch darauf achten, ob sich in der Bewegung Ihrer Banknachbarn etwas ändert. Es kann gut sein, dass eine sichere Torchance vereitelt wird. Sie müssen trotzdem mit aufspringen. Ändern Sie in so einem Fall jedoch das Brüllen in ein sacht ausklingendes „UUUUUUUUUHHhhhh!“ wenn die Recken Ihrer Mannschaft vom Gegner gestoppt wurden oder setzen Sie noch ein nach Erleichterung klingendes „P“ davor, wenn Ihre Mannschaft eine gegnerische Torchance vereitelt hat. In beiden Fällen gehört beidhändiges Haareraufen dazu! (Für Fortgeschrittene: Sollte der Torwart Ihrer Mannschaft nicht sämtliche Sympathien im Land genießen, dann können Sie auch zum ursprünglich „DOOOOOOOOOOOOOH!“ zurückgreifen und diesem Laut einen wütenden Unterton hinzufügen, wenn der Torwart seine Inkompetenz unter Beweis gestellt hat.)

Wenn Sie diese Hinweise befolgen, dann steht einem interessanten Public Viewing eigentlich nichts mehr im Wege. Abschließend sei aber darauf hingewiesen, dass Sie nicht nur Ihrer unmittelbaren Umgebung Aufmerksamkeit schenken sollten, sondern die Bewegungen im gesamten Biergarten beachten sollten. Wenn sich nur Ihr Banknachbar erhebt, springen Sie nicht auf und brüllen, denn es kann sein, dass er nur mal eben für kleine Public Viewer muss.

Das nächste Mal: Der Kommentator Kommentierer

Sehr stimmungsvolle Fotos vom Public Viewing findet man übrigens im Blog Fotograf Nürnberg

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*Was eigentlich dieser dämliche Titel soll? Japanophone Menschen mögen mir bitte verzeihen. Sie kennen doch sicherlich noch dieses japanische Kartenspiel Yu-Gi-Oh, zu dem es Trickserien und Filme gab. Übersetzt heißt das soviel wie „König der Spiele“. Dann muss doch Yu-Gi-Löw nichts anderes sein, als „König der Löwen“, ergo Simba. Und damit steht schon mal fest: Deutschland wird Weltmeister! Mit einem Trainer in Südafrika, der der Herr des Tierreichs ist!

Es gibt wirklich keinen Weg dran vorbei am Phänomen, am Hype, an der Leidenschaft, am Wahnsinn namens Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Es haben sich nicht nur derart verblüffend viele Produkte in entweder afrikanische oder fußballerische Gewänder gekleidet, dass man sie gar nicht mehr genau auseinander halten kann: von Fußballfruchtzwergen über afrikanisches Fußballwursteis (oder war es die afrikanische Wurst und das Fußballeis, oder doch die Fußballwurst und das Afrikaeis?) bis hin zu den Werbestrategen von Carglass, die am Nachmittag zu Fußballkonsum am Fernseher raten und am Vormittag die gesprungene Frontscheibe mit Zebrafell bespannen.

Auch jede zweite Kolumne widmet sich mittlerweile dem Sportevent in Südafrika, von dem wohl erwartet wird, dass es den geschundenen Kontinent garantiert schneller und wirkungsvoller aus der Armut katapultieren wird, als es jede Entwicklungshilfe könnte. Kommentare zur Vuvuzela dürfen genauso wenig fehlen, wie Meinungen von Experten, die das Wunder vollbringen, ihr gesammeltes Afrikawissen in fünfminütigen Dokumentationen zu präsentieren. Da sind die Kommentare, die Kommentare kommentieren schon bedeutend erheiternder zu lesen (wie zum Beispiel: Innerer Reichsparteitag und Winter).

Da das Phänomen Fußball aber gerade zu Zeiten wie der Weltmeisterschaft sozialer Natur ist, spielt sich das Spannendste aber meistens (in diesem Fall bisher leider fast immer) vor der Leinwand, dem Fernseher oder dem – oh je, wie retro ist das denn? – Radio ab. Seit dem deutschen Sommermärchen 2006 ist Public Viewing so en vogue wie nie zuvor. Keine Rundfunkanstalt kann es sich mehr leisten, nicht zu bevölkerten Plätzen zu schalten und zu versuchen „Schalala“-, bzw. „Tshabalalah“-singende und grölende Fans zu filmen und zu interviewen. Wie immer, wenn sich der Mensch unter seinesgleichen wagt, nimmt er dabei eine bestimmte Rolle ein. Auch Bürgern ohne sozialwissenschaftliche Ausbildung sollte das bisher nicht entgangen sein. Und gerade beim Public Viewing kann man mal versuchen, ganz bewusst einen anderen Part zu spielen und sich üben in diesem großen Stück aus dem Genre des Improvisationstheaters. Die schönsten Rollen, die sich dafür anbieten, sollen an dieser Stelle in den nächsten Tagen nacheinander vorgestellt werden.

Heute: Der Fragesteller
Sie müssen ganz besondere Voraussetzungen mitbringen, um diese Rolle gut zu spielen und sich leider auch ab und zu ein wenig auf das Spiel vorbereiten, das es mit Freunden und Bekannten zu begutachten gilt. Ein fehlendes Gespür für Situationen und Stimmungen – oder anders herum: ein feines Gespür für die falsche Situation und Stimmung – ist Grundvoraussetzung. Es gilt für Sie, in möglichst vielen unpassenden Situationen Fragen zu stellen. Dabei können Sie aus einem breiten Spektrum wählen, das von Spielsituationen auf der einen Seite („Was passiert eigentlich, wenn ein Spieler, der die rote Karte bekommen hat, nicht vom Platz geht? Wird dann die Polizei gerufen?“, „Wenn Deutschland jetzt also nicht ein Tor schießt, scheiden wir aus?“) über allgemeine Fragen („Woraus besteht eigentlich so eine Eckfahne?“, „Dürfen sich die Spieler ihre Trikotnummer eigentlich selber aussuchen?“, „Wie viel Schnodder wohl nach so einem Spiel auf dem Rasen liegt?“) bis hin zu hochspezialisierten Fragen auf der anderen Seite reicht („Was ist eigentlich ein Guay? Und warum ist ein Land für das Guay und das andere eher … äh … Uru?“).

Die eingenommene Körperhaltung beim Fragen kann dabei großen Einfluss auf die Rolle nehmen. Im Sitzen nach vorne geneigt und eine in Falten gelegte Stirn sind typisch für den naiven Frager. Zurückgelehnte Haltung, überschlagene Beine und vor der Brust verschränkte Arme deuten auf den rhetorisch fragenden Klugscheißer hin, der die Antwort schon längst kennt. Möchten Sie diesen Aspekt des Fragestellers nuancieren, müssen Sie sich aber wirklich gut vorbereiten. Die investierte Zeit lohnt sich auf jeden Fall, denn Sie werden beobachten können, dass Sie so die Rollen Ihrer Mitmenschen verändern können und sich diese schnell zum Genervten ändern. „Wusstet Ihr eigentlich, dass moderne Eckfahnen aus Kunststoff bestehen und ein speziell entwickeltes Knickgelenk besitzen?“, „Wusstet Ihr eigentlich, dass die Namen von Paraguay und Uruguay aus dem Guaraní stammen, der Sprache der Urbevölkerung?“ Spaß wird Ihnen garantiert sein – zumindest für ein Spiel, denn zu weiteren werden Sie wohl nicht mehr eingeladen werden!

Und das nächste mal: Der passive Mitbrüller

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*Was eigentlich dieser dämliche Titel soll? Japanophone Menschen mögen mir bitte verzeihen. Sie kennen doch sicherlich noch dieses japanische Kartenspiel Yu-Gi-Oh, zu dem es Trickserien und Filme gab. Übersetzt heißt das soviel wie „König der Spiele“. Dann muss doch Yu-Gi-Löw nichts anderes sein, als „König der Löwen“, ergo Simba. Und damit steht schon mal fest: Deutschland wird Weltmeister! Mit einem Trainer in Südafrika, der der Herr des Tierreichs ist!

    Wer braucht schon Soziologen, Politikwissenschaftler, Wirtschaftsexperten, Polit-Talk-Moderatoren oder Fachleute sonstiger Art, die es verstehen, das Wohl der Gesellschaft zu analysieren und Wege aus zahlreichen Miseren aufzuzeigen, wenn es doch auch viel einfacher geht? Denn es ist wirklich erstaunlich, wie viel Aufschlussreiches schon in den Namen der Dinge steckt, über die häufig diskutiert wird. Ein minimal geschultes Gehör, ein Funken Ironie und ein Hauch Kreativität reichen hier schon aus, um so manchen Wissensvorsprung wieder wettzumachen.

    Die Zauberformel zum Einstieg in das Expertengespräch lautet dann: „Moment mal!“ Dazu muss in kurzer mimischer und gestischer Vorbereitung zuerst die Stirn in Falten gelegt werden. Parallel dazu müssen die Lippen grüblerisch gespitzt oder auch wahlweise von links nach rechts und zurück bewegt werden. Nach Belieben darf dabei auch mit dem Zeigefinger am Kinn oder der Oberlippe gekratzt werden. Wichtig ist das abschließende Schnipsen und Heben des Zeigefingers, in dem Moment, in dem der Einstieg in das Gespräch erfolgen soll.

    Beste Anwendungs- und Übungsbeispiele liefern die Finanz- und Wirtschaftskrise, beziehungsweise die Debatten bezüglich ihrer Überwindung:

    Deutschland muss sparen! Keine Frage.
    Weil wir gerne in Bildern denken und diese so schön einprägsam sind, wird häufig vom Gürtel gesprochen, der enger geschnallt werden muss. Irgendwie ein eigenartiges Bild, meinen Sie nicht auch? Eigentlich muss ich noch nicht genutzte Löcher im Gürtel doch nur dann einweihen, wenn ich mir eine zu große Hose gekauft habe.

    Das spricht

    a) nicht gerade für käuferisches und modisches Geschick und ist
    b) auch nicht wirklich ein Indiz für Sparwillen.

    Andererseits müsste ich den Gürtel enger schnallen, wenn ich bereits abgenommen habe! Wenn die einfache symbolische Gleichung „abnehmen“ = „sparen“ gilt, müsste ich den Gürtel doch erst viel später enger schnallen. Aber da habe ich ja dann schon längst eine Menge gespart und kann mir eine neue Hose kaufen, so dass ich auf gar keinen Gürtel mehr angewiesen bin. Sehr bizarr! Und außerdem klänge dann „Wir werden den Gürtel enger geschnallt haben müssen“ sehr eigenartig und erinnert stark an einen Comicstrip von Joscha Sauer zur Grammatik von Zeitreisen.

    Und warum wird dieses Sprichwort eigentlich von den bürgerlichen Parteien so häufig verwendet? Der Gürtel sitzt doch mehr oder weniger in der Mitte des Körpers, knapp unterhalb seines Schwerpunktes. Wenn das Engerschnallen des Gürtels bedeutet, dass Druck auf bestimmte Bevölkerungs- und Einkommensschichten ausgeübt werden soll, dann würde dies ja wohl eindeutig den Mittelstand treffen. Ob das die selbsternannten Mittelstandsparteien bedacht haben?

    Wann geraten Hosen denn noch ins Rutschen? Doch eigentlich nur, wenn man keinen Arsch in der Hose hat, wenn Sie mir diese volkstümliche und etwas saloppe Formulierung durchgehen lassen.

    Aber ist „sparen“ eigentlich das richtige Wort? So unwissenschaftlich die Arbeit mit der freien Enzyklopädie Wikipedia auch ist, so bequem und einfach ist sie dennoch. Sie spart im wahrsten Sinne des Wortes Zeit, denn „Sparen ist das Zurücklegen momentan freier Mittel zur späteren Verwendung.“ Das was die Bundesregierung in ihrer zweitägigen Klausur skizziert, diskutiert und beschlossen hat, kann also nicht als Sparpaket bezeichnet werden. Weder ist das in den sozialen Bereichen dringend benötigte Geld frei, noch wird es zur späteren Verwendung zurückgelegt. Einer Regierung sollte das Sparen sowieso relativ schwer fallen, da freies Geld doch in den Haushalt reinvestiert werden sollte.

    Sicherlich ist das hauptsächlich Wortklauberei, aber wenn viel eher die Gleichung „sparen“ = „beschneiden“ gilt, dann muss man doch fragen, wie  die Gesellschaft sonst aus der Krise gesteuert werden kann. Das sind wieder zwei Wörter, die man gut verwenden kann. Das eine, „Krise“, findet derzeit nahezu inflationär Verwendung. Es stammt aus dem Griechischen und kann als Scheidung übersetzt werden – was, nebenbei bemerkt, eine recht zynische Umdeutung der Ehekrise nach sich zieht und ihr eine gewisse Ausweglosigkeit bescheinigt. Scheidung meint hier aber eher den Scheideweg, in dessen Angesicht eine Entscheidung notwendig ist. Einer der abzweigenden Wege führt zur erhofften Linderung, der andere mündet in der Katastrophe.

    Das Gefühl, derzeit Zeuge einer Krise zu sein, ist jedoch trügerisch. Selbstverständlich stehen derzeit wichtige Entscheidungen an, von denen man hofft, dass sie den aktuellen Zustand lindern. Doch die Krise selber ist schon lange vorbei. Das Doofe daran ist nämlich, dass die Gesellschaft meistens erst dann merkt, dass sie sich an einem Scheideweg befunden hat, wenn eben der Weg eingeschlagen wurde, der zur Katastrophe führt.

    Wie kann man also das Ruder noch einmal herumreißen? „Steuern stehen nicht zur Debatte“, heißt es aus den Reihen der FDP. Und da ist es, das zweite Wort. Zeit für ein:

    „Moment mal!“
    – „Was denn?“
    „Sie haben schon gemerkt, dass sich da ein grammatikalischer Fehler eingeschlichen hat!?“
    – „Wie bitte?“
    „Es müsste doch heißen ‚Steuern steht nicht zur Debatte‘.“

    Richtig, das klingt zwar komisch, ist aber wahr. Was sind denn Steuern anderes als ein staatliches Steuerungsmittel? Steuern kann man zielgerichtet einsetzen, um was zu machen? Zu steuern, genau, die Bewegung in eine andere Richtung lenken oder Kurskorrekturen vornehmen. Das klappt natürlich nicht immer, aber man kann selbstverständlich annehmen, dass der Steuermann der Titanic sicherlich nicht untätig geblieben ist, als er merkte, dass sich da eine Katastrophe anbahnte.
    Ganz profan kann man mit Steuern aber auch Geld in die klammen Staatskassen spülen. Was Steuern so angenehm macht, ist, dass sie immer relativ sind. Sie stehen also stets in einem bestimmten Verhältnis zu etwas, was in diesem Fall das Einkommen und damit die Wirtschaftskraft der Besteuerten ist. Deshalb unterstützt jemand mit einem geringeren Einkommen den Staat weniger, als jemand mit einem hohen Einkommen – Steuergerechtigkeit wird das in der Fachsprache genannt und ist eines der Kernelemente gerechter Steuerpolitik.

    Steuern steht also wirklich nicht zur Debatte, nicht dass etwa noch der Kurs geändert wird!

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    Man kann übrigens auch mit geringen mathematischen Grundkenntnissen mitreden. Wenn „abnehmen“ = „sparen“ ist, zeitgleich aber auch „sparen“ = „beschneiden“ bedeutet, dann gilt: „abnehmen“ = „beschneiden“. So wird das Bild mit dem Gürtel, der enger geschnallt werden soll, auch wieder verständlicher. Stellt der gesamte Körper die Gesellschaft dar, so muss man doch nur die Beine amputieren. Schon hat man abgenommen und braucht gar keinen Gürtel mehr, den man enger schnallen müsste. Und da wird dann das Steuern auch komplett überflüssig. Wohin denn auch gehen, so ganz ohne Beine?