… Simba? (Arbeitstitel: Was macht eigentlich Yu-Gi-Löw?)*

Veröffentlicht: 15. Juni 2010 in Sport
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Es gibt wirklich keinen Weg dran vorbei am Phänomen, am Hype, an der Leidenschaft, am Wahnsinn namens Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Es haben sich nicht nur derart verblüffend viele Produkte in entweder afrikanische oder fußballerische Gewänder gekleidet, dass man sie gar nicht mehr genau auseinander halten kann: von Fußballfruchtzwergen über afrikanisches Fußballwursteis (oder war es die afrikanische Wurst und das Fußballeis, oder doch die Fußballwurst und das Afrikaeis?) bis hin zu den Werbestrategen von Carglass, die am Nachmittag zu Fußballkonsum am Fernseher raten und am Vormittag die gesprungene Frontscheibe mit Zebrafell bespannen.

Auch jede zweite Kolumne widmet sich mittlerweile dem Sportevent in Südafrika, von dem wohl erwartet wird, dass es den geschundenen Kontinent garantiert schneller und wirkungsvoller aus der Armut katapultieren wird, als es jede Entwicklungshilfe könnte. Kommentare zur Vuvuzela dürfen genauso wenig fehlen, wie Meinungen von Experten, die das Wunder vollbringen, ihr gesammeltes Afrikawissen in fünfminütigen Dokumentationen zu präsentieren. Da sind die Kommentare, die Kommentare kommentieren schon bedeutend erheiternder zu lesen (wie zum Beispiel: Innerer Reichsparteitag und Winter).

Da das Phänomen Fußball aber gerade zu Zeiten wie der Weltmeisterschaft sozialer Natur ist, spielt sich das Spannendste aber meistens (in diesem Fall bisher leider fast immer) vor der Leinwand, dem Fernseher oder dem – oh je, wie retro ist das denn? – Radio ab. Seit dem deutschen Sommermärchen 2006 ist Public Viewing so en vogue wie nie zuvor. Keine Rundfunkanstalt kann es sich mehr leisten, nicht zu bevölkerten Plätzen zu schalten und zu versuchen „Schalala“-, bzw. „Tshabalalah“-singende und grölende Fans zu filmen und zu interviewen. Wie immer, wenn sich der Mensch unter seinesgleichen wagt, nimmt er dabei eine bestimmte Rolle ein. Auch Bürgern ohne sozialwissenschaftliche Ausbildung sollte das bisher nicht entgangen sein. Und gerade beim Public Viewing kann man mal versuchen, ganz bewusst einen anderen Part zu spielen und sich üben in diesem großen Stück aus dem Genre des Improvisationstheaters. Die schönsten Rollen, die sich dafür anbieten, sollen an dieser Stelle in den nächsten Tagen nacheinander vorgestellt werden.

Heute: Der Fragesteller
Sie müssen ganz besondere Voraussetzungen mitbringen, um diese Rolle gut zu spielen und sich leider auch ab und zu ein wenig auf das Spiel vorbereiten, das es mit Freunden und Bekannten zu begutachten gilt. Ein fehlendes Gespür für Situationen und Stimmungen – oder anders herum: ein feines Gespür für die falsche Situation und Stimmung – ist Grundvoraussetzung. Es gilt für Sie, in möglichst vielen unpassenden Situationen Fragen zu stellen. Dabei können Sie aus einem breiten Spektrum wählen, das von Spielsituationen auf der einen Seite („Was passiert eigentlich, wenn ein Spieler, der die rote Karte bekommen hat, nicht vom Platz geht? Wird dann die Polizei gerufen?“, „Wenn Deutschland jetzt also nicht ein Tor schießt, scheiden wir aus?“) über allgemeine Fragen („Woraus besteht eigentlich so eine Eckfahne?“, „Dürfen sich die Spieler ihre Trikotnummer eigentlich selber aussuchen?“, „Wie viel Schnodder wohl nach so einem Spiel auf dem Rasen liegt?“) bis hin zu hochspezialisierten Fragen auf der anderen Seite reicht („Was ist eigentlich ein Guay? Und warum ist ein Land für das Guay und das andere eher … äh … Uru?“).

Die eingenommene Körperhaltung beim Fragen kann dabei großen Einfluss auf die Rolle nehmen. Im Sitzen nach vorne geneigt und eine in Falten gelegte Stirn sind typisch für den naiven Frager. Zurückgelehnte Haltung, überschlagene Beine und vor der Brust verschränkte Arme deuten auf den rhetorisch fragenden Klugscheißer hin, der die Antwort schon längst kennt. Möchten Sie diesen Aspekt des Fragestellers nuancieren, müssen Sie sich aber wirklich gut vorbereiten. Die investierte Zeit lohnt sich auf jeden Fall, denn Sie werden beobachten können, dass Sie so die Rollen Ihrer Mitmenschen verändern können und sich diese schnell zum Genervten ändern. „Wusstet Ihr eigentlich, dass moderne Eckfahnen aus Kunststoff bestehen und ein speziell entwickeltes Knickgelenk besitzen?“, „Wusstet Ihr eigentlich, dass die Namen von Paraguay und Uruguay aus dem Guaraní stammen, der Sprache der Urbevölkerung?“ Spaß wird Ihnen garantiert sein – zumindest für ein Spiel, denn zu weiteren werden Sie wohl nicht mehr eingeladen werden!

Und das nächste mal: Der passive Mitbrüller

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*Was eigentlich dieser dämliche Titel soll? Japanophone Menschen mögen mir bitte verzeihen. Sie kennen doch sicherlich noch dieses japanische Kartenspiel Yu-Gi-Oh, zu dem es Trickserien und Filme gab. Übersetzt heißt das soviel wie „König der Spiele“. Dann muss doch Yu-Gi-Löw nichts anderes sein, als „König der Löwen“, ergo Simba. Und damit steht schon mal fest: Deutschland wird Weltmeister! Mit einem Trainer in Südafrika, der der Herr des Tierreichs ist!

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