… die Zukunft der Printmedien? – Zeitungen

Veröffentlicht: 17. Juni 2010 in Kultur, Medien
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Totgesagte leben länger, sagt man. Wenn es danach geht, dann müsste den Zeitungen mittlerweile das ewige Leben so gut wie sicher sein. Es ist nicht das erste Mal, dass aus vielen Ecken prophezeit wird, dass sich eine Krise im Zeitungswesen anbahnt. Was in den Vereinigten Staaten begann und dazu geführt hat, dass nicht nur Redaktionen personell und finanziell stark beschnitten wurden, sondern dass einige renommierte und alteingesessene Tageszeitungen vor dem finanziellen Ruin standen und Konkurs anmelden mussten, wird auch in Deutschland spürbar.

Man muss nicht lange recherchieren, um festzustellen, dass  sich Tageszeitungen mit veränderten Bedingungen konfrontiert sehen. Ein Blick auf die Daten der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) reicht aus, um beispielsweise für den Berliner Zeitungsmarkt feststellen zu können, dass den Tageszeitungen innerhalb von zwei Jahren mehr oder weniger kontinuierlich die Leser davonlaufen. Lediglich der taz und der Welt konnte eine leichte Zunahme der Leserschaft attestiert werden. Die Gründe für diese Entwicklungen, die bisher bei weitem nicht ein so dramatisches Ausmaß angenommen haben, wie in den USA, werden in Medienmagazinen heiß diskutiert.

Neben den ganz offensichtlichen Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise und den wegbrechenden Anzeigenschaltungen in Tageszeitungen (lesenswert) wird vor allem auch die rasantere Entwicklung des Internets als Erklärung herangezogen. Soziologen bezeichnen Medien allgemein als intermediäre Institutionen. Sie bilden sozusagen eine verbindende Schicht zwischen unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft, indem sie das, was gesellschaftlich relevant ist, öffentlich und verständlich machen und es zum Diskurs stellen. Idealerweise und im klassischen Sinne, geht es dabei also um die reine Vermittlung von Informationen und nicht um Meinungsbildung. Es ist klar, dass dieser Anspruch nur noch selten erhoben werden kann (beispielhaft,wie sich alleine die neutralen Nachrichtensendungen heute und Tagesschau unterscheiden) und es steht auch außer Frage, dass eine rein objektive Berichterstattung, die auf jeden Kommentar, jeden kritischen Hinweis und jeden Anstoß zur Diskussion einer politischen und gesellschaftlichen Entwicklung eher hinderlich denn förderlich wäre.

Gerade was die politische Meinungsbildung angeht, sind Zeitungen nach wie vor unerlässlich. In Zeiten, in denen es keiner großen Anstrengung bedarf, zielgerichtet, neutrale Informationen aus dem Internet zu beziehen, können Tageszeitungen nicht mehr damit punkten, am nächsten Tag abzudrucken, was schon 20 Stunden zuvor bekannt wurde und mittlerweile Staub angesetzt hat. Dass den Verlagen diese Tatsache bewusst ist und sie darauf reagieren müssen, ist klar. Die Gefahr besteht jedoch darin, dass die online-Redaktionen den Printredaktionen den Rang ablaufen könnten. Sind Printredaktionen natürlicherweise an einen Redaktionsschluss gebunden, arbeitet die online-Redaktion weiter.

Die Sorge, dass die Tageszeitungen  zwar nicht vor dem Ende ihrer Daseinsberechtigung stehen, aber ein strukturelles Problem mit ihren Printausgaben bekommen könnten, erscheint daher berechtigt. Die schnelle und unproblematische Verfügbarkeit von Informationen aus dem Internet, sowie aus den regelmäßigen Radio- und Fernsehnachrichten, erweckt den Eindruck, dass Tageszeitungen nur noch als verhältnismäßig teures Begleitmedium fungieren können. Zudem sind Bild und Ton nach wie vor leichter zu konsumieren und die zunehmende Verbreitung von weiteren Formen der Web-2.0-Medien durch das mobile Internet macht auch den Zugang zu Kommentaren, Kolumnen und Diskussionen jenseits der gedruckten Meinungsseiten einfacher. Die Vielfalt der Blogs, Foren und Newsfeed-Angebote spricht zwar auf den ersten Blick für Unübersichtlichkeit, doch ist sie zu 99% kostenlos, weitgehend aktuell und flexibel und bietet die Möglichkeit des schnellen Zugriffs auf das, was man zu konsumieren wünscht.

Tageszeitungen stehen also vor einem Dilemma: Bei der Breite kostenloser Informationen können es sich die wenigsten Zeitungen leisten, ihre online-Dienste kostenpflichtig zu gestalten. Auch wenn zwar die traditionelle Bindung der Leser an ein haptisches Erlebnis beim Zeitungslesen nach wie vor besteht (der spezielle Geruch, das Anfassen, das Umblättern), wird aber bei einer gleichbleibend rasanten Verbreitung entsprechender Hardware (das iPad lässt grüßen) die Freigabe der Printausgaben der Zeitungen für den online-Bereich zu einer weiteren Abnahme der Verkaufszahlen im Printbereich führen.

Eine Lösung wäre es, aus der Not eine Tugend zu machen und einen radikalen Strukturwandel einzuleiten. Darauf zu hoffen, dass die Bindung des Lesers zum handfesten Produkt wirklich bestehen bleibt, wäre fatal. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis Produkte wie das iPad oder in Produktion befindliche eReader für eine breite Masse erschwinglich sein werden. Displays und Monitore werden mitunter schon so produziert, dass es kaum noch einen spürbaren Unterschied zum Konsum vom Papier aus gibt. Sowohl für die Print-, wie auch für die online-Ausgabe wäre ein modularisiertes Angebot denkbar. Warum soll jemand für den Sportteil zahlen, wenn er keinerlei Interesse daran hat? Gerade für die Produktion der Printausgaben wäre zwar ein modularisiertes Abonnement eine logistische Herausforderung aber durchaus eine Überlegung wert. Einem festen Kern, der Nachrichten und Lokalteil enthält, werden die bestellten Module beigefügt: Wirtschaft, Sport, Kultur, Politik, etc. Der Mantel wäre ein geeigneter Ort, um mit Schlagzeilen auch auf nicht bestellte Ressorts aufmerksam zu machen. Das Abonnement würde gleichzeitig Zugang zu exklusiven online-Angeboten gewähren, wie beispielsweise Audiodokumente (wie es die Zeit schon anbietet), Filme, Grafiken, Hintergrundinformationen, etc., die auch bequem unterwegs abrufbar wären.

Die online-Ausgabe wäre demgegenüber einfacher zu gestalten und würde auch mehr Komfort bieten. Die Hypertextualisierung – also Verlinkungen und direkte Verweise – bietet hier ein großes Potential, das gerade für das iPad verlockend ist. Mit einer sinnvollen Struktur könnten die online-Angebote, die auch der modularisierten Printausgabe zur Verfügung stehen, direkt in das Produkt eingebettet werden. Auch eine regelmäßige Aktualisierung durch die online-Redaktion müsste Teil des Angebots sein.

Die zweite Alternative wäre, dass gerade Tageszeitungen in Metropolenregionen verstärkt auf ihre Regionalität setzen und damit ein Angebot unterstreichen, das bisher kein ausgeprägtes online-Pendant gefunden hat. So können die meisten Tageszeitungen auf eine enge geschichtliche Vernetzung zwischen der Stadt und ihrem Verlagshaus zurückblicken. Diese gegenseitige Identitätsuntermauerung – Berlin macht Berliner Tageszeitungen erst zu dem, was sie sind und die Zeitungen machen Berlins Gesicht erst publik – müsste ausgebaut werden.

In beiden Fällen ist jedoch wichtig, dass die Tageszeitungen nicht einen plötzlichen Wandel ihres Charakters vornehmen. Auch ein modularisiertes Angebot muss noch immer Überraschungen parat halten und bekannt machen, womit man nicht gerechnet hat. Tageszeitungen dürfen nicht zu einer schriftlichen Form der Tagesschau des Vortages werden, wie auch im Radioeins Medienmagazin vom 29. Mai 2010 angemerkt wurde. Tageszeitungen müssen darüber hinaus in ihrem Beitrag zur politischen Meinungsbildung auch immer pluralistisch bleiben und nicht die Prinzipien des Qualitätsjournalismus über Bord werfen.

Alles in allem wird die aktuelle Zeitungskrise sicherlich nicht das Ende des Zeitungswesens einläuten, sondern über kurz oder lang wahrscheinlich eher zu einer strukturellen Änderung führen. Wie sich Tagesspiegel, Berliner Zeitung und taz innerhalb der nächsten 20 Jahre verändern werden, wird sicherlich spannend und interessant zu beobachten sein.

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