Archiv für Juli, 2010

… die Wortfindungsschwierigkeit?

Veröffentlicht: 29. Juli 2010 in Kultur
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Es ist ein kleines tappsiges Wesen, das sich munter, je nach Gemütslage, auf zwei Beinen oder auf allen Vieren durch das Leben schlägt. Samtig weiche Pfoten hat es. Mit Krallen, die nicht dem Kampfe dienen, sondern ihren Namen eher der Fortbewegungsart verschulden, mit der der kleine pelzige Freund weite Entfernungen zurücklegt.

Mit seinen gerade einmal rund 70 Zentimetern Körpergröße – die er lediglich erreicht, wenn er sich vollständig aufrichtet, was zugegebenermaßen nicht allzu häufig geschieht – und seinem maximalen Hang zu minimalem Körperenergieverbrauch, nutzt das kleine gescheite Fellknäuel seine Krallen lediglich, um sich, wie der Name vermuten lässt, festzukrallen. Und das am liebsten an anderen Beinen.

Die Gesellschaft anderer Tiere langweilt den kleingewachsenen und friedliebenden Verwandten der Braun- und Grizzlybären allerdings, so dass er stets die Nähe von Menschen sucht. Am allerliebsten mag er Menschen, die Cordhosen tragen. Schlingt er alle Viere um ein solches Bein und krallt sich ganz doll fest, so dauert es meistens nicht lange und er schlummert ein. Auf diese Art und Weise kann er unfassbar weite Strecken ohne große Eigenleistung überwinden.

Lässt er das Bein irgendwann los, so bleibt er erstmal eine Weile sitzen, um den Schlaf abzuschütteln. Dann streckt er sich und reckt er sich und kratzt sich seinen, vom minimalen Körperenergieverbrauch doch recht ansehnlichen und mit hellbraunem, flauschigem Fell bedeckten Bauch. Klar, dass er jetzt Hunger hat. Aber in einer Großstadt gibt es für ihn nichts Leichteres als die Nahrungssuche.

Stadtkatzen und Straßenhunde, Ratten und Mäuse, Tauben und Spatzen. Die haben alle keinen sonderlich guten Geschmack, meint er und kann nur die Lippen in seinem mit Zottelfell überwucherten runden Gesicht kräuseln, wenn er daran denkt, wie sich die anderen Tiere aus Mülltonnen ernähren. Aber zugegebenermaßen hat er natürlich auch den Vorteil auf seiner Seite, dass er zum Einen gar nicht direkt auf materielles Essen angewiesen ist und zum Anderen für die meisten Menschen unsichtbar bleibt.

So kann er nach Belieben mit großen staunenden Augen durch die Einkaufspassagen tapsen und sich an den Wortfetzen laben, die hier durch die Luft schweben. Er liebt Worte und Wörter, Sätze und Phrasen, Gedanken und Ideen. Manchmal nur einen kleinen Happen eines aromatischen älteren Wortes, das er ganz frisch von der Zunge eines Passanten klaubt. Der runzelt dann meistens die Stirn und hat gar nicht mitbekommen, wie der sonst so behäbige kleine Bär an seinem Körper empor geklettert ist, sich mit dem kleinen Kullerbauch über den Kopf des Passanten gehangelt hat und, schwupps, das Wort direkt aus dem Mund geklaut hat. Meistens sagt er dann noch so etwas wie „Warte, ich hab es gleich, mir liegt es auf der Zunge!“, aber es wird ihm einfach nicht einfallen, denn schon wird das Wort im Magen des kleinen Bären verdaut. Oder aber eine ganz leckere, frische Idee, die er wie eine lange Spaghetti mit seiner weichen, klebrigen Zunge aus dem Ohr eines Flaneurs saugt, der noch ganz benommen ist, dass ihm sein brillanter Einfall auf einmal abhanden gekommen ist.

In einem wahren Schlaraffenland findet sich der kleine Bär wieder, wenn er sich durch Zufall an ein Bein eines Journalisten, Schriftstellers oder sonstigen, mit Schreibereien sein Brot verdienenden Zeitgenossen gekrallt hat und von ihm mit nach Hause oder ins Büro getragen wird. Es dauert dann meistens nicht lange und der Schriftsteller wird nervös, denn ihn plagen ganz plötzliche Wortfindungsschwierigkeiten. Zum Glück ist der kleine kuschelige Wonneproppen trotz seines Energiesparwahns stets bemüht, Neues zu sehen und kennenzulernen, so dass bisher kein Journalist, Notar oder Schriftsteller seinen Job wegen Wortfindungsschwierigkeiten verloren hat.

Das absolute Paradies würde sich dem Bären wohl in einer Bibliothek oder einer Buchhandlung offenbaren. Doch da hat es bisher keiner von ihnen reingeschafft. Denn ein jeder Archivar, Buchhändler und Bibliothekar wird darin ausgebildet, Ausschau zu halten nach den kleinen Bären. Kaum zu denken, was einer von ihnen für einen Schaden anrichten könnte, wenn er jede zweite Seite eines Buches leerfressen würde. Und so sind die manchmal so kauzig wirkenden Buchhändler und Bibliothekare die einzigen Menschen, die ihn erkennen und sehen können: den kleinen, kuscheligen Wortklaubären.

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Das wird nur ein kurzer Eintrag. Das eventuell letzte verbale Aufbäumen der Menschheit. Vielleicht wird es sogar eine der letzten Hinterlassenschaften unserer Zivilisation sein. Denn: Sie und ich, Sie dahinten auch, Sie, Sie und Sie, ja WIR ALLE sind dem Untergang geweiht! Es war ja klar, dass der Klimawandel irgendwann deutlich spürbar zuschlagen wird, aber dass das nun so schnell geht, das ist wirklich hart.

Es wird heiß! Furchtbar heiß!

Über Monate hinweg hat uns die Kälte, die Deutschland fest im Griff hatte, stöhnen lassen. Die unter einem idyllischen Schnee- und Eismantel unsere Straßen massakriert hat. Oh, wie illusorisch, begehrenswert und erfrischend das jetzt klingt: Schnee und Eis! Eis kennt derzeit nur als sofort verdampfende Würfel, wer sich dem flüchtigen Genuss lauwarmer Cocktails hingibt.

Und es wird noch heißer! Heißer vermutlich sogar als Wendy auf Peter Pan.

Denn im Radio hieß es vorhin: „Streckenweise wird es hier in Deutschland in den nächsten Tagen doppelt so warm sein wie in Südafrika.“

Da ist er, der Beweis für unsere Verdammnis!  Was wird das für ein unfassbarer Temperaturanstieg sein! Während wir hier schon bei 30°C schwitzen, werden beispielsweise Kapstadt für die nächsten Tage Höchstwerte von rund 18°C vorhergesagt. Lassen Sie mich lieber nochmal schnell rechnen, was das für uns bedeutet.

Also doppelt so warm wie in Südafrika, genau, drei im Sinn, das macht dann, okay.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: 309°C!

Das sind keine rosigen Aussichten und es wird wirklich höllisch unangenehm werden, vor allem, wenn man bedenkt, dass Eiweiß ab Temperaturen von 60°C zu gerinnen beginnt.

Sie glauben, dass ich mich verrechnet habe?

Dann hilft Ihnen vielleicht diese kleine anschauliche Grafik weiter (zum Vergrößern einfach anklicken).

Was die Stimme im Radio nämlich nicht bedacht hat, ist, dass die Celsius Skala leider nicht für Multiplikationen à la „doppelt so warm“ geeignet ist, da sie keinen absoluten Nullpunkt besitzt. Temperaturangaben beziehen sich immer auf die Kelvin Skala, die die Eigenschaft besitzt, dass Temperatur (im Sinne von atomarer und molekularer Bewegung) bei 0 Kelvin einfach nicht mehr vorhanden ist. Umgerechnet und aufgerundet sind 0 Kelvin -273°C (da klage doch nochmal jemand über den letzten Winter).

Ein Blick auf die Abbildung und vor allem auf den Abstand zwischen 18°C und 36°C in Hinblick auf den Rest der Skala sollte Ihnen verraten, dass 36°C unmöglich das Doppelte von 18°C sein kann!

Noch klarer wird Ihnen die „Unberechenbarkeit“ der Celsius Skala werden, wenn Sie sich jemanden vorstellen, der im Frühling behauptet, dass es bald doppelt so warm sein wird wie an einem Tag mit einer Höchsttemperatur von 0°C. 2 mal 0, das kann eigentlich nicht sehr warm werden.

Zur Illustration vielleicht noch ein kleiner Vergleich: Angenommen, Gimli, der Zwerg aus Herr der Ringe, ist genau einen Meter groß. Er stellt sich auf eine 0,95 Meter hohe Leiter neben Legolas, der genau 2,00 Meter groß ist. Gandalf reicht Gimli einen magischen Vergrößerungstrank, der ihn um genau 5 Zentimeter wachsen lässt. Gimli reicht dann zwar an Legolas heran, doch ist er weder genauso groß, noch ist er nach der Einnahme des Tranks doppelt so groß wie vorher. Niemand käme auf die Idee, die Leiter mit in Gimlis Körpergröße zu rechnen. Und auf genau so einer Leiter steht der Nullpunkt der Celsius Skala.

Also, was können Sie daraus lernen?

Zum einen: 0°C sind 273 Kelvin. 18°C in Kapstadt wären dann 291 Kelvin. Wird es doppelt so warm, sind das 582 Kelvin, das macht 309°C!

Zum anderen: Metereologen genießen offensichtlich eine echt schlechte Ausbildung!

Oder Sie gehen davon aus, dass die Wetterleute immer Recht haben und suchen sich einen wirklich kühlen Ort. Aber Vorsicht vor Inseraten von Kühlhäusern, wenn es heißt: Garantiert doppelt so kalt, wie eine Tiefkühltruhe.

Oder: Lena hat Schuld!

Klar, sie sind jetzt nicht unbedingt die Helden der Nation. Sie kommen eher dezent daher und tummeln sich in Kreisen, die in der Gesellschaft auch nicht wirklich das größte Ansehen genießen. Aber immerhin bringen sie bedeutend mehr Nobelpreise nach Hause als ihre praxisorientierten Kollegen aus der Betriebswirtschaftslehre. Die Rede ist von Volkswirtschaftlern, die man entweder an jeder Universität trifft (gut, dort werden sie durchaus und zu Recht geachtet und geschätzt) oder aber in den Gefilden der Politik, frei nach dem umgedeuteten Motto: Wer nicht mal Wirt wird, wird Politiker!

Wer noch immer eine Karriere als Universalgenie im Auge hat, der sollte seinen Drang, jedes wissenschaftliche und kulturelle Fachgebiet zu verstehen und zu verinnerlichen, zuallererst mit volkswirtschaftlicher Lektüre auf Bestand und notwendige Geschmeidigkeit testen, ehe er sich an kantische Philosophie, dadaistische Malerei und neuere Neurobiologie wagt. Denn es bedarf schon eines relativ flexiblen Hirns, um sich auf die wissenschaftliche Arbeitsweise einfacher volkswirtschaftlicher Erklärungsmodelle einzulassen, ohne Gefahr zu laufen, der Stirn durch heftige Schläge mit der flachen Hand irreparable Schäden zuzufügen oder fortwährend an einem Schleudertrauma durch vehementes Kopfschütteln zu leiden. „Wir wissen, dass es keine Vollbeschäftigung gibt, aber wir gehen einfach mal von Vollbeschäftigung aus, da das Modell ansonsten leider nicht mehr funktioniert.“ Das hat schon etwas, kann man kaum leugnen. Oder wie wäre es damit: „Ja, es ist ein bisschen unrealistisch, aber das Marktmodell bringt nur dann sinnvolle Ergebnisse, wenn wir postulieren, dass sämtliche Informationen jedem Teilnehmer uneingeschränkt und ohne jeden Aufwand zugänglich sind, dass alle Arbeitnehmer vollkommen mobil sind und es – auch hier – keine Arbeitslosigkeit gibt.“

So macht Wissenschaft doch Spaß: Die Realität komplett und vollkommen bewusst ausblenden, umdrehen, umkrempeln, auseinandernehmen und falsch herum wieder zusammensetzen und damit dann die Realität erklären wollen. Kommt ja auch kein Arzt auf die Idee, einem unter Schienbeinschmerzen leidenden Patienten zu diagnostizieren: „Schmerzen im Schienbein? Ich schlage vor, dass wir einfach annehmen, Sie hätten gar keine Beine. Dann sind das auch nur Phantomschmerzen und mit denen können Sie eigentlich ganz gut leben. Ich überweise Sie trotzdem vorsorglich mal zum Neurologen, der sollte sich nach einer solchen Phantomamputation mal die Phantomstümpfe ihrer verbleibenden Phantombeine ansehen.“

Manchmal kann man aber auch wirklich nützliche Dinge von Volkswirtschaftlern lernen oder sie zumindest als Vorbilder begreifen. Beispielsweise wenn es darum geht, Größen zu erfinden, wie etwa den Nutzen. Nutzen, klar, das wird jeder sagen, gibt es. Toilettenpapier ist beispielsweise durchaus nützlich. Auch der Erfindung der zweiten und dritten Dimension kann ein gewisser Nutzen nicht abgesprochen werden, wäre sonst alles sehr, ja genau, eindimensional. Die Volkswirtschaftslehre schafft es nun aber, den Nutzen in den Mittelpunkt wichtiger Theorien zu rücken und rechnet sogar damit. Glücklicherweise geht man schon lange nicht mehr davon aus, dass Nutzen messbar wäre, sondern stellt den Nutzen, den bestimmte Güter erfüllen, in Relation zum Nutzen anderer Güter. Problematisch aber vor allem, wenn es um kulturelle Vergleiche geht. Da hat dann die linke Hand plötzlich einen bedeutend höheren Nutzen als Toilettenpapier.

Wie auch immer, aus dem Nutzen wird jedenfalls eine Größe abstrahiert, mit der bequem gerechnet werden kann. Warum macht man das nicht einfach auch mit anderen schwer zu greifenden Begriffen? Man könnte sagen: Imperator Palpatine ist 4,5 mal so böse wie Darth Vader und wird in Bösartigkeit nur noch von Gargamel mit dem Faktor 5,1 übertroffen. Grützwurst erreicht nur 12,4% der Leckerkeit von Himbeerwackelpudding. Oder Schnodder ist immerhin halb so ekelig wie alter Eiter.

Noch mehr Spaß macht das ganze aber mit Glück* (im Sinne von „Puh, Glück gehabt!“). Sagen wir, dass jede Nation und jede Gesellschaft pro Jahr über maximal 100 Glückspunkte (GP) verfügt, die vom Schicksal verwaltet und mitunter aber auch mit Pechpunkten (PP) verrechnet werden. Glücklich ausgegangene Großereignisse verbrauchen dann natürlich mehr Glück als Kleinigkeiten. Ein eindeutiges Tor der englischen Fußballnationalmannschaft, das vom Schiedsrichter nicht gesehen wurde, kostet beispielsweise 15 GP. Weitere 10 GP wurden durch 10 PP eliminiert, als ein ebenfalls inkompetenter Schiedsrichter Miroslav Klose mit Gelb-Rot vom Platz schickte. Richtig teuer wurde aber natürlich der Sieg von Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest, der durch den Medienrummel mindestens 40 GP gekostet hat! Da sagen wir einfach mal: Toll, Lena! Musste das denn wirklich sein? Fast zwei Drittel aller deutschen GP sind damit schon aufgebraucht. Und was haben wir davon? Nun brauchte es drei Wahlgänge, um die Regierungskoalition zu ärgern (20 GP/PP**) und wir haben als neuen Bundespräsidenten Christian Wulff an der Backe (10 PP/GP). Wie sollen wir denn mit den verbleibenden 5 Glückspunkten jetzt noch Weltmeister werden?

Hätten wir doch einfach den sich selbst als Soul-Pop-Künstler bezeichnenden Mark  Medlock nach Oslo geschickt und den traditionsreichen letzten Platz in dieser Schlagerparade nach Hause gebracht. Niemand hätte sich um den Grand Prix geschert und Marks Versagen hätte höchstens einen Wert von 5 PP gehabt. Es wäre so viel Glück übrig geblieben, dass auch der dritte Wahlgang zur Überraschung gereicht hätte (20 GP/PP) und mit den verbleibenden 30 GP hätten wir in Südafrika locker Argentinien, Brasilien und Spanien verputzt.

Also eindeutig: Lena ist Schuld!

Jetzt können wir nur hoffen, dass die verbleibenden 15 GP noch irgendwas bewirken. Neuwahlen vielleicht.

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** Der Neutralität zuliebe.
*Mit Glück (im Sinne von glücklich sein) wird das jedoch tatsächlich gemacht. So gibt es mehrere wirklich interessante sozialwissenschaftliche Indizes, mit denen versucht wird, das Glück und die Lebensfreude der Menschen zu messen. Daraus entstehen mitunter sehr spannende Forschungsprojekte, wie beispielsweise der Happy Planet Index (HPI), dessen Forschungsbericht wirklich lesenswert ist!