… das Glück so?

Veröffentlicht: 1. Juli 2010 in Gesellschaft, Kultur
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Oder: Lena hat Schuld!

Klar, sie sind jetzt nicht unbedingt die Helden der Nation. Sie kommen eher dezent daher und tummeln sich in Kreisen, die in der Gesellschaft auch nicht wirklich das größte Ansehen genießen. Aber immerhin bringen sie bedeutend mehr Nobelpreise nach Hause als ihre praxisorientierten Kollegen aus der Betriebswirtschaftslehre. Die Rede ist von Volkswirtschaftlern, die man entweder an jeder Universität trifft (gut, dort werden sie durchaus und zu Recht geachtet und geschätzt) oder aber in den Gefilden der Politik, frei nach dem umgedeuteten Motto: Wer nicht mal Wirt wird, wird Politiker!

Wer noch immer eine Karriere als Universalgenie im Auge hat, der sollte seinen Drang, jedes wissenschaftliche und kulturelle Fachgebiet zu verstehen und zu verinnerlichen, zuallererst mit volkswirtschaftlicher Lektüre auf Bestand und notwendige Geschmeidigkeit testen, ehe er sich an kantische Philosophie, dadaistische Malerei und neuere Neurobiologie wagt. Denn es bedarf schon eines relativ flexiblen Hirns, um sich auf die wissenschaftliche Arbeitsweise einfacher volkswirtschaftlicher Erklärungsmodelle einzulassen, ohne Gefahr zu laufen, der Stirn durch heftige Schläge mit der flachen Hand irreparable Schäden zuzufügen oder fortwährend an einem Schleudertrauma durch vehementes Kopfschütteln zu leiden. „Wir wissen, dass es keine Vollbeschäftigung gibt, aber wir gehen einfach mal von Vollbeschäftigung aus, da das Modell ansonsten leider nicht mehr funktioniert.“ Das hat schon etwas, kann man kaum leugnen. Oder wie wäre es damit: „Ja, es ist ein bisschen unrealistisch, aber das Marktmodell bringt nur dann sinnvolle Ergebnisse, wenn wir postulieren, dass sämtliche Informationen jedem Teilnehmer uneingeschränkt und ohne jeden Aufwand zugänglich sind, dass alle Arbeitnehmer vollkommen mobil sind und es – auch hier – keine Arbeitslosigkeit gibt.“

So macht Wissenschaft doch Spaß: Die Realität komplett und vollkommen bewusst ausblenden, umdrehen, umkrempeln, auseinandernehmen und falsch herum wieder zusammensetzen und damit dann die Realität erklären wollen. Kommt ja auch kein Arzt auf die Idee, einem unter Schienbeinschmerzen leidenden Patienten zu diagnostizieren: „Schmerzen im Schienbein? Ich schlage vor, dass wir einfach annehmen, Sie hätten gar keine Beine. Dann sind das auch nur Phantomschmerzen und mit denen können Sie eigentlich ganz gut leben. Ich überweise Sie trotzdem vorsorglich mal zum Neurologen, der sollte sich nach einer solchen Phantomamputation mal die Phantomstümpfe ihrer verbleibenden Phantombeine ansehen.“

Manchmal kann man aber auch wirklich nützliche Dinge von Volkswirtschaftlern lernen oder sie zumindest als Vorbilder begreifen. Beispielsweise wenn es darum geht, Größen zu erfinden, wie etwa den Nutzen. Nutzen, klar, das wird jeder sagen, gibt es. Toilettenpapier ist beispielsweise durchaus nützlich. Auch der Erfindung der zweiten und dritten Dimension kann ein gewisser Nutzen nicht abgesprochen werden, wäre sonst alles sehr, ja genau, eindimensional. Die Volkswirtschaftslehre schafft es nun aber, den Nutzen in den Mittelpunkt wichtiger Theorien zu rücken und rechnet sogar damit. Glücklicherweise geht man schon lange nicht mehr davon aus, dass Nutzen messbar wäre, sondern stellt den Nutzen, den bestimmte Güter erfüllen, in Relation zum Nutzen anderer Güter. Problematisch aber vor allem, wenn es um kulturelle Vergleiche geht. Da hat dann die linke Hand plötzlich einen bedeutend höheren Nutzen als Toilettenpapier.

Wie auch immer, aus dem Nutzen wird jedenfalls eine Größe abstrahiert, mit der bequem gerechnet werden kann. Warum macht man das nicht einfach auch mit anderen schwer zu greifenden Begriffen? Man könnte sagen: Imperator Palpatine ist 4,5 mal so böse wie Darth Vader und wird in Bösartigkeit nur noch von Gargamel mit dem Faktor 5,1 übertroffen. Grützwurst erreicht nur 12,4% der Leckerkeit von Himbeerwackelpudding. Oder Schnodder ist immerhin halb so ekelig wie alter Eiter.

Noch mehr Spaß macht das ganze aber mit Glück* (im Sinne von „Puh, Glück gehabt!“). Sagen wir, dass jede Nation und jede Gesellschaft pro Jahr über maximal 100 Glückspunkte (GP) verfügt, die vom Schicksal verwaltet und mitunter aber auch mit Pechpunkten (PP) verrechnet werden. Glücklich ausgegangene Großereignisse verbrauchen dann natürlich mehr Glück als Kleinigkeiten. Ein eindeutiges Tor der englischen Fußballnationalmannschaft, das vom Schiedsrichter nicht gesehen wurde, kostet beispielsweise 15 GP. Weitere 10 GP wurden durch 10 PP eliminiert, als ein ebenfalls inkompetenter Schiedsrichter Miroslav Klose mit Gelb-Rot vom Platz schickte. Richtig teuer wurde aber natürlich der Sieg von Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest, der durch den Medienrummel mindestens 40 GP gekostet hat! Da sagen wir einfach mal: Toll, Lena! Musste das denn wirklich sein? Fast zwei Drittel aller deutschen GP sind damit schon aufgebraucht. Und was haben wir davon? Nun brauchte es drei Wahlgänge, um die Regierungskoalition zu ärgern (20 GP/PP**) und wir haben als neuen Bundespräsidenten Christian Wulff an der Backe (10 PP/GP). Wie sollen wir denn mit den verbleibenden 5 Glückspunkten jetzt noch Weltmeister werden?

Hätten wir doch einfach den sich selbst als Soul-Pop-Künstler bezeichnenden Mark  Medlock nach Oslo geschickt und den traditionsreichen letzten Platz in dieser Schlagerparade nach Hause gebracht. Niemand hätte sich um den Grand Prix geschert und Marks Versagen hätte höchstens einen Wert von 5 PP gehabt. Es wäre so viel Glück übrig geblieben, dass auch der dritte Wahlgang zur Überraschung gereicht hätte (20 GP/PP) und mit den verbleibenden 30 GP hätten wir in Südafrika locker Argentinien, Brasilien und Spanien verputzt.

Also eindeutig: Lena ist Schuld!

Jetzt können wir nur hoffen, dass die verbleibenden 15 GP noch irgendwas bewirken. Neuwahlen vielleicht.

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** Der Neutralität zuliebe.
*Mit Glück (im Sinne von glücklich sein) wird das jedoch tatsächlich gemacht. So gibt es mehrere wirklich interessante sozialwissenschaftliche Indizes, mit denen versucht wird, das Glück und die Lebensfreude der Menschen zu messen. Daraus entstehen mitunter sehr spannende Forschungsprojekte, wie beispielsweise der Happy Planet Index (HPI), dessen Forschungsbericht wirklich lesenswert ist!
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