Archiv für Oktober, 2010

… der Googlefisch?

Veröffentlicht: 11. Oktober 2010 in Gesellschaft, Medien
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Google ist schon richtig toll!

Nein, nein, keine Angst, das wird jetzt kein Beitrag, der sich einreiht in sarkastische Bemerkungen über Datenschutz und übermächtige Unternehmen. Ganz ehrlich: Google ist super.

Ich denke, dass es nicht mehr lange dauern wird und Google avanciert zum sozialwissenschaftlichen Forschungsinstrument Nummer 1, mit gehörigem Abstand gefolgt von Interviews, Experimenten und altbackenen Fragebögen. Vom persönlichen Nutzen mal ganz abgesehen.

So kann man sich mal einen Spaß machen und die Google-Vorschläge ausprobieren. In die Suchmaske vorsichtig einen Begriff eingeben und schauen, was die Suchmaschine als Komplettierung des Begriffes vorschlägt. Die Vorschläge sind natürlich nach den häufigsten Suchanfragen in Zusammenhang mit diesem Begriff geordnet. Was für ein Forschungspotenzial. Denn welcher Sozialwissenschaftler hat sich noch nicht über die sonst aus quantitativen und qualitativen Interviews allzu bekannten Hemmschwellen geärgert, die offensichtlich jedoch ad acta gelegt werden, wenn man alleine am Rechner sitzt und die Suchmaschine füttert.

Probieren wir es doch mal aus. Geben wir einfach bei Google „Deutsche sind“ ein und schauen uns die Vorschläge an. Also:

„Deutsche sind“:

  1. nazis
  2. hässlich
  3. kalt
  4. kartoffeln
  5. nichtmigranten mehr nicht
  6. dumm
  7. arrogant
  8. rassisten
  9. opfer

Faszinierend oder? Da wollten uns Bild und B.Z. immer weiß machen, wir wären Papst, Lena und fast schon Weltmeister, dabei sind wir Deutschen offensichtlich hässliche, kalte Nazis, die Opfer ihrer rassistischen und dummen Arroganz sind.

Probieren wir es weiter:

„Angela Merkel ist“:

  1. tot
  2. spurlos verschwunden
  3. hässlich
  4. he-man

Letzteres sollte sicherlich für das CDU-Wahlkampfmanagement für den nächsten Bundestagswahlkampf mehr als verwertbar sein, allerdings nur, wenn die ersten beiden Vorschläge hoffentlich nicht der Wahrheit entsprechen. Als Gentleman lasse ich den dritten Vorschlag lieber unkommentiert.

Da die Deutschen ja Ländervergleiche mögen, können wir einfach mal fortfahren mit „Amerikaner sind“:

  1. dumm
  2. fett
  3. schweine
    Achtung! Jetzt kommt wirklich bahnbrechendes geographisches Fachwissen, das mit Google auf seine zweifelsfreie Richtigkeit überprüft werden sollte:
  4. europäer
  5. arrogant

Und natürlich, wenn Frau Merkel schon herhalten musste, dann selbstverständlich auch der US-amerikanische Präsident, denn „Obama ist“:

  1. tot
  2. osama
  3. kein amerikaner
  4. präsident
  5. moslem
  6. der antichrist
  7. ein lügner
  8. gebürtiger reutlinger
  9. schweizer

Deutsche und Amerikaner sind also dumme und arrogante Europäer, die von toten Staatsmännern und -frauen regiert werden, die entweder über die Macht von Grayskull verfügen oder verlogene Reutlinger und/oder Schweizer mit direktem Draht zum Teufel sind. Wenn das mal nicht fundiertes Fachwissen für die Bundeszentrale für politische Bildung ist?

P.S.: Das Ganze basiert natürlich auf den deutschsprachigen Suchanfragen. Führt man die Merkel/Obama-Anfrage auf der englischsprachigen Google-Seite durch, dann lernt man, dass Obama auch für die Amerikaner der Antichrist und ein Moslem ist und dass Angela Merkel scheinbar Hitlers Tochter ist.

P.P.S.:  Dass offensichtlich nur negative Vorschläge geliefert werden, sollte auch nicht überinterpretiert werden, denn schließlich gilt „Google ist“:

  1. dein freund
  2. ne missgeburt
  3. doof
  4. schwul
  5. böse
  6. dein bester freund
  7. dumm
  8. eine missgeburt
  9. nicht dein freund

Das hält sich doch fast die Waage!

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Über Oger, Menschen, Zwiebeln, das Denken, Bundespräsidenten, kleinste und größte gemeinsame Nenner, die Aufklärung, den Islam und die menschliche Identität – bringen Sie das mal alles unter einen Hut!

„Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ lautet der Titel des sehr populären Buches von Richard David Precht, das sich lange Zeit an der Spitze der deutschen Büchercharts behaupten konnte. Wahrlich keine leicht zu beantwortende Frage und ein Thema, das sich angesichts ein paar Jahrtausende währender Geistesgeschichte auch nicht mal eben als philosophische Fingerübung in einfache Formeln für den Haus- und Alltagsgebrauch verpacken lässt.

Wie gut, dass es Hollywood gibt und wir von Shrek lernen können, dem gütig-grässlichen Oger.  Der nämlich musste nicht erst Prechts Buch lesen, um von sich behaupten zu können: „Ich bin eine Zwiebel!“ Dass der grünhäutige Antiheld das im übertragenen Sinne gemeint hat und nicht als Warnung an Köche vor brennenden Augen beim Hacken von Ogern verstanden haben möchte, sei einfach mal vorausgesetzt.

„Heureka!“, möchte man rufen. „Auch der Mensch ist eine Zwiebel.“

Denn was die klugen Köpfe des DreamWorks Prictures Teams Shrek auf die digitale Zunge geschrieben haben, um seine unglaublich vielschichtige Persönlichkeit erklären zu können, kann auch bestens als Metapher für das menschliche Wesen sowohl im Einzelnen als auch für sein Auftreten in einem sozialen Gefüge dienen. Fast wünschte man sich, Bundespräsident Christian Wulff hätte sich bei seiner Jubiläumsrede zum Tag der Deutschen Einheit eben dieses Bildes bedient, anstatt historisch schwammig zu schwadronieren, was zu Deutschland gehört und was nicht.

Er hätte sagen können: „Schaut her liebes wiedervereintes Volk, ich hab da mal was vorbereitet. Ich habe hier einen Sack voller Zwiebeln und einen Packen Stifte. Jetzt kommt jeder nach einander nach vorne an mein Rednerpult und nimmt sich eine Zwiebel und einen Stift und schreibt auf die äußerste Haut der Zwiebel ‚Mensch‘. Dann pult jeder ganz ganz vorsichtig Haut für Haut ab und schreibt rauf, was immer sie oder er gerne möchte. Nur auf den innersten Teil schreibt bitte wieder jeder ‚Mensch‘. Dann legen wir die Zwiebel wieder genauso zusammen. Und schon haben wir unsere gemeinsame Identität.“

Natürlich ist es falsch, dass der Islam mittlerweile zu Deutschland gehört. Genauso falsch wie die Behauptung, dass Christen- und Judentum, Buddhismus und Hinduismus zu Deutschland gehören. Alleine der Begriff der abendländlichen christlich-jüdischen Tradition suggeriert eine friedvolle Einheit der beiden Religionen, die es so leider nie gegeben hat. Keine Religion gehört zu Deutschland! Die Religion gehört zu den Menschen die hier leben, die aber alle zuallererst in ihrem Kern und nach außen hin Menschen sind und genauso gut entscheiden können, dass sie keine ihrer Zwiebelschalen mit „Christ“, „Moslem“ oder „Jude“ beschriften.

In der Umgangssprache gibt es die Ausdrücke des kleinsten und des größten gemeinsamen Nenners. Ersterer bezeichnet einen Minimalkonsens auf aller niedrigster und unbefriedigendster Ebene, zweiterer einen äußerst fortschrittlichen Maximalkompromiss. Niemand vermag zu beeinflussen, ob man als Mensch geboren wird (sieht man mal vom Kharma ab) oder nicht. Was somit zuallererst als kleinster gemeinsamer Nenner erscheint, ist doch in Wahrheit der größte. Das Menschsein ist die Wurzel unserer sozialen Diversität und das, was unsere individuellen Biographien eint. Es ist die Basis für Toleranz, Mitgefühl, Nächstenliebe, Demut und Gerechtigkeit, für die höchsten geistigen Güter, die die Menschheit besitzt. Menschenrechte sind universell, weil das Menschsein hoch über dem Christsein, dem Judesein, dem Moslemsein steht. Wer auf die äußerste Haut der Zwiebel der menschlichen Identität etwas anderes als „Mensch“ schreibt, an dem ist die Aufklärung vorbeigegangen, der macht aus dem größten gemeinsamen Nenner wieder den kleinsten.

 

Okay, zugegeben: Es wäre übertrieben zu behaupten, ich würde mich Nacht für Nacht von Seite zu Seite werfen und mit dieser mich quälenden und mir den Segen des Schlafes verwehrenden Frage kämpfen. Aber tatsächlich schleicht sie sich immer wieder mal an und flüstert mir die Gewissheit ins Ohr, dass ich versagt habe.

Versagt, oh je!

Dass ich es nicht aufklären kann, wie man in Kontakt mit einem Auftragsmörder tritt.

Sie kommt dann nachts so an, zeigt mir eine lange Nase und sabbert mir voll Hohn ins Ohr: „Dädädä, dädädä, weißte nicht, kannste nicht. Ätschibätsch!“ Verdammt, ich hasse so etwas! Beknackte, ausgebuffte und unerzogene Frage. Es zermürbt mich schon ein bisschen und nagt an mir, wie ein wildentschlossener Biber, der dem Wald im Yosemity-Valley den Krieg erklärt hat.

Aber manchmal erfährt ein solches Leiden Linderung, wenn man gar nicht damit rechnet.

Zack! Ganz plötzlich und unverhofft steht es dann vor einem. Schwarz auf Weiß sozusagen. Oder in meinem Fall: Lila mit schwarzer Kontur auf Silber und Efeu.  Und das alles nur wegen laktosefreier Milch.

Verwirre ich Sie? Das möchte ich nicht, verzeihen Sie mir bitte. Aber ich bin immer noch etwas aufgeregt, dass sich mir eine Spur zur Klärung der mich quälenden Fragen so plötzlich offenbart hat, so dass die Sätze geradeheraus aus meinen Fingerspitzen auf die Tastatur purzeln. Also Schritt für Schritt:

Sie müssen wissen, ich bin umgezogen. War schon etwas stressig. Ein typischer Umzug eben. Aber es war eine gute Ablenkung. Sowohl für mich, um mich nicht mehr mit unnützen Fragen herumquälen zu müssen. Als auch für den Bundesnachrichtendienst, der entweder das Interesse an mir verloren hat oder mit ausgefeilterer Technik aufwarten kann. Das Knacken in der Telefonleitung ist auf jeden Fall weg. Dafür muss aber jeder Handwerker, der etwas in der neuen Wohnung zu handwerken hat, einen umfangreichen Backgroundcheck über sich ergehen lassen.

Doch irgendwann ist auch der längste Umzug abgeschlossen und die Fragen melden sich zurück. Langsam aber penetrant. Patentes Rezept dagegen: Einfach mal die neue Wohngegend erkunden. Man muss ja schließlich wissen, wo es beispielsweise laktosefreie Milch zu kaufen gibt. Und tatsächlich: Gar nicht weit von der Wohnungstür entfernt öffnet eine Kaiser’s Filiale Tag für Tag ihre Automatiktüren für die Kundschaft. (Nebenbei bemerkt: Kaiser’s ist übrigens keine Reminiszenz an vergangene Herrschaftsformen, sondern geht vielmehr auf Josef Kaiser zurück, der Ende des 19. Jahrhunderts die erste richtige Kaffeeröstmaschine erfand – daher wohl auch die Kaffeekanne als Logo des Unternehmens).

Gut gelaunt und angenehm abgelenkt, schlendere ich über den Parkplatz des Supermarkts. Plötzlich verharren meine Beine, meine Augen weiten sich und mein Verstand beginnt zu arbeiten. Der Parkplatz wird von einer etwa zwei Meter hohen Mauer begrenzt. Mit Efeu bewachsen. Wahres Parkplatzidyll. Doch der Efeu kann nicht überall an der Mauer Fuß beziehungsweise biologisch korrekt ausgedrückt: Haftwurzel fassen. Und da steht es. In lila gesprayter runder Schrift, mit schwarzer Kontur versehen und auf silbrig glänzendem Untergrund:

„For Phila the Killa!“

Oh man, denke ich. Phila der Killa. Phila, könnte er wirklich ein Killer sein?

Nein, eher nicht. Sicherlich nur ein Versuch mittels seichten Vandalismus der jugendsubkulturellen Coolness Ausdruck zu verleihen. Zu sagen: „Efeu mein Arsch, Alter! Meine Parkplatzmauer! Hier setze ich mein Zeichen, und zwar dedicated für Phila den Killa, meinen Homie!“

Lila und Silber stelle ich mir auch nicht als so die ganz richtigen Farben des Auftragsmörderbusiness vor. Wobei ein Corporate Design für einen Auftragsmörder auch etwas hoch gegriffen wäre. Aber das wiederum ist eine andere Frage.

Mein Geist rotiert also: „Schmierereien von Halbstarken“, sagt mir der Verstand und meine metropolitane Lebenserfahrung nickt zustimmend. Kennen wir, schon oft genug gesehen. Aber auf der anderen Seite geht es hier um das Auftragsmörderbusiness. Helfen da ein normaler Verstand und an schroffer Urbanität geschliffene Lebenserfahrung weiter? Vielleicht ist Phila wirklich ein Killer und genau hier unter dem Efeu hinterlegen seine Auftraggeber ihre perfiden Mordpläne. Das Graffito ist dann Philas in den Himmel von Gotham City projiziertes Batman-Symbol. Und was wäre unauffälliger als eine auffällige Schmiererei, von der jeder denkt, dass sie aus der Dose semibegabter Jugendkünstler stammt?

Während ich das Regal mit der laktosefreien Milch suche, stelle ich mit Befriedigung fest, dass mein Geist seine Betriebstemperatur erreicht hat. Ich muss das im Auge behalten, sage ich mir. Aber wie?

Könnte umziehen und eine Wohnung mit Blick auf den Parkplatz suchen. Nein, bin gerade erst umgezogen und zu teuer.

Könnte mich als vietnamesischer Zigarettenschwarzmarkthändler ausgeben und den ganzen Tag vor Kaiser’s rumstehen. Blicke in mein fahles Spiegelbild in einer Scheibe einer Tiefkühltruhe. Muss diesen Plan verwerfen. Den Vietnamesen nimmt mir keiner ab.

Da, ich hab’s! Werde mir einen Stapel Obdachlosenmagazine à la Straßenfeger und Motz kaufen und die dann vor Kaiser’s feilbieten. So kann ich meine soziale Ader befriedigen, indem ich einem Motzverkäufer den Umsatz des Monats beschere (werde die Magazine natürlich billiger verkaufen, sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen) und kann den Parkplatz beobachten.

Gesagt, getan. Es ist natürlich wie immer: Wenn man mal dringend einen Motzverkäufer sucht, dann findet man keinen. Immerhin konnte ich mal wieder den ganzen Tag U-Bahn fahren und muss jetzt nicht, wie ursprünglich geplant, eine Woche aufs Duschen und Haarewaschen verzichten, sondern kann schon am nächsten Morgen meine Tarnidentität annehmen.

Ich schlüpfe also in den von meinem letzten Fahrradsturz stark zerschlissenen Parker, klemme mir den Stapel Magazine und den darin versteckten Notizblock unter den Arm und schlurfe miefend und müde zu Kaiser’s.

Es ist kein Zuckerschlecken, das kann ich sagen. Wer jemals wieder etwas von Hausiererromantik und den Vorzügen des Lebens auf der Straße faselt, kriegt von mir einen heftigen Tritt in den Hintern. Für 90% der Menschen ist man eh komplett unsichtbar. 9% der Passanten vermeiden es, in der Nähe zu atmen, da sie sich ja mit allerlei Krankheiten anstecken könnten. Immerhin 0,9% der Kaiser’s Kunden schütteln mitleidig und entschuldigend den Kopf und jeder tausendste kauft mir tatsächlich eine Zeitung ab.

Am späten Nachmittag dröhnt mein Kopf und ich habe Hunger. Wollte eigentlich von den Zeitungserlösen etwas zu essen kaufen. Aber erstens habe ich nicht genug Magazine verkauft und zweitens habe ich den Fehler begangen, zu fragen, ob ich die Mitarbeitertoilette benutzen darf. Das Mitgefühl der Mitarbeiter ist wirklich grenzwertig. Bin bei Kaiser’s jetzt nicht mehr so gerne gesehen.

Und es ist nichts geschehen. Kein Phila, kein Killer. Niemand, der sich am Efeu zu schaffen gemacht hat. Fehlanzeige!

In Gedanken darüber verloren, was ich eigentlich mache, wenn ich es mal schaffen sollte, Kontakt zu einem Auftragsmörder aufzunehmen – ich will ja schließlich nicht seine Dienste in Anspruch nehmen – werde ich unsanft angerempelt. Empört drehe ich mich um.

„Ey du Assi!“, brüllt mich jemand spuckend in einem zerschlissenen Parker an und holt zum zweiten Schupser aus. „Das is mein Stand, du Arschpimmel!“

Mein Blick fällt auf den Stapel Straßenfeger unter seinem Arm, seiner hingegen auf mein improvisiertes Pappschild ‚Motz! heute nur 80 Cent!’. Er läuft rot an. Ich überlege kurz, ob ich ihm erklären soll, dass ich ja eigentlich sehr sozial gewesen war. Verwerfe es aber, als ich die Ader auf seiner Stirn pulsieren sehe. Mir schwant nichts Gutes.

„80 Cent?“, er kreischt förmlich. „ACHTZIG CENT?! Ich bring dich um, du Schwein!“

Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch: „Phila?“