Archiv für Dezember, 2010

Bald ist es wieder soweit: Jahreswechsel.

Und wie immer gehen die Tage zwischen den Jahren einher mit einem Dauernieselregen unkreativer Jahresrückblicke. Ihnen zu entgehen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Nahezu so, als würde auf allen Sendern RTLs grauenhafte, schon in die 89. Folge gehende „Ultimative Chartshow“ mit einem debil grinsenden Oliver Geissen laufen.

Wer hat was mit wem und wenn ja warum und vor allem wie oft gemacht? Kriege, Katastrophen, Eurovision Songcontest, Krisen, Ölkatastrophen, Wahlen, Wale, Sex, Sex mit Walen, Skandale, Rücktritte, Missbrauch, Helden, Schurken, russische Gerichtsurteile … alles ist wieder da und das meiste davon für die meisten sowieso nicht wert in Erinnerung zu bleiben – bis auf die Alliteration mit S natürlich:  Songcontest, Sex, Skandale!

Und wenn dann resümiert wurde, dass lediglich die Rettung der chilenischen Kumpel eine frohe Botschaft war, dann wird der Blick vom Vergangenen auf das Zukünftige gerichtet: „Und was nimmst du dir für das neue Jahr vor?“

Ja, was denn? Ein bisschen weniger fluchen? Scheiße, sicher nicht! Nicht mehr rauchen? Hab ich eh noch nie gemacht. Mit dem Rauchen anfangen, damit ich endlich mal einen guten Vorsatz für das übernächste Jahr habe? Ich denke eher nicht.

Vielleicht – ja, das wäre was! –  ein wenig mit dem Schubladendenken aufräumen. In letzter Zeit erwische ich mich dabei immer häufiger. Obwohl doch meistens eine geradezu schillernde Farbenvielfalt zwischen den Schwarz-Weiß-Kontrasten der Schubladenwände schlummert.

„Dummheit“ steht zum Beispiel auf einer Schublade in meinem kognitiven Archiv geschrieben. Und wie wunderbar, sie öffnet so schnell und geräuschlos wie kaum eine andere Schublade. Ihre Laufräder werden ständig geölt, so oft ist sie in Betrieb. Kein Quietschen, kein Scharren. *Biep* Dummheitsdetektor schlägt an. *Suuuusch* Schublade auf. *Tack* Abgestempelt. *Bämm* Schublade zu. Herrlich!

Dabei ist das falsch, mon dieu! Denn auch wenn man sehr häufig und wirklich ganz objektiv die Dummheitsschublade füttern kann, so ist Dummheit nicht gleich Dummheit. Geradezu ein Kosmos des Dummen eröffnet sich dem, der sich traut, kurz zu verweilen und zu beobachten. Er wird irgendwo aufgespannt zwischen den Polen „Idiotie“ und „Unreflektiertheit“. Raumfahrer, unterwegs in den unendlichen Weiten der Dummheit, können das Zwillingsgestirn „Ficken, Saufen, Ficken, Saufen, FICKEN FICKEN FICKEN, SAUAAAAUFEEEN!“ besuchen und schon kurz darauf den fragilen Meteoritenhaufen namens „Wie jetzt? Zukunft?“ passieren.

Ein Mangel an Intelligenz ist nicht immer ausschlaggebend für Dummheit, wirkt häufig jedoch verstärkend. Nicht immer lässt sich Dummheit an der Kleidung festmachen oder an der Solariumbräune – aber man öffnet in solchen Fällen zum Glück nur sehr selten die falsche Schublade.

Letztendlich glaube ich aber, dass es purer Neid ist, der mich dazu veranlasst, die Dummheitsschublade so sehr zu pflegen. Dummheit, denke ich, macht einfach glücklich. Was muss das doch für ein zufriedenes Leben sein, sich nicht ständig den Kopf über alles mögliche zu zerbrechen. Leben, Tod, Leben nach dem Tod. Glück, Liebe, Gott, Gerechtigkeit. Sinn und Unsinn des Lebens. Mensch-Maschine-Dualismus. Körper-Geist-Seele Fragen. Alles für die Katz.

Wer so richtig dumm ist, dass er – um bei der Metapher des Universums zu bleiben – im Wurmloch lebt, das den Raum knickt und die Pole „Idiotie“ und „Unreflektiertheit“ miteinander verbindet, muss wohl der glücklichste Mensch der Welt sein. Wer sich daran ein Beispiel nehmen möchte, für den dürfte das alte Credo nicht mehr lauten: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“, sondern vielmehr: „Lebe jeden Tag, als wärst du richtig dumm.“

Es ist schon fast eine Anlehnung an die abstrakten Denkweisen des Zen-Buddhismus: Einfach Sein. René Descartes „Ich denke, also bin ich“ wird unfassbar positiv abstrahiert:

„Ich“, das wird einfach hingenommen, als gegebene Größe akzeptiert.
„Denke“, wohl eher nicht!
„Bin ich“, eindeutig grammatikalisch zu komplex.
Bleibt also „Also“.

Und klingt das nicht nach Tatendrang, nach in den Tag hineinleben? Einfach aufwachen und sich sagen: Also! Das Heureka der Idiotie und Dummheit!

Da fragt man sich nur, ob die von Dummheit gesegneten Mitbürger das ganze überhaupt zu schätzen wissen. Wissen sie denn, dass sie glücklich sind? Oder fehlt ihnen dafür die über Selbstreflektion erhaltene Erkenntnis des Glücksgefühls?

Ich denke, ich werde das mit dem Schubladendenken für das Jahr 2011 doch auf Eis legen und einfach mal versuchen, ein bisschen dumm zu sein. Ja, für mich wird 2011 das Jahr der spirituellen Dummheit!

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen idiotischen Jahreswechsel und ein dummes neues Jahr!

… Doktor Google?

Veröffentlicht: 2. Dezember 2010 in Gesellschaft, Privat
Schlagwörter:, , , ,

Ich muss Ihnen sagen, ich fühle mich nicht sonderlich wohl. Zumindest körperlich nicht. Seelisch, psychisch und mental bescheinige ich mir einfach mal eine absolute Quickfidelität, die ihresgleichen sucht. Es ist halt nur so, dass ich mir schon ein paar Sorgen mache. Man wird ja eben auch nicht jünger. Und was man so ab und zu liest, das kann schon mal zu der einen oder anderen schlaflosen Nacht führen.

Ich bin auch nicht unbedingt jemand, der pausenlos in sich hineinhorcht und bei jedem Magengrummeln aufschreckt. Aber zwei Tage in Folge Magengrummeln würden mir dann doch wieder zu denken geben. Aber: Mit dem Magen ist soweit alles in Ordnung, der macht seine Arbeit ganz gut. Ich würde auch nicht beim zweiten Tag Magengrummeln sofort zum Arzt rennen. Wäre doch albern. Nirgends ist ja die Gefahr so groß, ernsthaft zu erkranken, wie im überfüllten Wartezimmer eines Allgemeinmediziners. Schnupfen, Erbrechen, Durchfall (wenn es schlimm kommt auch in der wirklich furchtbaren Kombination namens Miserere), womit man sich da nicht alles anstecken könnte. Dazu auch noch die direkte Konfrontation mit dem Leid, dem Altern und dem unvermeidbaren Ende unseres Lebens.

Nein, sage ich, das muss nicht sein!

Da begebe ich mich doch lieber in die heiligen Hallen des größten medizinischen Instituts – das Internet – und lasse mich von Doktor Google von Kopf bis Fuß auf Herz und Nieren testen (die zwar weder im Kopf noch in den Füßen sind, aber kleinkariert möchte ich hier wirklich nicht werden, denn mit der Gesundheit ist ja nun einmal nicht zu spaßen!). Foren, Ratgeber, Medizinartikel bei Wikipedia, Medikamentenlisten, Gesundheitsbücher und -zeitschriften, Expertenchats. Es ist einfach wunderbar! Ein Eldorado für Wartezimmerscheue, Hypochonder und Informationsdurstige.

Aber leider verstärken sich die Sorgen damit nur noch mehr. Denn es sieht für mich wirklich nicht gut aus, das können Sie mir glauben! Alles deutet auf eine akute Amalgamvergiftung hin.

Seit drei Wochen plagen mich nun schon starke Müdigkeit, immer wiederkehrender Kopfschmerz und ein wirklich unangenehmer Geschmack im Mund. Die Suche beginnt natürlich mit dem Googeln der Symptome und manche möglichen Diagnosen stechen hervor, als wären sie in einen Eimer Signalfarbe getaucht und lassen alles andere verblassen.

Müdigkeit: Pfeiffersches Drüsenfieber. Keine gute Sache. Aber da: Mist! Fast jede Krebserkrankung verursacht Müdigkeit. Ich werde etwas nervös. Das ist nicht gut.

Kopfschmerzen: Die Meningits springt mich sofort an! Schlaganfall! Hirntumor! Fuck!

Schlechter Geschmack im Mund/Mundgeruch: Da ahne ich auch schon schlimmes. Garantiert Magenkrebs. Und da: Netdoktor.de schreibt es: Bösartiger Tumor!

Mir schwant nichts Gutes, das wird kein gutes Ende mit mir nehmen. Aber es wäre auf jeden Fall falsch, jetzt schon die Recherche zu beenden und die Flinte ins Korn zu werfen. Also, schlauer Fuchs, suche ich nach den Kombinationen der Symptome. Und da ist sie: die Amalgamvergiftung. Nicht schön, aber auf jeden Fall besser als Krebs. Auch irgendwie schon was besonderes.

Und es stimmt schon, ein paar Amalgamfüllungen zieren meine Zahnreihen und neulich beim Zahnarzt wurde mir mitgeteilt, dass da so eine Füllung ist, die nicht mehr so ganz die fitteste ist und mal erneuert werden müsste.

Oh Gott, ich war beim Zahnarzt! Da habe ich doch garantiert einen Haufen Quecksilberdämpfe eingeatmet. Wie zur Bestätigung schwillt das Pochen in meinem Kopf an und der Geschmack in meinem Mund nach in abgestandenen Kaffee getunkte Socken wird stärker.

Ich hole tief Luft, denn gleich muss ich mich wohl oder übel mit meiner Lebenserwartung auseinandersetzen. Doktor Google hat schon ein ernstes und mitfühlendes Gesicht aufgesetzt. Meine Finger zittern beim Nachuntenscrollen …

Glücklicherweise werde ich abgelenkt. Sie müssen wissen, seit ein paar Wochen habe ich nicht mehr ganz so viel Zeit, wie früher. Ich muss mich dann mal kurz um das leise Plärren aus dem Schlafzimmer kümmern, mein Sohn – stolze drei Wochen alt – ist gerade aufgewacht und hat wohl Hunger. Vielleicht muss ich doch mal zum Arzt gehen, wegen meiner Amalgamvergiftung. Man und ich hab’s schon wieder nicht geschafft, mir die Zähne zu putzen, bevor mein Kleiner wach wird.

Als Vater sollte ich wirklich über ein neues Zeitmanagement nachdenken. Wenn die Amalgamvergiftung doch nur keine Müdigkeit verursachen würde …