… die spirituelle Dummheit?

Veröffentlicht: 29. Dezember 2010 in Gesellschaft, Kultur
Schlagwörter:, , , , ,

Bald ist es wieder soweit: Jahreswechsel.

Und wie immer gehen die Tage zwischen den Jahren einher mit einem Dauernieselregen unkreativer Jahresrückblicke. Ihnen zu entgehen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Nahezu so, als würde auf allen Sendern RTLs grauenhafte, schon in die 89. Folge gehende „Ultimative Chartshow“ mit einem debil grinsenden Oliver Geissen laufen.

Wer hat was mit wem und wenn ja warum und vor allem wie oft gemacht? Kriege, Katastrophen, Eurovision Songcontest, Krisen, Ölkatastrophen, Wahlen, Wale, Sex, Sex mit Walen, Skandale, Rücktritte, Missbrauch, Helden, Schurken, russische Gerichtsurteile … alles ist wieder da und das meiste davon für die meisten sowieso nicht wert in Erinnerung zu bleiben – bis auf die Alliteration mit S natürlich:  Songcontest, Sex, Skandale!

Und wenn dann resümiert wurde, dass lediglich die Rettung der chilenischen Kumpel eine frohe Botschaft war, dann wird der Blick vom Vergangenen auf das Zukünftige gerichtet: „Und was nimmst du dir für das neue Jahr vor?“

Ja, was denn? Ein bisschen weniger fluchen? Scheiße, sicher nicht! Nicht mehr rauchen? Hab ich eh noch nie gemacht. Mit dem Rauchen anfangen, damit ich endlich mal einen guten Vorsatz für das übernächste Jahr habe? Ich denke eher nicht.

Vielleicht – ja, das wäre was! –  ein wenig mit dem Schubladendenken aufräumen. In letzter Zeit erwische ich mich dabei immer häufiger. Obwohl doch meistens eine geradezu schillernde Farbenvielfalt zwischen den Schwarz-Weiß-Kontrasten der Schubladenwände schlummert.

„Dummheit“ steht zum Beispiel auf einer Schublade in meinem kognitiven Archiv geschrieben. Und wie wunderbar, sie öffnet so schnell und geräuschlos wie kaum eine andere Schublade. Ihre Laufräder werden ständig geölt, so oft ist sie in Betrieb. Kein Quietschen, kein Scharren. *Biep* Dummheitsdetektor schlägt an. *Suuuusch* Schublade auf. *Tack* Abgestempelt. *Bämm* Schublade zu. Herrlich!

Dabei ist das falsch, mon dieu! Denn auch wenn man sehr häufig und wirklich ganz objektiv die Dummheitsschublade füttern kann, so ist Dummheit nicht gleich Dummheit. Geradezu ein Kosmos des Dummen eröffnet sich dem, der sich traut, kurz zu verweilen und zu beobachten. Er wird irgendwo aufgespannt zwischen den Polen „Idiotie“ und „Unreflektiertheit“. Raumfahrer, unterwegs in den unendlichen Weiten der Dummheit, können das Zwillingsgestirn „Ficken, Saufen, Ficken, Saufen, FICKEN FICKEN FICKEN, SAUAAAAUFEEEN!“ besuchen und schon kurz darauf den fragilen Meteoritenhaufen namens „Wie jetzt? Zukunft?“ passieren.

Ein Mangel an Intelligenz ist nicht immer ausschlaggebend für Dummheit, wirkt häufig jedoch verstärkend. Nicht immer lässt sich Dummheit an der Kleidung festmachen oder an der Solariumbräune – aber man öffnet in solchen Fällen zum Glück nur sehr selten die falsche Schublade.

Letztendlich glaube ich aber, dass es purer Neid ist, der mich dazu veranlasst, die Dummheitsschublade so sehr zu pflegen. Dummheit, denke ich, macht einfach glücklich. Was muss das doch für ein zufriedenes Leben sein, sich nicht ständig den Kopf über alles mögliche zu zerbrechen. Leben, Tod, Leben nach dem Tod. Glück, Liebe, Gott, Gerechtigkeit. Sinn und Unsinn des Lebens. Mensch-Maschine-Dualismus. Körper-Geist-Seele Fragen. Alles für die Katz.

Wer so richtig dumm ist, dass er – um bei der Metapher des Universums zu bleiben – im Wurmloch lebt, das den Raum knickt und die Pole „Idiotie“ und „Unreflektiertheit“ miteinander verbindet, muss wohl der glücklichste Mensch der Welt sein. Wer sich daran ein Beispiel nehmen möchte, für den dürfte das alte Credo nicht mehr lauten: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“, sondern vielmehr: „Lebe jeden Tag, als wärst du richtig dumm.“

Es ist schon fast eine Anlehnung an die abstrakten Denkweisen des Zen-Buddhismus: Einfach Sein. René Descartes „Ich denke, also bin ich“ wird unfassbar positiv abstrahiert:

„Ich“, das wird einfach hingenommen, als gegebene Größe akzeptiert.
„Denke“, wohl eher nicht!
„Bin ich“, eindeutig grammatikalisch zu komplex.
Bleibt also „Also“.

Und klingt das nicht nach Tatendrang, nach in den Tag hineinleben? Einfach aufwachen und sich sagen: Also! Das Heureka der Idiotie und Dummheit!

Da fragt man sich nur, ob die von Dummheit gesegneten Mitbürger das ganze überhaupt zu schätzen wissen. Wissen sie denn, dass sie glücklich sind? Oder fehlt ihnen dafür die über Selbstreflektion erhaltene Erkenntnis des Glücksgefühls?

Ich denke, ich werde das mit dem Schubladendenken für das Jahr 2011 doch auf Eis legen und einfach mal versuchen, ein bisschen dumm zu sein. Ja, für mich wird 2011 das Jahr der spirituellen Dummheit!

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen idiotischen Jahreswechsel und ein dummes neues Jahr!

Advertisements
Kommentare
  1. Elvira sagt:

    Ach, ja, diese Schubladen. So schön einfach alles. Vor allem, wenn es darum geht, Menschen zu kategorisieren und in die entsprechenden Schübe zu stecken. Sind die erst mal da drinnen, gibt es kein Entrinnen. Huch, ich bin ja richtig poetisch! Öffnet die Lade, in die die Kreativen kommen, da möchte ich rein. Nur dumm, dass nicht jeder Mensch sofort einer Schublade zugeordnet werden kann. Noch dümmer, dass die Schubladenbestücker nicht eindeutig erkennbar sind. Das wäre doch fortschrittlich: Ein Tatoo auf die Stirn „Ich denke in Schubladen, also gar nicht!“ Jens, ich glaube, ich schließe mich Deinen Vorsätzen an und mache mal auf dumm. Aber ob das geht? Um auf dumm zu machen muss man, glaube ich, wohl sehr klug sein, oder?

  2. […] sollte ich mir vornehmen dumm zu werden? In einem Blog wird über spirituelle Dummheit philosophiert. Der Dumme ist glücklich, weil er von seiner Dummheit nichts weiß. Er […]

  3. mayarosa sagt:

    Wie definierst du eigentlich Dummheit? wage ich jetzt hier ganz dummdreist klugzuscheißen 🙂
    Schubladen hat jeder. Das ist gar nicht dumm. Sie helfen uns, uns in unserer Umgebung zu orientieren und zurechtzufinden. Hilfreich ist es, sich dessen bewusst zu sein und die eigenen Schubladen öfters mal zu hinterfragen oder nicht als Tatsachen zu interpretieren. Außerdem verrät jede Schublade etwas über uns selbst. Ist Spiegel unserer eigenen Wahrnehmung und Werte. LG mayarosa

    • Hallo Mayarosa,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Hinterfragen finde ich gut. Nicht zu hinterfragen wäre dumm. Unter all den Synonymen, die es für „dumm“ gibt, gefällt mir „tumb“ am besten, denn es drückt so sehr aus, was ich unter Dummheit verstehe: Abgestumpftheit, Desinteresse, eine „Egal-Haltung“.
      Sehr viel wichtiger als die so hoch gepriesene Intelligenz ist meiner Meinung nach eh die emotionale Intelligenz, die uns zum Mitfühlen bemächtigt, uns in andere Personen hinein versetzen lässt, die uns antreibt nach „des Pudels Kern“ zu suchen.
      Und deshalb steckt in dem Eintrag natürlich eine ordentliche Portion Zynismus, denn wer nicht hinterfragen kann oder will, wer seine Schubladen nicht zu betrachten in der Lage ist, der kann auch nie wertschätzen, dass er glücklich ist.
      Liebe Grüße
      Jens

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s