.. „Peng! Peng! Du bist tot!“ – das Kinderspiel?

Veröffentlicht: 25. Februar 2011 in Gesellschaft, Medien, Politik
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Eines vorweg: Keine Angst, ob meiner neuen Vaterrolle verkommt dieses Blog jetzt nicht zu einer Ansammlung von Artikeln über Kinder, Kacka und Kurzgeschichten. Des Weiteren werden Sie hoffentlich auch nie Kinderkackakurzgeschichten an und für sich zu lesen bekommen. Wenn doch, dann möchte ich Sie, liebe Leserin und lieber Leser, dazu auffordern, mir rechtzeitig einen Stock zwischen die Speichen zu werfen und mich an das eigentliche Thema dieses Blogs zu erinnern.

***

Ach ja, die lieben Kleinen. Es gibt wohl kaum etwas lebhafteres als die kindliche Fantasie.
Das hab ich mir zumindest sagen lassen. Nicht dass ich da schon wirklich mitreden könnte. Beschränkt sich doch die Kreativität meines kleinen Windelpupsers primär darauf, seinem Titel auf möglichst spektakuläre Art und Weise gerecht zu werden. Glücklicherweise sind seinem Ideenreichtum dabei gewisse Grenzen gesetzt.

Aber was rede ich da. Schließlich war man ja auch selber mal Kind und kann sich sicherlich an so manch famoses Spiel erinnern. Und auch wer sich nicht eines Gedächtnisses rühmen kann, das bis in die frühesten Kindheitsjahre zurückreicht, der kann doch garantiert in direkter Nachbarschaft das eine oder andere menschliche Jungexemplar beim fröhlichen Spiel beobachten.

Räuber und Gendarm, der Klassiker. Immerhin geht es dabei um eine gewisse Form der Gerechtigkeit. Auch wenn sich nach dem Einfangen der Räuber eher selten Gerichtsverhandlungen anschließen und sich die Gendarmerie in ihrer Pflichtausübung auch wohl weniger darum bemüht, zu eruieren, welcher Straftat sich die Gejagten denn schuldig gemacht haben.

Cowboy und Indianer. Da steckt schon eher das Potential drin, vor dem internationalen Gerichtshof für Menschenrechte einen Völkermord zu verhandeln. Ritterspiele jeder Art sind auch beliebt und wer nicht im Besitz kunstvoll geschnitzter Holzschwerter ist, der bedient sich einfach eines Stockes und versucht damit, seine Kontrahenten zu bezwingen. Wer weiß, heutzutage spielt man bestimmt auch „Space Invaders“ oder „Ghetto-Gangster und Cops“.

Alles in allem kommt man nicht umhin festzustellen, dass also nicht gerade die Völkerfreundschaft und der Weltfriede auf kleiner Ebene geprobt werden. Und die Frage drängt sich unweigerlich auf: Was ist denn da los mit der Gewalt im Kinderspiel?

Ich meine, man versucht überall ein Vorbild für die Kinder zu sein. An jeder Ampel, die mir signalisiert, dass meine Füße gefälligst diesseits der Bordsteinkante  zu verharren haben, folge ich dieser Aufforderung, wenn ich ein kleines dickes Kind auf der anderen Straßenseite sehe. Doch dann – die Ampel schaltet um – kreuzen sich unsere Wege in der Mitte der Straße, das kleine dicke Kind spannt Daumen und Zeigefinger auseinander, zielt auf mich und „Peng! Peng! Du bist tot, motherfucka!“. Gut, letzteres entspringt in diesem Fall nur meiner Fantasie. Doch von Verbalprojektilen durchlöchert frage ich mich dann noch einmal: Wo haben unsere Kinder denn diese Gewaltorientierung her?

Steckt das vielleicht in den menschlichen Genen? Gewalt als kulturelles Erbe unserer Spezies. Ich durfte eine Kindheit genießen, die vollkommen frei von Gewalt war. Selbstverständlich im offensichtlichen Sinne frei von Gewalt gegen Kinder, aber auch mit dem Bemühen, jede Auseinandersetzung und Konfrontation mit Gewalt zu vermeiden. Das mag mir heute etwas übertrieben erscheinen, gehört Gewalt doch wohl oder übel zur Welt dazu, doch auf der anderen Seite macht es mich auch Stolz, dass meine Eltern ein so idealistisches Ziel verfolgt haben.

Doch ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich einmal ganz verträumt mit einem kleinen Düsenjet gespielt habe, dessen rote Plastikraketen mit einer Feinmechanikerzange abgeknipst wurden, ehe er meinen kleinen Wurstfingern ausgehändigt wurde. Das Flugzeug flog Manöver, dass die Gs jeden Piloten nur so zerquetscht hätten. „Bamm! Bamm!“, ließ ich zwei laute Kracher ertönen, woraufhin mich mein Bruder ermahnte, dass ich doch wohl wüsste, dass unsere Eltern nicht wollten, dass wir mit Waffen spielten. Glücklicherweise konnte ich mich damit herausreden, dass das doch gar kein Raketenbeschuss war, sondern dass der Düsenjet gerade die Schallmauer durchbrochen hatte – zweimal.

Eigenartig, ich kann mich daran genau erinnern. Aber einfach nicht, wann ich vorher mal einen Kampfflieger gesehen hätte.

Wachsen unsere Kinder seit Generationen ganz direkt mit Gewalt auf? Wir lassen sie in jungen Jahren tatsächlich guten Gewissens Spiele spielen, die Vorgänge simulieren, bei denen es primär darum geht, Gegenstände durch den Körper eines Gegners zu bohren. Und das in einem Alter, in dem Kinder noch kein Verständnis für Moral und Ethik haben. Jugendlichen, die mittlerweile sehr wohl zwischen gut und böse sowie richtig und falsch unterscheiden können, wollen wir dann aber als Moralapostel verbieten, „Killerspiele“ am Computer zu spielen. Während zwei drei Generationen weiter die Gewalt im Schützenverein wieder komplett entmoralisiert und als Kulturgut in der Gesellschaft verankert wird. Da stimmt doch was nicht.

Wie sahen solche Kinderspiele wohl in der Steinzeit aus? Stellen Sie sich doch mal vor, wie Sie im Garten sitzen und die kleine Ubonga aus der Nachbarhöhle mit ihrem süßen Klomp spielen sehen. Herzzerreißend wie die beiden durch die Gegend turnen. Ubonga mit einer zur Klaue verkrampften Hand, in der offensichtlich ein imaginärer aber verdammt schwerer und spitzer Stein liegt, so groß, dass sie ihn kaum umfassen kann und mit dem sie spielerisch versucht Klomps Schädel einzuschlagen. Glucksend fährt ihre Hand herunter und ein johlendes „Krack! Krack! Kopfmus!“ entweicht ihrem schelmischen Grinsen.

Da kann man doch eigentlich nicht anders, als mal Danke zu sagen:

Danke, liebe Rüstungsindustrie! Danke dafür, dass Schweiß, Ideenreichtum und Unmengen Geld investiert wurden, um das Töten zivilisierter und alltagstauglicher zu gestalten!

Wie langweilig wäre doch das Leben, wenn die lieben Kinder auf dem Pausenhof UNO-Vollversammlung spielen würden.

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Kommentare
  1. Jens N. sagt:

    Die Frage nach der Veranlagung zu Gewalt ist eine überaus interessante und naheliegende. In der archäologischen Forschung gehen wir momentan davon aus, das erst die mit der Sesshaftwerdung im Rahmen der sog. ‚Neolithischen Revolution‘ verbundene Anhäufung relevanten ‚Besitzes‘ zu Begehrlichkeiten und einer Institutionalisierung von Gewalt führte („mein Feld“, „meine Herde“). Das heisst natürlich nicht, dass die Zeit paläolithischer Jäger und Sammler gewaltfrei gewesen wäre, aber das Konfliktpotential wird sich sicher dramatisch gesteigert haben, als aus vergleichsweise kleinen umherziehenden Gruppen, größere sesshafte Verbände wurden (die ja letztlich in einer sozialen Organisation bedurften, die zwangsläufig in hierarchischen Strukturen mündete).

    Gewalt, die über den Selbstzweck der Arterhaltung hinausgeht, scheint in der Tat etwas zutiefst menschliches zu sein. Soweit ich mich erinnere, sind ähnliche Verhaltensmuster auch in Schimpanse- und Gorillahorden zu beobachten, wo es zu regelrechten Kriegszügen kommt. Also doch genetische Veranlagung? Es wäre sicher interessant, einmal die einschlägigen Studien unter dem Gesichtspunkt der Motivation solcher Handlungen unter Menschenaffen (die mithin ja auch als einzige Tiere – neben dem Menschen – gelten, die Sexualität nicht allein aus Gründen der Reproduktion betreiben, wobei ich hier keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen beiden Themen konstruieren möchte)) zu lesen.

    • Hey, dann lag ich ja mit meiner Ubonga und dem kleinen Klomp gar nicht so daneben. Aber tatsächlich ein spannendes Thema, das interdisziplinärer in seiner wissenschaftlichen Betrachtungsweise nicht sein kann.

  2. Mein lieber Sohn – ich weiß, ich weiß! Friede, Freude, Eierkuchen taugt vielleicht als Motto für eine Love-Parade, ist aber im Erziehungsalltag ziemlich blauäugig. Aber ich lehne Gewalt aus allertiefster Seele ab (bin mir meiner aggressiven Seite aber natürlich voll bewusst). Lustig, ich kann mich an diese Flugzeugepisode überhaupt nicht erinnern. Nur daran, wie Dein Bruder immer völlig verzweifelt war, wenn Patrick aus Lego Pistolen baute und seine He-Man-Figuren (hießen die so?) miteinander kämpfen ließ.
    Woher die Gewalt, die heute schon kleine Kinder an den Tag legen, herrührt, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube aber, dass vielen Kindern heute die liebevolle Zuwendung fehlt, dass Eltern einfach zu wenig Zeit haben, sich intensiv mit ihrem Nachwuchs zu beschäftigen. Den Kindern fehlen auch Freiräume, ihre Phantasie und Kreativität fällt in vielen Fällen einem voll gepackten Stundenplan zum Opfer. Eltern fehlt auch die Zeit, sich wirklich mit dem Alltag ihrer Kinder auseinander zu setzen. Am Abend, nach Kita, Sport, Musikschule u.ä. reicht die Restzeit doch gerade mal für ein gemeinsames Abendbrot. Und die Eltern oder alleinerziehende Elternteile sind abends auch gestresst, müde, ausgelaugt. Ich möchte nicht wissen, in wie vielen Fällen da der Fernseher als „Babysitter“ eingesetzt wird.
    Fernsehen ist ja eh ein spezielles Thema: http://quilttraum.wordpress.com/2010/12/31/zum-jahreswechsel/ Aber den post kennst Du ja schon!
    Ich wünsche mir, trotz Deiner vielleicht übertrieben gewaltfreien Erziehung, dass mein Enkel ein klein wenig davon profitieren mag.
    Kuss! Mama!

  3. […] Selbstwertgefühl, Mitgefühl, bedingungloses Vertrauen zu den Eltern waren meine Erziehungsideale. Gewaltlosigkeit gehörte ebenso dazu wie Gerechtigskeitsempfinden. Meine Enkel werden Dinge lernen müssen, die ich […]

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