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… der Googlefisch?

Veröffentlicht: 11. Oktober 2010 in Gesellschaft, Medien
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Google ist schon richtig toll!

Nein, nein, keine Angst, das wird jetzt kein Beitrag, der sich einreiht in sarkastische Bemerkungen über Datenschutz und übermächtige Unternehmen. Ganz ehrlich: Google ist super.

Ich denke, dass es nicht mehr lange dauern wird und Google avanciert zum sozialwissenschaftlichen Forschungsinstrument Nummer 1, mit gehörigem Abstand gefolgt von Interviews, Experimenten und altbackenen Fragebögen. Vom persönlichen Nutzen mal ganz abgesehen.

So kann man sich mal einen Spaß machen und die Google-Vorschläge ausprobieren. In die Suchmaske vorsichtig einen Begriff eingeben und schauen, was die Suchmaschine als Komplettierung des Begriffes vorschlägt. Die Vorschläge sind natürlich nach den häufigsten Suchanfragen in Zusammenhang mit diesem Begriff geordnet. Was für ein Forschungspotenzial. Denn welcher Sozialwissenschaftler hat sich noch nicht über die sonst aus quantitativen und qualitativen Interviews allzu bekannten Hemmschwellen geärgert, die offensichtlich jedoch ad acta gelegt werden, wenn man alleine am Rechner sitzt und die Suchmaschine füttert.

Probieren wir es doch mal aus. Geben wir einfach bei Google „Deutsche sind“ ein und schauen uns die Vorschläge an. Also:

„Deutsche sind“:

  1. nazis
  2. hässlich
  3. kalt
  4. kartoffeln
  5. nichtmigranten mehr nicht
  6. dumm
  7. arrogant
  8. rassisten
  9. opfer

Faszinierend oder? Da wollten uns Bild und B.Z. immer weiß machen, wir wären Papst, Lena und fast schon Weltmeister, dabei sind wir Deutschen offensichtlich hässliche, kalte Nazis, die Opfer ihrer rassistischen und dummen Arroganz sind.

Probieren wir es weiter:

„Angela Merkel ist“:

  1. tot
  2. spurlos verschwunden
  3. hässlich
  4. he-man

Letzteres sollte sicherlich für das CDU-Wahlkampfmanagement für den nächsten Bundestagswahlkampf mehr als verwertbar sein, allerdings nur, wenn die ersten beiden Vorschläge hoffentlich nicht der Wahrheit entsprechen. Als Gentleman lasse ich den dritten Vorschlag lieber unkommentiert.

Da die Deutschen ja Ländervergleiche mögen, können wir einfach mal fortfahren mit „Amerikaner sind“:

  1. dumm
  2. fett
  3. schweine
    Achtung! Jetzt kommt wirklich bahnbrechendes geographisches Fachwissen, das mit Google auf seine zweifelsfreie Richtigkeit überprüft werden sollte:
  4. europäer
  5. arrogant

Und natürlich, wenn Frau Merkel schon herhalten musste, dann selbstverständlich auch der US-amerikanische Präsident, denn „Obama ist“:

  1. tot
  2. osama
  3. kein amerikaner
  4. präsident
  5. moslem
  6. der antichrist
  7. ein lügner
  8. gebürtiger reutlinger
  9. schweizer

Deutsche und Amerikaner sind also dumme und arrogante Europäer, die von toten Staatsmännern und -frauen regiert werden, die entweder über die Macht von Grayskull verfügen oder verlogene Reutlinger und/oder Schweizer mit direktem Draht zum Teufel sind. Wenn das mal nicht fundiertes Fachwissen für die Bundeszentrale für politische Bildung ist?

P.S.: Das Ganze basiert natürlich auf den deutschsprachigen Suchanfragen. Führt man die Merkel/Obama-Anfrage auf der englischsprachigen Google-Seite durch, dann lernt man, dass Obama auch für die Amerikaner der Antichrist und ein Moslem ist und dass Angela Merkel scheinbar Hitlers Tochter ist.

P.P.S.:  Dass offensichtlich nur negative Vorschläge geliefert werden, sollte auch nicht überinterpretiert werden, denn schließlich gilt „Google ist“:

  1. dein freund
  2. ne missgeburt
  3. doof
  4. schwul
  5. böse
  6. dein bester freund
  7. dumm
  8. eine missgeburt
  9. nicht dein freund

Das hält sich doch fast die Waage!

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Über Oger, Menschen, Zwiebeln, das Denken, Bundespräsidenten, kleinste und größte gemeinsame Nenner, die Aufklärung, den Islam und die menschliche Identität – bringen Sie das mal alles unter einen Hut!

„Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ lautet der Titel des sehr populären Buches von Richard David Precht, das sich lange Zeit an der Spitze der deutschen Büchercharts behaupten konnte. Wahrlich keine leicht zu beantwortende Frage und ein Thema, das sich angesichts ein paar Jahrtausende währender Geistesgeschichte auch nicht mal eben als philosophische Fingerübung in einfache Formeln für den Haus- und Alltagsgebrauch verpacken lässt.

Wie gut, dass es Hollywood gibt und wir von Shrek lernen können, dem gütig-grässlichen Oger.  Der nämlich musste nicht erst Prechts Buch lesen, um von sich behaupten zu können: „Ich bin eine Zwiebel!“ Dass der grünhäutige Antiheld das im übertragenen Sinne gemeint hat und nicht als Warnung an Köche vor brennenden Augen beim Hacken von Ogern verstanden haben möchte, sei einfach mal vorausgesetzt.

„Heureka!“, möchte man rufen. „Auch der Mensch ist eine Zwiebel.“

Denn was die klugen Köpfe des DreamWorks Prictures Teams Shrek auf die digitale Zunge geschrieben haben, um seine unglaublich vielschichtige Persönlichkeit erklären zu können, kann auch bestens als Metapher für das menschliche Wesen sowohl im Einzelnen als auch für sein Auftreten in einem sozialen Gefüge dienen. Fast wünschte man sich, Bundespräsident Christian Wulff hätte sich bei seiner Jubiläumsrede zum Tag der Deutschen Einheit eben dieses Bildes bedient, anstatt historisch schwammig zu schwadronieren, was zu Deutschland gehört und was nicht.

Er hätte sagen können: „Schaut her liebes wiedervereintes Volk, ich hab da mal was vorbereitet. Ich habe hier einen Sack voller Zwiebeln und einen Packen Stifte. Jetzt kommt jeder nach einander nach vorne an mein Rednerpult und nimmt sich eine Zwiebel und einen Stift und schreibt auf die äußerste Haut der Zwiebel ‚Mensch‘. Dann pult jeder ganz ganz vorsichtig Haut für Haut ab und schreibt rauf, was immer sie oder er gerne möchte. Nur auf den innersten Teil schreibt bitte wieder jeder ‚Mensch‘. Dann legen wir die Zwiebel wieder genauso zusammen. Und schon haben wir unsere gemeinsame Identität.“

Natürlich ist es falsch, dass der Islam mittlerweile zu Deutschland gehört. Genauso falsch wie die Behauptung, dass Christen- und Judentum, Buddhismus und Hinduismus zu Deutschland gehören. Alleine der Begriff der abendländlichen christlich-jüdischen Tradition suggeriert eine friedvolle Einheit der beiden Religionen, die es so leider nie gegeben hat. Keine Religion gehört zu Deutschland! Die Religion gehört zu den Menschen die hier leben, die aber alle zuallererst in ihrem Kern und nach außen hin Menschen sind und genauso gut entscheiden können, dass sie keine ihrer Zwiebelschalen mit „Christ“, „Moslem“ oder „Jude“ beschriften.

In der Umgangssprache gibt es die Ausdrücke des kleinsten und des größten gemeinsamen Nenners. Ersterer bezeichnet einen Minimalkonsens auf aller niedrigster und unbefriedigendster Ebene, zweiterer einen äußerst fortschrittlichen Maximalkompromiss. Niemand vermag zu beeinflussen, ob man als Mensch geboren wird (sieht man mal vom Kharma ab) oder nicht. Was somit zuallererst als kleinster gemeinsamer Nenner erscheint, ist doch in Wahrheit der größte. Das Menschsein ist die Wurzel unserer sozialen Diversität und das, was unsere individuellen Biographien eint. Es ist die Basis für Toleranz, Mitgefühl, Nächstenliebe, Demut und Gerechtigkeit, für die höchsten geistigen Güter, die die Menschheit besitzt. Menschenrechte sind universell, weil das Menschsein hoch über dem Christsein, dem Judesein, dem Moslemsein steht. Wer auf die äußerste Haut der Zwiebel der menschlichen Identität etwas anderes als „Mensch“ schreibt, an dem ist die Aufklärung vorbeigegangen, der macht aus dem größten gemeinsamen Nenner wieder den kleinsten.

 

Okay, zugegeben: Es wäre übertrieben zu behaupten, ich würde mich Nacht für Nacht von Seite zu Seite werfen und mit dieser mich quälenden und mir den Segen des Schlafes verwehrenden Frage kämpfen. Aber tatsächlich schleicht sie sich immer wieder mal an und flüstert mir die Gewissheit ins Ohr, dass ich versagt habe.

Versagt, oh je!

Dass ich es nicht aufklären kann, wie man in Kontakt mit einem Auftragsmörder tritt.

Sie kommt dann nachts so an, zeigt mir eine lange Nase und sabbert mir voll Hohn ins Ohr: „Dädädä, dädädä, weißte nicht, kannste nicht. Ätschibätsch!“ Verdammt, ich hasse so etwas! Beknackte, ausgebuffte und unerzogene Frage. Es zermürbt mich schon ein bisschen und nagt an mir, wie ein wildentschlossener Biber, der dem Wald im Yosemity-Valley den Krieg erklärt hat.

Aber manchmal erfährt ein solches Leiden Linderung, wenn man gar nicht damit rechnet.

Zack! Ganz plötzlich und unverhofft steht es dann vor einem. Schwarz auf Weiß sozusagen. Oder in meinem Fall: Lila mit schwarzer Kontur auf Silber und Efeu.  Und das alles nur wegen laktosefreier Milch.

Verwirre ich Sie? Das möchte ich nicht, verzeihen Sie mir bitte. Aber ich bin immer noch etwas aufgeregt, dass sich mir eine Spur zur Klärung der mich quälenden Fragen so plötzlich offenbart hat, so dass die Sätze geradeheraus aus meinen Fingerspitzen auf die Tastatur purzeln. Also Schritt für Schritt:

Sie müssen wissen, ich bin umgezogen. War schon etwas stressig. Ein typischer Umzug eben. Aber es war eine gute Ablenkung. Sowohl für mich, um mich nicht mehr mit unnützen Fragen herumquälen zu müssen. Als auch für den Bundesnachrichtendienst, der entweder das Interesse an mir verloren hat oder mit ausgefeilterer Technik aufwarten kann. Das Knacken in der Telefonleitung ist auf jeden Fall weg. Dafür muss aber jeder Handwerker, der etwas in der neuen Wohnung zu handwerken hat, einen umfangreichen Backgroundcheck über sich ergehen lassen.

Doch irgendwann ist auch der längste Umzug abgeschlossen und die Fragen melden sich zurück. Langsam aber penetrant. Patentes Rezept dagegen: Einfach mal die neue Wohngegend erkunden. Man muss ja schließlich wissen, wo es beispielsweise laktosefreie Milch zu kaufen gibt. Und tatsächlich: Gar nicht weit von der Wohnungstür entfernt öffnet eine Kaiser’s Filiale Tag für Tag ihre Automatiktüren für die Kundschaft. (Nebenbei bemerkt: Kaiser’s ist übrigens keine Reminiszenz an vergangene Herrschaftsformen, sondern geht vielmehr auf Josef Kaiser zurück, der Ende des 19. Jahrhunderts die erste richtige Kaffeeröstmaschine erfand – daher wohl auch die Kaffeekanne als Logo des Unternehmens).

Gut gelaunt und angenehm abgelenkt, schlendere ich über den Parkplatz des Supermarkts. Plötzlich verharren meine Beine, meine Augen weiten sich und mein Verstand beginnt zu arbeiten. Der Parkplatz wird von einer etwa zwei Meter hohen Mauer begrenzt. Mit Efeu bewachsen. Wahres Parkplatzidyll. Doch der Efeu kann nicht überall an der Mauer Fuß beziehungsweise biologisch korrekt ausgedrückt: Haftwurzel fassen. Und da steht es. In lila gesprayter runder Schrift, mit schwarzer Kontur versehen und auf silbrig glänzendem Untergrund:

„For Phila the Killa!“

Oh man, denke ich. Phila der Killa. Phila, könnte er wirklich ein Killer sein?

Nein, eher nicht. Sicherlich nur ein Versuch mittels seichten Vandalismus der jugendsubkulturellen Coolness Ausdruck zu verleihen. Zu sagen: „Efeu mein Arsch, Alter! Meine Parkplatzmauer! Hier setze ich mein Zeichen, und zwar dedicated für Phila den Killa, meinen Homie!“

Lila und Silber stelle ich mir auch nicht als so die ganz richtigen Farben des Auftragsmörderbusiness vor. Wobei ein Corporate Design für einen Auftragsmörder auch etwas hoch gegriffen wäre. Aber das wiederum ist eine andere Frage.

Mein Geist rotiert also: „Schmierereien von Halbstarken“, sagt mir der Verstand und meine metropolitane Lebenserfahrung nickt zustimmend. Kennen wir, schon oft genug gesehen. Aber auf der anderen Seite geht es hier um das Auftragsmörderbusiness. Helfen da ein normaler Verstand und an schroffer Urbanität geschliffene Lebenserfahrung weiter? Vielleicht ist Phila wirklich ein Killer und genau hier unter dem Efeu hinterlegen seine Auftraggeber ihre perfiden Mordpläne. Das Graffito ist dann Philas in den Himmel von Gotham City projiziertes Batman-Symbol. Und was wäre unauffälliger als eine auffällige Schmiererei, von der jeder denkt, dass sie aus der Dose semibegabter Jugendkünstler stammt?

Während ich das Regal mit der laktosefreien Milch suche, stelle ich mit Befriedigung fest, dass mein Geist seine Betriebstemperatur erreicht hat. Ich muss das im Auge behalten, sage ich mir. Aber wie?

Könnte umziehen und eine Wohnung mit Blick auf den Parkplatz suchen. Nein, bin gerade erst umgezogen und zu teuer.

Könnte mich als vietnamesischer Zigarettenschwarzmarkthändler ausgeben und den ganzen Tag vor Kaiser’s rumstehen. Blicke in mein fahles Spiegelbild in einer Scheibe einer Tiefkühltruhe. Muss diesen Plan verwerfen. Den Vietnamesen nimmt mir keiner ab.

Da, ich hab’s! Werde mir einen Stapel Obdachlosenmagazine à la Straßenfeger und Motz kaufen und die dann vor Kaiser’s feilbieten. So kann ich meine soziale Ader befriedigen, indem ich einem Motzverkäufer den Umsatz des Monats beschere (werde die Magazine natürlich billiger verkaufen, sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen) und kann den Parkplatz beobachten.

Gesagt, getan. Es ist natürlich wie immer: Wenn man mal dringend einen Motzverkäufer sucht, dann findet man keinen. Immerhin konnte ich mal wieder den ganzen Tag U-Bahn fahren und muss jetzt nicht, wie ursprünglich geplant, eine Woche aufs Duschen und Haarewaschen verzichten, sondern kann schon am nächsten Morgen meine Tarnidentität annehmen.

Ich schlüpfe also in den von meinem letzten Fahrradsturz stark zerschlissenen Parker, klemme mir den Stapel Magazine und den darin versteckten Notizblock unter den Arm und schlurfe miefend und müde zu Kaiser’s.

Es ist kein Zuckerschlecken, das kann ich sagen. Wer jemals wieder etwas von Hausiererromantik und den Vorzügen des Lebens auf der Straße faselt, kriegt von mir einen heftigen Tritt in den Hintern. Für 90% der Menschen ist man eh komplett unsichtbar. 9% der Passanten vermeiden es, in der Nähe zu atmen, da sie sich ja mit allerlei Krankheiten anstecken könnten. Immerhin 0,9% der Kaiser’s Kunden schütteln mitleidig und entschuldigend den Kopf und jeder tausendste kauft mir tatsächlich eine Zeitung ab.

Am späten Nachmittag dröhnt mein Kopf und ich habe Hunger. Wollte eigentlich von den Zeitungserlösen etwas zu essen kaufen. Aber erstens habe ich nicht genug Magazine verkauft und zweitens habe ich den Fehler begangen, zu fragen, ob ich die Mitarbeitertoilette benutzen darf. Das Mitgefühl der Mitarbeiter ist wirklich grenzwertig. Bin bei Kaiser’s jetzt nicht mehr so gerne gesehen.

Und es ist nichts geschehen. Kein Phila, kein Killer. Niemand, der sich am Efeu zu schaffen gemacht hat. Fehlanzeige!

In Gedanken darüber verloren, was ich eigentlich mache, wenn ich es mal schaffen sollte, Kontakt zu einem Auftragsmörder aufzunehmen – ich will ja schließlich nicht seine Dienste in Anspruch nehmen – werde ich unsanft angerempelt. Empört drehe ich mich um.

„Ey du Assi!“, brüllt mich jemand spuckend in einem zerschlissenen Parker an und holt zum zweiten Schupser aus. „Das is mein Stand, du Arschpimmel!“

Mein Blick fällt auf den Stapel Straßenfeger unter seinem Arm, seiner hingegen auf mein improvisiertes Pappschild ‚Motz! heute nur 80 Cent!’. Er läuft rot an. Ich überlege kurz, ob ich ihm erklären soll, dass ich ja eigentlich sehr sozial gewesen war. Verwerfe es aber, als ich die Ader auf seiner Stirn pulsieren sehe. Mir schwant nichts Gutes.

„80 Cent?“, er kreischt förmlich. „ACHTZIG CENT?! Ich bring dich um, du Schwein!“

Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch: „Phila?“

Oder: Lena hat Schuld!

Klar, sie sind jetzt nicht unbedingt die Helden der Nation. Sie kommen eher dezent daher und tummeln sich in Kreisen, die in der Gesellschaft auch nicht wirklich das größte Ansehen genießen. Aber immerhin bringen sie bedeutend mehr Nobelpreise nach Hause als ihre praxisorientierten Kollegen aus der Betriebswirtschaftslehre. Die Rede ist von Volkswirtschaftlern, die man entweder an jeder Universität trifft (gut, dort werden sie durchaus und zu Recht geachtet und geschätzt) oder aber in den Gefilden der Politik, frei nach dem umgedeuteten Motto: Wer nicht mal Wirt wird, wird Politiker!

Wer noch immer eine Karriere als Universalgenie im Auge hat, der sollte seinen Drang, jedes wissenschaftliche und kulturelle Fachgebiet zu verstehen und zu verinnerlichen, zuallererst mit volkswirtschaftlicher Lektüre auf Bestand und notwendige Geschmeidigkeit testen, ehe er sich an kantische Philosophie, dadaistische Malerei und neuere Neurobiologie wagt. Denn es bedarf schon eines relativ flexiblen Hirns, um sich auf die wissenschaftliche Arbeitsweise einfacher volkswirtschaftlicher Erklärungsmodelle einzulassen, ohne Gefahr zu laufen, der Stirn durch heftige Schläge mit der flachen Hand irreparable Schäden zuzufügen oder fortwährend an einem Schleudertrauma durch vehementes Kopfschütteln zu leiden. „Wir wissen, dass es keine Vollbeschäftigung gibt, aber wir gehen einfach mal von Vollbeschäftigung aus, da das Modell ansonsten leider nicht mehr funktioniert.“ Das hat schon etwas, kann man kaum leugnen. Oder wie wäre es damit: „Ja, es ist ein bisschen unrealistisch, aber das Marktmodell bringt nur dann sinnvolle Ergebnisse, wenn wir postulieren, dass sämtliche Informationen jedem Teilnehmer uneingeschränkt und ohne jeden Aufwand zugänglich sind, dass alle Arbeitnehmer vollkommen mobil sind und es – auch hier – keine Arbeitslosigkeit gibt.“

So macht Wissenschaft doch Spaß: Die Realität komplett und vollkommen bewusst ausblenden, umdrehen, umkrempeln, auseinandernehmen und falsch herum wieder zusammensetzen und damit dann die Realität erklären wollen. Kommt ja auch kein Arzt auf die Idee, einem unter Schienbeinschmerzen leidenden Patienten zu diagnostizieren: „Schmerzen im Schienbein? Ich schlage vor, dass wir einfach annehmen, Sie hätten gar keine Beine. Dann sind das auch nur Phantomschmerzen und mit denen können Sie eigentlich ganz gut leben. Ich überweise Sie trotzdem vorsorglich mal zum Neurologen, der sollte sich nach einer solchen Phantomamputation mal die Phantomstümpfe ihrer verbleibenden Phantombeine ansehen.“

Manchmal kann man aber auch wirklich nützliche Dinge von Volkswirtschaftlern lernen oder sie zumindest als Vorbilder begreifen. Beispielsweise wenn es darum geht, Größen zu erfinden, wie etwa den Nutzen. Nutzen, klar, das wird jeder sagen, gibt es. Toilettenpapier ist beispielsweise durchaus nützlich. Auch der Erfindung der zweiten und dritten Dimension kann ein gewisser Nutzen nicht abgesprochen werden, wäre sonst alles sehr, ja genau, eindimensional. Die Volkswirtschaftslehre schafft es nun aber, den Nutzen in den Mittelpunkt wichtiger Theorien zu rücken und rechnet sogar damit. Glücklicherweise geht man schon lange nicht mehr davon aus, dass Nutzen messbar wäre, sondern stellt den Nutzen, den bestimmte Güter erfüllen, in Relation zum Nutzen anderer Güter. Problematisch aber vor allem, wenn es um kulturelle Vergleiche geht. Da hat dann die linke Hand plötzlich einen bedeutend höheren Nutzen als Toilettenpapier.

Wie auch immer, aus dem Nutzen wird jedenfalls eine Größe abstrahiert, mit der bequem gerechnet werden kann. Warum macht man das nicht einfach auch mit anderen schwer zu greifenden Begriffen? Man könnte sagen: Imperator Palpatine ist 4,5 mal so böse wie Darth Vader und wird in Bösartigkeit nur noch von Gargamel mit dem Faktor 5,1 übertroffen. Grützwurst erreicht nur 12,4% der Leckerkeit von Himbeerwackelpudding. Oder Schnodder ist immerhin halb so ekelig wie alter Eiter.

Noch mehr Spaß macht das ganze aber mit Glück* (im Sinne von „Puh, Glück gehabt!“). Sagen wir, dass jede Nation und jede Gesellschaft pro Jahr über maximal 100 Glückspunkte (GP) verfügt, die vom Schicksal verwaltet und mitunter aber auch mit Pechpunkten (PP) verrechnet werden. Glücklich ausgegangene Großereignisse verbrauchen dann natürlich mehr Glück als Kleinigkeiten. Ein eindeutiges Tor der englischen Fußballnationalmannschaft, das vom Schiedsrichter nicht gesehen wurde, kostet beispielsweise 15 GP. Weitere 10 GP wurden durch 10 PP eliminiert, als ein ebenfalls inkompetenter Schiedsrichter Miroslav Klose mit Gelb-Rot vom Platz schickte. Richtig teuer wurde aber natürlich der Sieg von Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest, der durch den Medienrummel mindestens 40 GP gekostet hat! Da sagen wir einfach mal: Toll, Lena! Musste das denn wirklich sein? Fast zwei Drittel aller deutschen GP sind damit schon aufgebraucht. Und was haben wir davon? Nun brauchte es drei Wahlgänge, um die Regierungskoalition zu ärgern (20 GP/PP**) und wir haben als neuen Bundespräsidenten Christian Wulff an der Backe (10 PP/GP). Wie sollen wir denn mit den verbleibenden 5 Glückspunkten jetzt noch Weltmeister werden?

Hätten wir doch einfach den sich selbst als Soul-Pop-Künstler bezeichnenden Mark  Medlock nach Oslo geschickt und den traditionsreichen letzten Platz in dieser Schlagerparade nach Hause gebracht. Niemand hätte sich um den Grand Prix geschert und Marks Versagen hätte höchstens einen Wert von 5 PP gehabt. Es wäre so viel Glück übrig geblieben, dass auch der dritte Wahlgang zur Überraschung gereicht hätte (20 GP/PP) und mit den verbleibenden 30 GP hätten wir in Südafrika locker Argentinien, Brasilien und Spanien verputzt.

Also eindeutig: Lena ist Schuld!

Jetzt können wir nur hoffen, dass die verbleibenden 15 GP noch irgendwas bewirken. Neuwahlen vielleicht.

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** Der Neutralität zuliebe.
*Mit Glück (im Sinne von glücklich sein) wird das jedoch tatsächlich gemacht. So gibt es mehrere wirklich interessante sozialwissenschaftliche Indizes, mit denen versucht wird, das Glück und die Lebensfreude der Menschen zu messen. Daraus entstehen mitunter sehr spannende Forschungsprojekte, wie beispielsweise der Happy Planet Index (HPI), dessen Forschungsbericht wirklich lesenswert ist!

Wer braucht schon Soziologen, Politikwissenschaftler, Wirtschaftsexperten, Polit-Talk-Moderatoren oder Fachleute sonstiger Art, die es verstehen, das Wohl der Gesellschaft zu analysieren und Wege aus zahlreichen Miseren aufzuzeigen, wenn es doch auch viel einfacher geht? Denn es ist wirklich erstaunlich, wie viel Aufschlussreiches schon in den Namen der Dinge steckt, über die häufig diskutiert wird. Ein minimal geschultes Gehör, ein Funken Ironie und ein Hauch Kreativität reichen hier schon aus, um so manchen Wissensvorsprung wieder wettzumachen.

Die Zauberformel zum Einstieg in das Expertengespräch lautet dann: „Moment mal!“ Dazu muss in kurzer mimischer und gestischer Vorbereitung zuerst die Stirn in Falten gelegt werden. Parallel dazu müssen die Lippen grüblerisch gespitzt oder auch wahlweise von links nach rechts und zurück bewegt werden. Nach Belieben darf dabei auch mit dem Zeigefinger am Kinn oder der Oberlippe gekratzt werden. Wichtig ist das abschließende Schnipsen und Heben des Zeigefingers, in dem Moment, in dem der Einstieg in das Gespräch erfolgen soll.

Beste Anwendungs- und Übungsbeispiele liefern die Finanz- und Wirtschaftskrise, beziehungsweise die Debatten bezüglich ihrer Überwindung:

Deutschland muss sparen! Keine Frage.
Weil wir gerne in Bildern denken und diese so schön einprägsam sind, wird häufig vom Gürtel gesprochen, der enger geschnallt werden muss. Irgendwie ein eigenartiges Bild, meinen Sie nicht auch? Eigentlich muss ich noch nicht genutzte Löcher im Gürtel doch nur dann einweihen, wenn ich mir eine zu große Hose gekauft habe.

Das spricht

a) nicht gerade für käuferisches und modisches Geschick und ist
b) auch nicht wirklich ein Indiz für Sparwillen.

Andererseits müsste ich den Gürtel enger schnallen, wenn ich bereits abgenommen habe! Wenn die einfache symbolische Gleichung „abnehmen“ = „sparen“ gilt, müsste ich den Gürtel doch erst viel später enger schnallen. Aber da habe ich ja dann schon längst eine Menge gespart und kann mir eine neue Hose kaufen, so dass ich auf gar keinen Gürtel mehr angewiesen bin. Sehr bizarr! Und außerdem klänge dann „Wir werden den Gürtel enger geschnallt haben müssen“ sehr eigenartig und erinnert stark an einen Comicstrip von Joscha Sauer zur Grammatik von Zeitreisen.

Und warum wird dieses Sprichwort eigentlich von den bürgerlichen Parteien so häufig verwendet? Der Gürtel sitzt doch mehr oder weniger in der Mitte des Körpers, knapp unterhalb seines Schwerpunktes. Wenn das Engerschnallen des Gürtels bedeutet, dass Druck auf bestimmte Bevölkerungs- und Einkommensschichten ausgeübt werden soll, dann würde dies ja wohl eindeutig den Mittelstand treffen. Ob das die selbsternannten Mittelstandsparteien bedacht haben?

Wann geraten Hosen denn noch ins Rutschen? Doch eigentlich nur, wenn man keinen Arsch in der Hose hat, wenn Sie mir diese volkstümliche und etwas saloppe Formulierung durchgehen lassen.

Aber ist „sparen“ eigentlich das richtige Wort? So unwissenschaftlich die Arbeit mit der freien Enzyklopädie Wikipedia auch ist, so bequem und einfach ist sie dennoch. Sie spart im wahrsten Sinne des Wortes Zeit, denn „Sparen ist das Zurücklegen momentan freier Mittel zur späteren Verwendung.“ Das was die Bundesregierung in ihrer zweitägigen Klausur skizziert, diskutiert und beschlossen hat, kann also nicht als Sparpaket bezeichnet werden. Weder ist das in den sozialen Bereichen dringend benötigte Geld frei, noch wird es zur späteren Verwendung zurückgelegt. Einer Regierung sollte das Sparen sowieso relativ schwer fallen, da freies Geld doch in den Haushalt reinvestiert werden sollte.

Sicherlich ist das hauptsächlich Wortklauberei, aber wenn viel eher die Gleichung „sparen“ = „beschneiden“ gilt, dann muss man doch fragen, wie  die Gesellschaft sonst aus der Krise gesteuert werden kann. Das sind wieder zwei Wörter, die man gut verwenden kann. Das eine, „Krise“, findet derzeit nahezu inflationär Verwendung. Es stammt aus dem Griechischen und kann als Scheidung übersetzt werden – was, nebenbei bemerkt, eine recht zynische Umdeutung der Ehekrise nach sich zieht und ihr eine gewisse Ausweglosigkeit bescheinigt. Scheidung meint hier aber eher den Scheideweg, in dessen Angesicht eine Entscheidung notwendig ist. Einer der abzweigenden Wege führt zur erhofften Linderung, der andere mündet in der Katastrophe.

Das Gefühl, derzeit Zeuge einer Krise zu sein, ist jedoch trügerisch. Selbstverständlich stehen derzeit wichtige Entscheidungen an, von denen man hofft, dass sie den aktuellen Zustand lindern. Doch die Krise selber ist schon lange vorbei. Das Doofe daran ist nämlich, dass die Gesellschaft meistens erst dann merkt, dass sie sich an einem Scheideweg befunden hat, wenn eben der Weg eingeschlagen wurde, der zur Katastrophe führt.

Wie kann man also das Ruder noch einmal herumreißen? „Steuern stehen nicht zur Debatte“, heißt es aus den Reihen der FDP. Und da ist es, das zweite Wort. Zeit für ein:

„Moment mal!“
– „Was denn?“
„Sie haben schon gemerkt, dass sich da ein grammatikalischer Fehler eingeschlichen hat!?“
– „Wie bitte?“
„Es müsste doch heißen ‚Steuern steht nicht zur Debatte‘.“

Richtig, das klingt zwar komisch, ist aber wahr. Was sind denn Steuern anderes als ein staatliches Steuerungsmittel? Steuern kann man zielgerichtet einsetzen, um was zu machen? Zu steuern, genau, die Bewegung in eine andere Richtung lenken oder Kurskorrekturen vornehmen. Das klappt natürlich nicht immer, aber man kann selbstverständlich annehmen, dass der Steuermann der Titanic sicherlich nicht untätig geblieben ist, als er merkte, dass sich da eine Katastrophe anbahnte.
Ganz profan kann man mit Steuern aber auch Geld in die klammen Staatskassen spülen. Was Steuern so angenehm macht, ist, dass sie immer relativ sind. Sie stehen also stets in einem bestimmten Verhältnis zu etwas, was in diesem Fall das Einkommen und damit die Wirtschaftskraft der Besteuerten ist. Deshalb unterstützt jemand mit einem geringeren Einkommen den Staat weniger, als jemand mit einem hohen Einkommen – Steuergerechtigkeit wird das in der Fachsprache genannt und ist eines der Kernelemente gerechter Steuerpolitik.

Steuern steht also wirklich nicht zur Debatte, nicht dass etwa noch der Kurs geändert wird!

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Man kann übrigens auch mit geringen mathematischen Grundkenntnissen mitreden. Wenn „abnehmen“ = „sparen“ ist, zeitgleich aber auch „sparen“ = „beschneiden“ bedeutet, dann gilt: „abnehmen“ = „beschneiden“. So wird das Bild mit dem Gürtel, der enger geschnallt werden soll, auch wieder verständlicher. Stellt der gesamte Körper die Gesellschaft dar, so muss man doch nur die Beine amputieren. Schon hat man abgenommen und braucht gar keinen Gürtel mehr, den man enger schnallen müsste. Und da wird dann das Steuern auch komplett überflüssig. Wohin denn auch gehen, so ganz ohne Beine?

Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis das Kriegsrecht verhängt wird. Seit Tagen berichten die Tageszeitungen der Hauptstadt von nichts anderem als den schwersten Krawallen seit Jahren. Mittlerweile ist die Rede von mehreren Toten. Bei der Berliner Polizei herrscht Ausnahmezustand und die Nerven liegen blank. Fieberhaft arbeitet die Staatsanwaltschaft in den bis zum Bersten überfüllten Gefangenensammelstellen, um schnellstmöglich Anklage erheben zu können, gegen die unzähligen Randalierer, Vandalen, Radikalen und Gewalttätigen.

Aber irgendetwas stimmt da nicht so ganz. Man liest und hört zwar seit fast einer Woche, dass sich die Berliner Polizei mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus dem gesamten Bundesgebiet am Kottbusser Tor verbarrikadieren wird, um die Störenfriede in Schach zu halten. Doch ein Blick ins Herz von Kreuzberg offenbart: Da ist ja gar keine Polizeihochburg errichtet. Und dann wird schlagartig klar: 1. Mai? Der ist ja erst übermorgen!

Also muss man gleich wieder relativieren: Es könnte die schwersten Krawalle seit Jahren geben. Von Toten wird eventuell die Rede sein. Die Nerven der Polizisten werden erst noch blank liegen. Und noch arbeitet kein Staatsanwalt fieberhaft in den Sammelstellen für gewaltbereite Radikale beiderseits des ideologischen Spektrums. Die derzeitige Berichterstattung über die möglichen Eskalationen am Tag der Arbeit  in Berlin wird jedoch mit einer Vehemenz geführt, die schnell den Konjunktiv vergessen lässt.

Es ist absolut legitim und wichtig, vor schweren Krawallen zu warnen. Auch Berichte über das befürchtete Erstarken der rechtsradikalen Szene sind zwingend notwendig, um die Gefahr von rechtsaußen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Gleiches gilt für autonome Radikale, deren gewaltbereites Gebaren ebenfalls medial gebrandmarkt gehört. Doch gegen Krawallmacher aus dem rechten und linken Randbereich der Gesellschaft hilft es nicht, eine Berichterstattung zu inszenieren, die einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gleicht und mit möglichen Todesopfern und Horrorszenarien jongliert. Jedes Jahr gibt es aufs Neue eine Diskussion über das geplante Vorgehen der Polizei: Wie kann die Situation und die Stimmung von vornherein deeskaliert werden? Soll hart durchgegriffen werden? Oder führt ein massives Polizeiaufgebot eher zur Eskalation, als dass es gewaltbereite Radikale einschüchtert und die aufgelesenen Steine lieber wieder feinsäuberlich mit dem Straßenpflaster verschmelzen lässt?

Deeskalation kann aber nur funktionieren, wenn sie von allen gesellschaftlichen Akteuren unterstützt wird. Die beste Strategie dafür ist zivilgesellschaftliches Engagement. Bestes Beispiel: Das MyFest, das seit 2003 vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg jährlich am 1. Mai veranstaltet wird. Das bunte Straßenfest, an dem sich Anwohner und Gewerbebetreiber beteiligen und das die gesamte Stadt ansprechen soll, wurde 2004 mit dem Präventionspreis des Landes Berlin ausgezeichnet. Es findet genau in dem Kiez statt, in dem sich Ende der 1980er Jahre zum ersten Mal Autonome und die Polizei Straßenschlachten lieferten, die dem Berliner 1. Mai seinen von Gewalt geprägten Ruf einbrachten.

„Ein Fest gegen Gewalt und für Chancengleichheit, Bildung und Ausbildung, Integration für alle und das friedliche, tolerante Zusammenleben der Kulturen“, so lautet das Motto des MyFests. Leider ist die Medienpräsenz des Festes stark gesunken. Erwähnt wird es fast nur noch, wenn von den Plänen der Polizei berichtet wird, wie die Demonstrationen von dem Straßenfest ferngehalten werden können. Ob das zu einem Besuch tatsächlich einlädt, ist indes fragwürdig.

Traurig außerdem, dass von den historisch gewachsenen Inhalten des 1. Mais so gut wie keine Rede mehr ist. Wer hat zum letzten Mal etwas von den Umständen gelesen, die zum Haymarket Riot im Chicago des Jahres 1886 geführt hatten? Kaum mehr als eine Randnotiz nahmen in den letzten Jahren die großen Demonstrationen des Deutschen Gewerkschaftsbundes in der Berichterstattung ein. Schnell wird vergessen, dass die Themen, die Gewerkschafter und Arbeitnehmer einst auf die Straßen trieben, heute immer noch aktuell sind. So bezeichnet Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse den 1. Mai als „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde.“

Doch das alles geht zum größten Teil unter in einer Welle von Warnungen vor Gewalt, Toten und Straßenschlachten. Am besten sollte man wohl zu Hause bleiben, scheint der Rat der Medien zu lauten. So kann Zivilcourage allerdings nicht funktionieren. Doch viel dramatischer an dieser Art der Berichterstattung ist die Gefahr, dass Zusammenhänge entstehen und in der Erinnerungen hängen bleiben, die so nicht existieren. Wird von linken Gewaltexzessen und Demonstrationen für soziale Gerechtigkeit und gegen Rechtsradikalismus in einem Atemzug berichtet, entsteht schnell eine Gleichbedeutung zwischen diesen beiden Gegensätzen, die Zivilcourage und das Einfordern von Gerechtigkeit in ein schlechtes Licht rückt.

Kann die Zivilcourage und das zivilgesellschaftliche Engagement das in diesen Zeiten verkraften? Stichworte wie Finanzkrise, Zeitarbeit, Arbeitslosigkeit, Einkommensschere, bildungsferne Schichten, soziales Prekariat und Kinderarmut sprechen eindeutig dagegen.

Quelle: spd-berlin.de – myfest.de

Oh Graus, ein Beben der Empörung erschüttert das Fundament des Abendlandes. Ein kollektives Stöhnen, Jammern, ja streckenweise sogar Aufschreien geht durch die Republik. Nein, es sind nicht die Fälle sexuellen Missbrauchs und priesterlicher Züchtigung. Schon fast vergessen und vergeben erscheinen die Skandale der letzten Wochen und Monate, die Tag für Tag ans Licht der Öffentlichkeit gelangten und Atheisten wie Gläubigen gleichsam die Zornesröte ins Gesicht trieben. Nun ist sie weggewischt und ersetzt durch ein fahles Weiß, als wäre das Antlitz mit Kreidestaub bedeckt.

„Wie kann es sein? Wie kann sie es wagen?“, schreit es kollektiv durch das Land. Kruzifixe aus Klassenräumen, ja gar komplett aus deutschen Schulgebäuden zu verbannen! Ein Frevel, der seines gleichen sucht. So versuchen es zumindest quer durch die Republik Christdemokraten und ihre Parteifreunde aus der bayrischen Schwesterpartei zu vermitteln. Unvorstellbar, dass eine aus ihren eigenen Reihen diesen Vorschlag gebracht hat. Dazu auch noch eine gläubige Muslima mit türkischen Wurzeln, die Ministerin für Soziales in Niedersachsen werden soll.

Dass sie aber auch ein striktes Kopftuchverbot an deutschen Schulen gefordert hat, geht im Hagel der Entrüstung unter. Passt ja auch nicht so recht in das Bild, das nun krampfhaft zu vermitteln versucht wird. Die Zustimmung und die Begeisterung waren groß, als Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff die türkischstämmige Aygül Özkan für den Ministerposten vorschlug. Großartig, ein Musterbeispiel für Integration. Ein regelrechtes Vorzeigeland dieses Niedersachsen. Wie häufig doch erwähnt werden musste, dass sie der islamischen Glaubensgemeinschaft angehört und ihre familiären Wurzeln in die Türkei reichen. Ungünstig nur, dass auch türkischstämmige und muslimische Ministerinnen für Soziales eine eigene Meinung haben. Noch ungünstiger, dass diese eigene Meinung mitunter mit dem offiziellen Unionskonsens kollidiert. In einigen Punkten sogar mehrfach, spricht sie sich doch auch noch für ergebnisoffene Beitrittsverhandlungen zwischen der Türkei und der EU aus.

„Das Kreuz ist aus Sicht der CDU ein Symbol der Toleranz auch gegenüber anderen Religionen. Die über das Wochenende entstandenen Irritationen und Missverständnisse sind damit ausgeräumt.“ So heißt es im News-Ticker auf der Internetpräsenz der niedersächsischen CDU. Das Kreuz und Toleranz gegenüber anderen Religionen noch immer mit Begriffen wie Kreuzzug, Ketzer und Inquisition zu assoziieren, ist heutzutage vielleicht wirklich schon ein wenig antiquiert. Der CDU geht daher vielmehr um die christlichen Werte, auf denen unsere säkulare Gesellschaft basiert. Säkular? Das bedeutet doch die strikte Trennung von Kirche und Staat?

Egal, sei es drum. Das Kreuz soll also für alle Bundesbürger für Toleranz, Gerechtigkeit und Nächstenliebe stehen. Für alle Christen, Juden, Moslems, Hindus und Buddhisten. Für alle Deutschen, Immigranten und Staatenlose. Kurzum also für jeden Schüler, der das Privileg genießt, an Deutschen Schulen unterrichtet zu werden. Es ist natürlich absolut naheliegend, dass ein jeder Schüler versteht, was das Kreuz für die CDU bedeutet. Angela Merkel ist ja schließlich Kanzlerin für alle Deutschen. Auch für Berliner Schüler, die vor nicht allzu langer Zeit im medialen Zentrum rund um den Volksentscheid um Religion als Pflicht- oder Wahlfach standen und nun verpflichtend in Ethik unterrichtet werden und bei Interesse den Religionsunterricht besuchen können. So könnten sie nun beruhigt unter dem Kruzifix sitzen und dem Ethiklehrer lauschen und fühlen sich wohlbehütet von der toleranten Ausstrahlung des christlichen Kreuzes.

Es gibt in unserer Gesellschaft ja auch nichts anderes, was für Gerechtigkeit, Toleranz und Nächstenliebe steht. Nichts anderes als das Kreuz vermittelt die Botschaft, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. In unserem Zusammenleben sind es nur die christlichen Werte, die uns wissen lassen, dass sich das Deutsche Volk zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt bekennt.

Unfassbar also! Fehlt nur noch, dass Frau Özkan als nächstes auch noch fordert, dass an Stelle des Kreuzes Artikel 1 des Grundgesetzes an die Schulwände geschrieben wird. Das würde ja wirklich zu weit gehen in unserer säkularen Welt. Wie gut, dass sie sich entschuldigt hat.