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Es gibt Begriffe, die geradezu wie der Schlüssel zu einer Kiste voller Assoziationen erscheinen. Nachhaltigkeit erzeugt beispielsweise ein solches assoziatives Blitzlichtgewitter. Öko, Bio, Grün, Windkraft, Photovoltaik, Bionade, Umweltschutz, Bioladen, Jutebeutel. Und ehe man sich versieht, reiht sich für den einen oder anderen Berliner noch Prenzlauer Berg und Schwabe ein, in diese kognitive Verknüpfungsleistung. Spätestens von dort ist es nicht mehr weit bis zur Diskussion über das Entstehen pseudo-alternativer Subkulturen, die manchmal so schön direkt und undiplomatisch geführt werden kann, wie Mely Kiyak das in ihrer Kolumne „Liebe Kreuzberger“ in der Frankfurter Rundschau im Juli 2009 vorgeführt hat.

Doch all das führt dazu, dass dem Begriff der Nachhaltigkeit eine gewisse Sinnentleerung widerfährt. Genauso vorschnell wird die Vorsilbe „Öko-“ mit handgewebten Leinenhosen, Sandalenbewaffneten Großstadtfüßen und Matetee in einen selbstgeknöppelten Jutehut geworfen. Dem kollektiven gesellschaftlichen Aufschrei bei Tankerhavarien folgen meistens pflichtbewusst mit Tränen geschwängerte Augen beim Konsum der Fernsehbilder, die ölverschmierte und durch ein schwarzes Wattenmeer watende Seevögel zeigen. Doch danach ist dann wirklich Schluss mit emotionalen Regungen, Konsequenzen sind sowieso ausgeschlossen. Es wird dann lieber über zu hohe Spritkosten gewettert, an denen ja auch hauptsächlich die Ökosteuer Schuld ist.

Sie sehen: Öko, Bio und Nachhaltigkeit erfahren nur wenig gesellschaftliche Reflexion. Entweder entsteht daraus ein bigottes Lebensgefühl, das krampfhaft zelebriert wird, oder die Verantwortung wird zivilgesellschaftlichen Interessenvertretern, wie Greenpeace, BUND und ähnlichem zugeschoben, die man je nach Tagesform mit Wohlwollen betrachtet oder als Spinner verteufelt. Ernsthaftigkeit und Seriosität werden gerne außen vor gelassen.

So wird wahrscheinlich auch dem Earth Day am 22. April in Deutschland nur wenig Beachtung geschenkt. Earth Day? Kennen Sie nicht? Sehen Sie! Höchstwahrscheinlich wurde der Earth Day bisher auch nur im Prenzlauer Berg wahrgenommen und mit einer Extraportion Dinkelbrötchen und großen Wassersparaktionen à la „Das einwöchige Toilettenspül- und Duschboykott!“ gefeiert. Der Earth Day, der jedes Jahr auf Klima- und Umweltprobleme aufmerksam machen soll und in vielen Staaten sogar auf eine ganze Earth Week ausgeweitet wurde, wird dieses Jahr 40. Er geht auf eine US-amerikanische studentische Umweltbewegung zurück, die politische Rückendeckung durch den sozial engagierten Senator Gaylord Nelson erhalten hat. Ziel der Bewegung, die mittlerweile in nationalen und internationalen Verbänden organisiert ist, ist unter anderem Umweltbildung an Schulen und Universitäten zu betreiben. Seit 1990 ist der 22. April eines jeden Jahres in den USA nationaler Feiertag. Im letzten Jahr hat sich auch die Generalversammlung der Vereinten Nationen dem Earth Day gewidmet und den 22. April zum Internationalen Tag der Mutter Erde erklärt.

Zugegebenermaßen entbehrt es sicherlich nicht einer gewissen Ironie, dass der Earth Day seinen Ursprung in den USA hat, dem Land, das weltweit für den zweitgrößten Kohlenstoffdioxid-Ausstoß verantwortlich ist. Politisch gesehen ist dieser Tag also auch nichts anderes als ein Symbol, ein Alibi, das für Umweltbewusstsein steht, wenn mal wieder die Automobilindustrie subventioniert wird. Aber immerhin wird der Tag wahrgenommen und löst zumindest gesellschaftlich kontroverse Diskussionen aus.

Dass es mit dem Schlagwort Nachhaltigkeit in Deutschland auch anders geht, zeigt eindrucksvoll ein neues Magazin. „Enorm – Wirtschaft für den Menschen“ schafft es, die eingangs aufgeführte Assoziationskette nicht in den Prenzlauer Berg zu führen, sondern streicht den Jutebeutel und hängt mal eben „Corporate Social Responsibility“ ran. Nachhaltigkeit, das wird eindrucksvoll auf den 130 Seiten des Wirtschaftsmagazins gezeigt, ist etwas ganz seriöses und entwickelt sich immer mehr zum Kerngedanken guten Wirtschaftens. So bringt es Chefredakteur Thomas Friemel im Vorwort auf den Punkt, wenn er darauf hinweist, dass es offensichtlich ein Umdenken in der Wirtschaft gibt, dass Gewinne reinvestiert werden und sozialer Profit erwirtschaftet wird. Nachhaltigkeit wird so zum Wirtschaftskonzept und weltweit von Großkonzernen praktiziert. Das Magazin ist prall gefüllt mit Neuigkeiten, gut recherchierten Reportagen, Interviews (herausragend das Gespräch mit Nobelpreisträger Muhammad Yunus), Unternehmensportraits und vielem mehr. Wer denkt, ein Ökomagazin in den Händen zu halten, der täuscht sich gewaltig. Nachhaltigkeit, Umweltschutz und soziale Verantwortung werden nicht durchdekliniert und blauäugig für gut befunden, sondern befinden sich stets auf dem Prüfstand und werden kritisch analysiert. Die Reportage über die ISO-Norm 26 000, die Unternehmen weltweit eine ethische Zertifizierung verleihen soll, ist das beste Beispiel dafür.

Wenn auch die weiteren Ausgaben des vierteljährlich erscheinenden Magazins so hochwertig sind, wie das erste, seit Mitte März im Zeitschriftenhandel erhältliche Exemplar, gibt es eine sehr gute Ergänzung zu etablierten Wirtschaftsmagazinen wie Brandeins.

Quelle: enorm-magazin.de – bmwi.de – earthday.de
Bildmaterial: enorm-magazin.de
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Augenrollen. Ein ganz sicheres Zeichen dafür, dass eine Frage gestellt wurde, die offensichtlich nicht bei jedem Faszination auslöst. Augenrollen kombiniert mit einem abschätzigen Schnauben kann dann sogar übersetzt werden als:

„Volckmann, glaubst du wirklich, das interessiert irgendjemanden?“

Auch wenn es schwer ist, sich dies einzugestehen, reift wahrscheinlich früher oder später bei jedem die Erkenntnis, dass es tatsächlich gewisse Fragestellungen gibt, die wohl wirklich nicht jeden animieren, kostbare Zeit und unwiederbringliche Nervenzellen für deren Ergründung zu opfern. Entweder ist es ein Zeichen mangelnder Reife oder aber eine genetische Anomalie, die mich veranlasst hat, dieser Erkenntnis stets erfolgreich aus dem Weg gegangen zu sein. Ich tippe auf Letzteres. Und so kam es dazu, dass sich, angeregt durch die Lektüre zahlreicher Kriminalromane und dank des Filmvergnügens, das mir der eine oder andere Thriller bereitet hat, in meinem Kopf eine Frage manifestierte, die ich meinen Mitmenschen nicht vorenthalten konnte.

Wie engagiert man eigentlich einen Auftragsmörder?

Augenrollen. War ja klar. Aber mal ehrlich, wie geht das? Nicht, dass ich jemals vorgehabt hätte, von so einer schon gar nicht mehr ins Zwielichtige, sondern eher ins komplett Abgedunkelte gehörenden Dienstleistung Gebrauch zu machen. Aber fast jeder zweite Thriller wartet an der einen oder anderen Ecke des Plots mit einer solchen Gestalt auf. Der Auftragsmörder ist dann einfach da, hat seinen Auftrag in der Tasche aber der Zuschauer und Leser bekommt nie mit, wie der Auftrag da eigentlich rein kommt.

Auftrags- oder Meuchelmörder, Killer, Hitman, Ninja, Assassine. Meine Neugierde war geweckt.

Der erste Rechercheschritt war natürlich Google zu konsultieren. <Wie engagiert man einen Auftragsmörder> gab ich in die Suchmaske ein. Mein Finger lag schon am Abzug des Suchauftrages, beziehungsweise auf der Eingabetaste, als sich plötzlich die Internetüberwachungsparanoia in meinem Kopf räuspernd zu Wort meldete. Wenn ich jetzt auf die Entertaste drücke, dann kann garantiert dank Vorratsdatenspeicherung und sonstiger ausgeklügelter Teufeleien diese Suchanfrage auf mich zurückgeführt werden. Da könnte ich doch gleich beim Bundesnachrichtendienst anrufen!

Moment mal. Beim BND anrufen? Nein, das wäre wirklich verrückt. So etwas würde ich nicht tun. Mein Blick wanderte zwischen Entertaste und dem neben der Tastatur liegenden Telefon hin und her.

„Bundesnachrichtendienst, Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Sie sprechen mit Tanja Wolka. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ja, äh. Guten Tag, Frau Wolka. Mein Name ist …“ Sollte ich wirklich meinen Namen nennen? Klar, ich spreche da mit Profis, die würden so oder so in Windeseile den Anschluss ermitteln können und es würde mich ja wohl noch verdächtiger machen, wenn ich sagen würde, dass hier Vito Corleone spricht.

„Mein Name ist Volckmann.“ Ungutes Gefühl, echt schlecht. „Ich habe da mal eine Frage.“

„Herr Volckmann, darf ich Sie kurz darauf hinweisen, dass wir zur Evaluierung unserer Öffentlichkeitsarbeit ausgewählte Telefongespräche aufzeichnen?“ Das ungute Gefühl schwoll an und erzeugte leichte Übelkeit.

„Ah ja, das ist schön. Ich wollte Ihnen auch eigentlich nur mitteilen, wie sehr ich die Arbeit des BND schätze und wollte einfach mal Danke sagen. Wiederhören.“ Das Telefon lag wieder neben der Tastatur. Vielleicht ist es nur Zufall aber ich bin mir relativ sicher, dass ich seitdem jedes Mal, wenn ich telefoniere, ein kurzes Knacken in der Leitung höre.

Das Problem war also immer noch nicht gelöst. Vielmehr gestaltete es sich jetzt noch komplizierter. Wie kann man einen Auftragsmörder engagieren, ohne gleich hinter Schloss und Riegel zu kommen? Im Branchenbuch nachzuschlagen bringt sicherlich auch nichts. Auftragsmördermarketing ist offensichtlich keine zukunftsweisende Branche. Das ganze muss also über irgendwelche verdeckten Kanäle laufen.

Wenn man beim Recherchieren nicht weiterkommt, muss man einfach mal die Assoziationsmaschine anwerfen: Auftragsmord, Attentat, jemanden um die Ecke bringen, jemanden entsorgen. Entsorgen, das klang gut. Der Blick wanderte wieder zum Telefon.

„Berliner Stadtreinigung. Thomas Wichniewski, wat kann ick für Sie tun?“ Kurzes Knacken in der Leitung.

„Guten Tag Herr Wichniewski, ich hätte da etwas, was ich entsorgt wissen möchte.“ Ich betonte jede Silbe extra, damit klar war, dass sich hinter meinen Worten noch ein verborgener Sinn befand. Schmatzen und das Geräusch von Alufolie, die zusammengeknüllt wird, drang durch den Telefonhörer.

„Na dann komm Se doch einfach uff den Recyclinghof in Ihre Nähe. Da jibt’s zig Tonnen für unterschiedlichen Müll.“

„Ja, ja, Sie verstehen nicht. Nicht ich habe etwas zu entsorgen, sondern ich wünsche, dass ETWAS entsorgt wird. Sagen wir aus dem Nachbarhaus. Und es soll so klein gemacht werden, dass man es nicht mehr erkennt.“

„Und Ihr Nachbar hat keen eigenes Telefon oder wat? Wenn Se für Ihrn Nachbarn schon anrufen, dann können Se doch einfach och seine Sachen ins Auto laden und zum Hof fahrn. Für Sperrmüll jibt’s da och Pressen, da erkennt niemand mehr, wat da rinjeworfen wurde.“

Zwecklos, das brachte wohl auch nichts. Ich war kurz davor in die Pizzeria um die Ecke zu gehen und mal nach italienischem Rat zu fragen. Aber eigentlich wollte ich da in den nächsten Monaten auch noch essen gehen ohne schräg angeguckt zu werden oder dank Hausverbot Pizza nur noch nasal konsumieren zu dürfen.

Vorratsdatenspeicherung hin oder her, der BND hing ja eh schon in meiner Leitung, also musste doch Google herhalten. Sonderlich viele Treffer gab es nicht. 2600, das war nicht viel. Aha, da hat in den Staaten also ein vierzehn Jahre alter Junge einen Auftragsmörder engagieren wollen, weil seine Mutter ihm die Playstation weggenommen hat. Das beantwortete zwar nicht meine Frage aber immerhin fügte es meiner Ideen-Pinwand für Kommentare zum Zeitgeist ein weiteres Stichwort hinzu.

In einem Forum wurde ich fündig. Fast wortwörtlich wurde da meine Frage gestellt. Großartige Antwort: Am besten, indem man gute Kontakte zum organisierten Verbrechen besitzt. Na Mensch, das beantwortete ja alle meine Fragen. Also musste ich weiterstöbern. Da, das sah nach einer brauchbaren Information aus, auch wenn ich keinerlei Möglichkeit hatte, den Wahrheitsgehalt zu verifizieren. Die Wahrscheinlichkeit, einen Kontakt zu einem Auftragsmörder herzustellen, steigt um 65 %, wenn Sie in einem Gefängnis interniert sind. Die Qual der Wahl zwischen zwei Alternativen: Gute Kontakte zum organisierten Verbrechen oder als Knastbruder einsitzen. Ersteres dürfte eine gute Voraussetzung für Letzteres sein. Aber mal ehrlich, wenn jemand erst ins Gefängnis muss, um einen Auftragsmörder zu engagieren, dann kann er das doch gleich selber erledigen und spart dabei noch einen Haufen Geld. Wenn er sich dabei auch noch geschickt anstellt und nicht gestellt wird, dann könnte er sich selber als Auftragsmörder verdingen. Aber Moment mal, wie soll er denn dann Kundenakquise betreiben? Dafür müsste er ja entweder eine geschickte Marketingkampagne fahren oder aber gute Kontakte zum organisierten Verbrechen besitzen. Die kann er bestimmt am besten im Gefängnis knüpfen. Aber dazu müsste er ja gefasst werden. Das tut seinem Ruf als Auftragsmörder und damit seiner Selbstvermarktung sicherlich nicht sonderlich gut:

„Hey du, Zellennachbar, pst, wenn du hier wieder raus kommst und mal einen Mann fürs Grobe brauchst, denk einfach an mich. Hier hast du meine Karte. Auftragsmörderei Häcksel-Drechsel. Aber pst!“

– „Warum sitzt du denn ein?“

„Hab jemanden um die Ecke gebracht, einem das Zeitliche gesegnet, ihn entsorgt. Verstehste Kollege?“

– „Ah ja, du, ich komm auf dich zurück.“

Der einzig logische Schluss: Es gibt gar keine Auftragsmörder! Alles nur eine Erfindung, ein Mythos wie die Ninja.

… der Fisch da?

Veröffentlicht: 3. März 2010 in Gesellschaft
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Zweierlei vorweg:

1. Personen und Begebenheiten des nachstehenden Beitrages sind Ursprung reiner Fiktion. Jedwede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen und sich tatsächlich zugetragenen Begebenheiten ist nichts als Zufall.

2. Hab dich lieb, Papa.

***

Die gute Nachricht kam vor wenigen Jahren aus Schweden und versprach, Ungeahntes möglich zu machen. „Entdecke die Möglichkeiten!“, verkündeten Radio- und Fernsehwerbung mit einem so fröhlichen schwedischen Akzent, dass man zu denken geneigt war, dies könnte tatsächlich ein Sprichwort der Nordeuropäer sein. Jedem Spott über komplizierte Aufbauanleitungen zum Trotze, erfreut sich das schwedische Einrichtungshaus IKEA jeher großer Beliebtheit und es gibt wohl kaum eine Wohnung, in der sich nicht Kassenschlager mit schwedisch anmutenden Namen finden lassen.

„Poäng“ zum Beispiel ist Schwedisch und bedeutet „Punkt“. Eigentlich ein eigentümlicher Name für einen bequemen freischwingenden Sessel, der zum Entspannen einlädt. Aber offensichtlich ist der Name doch treffend gewählt, kann man doch wohl beim entspannten Vor- und Zurückwippen auf den Punkt genau die Möglichkeiten entdecken.

Poäng ist es also, auf dem der Mann sitzt. Sein kurzgeschnittenes Haar ist im Laufe der Zeit etwas schütter geworden und der dichte graue Bart schafft es nicht, die Falten komplett zu bedecken, die sein Gesicht zieren. Ihr Ursprung liegt wahrscheinlich in einer angemessenen Mischung aus Sorgen und Lachen, wobei das Lachen wohl überwogen haben wird. Die Beine hat er hochgelegt und überschlagen, die Füße reiben leicht aneinander. Gerade legt er das Feuilleton der aktuellen Tageszeitung beiseite und wird dabei aufmerksam von seinem Hund beobachtet. Er reibt sich die Augen und schiebt seine Brille zurück auf die Nase. Er schaut sich um in seinem Entspannungszimmer. Hund, hechelnd und mit dem Schwanz wedelnd auf dem Bett. Kakteen und zum Teil blühende Sukkulenten auf dem Fensterbrett. Ein Aquarium mit verspielten Süßwasserfischen und schönen Wasserpflanzen auf der Kommode. Ein weiteres kleineres Aquarium mit nur einem einzelnen Fisch und angenagten Pflanzen auf dem viel zu kleinen Schreibtisch.

Dieses Aquarium macht ihm ein bisschen zu schaffen. Während er auf dem Sessel leicht hin- und herwippt, die Füße aneinander reibt und seinem Hund den Kopf streichelt, der das mit einem Sabbern der Zuneigung quittiert, grübelt er über dieses Aquarium nach. Nur ein Fisch, löchrige Pflanzen und ein Haufen Algen, die überall festhängen. „Tja, mein Lieber“, denkt der Mann, „wenn du nicht alles und jeden annagen würdest, dann hättest du wohl noch Gesellschaft.“ Unbeirrt schwimmt der einsame Fisch seine einsamen Runden und hält nur kurz inne, um an einer traurig anmutenden zerrupften Pflanze zu zupfen. Früher einmal konnte der Fisch noch neidisch zu seinen geselligen Nachbarn auf der anderen Zimmerseite hinüberblicken. Mittlerweile bedecken wieder dichte Algen das Aquariumglas und seine lange Erfahrung sagt dem Mann, dass er den Kampf gegen die Algen nicht gewinnen kann.

„Eigentlich“, denkt sich der Mann, „ist der Schreibtisch wirklich viel zu klein und durch das Aquarium mit dem einsamen Fisch wird viel zu viel des kostbaren Platzes geraubt.“ Er trifft einen Entschluss: Das Aquarium muss da weg! Aber wohin? Einen anderen Platz gibt es in der Wohnung nicht. „Nein“, sagt er sich, „das Aquarium muss ganz weg!“ Aber was tun mit dem Fisch? Ein Bekannter hatte auch mal ein Aquarium aufgelöst und das Problem schlicht und einfach die Toilette hinuntergespült. Aber so etwas kann er einfach nicht. Dafür schätzt er das Leben viel zu sehr, wie klein es auch erscheinen mag. Auch seinen beiden Kindern hat er das beigebracht. Er würde es nicht übers Herz bringen, den einsamen hartnäckig nagenden Fisch auf diese Weise zu entsorgen. Vielleicht vom Balkon in den kleinen Gartenteich der Nachbarn werfen? Auch nicht so günstig. Nicht dass er nicht treffen würde. Aber die dicke Eisfläche, die der Winter auf den Teich gezaubert hat, würde dem Fisch sicherlich ziemlich zusetzen. Die niedrigen Temperaturen würden ihre Übriges tun.

So schnell ist eine Lösung also nicht zu finden. Seufzend stellt der Mann seine müden und leicht schmerzenden Beine auf und erhebt sich. Sein Magen knurrt leicht, der Hund springt freudig auf, der Blick auf die Uhr verrät, dass es noch einige Stunden dauern wird, bis seine Frau von der Arbeit nach Hause kommen wird. Der Mann geht in die Küche, öffnet den Kühlschrank und findet ein Glas mit eingelegten Gurken. „Guter Snack für zwischendurch“, denkt er sich.

Kurze Zeit später hat er wieder auf Poäng Platz genommen, ein Teller mit Gurken neben ihm, der ungeliebte Wirtschaftsteil der Zeitung auf seinem Schoß und der treue Hund auf seinem Stammplatz. Leise summt er vor sich hin, eine Melodie von Louis Armstrong, die er vorhin im Radio gehört hat. Er wippt wieder, ganz leicht nur. Den Wirtschaftsteil mag er wirklich nicht besonders. Kein Wunder also, dass seine Gedanken schnell wieder abschweifen. Knackend beißt er von einer der Gurken ab, als er wieder gedankenverloren den einsamen Fisch anschaut, der ihn keines Blickes würdigt und dickköpfig versucht am Filter zu nagen. Plötzlich halten die Kaubewegungen des Mannes inne. Sein Blick springt vom nagenden Fisch auf die angebissene Gurke in seiner Hand. Und da urplötzlich: Poäng hat zugeschlagen! Der Mann hat die Möglichkeiten entdeckt.

*** Szenenwechsel ***

Nicht ganz so prophetisch und optimistisch wie IKEA, dafür um einiges alltagsweiser und pragmatischer wirbt ein Baumarkt mit dem Slogan „Es gibt immer was zu tun!“. Hartgesottene Heimwerker finden hier, was ihr Heimwerkerherz höher schlagen lässt. Es ist auch dieser Geruch von Sägemehl, Holzleim und Schmierfett der verrät, dass hier wirklich immer was zu tun ist. Und während sich einige Kunden Holzbalken zurecht sägen lassen, andere zufrieden lächelnd eine Schlagbohrmaschine in den Händen wiegen und wieder andere die daheimgebliebene Gattin via Mobiltelefon davon zu überzeugen versuchen, dass eine Flex zu diesem Preis eine wirklich gute Investition sei, betritt ein Mann den Baumarkt. Sein Haar ist etwas schütter, sein Bart ist dicht und grau und ein verschmitztes Lächeln, das seine Lippen umspielt, kündet davon, dass die Falten, die sein Gesicht zieren tatsächlich vom häufigen Lachen stammen.

Würde sich ein Mitarbeiter die Überwachungsvideos noch einmal anschauen, würde ihm vielleicht auffallen, dass die eine Tasche der Weste, die der Mann trägt, verdächtig ausgebeult ist. Wer böses denkt und den Mann nicht kennt, der würde vielleicht Alarm schlagen, doch da der Mann erscheint, als könnte er keiner Fliege etwas zu leide tun, betritt er den Baumarkt und steuert zielgenau auf die Gartenbau- und Tierabteilung zu. Dort gibt es alles, was den Tierfreund begeistert. Vögel, Katzen, Eidechsen, Schildkröten, Futter für jedes Haustier. Sogar Utensilien für Pferdeliebhaber kann man dort käuflich erwerben. Und auch Fische und Wasserpflanzen. Erstere in einer langen Reihe übereinander gestapelter Aquarien. Der Mann mag es, an diesen Aquarien entlang zu schlendern, die Farbenpracht der Süßwasserfische auf sich wirken zu lassen.

Die Wasserpflanzen hingegen werden in einem sehr großen breiten offenen Becken präsentiert. Nur hier bei den Aquarien wird der trockene Holzgeruch verdrängt, vom feuchten Geruch des Wassers und der warmen Note des Kieses, der den Boden eines jeden Aquariums bedeckt. Vor dem großen Wasserpflanzenbecken bleibt der Mann stehen. Heute ist nicht viel los im Baumarkt, kaum jemand hat sich in die Tierabteilung verirrt und niemand scheint sich für Fische geschweige denn Wasserpflanzen zu interessieren. Mehrmals schaut sich der Mann um. Er will sichergehen, dass ihn niemand beobachtet. Unauffällig steckt er seine Hand in die ausgebeulte Tasche. Als er sicher ist, dass wirklich niemand in seiner Nähe ist oder zufälligerweise in seine Richtung schaut, zieht er die Hand behutsam aus der Tasche.  Ein Glas kommt zum Vorschein. Zugeschraubt und bis zum Rand mit Wasser gefüllt. „So mein Freund,“ murmelt der Mann dem einsamen Fisch zu, der krampfhaft bemüht ist, sich durch das Glas zu nagen, um das grüne Etikett anzuknabbern, das würzige Spreewälder Gurken verspricht. „Jetzt ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen.“ Der Fisch hält im Nagen inne und blickt den Mann ungläubig an, als dieser das Glas aufschraubt und Fisch samt Wasser in das Wasserpflanzenbecken schüttet.

Ein bisschen wehmütig ist ihm schon ums Herz, als er, das leere Gurkenglas wieder in der Westentasche verstaut, zum Ausgang schlendert. „Hoffentlich erschreckt sich nicht der Mitarbeiter, der die Pflanzen pflegt, wenn plötzlich ein Fisch an seinen Fingern saugt,“ denkt der Mann. Aber eigentlich, da ist er sich sicher, hat er etwas Gutes getan. Was für ein Nageparadies für den Fisch, der zwar noch immer einsam ist, aber jetzt eine Menge zu tun hat. Gut gelaunt stimmt er wieder in den Louis Armstrong Song ein.

*** Abends ***

Der Hund hebt den Kopf, springt auf und bellt freudig, als es an der Tür schließt. Der Mann hat wieder auf Poäng Platz genommen und sieht sich die Tagesschau an. Der Schreibtisch sieht jetzt wirklich viel geräumiger aus. Der Wirtschaftsteil liegt noch immer ungelesen neben ihm, der Teller mit Gurken schon lange leer und in die Küche geräumt. Endlich hat seine Frau Feierabend.
„Hallo, mein Schatz!“, ruft er ihr entgegen.
„Nanu,“ sagt sie, während sie ihre Jacke aufhängt, den Schal ablegt und in das Entspannungszimmer ihres Mannes schaut. „Wo ist denn das Aquarium hin?“ Sie kommt rein und gibt ihm einen Kuss.
„Das steht jetzt auf dem Balkon, muss demnächst mal zum Müll gebracht werden.“
„Und was hast du mit dem Fisch gemacht?“
„Ach den,“ sagt der Mann, während er wieder den Kopf des Hundes streichelt, der es sich, zufrieden damit, dass sein kleines Rudel vereint ist, wieder auf seinem Stammplatz bequem gemacht hat. „Den hab ich ausgesetzt.“

„Der Weg ist das Ziel.“

Wer kennt es nicht, dieses geflügelte Wort aus Fernost, das häufig Konfuzius zugeschrieben wird? Plötzliches, fast mystisches Erkennen verspricht es, sobald man nur endlich damit begonnen hätte, die Planung Planung sein zu lassen und letztlich umzusetzen, was man sich vorgenommen hat. „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich endlich Taten sehen!“, würde Goethe wahrscheinlich mit einstimmen.

Um die Berliner Wege ist es nun seit fast zwei Monaten eher schlecht bestellt. Ein dicker Eispanzer ruhte auf Kopfsteinpflaster, Asphalt und Beton und verschaffte chemischer und physikalischer Witterung die nötige Zeit und Ruhe, Risse zu dehnen, Pflastersteine zu heben und die Straßen und Wege mit Schlaglöchern zu versehen. Mittlerweile steigen die Temperaturen und Schnee und Eis treten den Rückzug an, um zu offenbaren, in welch schlechtem Zustand sich die Verkehrsadern der Hauptstadt nun befinden. Der Weg als Ziel wird zum wenig eleganten Slalom herum um knöcheltiefe Pfützen und senkrecht stehende Betonpflaster, der höchstens zu der Erkenntnis einlädt, dass auch Tauwetter eines guten Schuhwerkes bedarf.

Doch es mag schon fast wie die Umkehr des physikalischen Energieerhaltungssatzes anmuten, dass die steigenden Temperaturen einhergehen mit einer Abkühlung des sozialen Klimas. Irgendwo muss es scheinbar immer kalt bleiben. Es ist nicht erst die „spätrömische Dekadenz“, mit der Guido Westerwelle unreflektiert auf Missstände aufmerksam machen wollte, die illustriert, dass Empfänger von Hartz IV zum Feindbild Nummer Eins geworden sind. Schon lange weisen Kabarettisten pointiert und häufig mit an Verzweiflung grenzendem Sarkasmus daraufhin, dass etwas faul ist im Sozialstaate Deutschland und legen den Finger auf die Wunde, die aufklafft im gesellschaftlichen Gefüge der Bundesrepublik. Nur ist Guido Westerwelle alles andere als ein Kabarettist und darf weitaus mehr Zuhörer sein Eigen nennen, als wahrscheinlich alle politischen Kabarettisten zusammen, die in den Dritten Programmen ihr Dasein fristen. Auch seine Intention dürfte eine gänzlich andere gewesen sein.

Was auf die Äußerungen des Außenministers und Bundesvorsitzenden der FDP folgte lässt sich leicht zusammenfassen, denn es fällt entweder in die Rubrik der Polemik oder lässt sich dem Schlagwortrepertoire der politischen Lager zuordnen. Eine ernsthafte Diskussion über soziale Gerechtigkeit bleibt bisher aus, da sie stets durch politische Instrumentalisierungen erstickt wird. Der Ruf der Gewerkschaften und der SPD nach einem flächendeckenden Mindestlohn mag angemessen erscheinen, doch lenkt eine vorschnell formulierte Lösung davon ab, dass über die Ursachen noch gar kein Konsens herrscht. Kaum ist die Rede von Mindestlöhnen regt sich lauter Widerstand im neoliberalen und konservativen Lager, dass Löhne stets vom Markt bestimmt werden müssen. Eine Replik, die dem Markt den Status der Unantastbarkeit und Unmanipulierbarkeit verleiht. Obwohl doch die jüngste Vergangenheit gezeigt hat, dass der Markt sehr wohl vom Menschen gesteuert wird. Und schon versinkt die eigentliche Frage im Treibsand politischen Idealismus.

Worum sollte sich die Diskussion nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes bezüglich der Hartz IV Regelsätze überhaupt drehen? Die Verfassungsrichter haben zu bedenken gegeben, dass die Existenz sichernden Bezüge bisher zu untransparent und vor allem unsachgemäß berechnet wurden. Eigentlich also nichts weiter als ein Aufruf zu bürokratischen Korrekturen. Dass aber zur Würde des Menschen, die durch die Hartz IV Bezüge bewahrt bleiben soll, auch eine Partizipation am kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Republik gehört, weckt scheinbar neidische Geister, die meinen, dass in einer Leistungsgesellschaft Teilhabe eben nur über Leistung erlangt werden dürfe.

Hier müsste die eigentliche Diskussion ansetzen, sachlich und unpolemisch. Sachlich sowohl darüber, was die deutsche Gesellschaft eigentlich in ihrem Innersten zusammenhält, als auch, woher solche neidvollen Tendenzen kommen. Unpolemisch im Ersinnen von Lösungswegen.

Es stehen genug Aussagen im Raum, um eine solche Diskussion anzustoßen. Zwei Beispiele sollen genügen:

  • 2,3 Millionen Bürger, sagen Experten, werden in nicht allzu ferner, sondern sogar sehr naher Zukunft Hartz IV Leistungen erhalten und das, obwohl sie festangestellten Beschäftigungen in Vollzeit nachgehen.
  • Wie der Spiegel vor kurzem berichtete, raufen sich ehemalige Richter als Bürger verzweifelt die Haare, weil sie mit ihrem juristischen Latein am Ende sind, wenn sie danach gefragt werden, wie Bankmanager, die maßgeblich in die Finanzkrise verwickelt sind, straf- und zivilrechtlich belangt werden können. Der gesunde Menschenverstand sagt, dass hier Unrecht geschehen ist, doch der Justiz sind meistens die Hände gebunden.

Wie sehr muss sich eine Gesellschaft an Leistungen orientieren, wenn ihr nicht eine Chancengleichheit, sondern ein an Georg Büchners Woyzeck erinnernder Determinismus zu Grunde liegt? Chancengleichheit, das würde bedeuten, dass einem jeden Bürger die gleiche existentielle Grundlage zur Verfügung steht. Dass jede Leistung, die er von dieser Basis aus unternimmt und erreicht, honoriert wird.

Erst dann macht es Sinn, von einem stillschweigend akzeptierten Gesellschaftsvertrag zu sprechen, der auf einem Leistungsgedanken beruht. Solange aber argumentiert wird, dass die Hartz IV Regelsätze zu hoch sind, dass sich deshalb Arbeit nicht mehr lohne, dass gar jeder Empfänger von Ausgleichsleistungen unter den Generalverdacht des „Sozialschmarotzers“ gestellt wird und dabei die eben angesprochenen 2,3 Millionen Bürger komplett ausgeklammert werden, ist die Rede von einem Gesellschaftsvertrag reiner Hohn.

Das propagierte Bild der faulen Hartz IV Empfänger ist daher reinster Populismus. Das große Problem mit dem Populismus ist nur, dass jeder Populist genau die Themen anschneidet, von denen er annimmt, dass sein Publikum sie hören möchte. Guido Westerwelle indes kann sich eines großen Publikums sicher sein.

Und so bleibt die Hoffnung bestehen, dass das abgekühlte gesellschaftliche Klima nicht der Vorbote einer sozialen Eiszeit ist. Der Berliner mag zwar mit Schlaglöchern auf dem Arbeits- oder Jobcenterweg halbwegs leben können, doch wenn sich die Risse im fragilen Zusammenhalt der Gesellschaft weiter dehnen, wird das wohl gravierendere Folgen als nasse Füße haben. Hoffentlich kommt die Erkenntnis wirklich so plötzlich und unverhofft, wie Konfuzius sie sich wünscht.

Quelle: spiegel.de – zeit.de