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Es gibt wohl keine Gattung der Kunst, die sich noch nicht mit ihr auseinandergesetzt hat: die Liebe!

Wie langweilig wären Lyrik und Prosa ohne die aus der Liebe erwachsenen Inspirationen. Kein Drama wäre denkbar, in dem es nicht um das Verlangen zweier Herzen ginge. Seien es Berichte über verschmähter Liebe Pein oder Bekundungen der Kategorie: I Heart You!

Auch die Musik und eher visuell gestaltete Künste sind voll der Liebesschwüre und Bekundungen. Zahlreiche Sprichwörter künden von der Bedeutung, die die Liebe für unser Leben hat. Und wer sich ein bisschen umschaut in seiner Umwelt, der findet überall Verewigungen, die Zeugnis unsterblicher Liebe ablegen sollen. In Bäume und Bänke geritzte Herzen inklusive Initialen der sich (eventuell) Liebenden. Riesengroße Schriftzüge an Wänden, die die Aufmerksamkeit der oder des Angebeteten auf sich ziehen und ausdrücken sollen: Sieh nur, ich scheue nicht einmal eine Auseinandersetzung mit dem Gesetz!

Liebe macht ja bekanntlich blind oder führt zumindest mitunter zu – im Volksmund als rosarote Brille bezeichneten – verzückten Entrückungen der Wahrnehmung. Dass das glücklicherweise nicht immer der Fall sein muss, zeigt dieses Beispiel, das Fahrgästen der Berliner S-Bahn am Betriebsbahnhof Rummelsburg von einer bunten Wand noch bunter entgegenleuchtet und sich kontrastreich absetzt vom tristen Anblick des Heizkraftwerkes Klingenberg.

„Langweilhaar, zu lange Nase, Doofbraunauge, Schmalmund, Segelohren … und ich ‚miss dich trotzdem“

Ist doch richtig schön, oder? (Vor allem das korrekt gesetzte Apostroph bei ‚miss weiß zu entzücken).

So eine ehrliche Liebesbekenntnis gibt es selten*:

Auch wenn du scheiße aussiehst, fehlst du mir trotzdem!

Einfach herzergreifend schön. Vielen Dank dafür, unbekannter Künstler!

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*Klar, es wäre auch denkbar, dass der vermissende Protagonist sich selber beschrieben hat. Aber da das eigene Aussehen ja nicht sonderlich viel damit zu tun hat, wie sehr man einen geliebten Menschen vermisst, liegt irgendwie die Vermutung nahe, dass das doch eher die Beschreibung des Vermissten ist.

Es geht derzeit heiß her im höchsten Amt der Bundesrepublik Deutschland. Der Haussegen hängt schief. Dem Bundesadler zerzaust der Gegenwind aus allen Richtungen das stolze Federkleid. Ja, in Bellevue geht ein Gespenst um. Das Schlossgespenst namens Kreditaffäre, freundlichst animiert unter anderem von Kai Diekmann.

Wie albern wäre es denn, jetzt, nach Wochen und Monaten der politischen, polemischen und populistischen Debatten um das Amt und dem ihm innewohnenden Ruf des Bundespräsidenten, auch noch einen politischen Kommentar zu verfassen? Ja, sehr albern, auch wenn es zugegebenermaßen schon in den Fingern juckt. Aber es soll ja mehr oder weniger um – damit mir Linguisten nicht den Kopf abreissen – allgemeine Semantik gehen. Oder plakativer ausgedrückt: um den Sinn und Unsinn von Wortgebilden.

Kreditaffäre!

Das klingt bedeutungsschwanger und schreit geradezu in roten BILD-Lettern: SKANDAL!

Banken, Zinsen, Geld, Geheimnisse, Betrug, anrüchig, schmutzig, Sex.

Lustig eigentlich die Vorstellung, dass sich, pauschal gesprochen, die Gesellschaft in zwei Gruppen einteilen lässt, deren Klimax-Antiklimax-Pole ihrer Erregungskala ob dieser sieben Assoziationen sich diametral gegenüber stehen. Zum Glück lässt sich im aktuellen Fall „Banken“ durch „Privatpersonen“ ersetzen. Das lässt wenigstens einen kausalen Ringschluss zu. Denn „Sex“ und „Privatperson“ passt doch besser zusammen als „Sex“ und „Bank“.
Womit eigentlich auch wieder der Sinn der semantischen Analyse als bewiesen angesehen werden kann. Denn einigen wir uns nicht vorher darauf, dass wir unter Bank ein Kreditinstitut und keine Sitzgelegenheit meinen, erscheinen die verbindenden Präpositionen „auf“ oder „unter“ im Zusammenhang mit „Sex“ und „Bank“ doch noch recht plausibel.

Wobei ich unserem Bundespräsidenten auf keinen Fall unterstellen möchte, dass er sich den von einer Freundin der Familie gewährten Millionenkredit auf irgendeine Art und Weise „erkauft“ hätte. Das klänge ja fast wie bei Demi Moore und Robert Redford in „Ein unmoralisches Angebot“. Hach ja, da ist sie auf einmal, die Moral und damit die Versuchung, doch noch in einen politischen Kommentar abzudriften. Zusammenreissen und weiter mit der Semantik!

Was steckt nun also drin in der Kreditaffäre? Klar: Kreditaffäre = Kredit + Affäre!

Ein Kredit, das würde die „Sendung mit der Maus“ erklären, ist ja nichts anderes, als sich von jemandem Geld zu borgen und das Versprechen abzugeben, es auch zurückzuzahlen. Klar, als Dankeschön natürlich ein bisschen mehr Geld als ursprünglich geborgt – oder eine Schachtel Merci.

Aber was bedeutet der Begriff selber? Den Kredit kennt man bereits im Mittelalter und, wen wundert es, er kommt natürlich mit Umwegen über Italien und Frankreich aus dem Lateinischen und geht auf „credere“ zurück, auf „glauben, vertrauen“. Das kennen wir auch vom Kredo, dem Glaubensbekenntnis. Die Kreditaffäre ist also eine Glaubensaffäre!

Also kann die Assoziationskette doch gleich erweitert werden:

Kirche, Religion, Glaube, Banken, Zinsen, Geld, Geheimnisse, Betrug, anrüchig, schmutzig, Sex!

Wahnsinn, schließt sich hier die Kette zum Kreis, dann gäbe es aber wieder viel zu diskutieren. „Kirche“ und „Sex“. Das schreit ja geradezu nach neuen alten Skandalen. Aber die Missbrauchsfälle sind ja zum Glück alle aufgeklärt.

Der Glaube, auf den der Begriff Kredit zurückgeht, ist natürlich nicht der Glaube an Gott (der sich aber sicherlich über Abschweifungen zum protestantischen Arbeiterethos damit auch verbinden lässt), sondern eher der Glaube in die Vertrauenswürdigkeit der Person, der Geld geliehen wird. Das ist doch super! Der Gläubiger verleiht also in diesem Sinne dem Schuldner gleich einen doppelten Kredit. Zum einen in monetärer Form, zum anderen einen Vertrauenskredit. Und – zumindest im Mittelalter – das ganze ohne Ratingagentur!

Jetzt aber zum Sex und zur Affäre!

Und da kommt es auch leider schon zur Enttäuschung. Denn ursprünglich hat der Begriff rein gar nichts mit einem Seitensprung zu tun. Das lässt sich schon recht eindringlich darstellen, wenn man an den Begriff der Staatsaffäre denkt. Stellen Sie sich doch einfach mal Angela Merkel vor. Wohlwissend, dass die First Lady, Carla Bruni, gerade ein Publikum mit ihren Chansons erfreut, bewegt sie sich, lediglich umhüllt von einem fast transparenten CDU-schwarzen Negligé, mit einer Flasche Rotkäppchen halbtrocken hinter ihrem aufreizenden Rücken, mit staatsweiblichem Hüftschwung durch einen Flur des Palais de l’Élysée geradewegs auf das Schlafgemach des, sich auf seinem Bett in sportlicher Retroshorts rekelnden und seine Brustwarzen mit einem Eiswürfel stimulierenden, Nicolas Sarkozy zu.

Der Gedanke an Sex ist auch Ihnen vergangen? Ganz recht! So sehr dieses Beispiel einer Allegorie der Asexualität gleicht, so wenig hat der Begriff Affäre auch wirklich in seiner ursprünglichen Bedeutung mit Sex zu tun. Über das Altfranzösische „à faire“ hat wiederum ein lateinischer Ausdruck Einzug in die deutsche Sprache erhalten. „Facere“ heißt so viel wie „machen, tun, ausüben, handeln“. Daher ist die Affäre auch nichts anderes als eine „Angelegenheit“ oder ein „Vorfall“.

Für die Kreditaffäre bedeutet das also, dass wir mittlerweile von einer Glaubensangelegenheit sprechen können. Die Ironie, dass es sich dabei um einen Christdemokraten handelt, sei nur am Rande erwähnt. Eine Glaubensangelegenheit also. Das mag tatsächlich eine passende Herleitung sein, wenn man die Etymologie, also die Herkunftsgeschichte von Ausdrücken, und den Sachverhalt, Privatperson leiht anderer Privatperson Geld, bedenkt. Doch die Semantik betrachtet glücklicherweise nicht nur die Ursprünge von Begriffen, sondern auch die umgangssprachliche, häufig davon abweichende Bedeutung, die ein solcher Begriff dieser Tage erhalten hat.

Hier ist die Affäre eindeutig, wenn auch mit einem gewissen anerkennenden Wagemut verbunden, eher negativ konnotiert und steht für Seitensprung und Betrug. Und da das Amt des Bundespräsidenten nicht den gleichen Stellenwert hat wie das Ansehen einer Privatperson, die Debatte darüber sowieso in der Öffentlichkeit geführt wird und dort auch hingehört, erhält „Kreditaffäre“ die Wortsalat-Bestnote.

Denn was für den einen eine monetäre Vertrauensfrage sein mag, ist in diesem Kontext nichts anderes als betrogenes Vertrauen.

Etymologie: Deutsches Wörterbuch der Deutschen Sprache. Ein Online-Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. 

Ach, was hätte er doch für eine Freude gehabt, der gute Sigmund. Wäre er in den Genuss gekommen, den einen oder anderen Kinofilm der letzten Jahre oder Jahrzehnte genießen zu dürfen, der Mund hätte ihm offen gestanden. In alle Winde zerstreut hätte er den Orkan feministischer Kritik, der ihm einst und zuweilen noch immer (aber stets auch durchaus berechtigt) um die Ohren wehte und den Gehörgang durchblies. Bestätigt hätte er sich gefühlt, bestärkt in seinen psychologischen Theorien.

Er hätte es fast überall gesehen: Harry Potter hat eins. Genauso wie Gandalf. Aragorn bekommt sogar ein neues und auch Frodo hat eins, wenn auch recht klein und nicht so stattlich wie die seiner Gefährten. Zu Sigmunds besonderer Freude hat auch Tim Burtons Alice eins. Captain Kirks Steuermann Hikaru Sulu kann seines im letzten Star Trek Abenteuer galant hervorziehen und plötzlich entfalten. Der von Johnny Depp gemimte Pirat Jack Sparrow fuchtelt stets mit seinem herum. Von den Highlandern Connor und Duncan MacLeod, dem legendären König Arthur und Tom Cruises bizarrem Pseudosamurai muss erst gar nicht weiter gesprochen werden. Kurzum, es dominiert das Abenteuer- und Fantasy-Genre und macht auch hier und da einen Ausflug in die unendlichen Weiten des Science-Fiction: das Schwert.

Neben dem königlichen Zepter wohl das Phallus-Symbol schlechthin. Eine kurze Internet-Recherche nach der Traumdeutung des Schwertes führt jedoch nicht zwangsläufig in die Penis-Richtung. Auf was für tiefgreifende und vor allem schwer zu ergründende Deutungen man dabei hingewiesen wird! Traumdeuter.ch erklärt beispielsweise, dass Schwert stünde symbolisch für – halten Sie sich fest – eine machtvolle Waffe und den Wunsch etwas zu schneiden. Stärke, Mut und Gerechtigkeit seien seine Attribute. Deutung.com gibt noch den sinnvollen Hinweis, dass ein weggenommenes Schwert eine Niederlage gegenüber einem Gegner bedeutet. Ach, schau an!

Alles Quatsch, hätte Sigmud Freud gesagt. Das Schwert ist und bleibt ein Penis und stellt nichts anderes als eine Machtpräsentation dar. Und mal ehrlich, wie gut, dass es Symbole gibt und nicht alles filmisch so dargestellt wird, wie der Begründer der Psychoanalyse es interpretieren würde. Was wären das für Filme, in denen ein treuer Lehnsmann niederkniet und spricht: „Mein Penis gehört Euch, mein König.“ Oder in denen der König im Umkehrschluss seinen Dödel hervorkramt und ihn auf die linke und rechte Schulter eines Aspiranten der Ritterschaft niederklatschen lässt (lustige Anekdote übrigens am Rande: Wikipedia verrät uns, dass Sir Nils Olav der wahrscheinlich einzige vom norwegischen König zum Ritter geschlagene Königspinguin ist).

Doch Sigmund Freud ging es in seiner Sexualtheorie vielmehr darum, den psychologisch begründeten Unterschied zwischen Mann und Frau darzustellen: Kastrationsangst und Penisneid bestimmen die Geschlechterrollen von klein auf. Das Mädchen fühlt sich mangels Penis unvollständig und der Knabe hat Angst, sein Prachtexemplar zu verlieren. Kein Wunder, dass hier noch immer Kritik angebracht ist und sich die Geister über Sinn und Unsinn dieser Theorie streiten. Doch was sagt die Omnipräsenz des Schwertes in Kinofilmen über das (zu großen Teilen) vor allem männliche Publikum aus? Es kann wohl kaum Penisneid sein, ist dies doch die weibliche Eigenart. Vielleicht fühlt Mann sich durch den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leistungsdruck entmannt? Die Schnelllebigkeit heutiger Tage und die sozialen Konventionen schnüren vielleicht sein Gemächt ab? Job, Familie, wenig Freizeit, ein bisschen Sport, hier und da ein Bildungsangebot. Für viele ist das alles vielleicht zu viel. Und so kann er nur im Kino das erleben, was er sich selber so gerne wünscht: Sich mit dem Penis in der Hand ins Abenteuer zu stürzen.

Aber zum Abschluss können wir wenigstens mit einem aufräumen, denn George Lucas‘ Jedi Ritter lehren uns eines: Nicht auf die Grüße, sondern auf die Technik, auf die kommt es wirklich an.

Bald ist es wieder soweit: Jahreswechsel.

Und wie immer gehen die Tage zwischen den Jahren einher mit einem Dauernieselregen unkreativer Jahresrückblicke. Ihnen zu entgehen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Nahezu so, als würde auf allen Sendern RTLs grauenhafte, schon in die 89. Folge gehende „Ultimative Chartshow“ mit einem debil grinsenden Oliver Geissen laufen.

Wer hat was mit wem und wenn ja warum und vor allem wie oft gemacht? Kriege, Katastrophen, Eurovision Songcontest, Krisen, Ölkatastrophen, Wahlen, Wale, Sex, Sex mit Walen, Skandale, Rücktritte, Missbrauch, Helden, Schurken, russische Gerichtsurteile … alles ist wieder da und das meiste davon für die meisten sowieso nicht wert in Erinnerung zu bleiben – bis auf die Alliteration mit S natürlich:  Songcontest, Sex, Skandale!

Und wenn dann resümiert wurde, dass lediglich die Rettung der chilenischen Kumpel eine frohe Botschaft war, dann wird der Blick vom Vergangenen auf das Zukünftige gerichtet: „Und was nimmst du dir für das neue Jahr vor?“

Ja, was denn? Ein bisschen weniger fluchen? Scheiße, sicher nicht! Nicht mehr rauchen? Hab ich eh noch nie gemacht. Mit dem Rauchen anfangen, damit ich endlich mal einen guten Vorsatz für das übernächste Jahr habe? Ich denke eher nicht.

Vielleicht – ja, das wäre was! –  ein wenig mit dem Schubladendenken aufräumen. In letzter Zeit erwische ich mich dabei immer häufiger. Obwohl doch meistens eine geradezu schillernde Farbenvielfalt zwischen den Schwarz-Weiß-Kontrasten der Schubladenwände schlummert.

„Dummheit“ steht zum Beispiel auf einer Schublade in meinem kognitiven Archiv geschrieben. Und wie wunderbar, sie öffnet so schnell und geräuschlos wie kaum eine andere Schublade. Ihre Laufräder werden ständig geölt, so oft ist sie in Betrieb. Kein Quietschen, kein Scharren. *Biep* Dummheitsdetektor schlägt an. *Suuuusch* Schublade auf. *Tack* Abgestempelt. *Bämm* Schublade zu. Herrlich!

Dabei ist das falsch, mon dieu! Denn auch wenn man sehr häufig und wirklich ganz objektiv die Dummheitsschublade füttern kann, so ist Dummheit nicht gleich Dummheit. Geradezu ein Kosmos des Dummen eröffnet sich dem, der sich traut, kurz zu verweilen und zu beobachten. Er wird irgendwo aufgespannt zwischen den Polen „Idiotie“ und „Unreflektiertheit“. Raumfahrer, unterwegs in den unendlichen Weiten der Dummheit, können das Zwillingsgestirn „Ficken, Saufen, Ficken, Saufen, FICKEN FICKEN FICKEN, SAUAAAAUFEEEN!“ besuchen und schon kurz darauf den fragilen Meteoritenhaufen namens „Wie jetzt? Zukunft?“ passieren.

Ein Mangel an Intelligenz ist nicht immer ausschlaggebend für Dummheit, wirkt häufig jedoch verstärkend. Nicht immer lässt sich Dummheit an der Kleidung festmachen oder an der Solariumbräune – aber man öffnet in solchen Fällen zum Glück nur sehr selten die falsche Schublade.

Letztendlich glaube ich aber, dass es purer Neid ist, der mich dazu veranlasst, die Dummheitsschublade so sehr zu pflegen. Dummheit, denke ich, macht einfach glücklich. Was muss das doch für ein zufriedenes Leben sein, sich nicht ständig den Kopf über alles mögliche zu zerbrechen. Leben, Tod, Leben nach dem Tod. Glück, Liebe, Gott, Gerechtigkeit. Sinn und Unsinn des Lebens. Mensch-Maschine-Dualismus. Körper-Geist-Seele Fragen. Alles für die Katz.

Wer so richtig dumm ist, dass er – um bei der Metapher des Universums zu bleiben – im Wurmloch lebt, das den Raum knickt und die Pole „Idiotie“ und „Unreflektiertheit“ miteinander verbindet, muss wohl der glücklichste Mensch der Welt sein. Wer sich daran ein Beispiel nehmen möchte, für den dürfte das alte Credo nicht mehr lauten: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“, sondern vielmehr: „Lebe jeden Tag, als wärst du richtig dumm.“

Es ist schon fast eine Anlehnung an die abstrakten Denkweisen des Zen-Buddhismus: Einfach Sein. René Descartes „Ich denke, also bin ich“ wird unfassbar positiv abstrahiert:

„Ich“, das wird einfach hingenommen, als gegebene Größe akzeptiert.
„Denke“, wohl eher nicht!
„Bin ich“, eindeutig grammatikalisch zu komplex.
Bleibt also „Also“.

Und klingt das nicht nach Tatendrang, nach in den Tag hineinleben? Einfach aufwachen und sich sagen: Also! Das Heureka der Idiotie und Dummheit!

Da fragt man sich nur, ob die von Dummheit gesegneten Mitbürger das ganze überhaupt zu schätzen wissen. Wissen sie denn, dass sie glücklich sind? Oder fehlt ihnen dafür die über Selbstreflektion erhaltene Erkenntnis des Glücksgefühls?

Ich denke, ich werde das mit dem Schubladendenken für das Jahr 2011 doch auf Eis legen und einfach mal versuchen, ein bisschen dumm zu sein. Ja, für mich wird 2011 das Jahr der spirituellen Dummheit!

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen idiotischen Jahreswechsel und ein dummes neues Jahr!

Okay, zugegeben: Es wäre übertrieben zu behaupten, ich würde mich Nacht für Nacht von Seite zu Seite werfen und mit dieser mich quälenden und mir den Segen des Schlafes verwehrenden Frage kämpfen. Aber tatsächlich schleicht sie sich immer wieder mal an und flüstert mir die Gewissheit ins Ohr, dass ich versagt habe.

Versagt, oh je!

Dass ich es nicht aufklären kann, wie man in Kontakt mit einem Auftragsmörder tritt.

Sie kommt dann nachts so an, zeigt mir eine lange Nase und sabbert mir voll Hohn ins Ohr: „Dädädä, dädädä, weißte nicht, kannste nicht. Ätschibätsch!“ Verdammt, ich hasse so etwas! Beknackte, ausgebuffte und unerzogene Frage. Es zermürbt mich schon ein bisschen und nagt an mir, wie ein wildentschlossener Biber, der dem Wald im Yosemity-Valley den Krieg erklärt hat.

Aber manchmal erfährt ein solches Leiden Linderung, wenn man gar nicht damit rechnet.

Zack! Ganz plötzlich und unverhofft steht es dann vor einem. Schwarz auf Weiß sozusagen. Oder in meinem Fall: Lila mit schwarzer Kontur auf Silber und Efeu.  Und das alles nur wegen laktosefreier Milch.

Verwirre ich Sie? Das möchte ich nicht, verzeihen Sie mir bitte. Aber ich bin immer noch etwas aufgeregt, dass sich mir eine Spur zur Klärung der mich quälenden Fragen so plötzlich offenbart hat, so dass die Sätze geradeheraus aus meinen Fingerspitzen auf die Tastatur purzeln. Also Schritt für Schritt:

Sie müssen wissen, ich bin umgezogen. War schon etwas stressig. Ein typischer Umzug eben. Aber es war eine gute Ablenkung. Sowohl für mich, um mich nicht mehr mit unnützen Fragen herumquälen zu müssen. Als auch für den Bundesnachrichtendienst, der entweder das Interesse an mir verloren hat oder mit ausgefeilterer Technik aufwarten kann. Das Knacken in der Telefonleitung ist auf jeden Fall weg. Dafür muss aber jeder Handwerker, der etwas in der neuen Wohnung zu handwerken hat, einen umfangreichen Backgroundcheck über sich ergehen lassen.

Doch irgendwann ist auch der längste Umzug abgeschlossen und die Fragen melden sich zurück. Langsam aber penetrant. Patentes Rezept dagegen: Einfach mal die neue Wohngegend erkunden. Man muss ja schließlich wissen, wo es beispielsweise laktosefreie Milch zu kaufen gibt. Und tatsächlich: Gar nicht weit von der Wohnungstür entfernt öffnet eine Kaiser’s Filiale Tag für Tag ihre Automatiktüren für die Kundschaft. (Nebenbei bemerkt: Kaiser’s ist übrigens keine Reminiszenz an vergangene Herrschaftsformen, sondern geht vielmehr auf Josef Kaiser zurück, der Ende des 19. Jahrhunderts die erste richtige Kaffeeröstmaschine erfand – daher wohl auch die Kaffeekanne als Logo des Unternehmens).

Gut gelaunt und angenehm abgelenkt, schlendere ich über den Parkplatz des Supermarkts. Plötzlich verharren meine Beine, meine Augen weiten sich und mein Verstand beginnt zu arbeiten. Der Parkplatz wird von einer etwa zwei Meter hohen Mauer begrenzt. Mit Efeu bewachsen. Wahres Parkplatzidyll. Doch der Efeu kann nicht überall an der Mauer Fuß beziehungsweise biologisch korrekt ausgedrückt: Haftwurzel fassen. Und da steht es. In lila gesprayter runder Schrift, mit schwarzer Kontur versehen und auf silbrig glänzendem Untergrund:

„For Phila the Killa!“

Oh man, denke ich. Phila der Killa. Phila, könnte er wirklich ein Killer sein?

Nein, eher nicht. Sicherlich nur ein Versuch mittels seichten Vandalismus der jugendsubkulturellen Coolness Ausdruck zu verleihen. Zu sagen: „Efeu mein Arsch, Alter! Meine Parkplatzmauer! Hier setze ich mein Zeichen, und zwar dedicated für Phila den Killa, meinen Homie!“

Lila und Silber stelle ich mir auch nicht als so die ganz richtigen Farben des Auftragsmörderbusiness vor. Wobei ein Corporate Design für einen Auftragsmörder auch etwas hoch gegriffen wäre. Aber das wiederum ist eine andere Frage.

Mein Geist rotiert also: „Schmierereien von Halbstarken“, sagt mir der Verstand und meine metropolitane Lebenserfahrung nickt zustimmend. Kennen wir, schon oft genug gesehen. Aber auf der anderen Seite geht es hier um das Auftragsmörderbusiness. Helfen da ein normaler Verstand und an schroffer Urbanität geschliffene Lebenserfahrung weiter? Vielleicht ist Phila wirklich ein Killer und genau hier unter dem Efeu hinterlegen seine Auftraggeber ihre perfiden Mordpläne. Das Graffito ist dann Philas in den Himmel von Gotham City projiziertes Batman-Symbol. Und was wäre unauffälliger als eine auffällige Schmiererei, von der jeder denkt, dass sie aus der Dose semibegabter Jugendkünstler stammt?

Während ich das Regal mit der laktosefreien Milch suche, stelle ich mit Befriedigung fest, dass mein Geist seine Betriebstemperatur erreicht hat. Ich muss das im Auge behalten, sage ich mir. Aber wie?

Könnte umziehen und eine Wohnung mit Blick auf den Parkplatz suchen. Nein, bin gerade erst umgezogen und zu teuer.

Könnte mich als vietnamesischer Zigarettenschwarzmarkthändler ausgeben und den ganzen Tag vor Kaiser’s rumstehen. Blicke in mein fahles Spiegelbild in einer Scheibe einer Tiefkühltruhe. Muss diesen Plan verwerfen. Den Vietnamesen nimmt mir keiner ab.

Da, ich hab’s! Werde mir einen Stapel Obdachlosenmagazine à la Straßenfeger und Motz kaufen und die dann vor Kaiser’s feilbieten. So kann ich meine soziale Ader befriedigen, indem ich einem Motzverkäufer den Umsatz des Monats beschere (werde die Magazine natürlich billiger verkaufen, sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen) und kann den Parkplatz beobachten.

Gesagt, getan. Es ist natürlich wie immer: Wenn man mal dringend einen Motzverkäufer sucht, dann findet man keinen. Immerhin konnte ich mal wieder den ganzen Tag U-Bahn fahren und muss jetzt nicht, wie ursprünglich geplant, eine Woche aufs Duschen und Haarewaschen verzichten, sondern kann schon am nächsten Morgen meine Tarnidentität annehmen.

Ich schlüpfe also in den von meinem letzten Fahrradsturz stark zerschlissenen Parker, klemme mir den Stapel Magazine und den darin versteckten Notizblock unter den Arm und schlurfe miefend und müde zu Kaiser’s.

Es ist kein Zuckerschlecken, das kann ich sagen. Wer jemals wieder etwas von Hausiererromantik und den Vorzügen des Lebens auf der Straße faselt, kriegt von mir einen heftigen Tritt in den Hintern. Für 90% der Menschen ist man eh komplett unsichtbar. 9% der Passanten vermeiden es, in der Nähe zu atmen, da sie sich ja mit allerlei Krankheiten anstecken könnten. Immerhin 0,9% der Kaiser’s Kunden schütteln mitleidig und entschuldigend den Kopf und jeder tausendste kauft mir tatsächlich eine Zeitung ab.

Am späten Nachmittag dröhnt mein Kopf und ich habe Hunger. Wollte eigentlich von den Zeitungserlösen etwas zu essen kaufen. Aber erstens habe ich nicht genug Magazine verkauft und zweitens habe ich den Fehler begangen, zu fragen, ob ich die Mitarbeitertoilette benutzen darf. Das Mitgefühl der Mitarbeiter ist wirklich grenzwertig. Bin bei Kaiser’s jetzt nicht mehr so gerne gesehen.

Und es ist nichts geschehen. Kein Phila, kein Killer. Niemand, der sich am Efeu zu schaffen gemacht hat. Fehlanzeige!

In Gedanken darüber verloren, was ich eigentlich mache, wenn ich es mal schaffen sollte, Kontakt zu einem Auftragsmörder aufzunehmen – ich will ja schließlich nicht seine Dienste in Anspruch nehmen – werde ich unsanft angerempelt. Empört drehe ich mich um.

„Ey du Assi!“, brüllt mich jemand spuckend in einem zerschlissenen Parker an und holt zum zweiten Schupser aus. „Das is mein Stand, du Arschpimmel!“

Mein Blick fällt auf den Stapel Straßenfeger unter seinem Arm, seiner hingegen auf mein improvisiertes Pappschild ‚Motz! heute nur 80 Cent!’. Er läuft rot an. Ich überlege kurz, ob ich ihm erklären soll, dass ich ja eigentlich sehr sozial gewesen war. Verwerfe es aber, als ich die Ader auf seiner Stirn pulsieren sehe. Mir schwant nichts Gutes.

„80 Cent?“, er kreischt förmlich. „ACHTZIG CENT?! Ich bring dich um, du Schwein!“

Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch: „Phila?“

… die Wortfindungsschwierigkeit?

Veröffentlicht: 29. Juli 2010 in Kultur
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Es ist ein kleines tappsiges Wesen, das sich munter, je nach Gemütslage, auf zwei Beinen oder auf allen Vieren durch das Leben schlägt. Samtig weiche Pfoten hat es. Mit Krallen, die nicht dem Kampfe dienen, sondern ihren Namen eher der Fortbewegungsart verschulden, mit der der kleine pelzige Freund weite Entfernungen zurücklegt.

Mit seinen gerade einmal rund 70 Zentimetern Körpergröße – die er lediglich erreicht, wenn er sich vollständig aufrichtet, was zugegebenermaßen nicht allzu häufig geschieht – und seinem maximalen Hang zu minimalem Körperenergieverbrauch, nutzt das kleine gescheite Fellknäuel seine Krallen lediglich, um sich, wie der Name vermuten lässt, festzukrallen. Und das am liebsten an anderen Beinen.

Die Gesellschaft anderer Tiere langweilt den kleingewachsenen und friedliebenden Verwandten der Braun- und Grizzlybären allerdings, so dass er stets die Nähe von Menschen sucht. Am allerliebsten mag er Menschen, die Cordhosen tragen. Schlingt er alle Viere um ein solches Bein und krallt sich ganz doll fest, so dauert es meistens nicht lange und er schlummert ein. Auf diese Art und Weise kann er unfassbar weite Strecken ohne große Eigenleistung überwinden.

Lässt er das Bein irgendwann los, so bleibt er erstmal eine Weile sitzen, um den Schlaf abzuschütteln. Dann streckt er sich und reckt er sich und kratzt sich seinen, vom minimalen Körperenergieverbrauch doch recht ansehnlichen und mit hellbraunem, flauschigem Fell bedeckten Bauch. Klar, dass er jetzt Hunger hat. Aber in einer Großstadt gibt es für ihn nichts Leichteres als die Nahrungssuche.

Stadtkatzen und Straßenhunde, Ratten und Mäuse, Tauben und Spatzen. Die haben alle keinen sonderlich guten Geschmack, meint er und kann nur die Lippen in seinem mit Zottelfell überwucherten runden Gesicht kräuseln, wenn er daran denkt, wie sich die anderen Tiere aus Mülltonnen ernähren. Aber zugegebenermaßen hat er natürlich auch den Vorteil auf seiner Seite, dass er zum Einen gar nicht direkt auf materielles Essen angewiesen ist und zum Anderen für die meisten Menschen unsichtbar bleibt.

So kann er nach Belieben mit großen staunenden Augen durch die Einkaufspassagen tapsen und sich an den Wortfetzen laben, die hier durch die Luft schweben. Er liebt Worte und Wörter, Sätze und Phrasen, Gedanken und Ideen. Manchmal nur einen kleinen Happen eines aromatischen älteren Wortes, das er ganz frisch von der Zunge eines Passanten klaubt. Der runzelt dann meistens die Stirn und hat gar nicht mitbekommen, wie der sonst so behäbige kleine Bär an seinem Körper empor geklettert ist, sich mit dem kleinen Kullerbauch über den Kopf des Passanten gehangelt hat und, schwupps, das Wort direkt aus dem Mund geklaut hat. Meistens sagt er dann noch so etwas wie „Warte, ich hab es gleich, mir liegt es auf der Zunge!“, aber es wird ihm einfach nicht einfallen, denn schon wird das Wort im Magen des kleinen Bären verdaut. Oder aber eine ganz leckere, frische Idee, die er wie eine lange Spaghetti mit seiner weichen, klebrigen Zunge aus dem Ohr eines Flaneurs saugt, der noch ganz benommen ist, dass ihm sein brillanter Einfall auf einmal abhanden gekommen ist.

In einem wahren Schlaraffenland findet sich der kleine Bär wieder, wenn er sich durch Zufall an ein Bein eines Journalisten, Schriftstellers oder sonstigen, mit Schreibereien sein Brot verdienenden Zeitgenossen gekrallt hat und von ihm mit nach Hause oder ins Büro getragen wird. Es dauert dann meistens nicht lange und der Schriftsteller wird nervös, denn ihn plagen ganz plötzliche Wortfindungsschwierigkeiten. Zum Glück ist der kleine kuschelige Wonneproppen trotz seines Energiesparwahns stets bemüht, Neues zu sehen und kennenzulernen, so dass bisher kein Journalist, Notar oder Schriftsteller seinen Job wegen Wortfindungsschwierigkeiten verloren hat.

Das absolute Paradies würde sich dem Bären wohl in einer Bibliothek oder einer Buchhandlung offenbaren. Doch da hat es bisher keiner von ihnen reingeschafft. Denn ein jeder Archivar, Buchhändler und Bibliothekar wird darin ausgebildet, Ausschau zu halten nach den kleinen Bären. Kaum zu denken, was einer von ihnen für einen Schaden anrichten könnte, wenn er jede zweite Seite eines Buches leerfressen würde. Und so sind die manchmal so kauzig wirkenden Buchhändler und Bibliothekare die einzigen Menschen, die ihn erkennen und sehen können: den kleinen, kuscheligen Wortklaubären.

Oder: Lena hat Schuld!

Klar, sie sind jetzt nicht unbedingt die Helden der Nation. Sie kommen eher dezent daher und tummeln sich in Kreisen, die in der Gesellschaft auch nicht wirklich das größte Ansehen genießen. Aber immerhin bringen sie bedeutend mehr Nobelpreise nach Hause als ihre praxisorientierten Kollegen aus der Betriebswirtschaftslehre. Die Rede ist von Volkswirtschaftlern, die man entweder an jeder Universität trifft (gut, dort werden sie durchaus und zu Recht geachtet und geschätzt) oder aber in den Gefilden der Politik, frei nach dem umgedeuteten Motto: Wer nicht mal Wirt wird, wird Politiker!

Wer noch immer eine Karriere als Universalgenie im Auge hat, der sollte seinen Drang, jedes wissenschaftliche und kulturelle Fachgebiet zu verstehen und zu verinnerlichen, zuallererst mit volkswirtschaftlicher Lektüre auf Bestand und notwendige Geschmeidigkeit testen, ehe er sich an kantische Philosophie, dadaistische Malerei und neuere Neurobiologie wagt. Denn es bedarf schon eines relativ flexiblen Hirns, um sich auf die wissenschaftliche Arbeitsweise einfacher volkswirtschaftlicher Erklärungsmodelle einzulassen, ohne Gefahr zu laufen, der Stirn durch heftige Schläge mit der flachen Hand irreparable Schäden zuzufügen oder fortwährend an einem Schleudertrauma durch vehementes Kopfschütteln zu leiden. „Wir wissen, dass es keine Vollbeschäftigung gibt, aber wir gehen einfach mal von Vollbeschäftigung aus, da das Modell ansonsten leider nicht mehr funktioniert.“ Das hat schon etwas, kann man kaum leugnen. Oder wie wäre es damit: „Ja, es ist ein bisschen unrealistisch, aber das Marktmodell bringt nur dann sinnvolle Ergebnisse, wenn wir postulieren, dass sämtliche Informationen jedem Teilnehmer uneingeschränkt und ohne jeden Aufwand zugänglich sind, dass alle Arbeitnehmer vollkommen mobil sind und es – auch hier – keine Arbeitslosigkeit gibt.“

So macht Wissenschaft doch Spaß: Die Realität komplett und vollkommen bewusst ausblenden, umdrehen, umkrempeln, auseinandernehmen und falsch herum wieder zusammensetzen und damit dann die Realität erklären wollen. Kommt ja auch kein Arzt auf die Idee, einem unter Schienbeinschmerzen leidenden Patienten zu diagnostizieren: „Schmerzen im Schienbein? Ich schlage vor, dass wir einfach annehmen, Sie hätten gar keine Beine. Dann sind das auch nur Phantomschmerzen und mit denen können Sie eigentlich ganz gut leben. Ich überweise Sie trotzdem vorsorglich mal zum Neurologen, der sollte sich nach einer solchen Phantomamputation mal die Phantomstümpfe ihrer verbleibenden Phantombeine ansehen.“

Manchmal kann man aber auch wirklich nützliche Dinge von Volkswirtschaftlern lernen oder sie zumindest als Vorbilder begreifen. Beispielsweise wenn es darum geht, Größen zu erfinden, wie etwa den Nutzen. Nutzen, klar, das wird jeder sagen, gibt es. Toilettenpapier ist beispielsweise durchaus nützlich. Auch der Erfindung der zweiten und dritten Dimension kann ein gewisser Nutzen nicht abgesprochen werden, wäre sonst alles sehr, ja genau, eindimensional. Die Volkswirtschaftslehre schafft es nun aber, den Nutzen in den Mittelpunkt wichtiger Theorien zu rücken und rechnet sogar damit. Glücklicherweise geht man schon lange nicht mehr davon aus, dass Nutzen messbar wäre, sondern stellt den Nutzen, den bestimmte Güter erfüllen, in Relation zum Nutzen anderer Güter. Problematisch aber vor allem, wenn es um kulturelle Vergleiche geht. Da hat dann die linke Hand plötzlich einen bedeutend höheren Nutzen als Toilettenpapier.

Wie auch immer, aus dem Nutzen wird jedenfalls eine Größe abstrahiert, mit der bequem gerechnet werden kann. Warum macht man das nicht einfach auch mit anderen schwer zu greifenden Begriffen? Man könnte sagen: Imperator Palpatine ist 4,5 mal so böse wie Darth Vader und wird in Bösartigkeit nur noch von Gargamel mit dem Faktor 5,1 übertroffen. Grützwurst erreicht nur 12,4% der Leckerkeit von Himbeerwackelpudding. Oder Schnodder ist immerhin halb so ekelig wie alter Eiter.

Noch mehr Spaß macht das ganze aber mit Glück* (im Sinne von „Puh, Glück gehabt!“). Sagen wir, dass jede Nation und jede Gesellschaft pro Jahr über maximal 100 Glückspunkte (GP) verfügt, die vom Schicksal verwaltet und mitunter aber auch mit Pechpunkten (PP) verrechnet werden. Glücklich ausgegangene Großereignisse verbrauchen dann natürlich mehr Glück als Kleinigkeiten. Ein eindeutiges Tor der englischen Fußballnationalmannschaft, das vom Schiedsrichter nicht gesehen wurde, kostet beispielsweise 15 GP. Weitere 10 GP wurden durch 10 PP eliminiert, als ein ebenfalls inkompetenter Schiedsrichter Miroslav Klose mit Gelb-Rot vom Platz schickte. Richtig teuer wurde aber natürlich der Sieg von Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest, der durch den Medienrummel mindestens 40 GP gekostet hat! Da sagen wir einfach mal: Toll, Lena! Musste das denn wirklich sein? Fast zwei Drittel aller deutschen GP sind damit schon aufgebraucht. Und was haben wir davon? Nun brauchte es drei Wahlgänge, um die Regierungskoalition zu ärgern (20 GP/PP**) und wir haben als neuen Bundespräsidenten Christian Wulff an der Backe (10 PP/GP). Wie sollen wir denn mit den verbleibenden 5 Glückspunkten jetzt noch Weltmeister werden?

Hätten wir doch einfach den sich selbst als Soul-Pop-Künstler bezeichnenden Mark  Medlock nach Oslo geschickt und den traditionsreichen letzten Platz in dieser Schlagerparade nach Hause gebracht. Niemand hätte sich um den Grand Prix geschert und Marks Versagen hätte höchstens einen Wert von 5 PP gehabt. Es wäre so viel Glück übrig geblieben, dass auch der dritte Wahlgang zur Überraschung gereicht hätte (20 GP/PP) und mit den verbleibenden 30 GP hätten wir in Südafrika locker Argentinien, Brasilien und Spanien verputzt.

Also eindeutig: Lena ist Schuld!

Jetzt können wir nur hoffen, dass die verbleibenden 15 GP noch irgendwas bewirken. Neuwahlen vielleicht.

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** Der Neutralität zuliebe.
*Mit Glück (im Sinne von glücklich sein) wird das jedoch tatsächlich gemacht. So gibt es mehrere wirklich interessante sozialwissenschaftliche Indizes, mit denen versucht wird, das Glück und die Lebensfreude der Menschen zu messen. Daraus entstehen mitunter sehr spannende Forschungsprojekte, wie beispielsweise der Happy Planet Index (HPI), dessen Forschungsbericht wirklich lesenswert ist!

Totgesagte leben länger, sagt man. Wenn es danach geht, dann müsste den Zeitungen mittlerweile das ewige Leben so gut wie sicher sein. Es ist nicht das erste Mal, dass aus vielen Ecken prophezeit wird, dass sich eine Krise im Zeitungswesen anbahnt. Was in den Vereinigten Staaten begann und dazu geführt hat, dass nicht nur Redaktionen personell und finanziell stark beschnitten wurden, sondern dass einige renommierte und alteingesessene Tageszeitungen vor dem finanziellen Ruin standen und Konkurs anmelden mussten, wird auch in Deutschland spürbar.

Man muss nicht lange recherchieren, um festzustellen, dass  sich Tageszeitungen mit veränderten Bedingungen konfrontiert sehen. Ein Blick auf die Daten der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) reicht aus, um beispielsweise für den Berliner Zeitungsmarkt feststellen zu können, dass den Tageszeitungen innerhalb von zwei Jahren mehr oder weniger kontinuierlich die Leser davonlaufen. Lediglich der taz und der Welt konnte eine leichte Zunahme der Leserschaft attestiert werden. Die Gründe für diese Entwicklungen, die bisher bei weitem nicht ein so dramatisches Ausmaß angenommen haben, wie in den USA, werden in Medienmagazinen heiß diskutiert.

Neben den ganz offensichtlichen Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise und den wegbrechenden Anzeigenschaltungen in Tageszeitungen (lesenswert) wird vor allem auch die rasantere Entwicklung des Internets als Erklärung herangezogen. Soziologen bezeichnen Medien allgemein als intermediäre Institutionen. Sie bilden sozusagen eine verbindende Schicht zwischen unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft, indem sie das, was gesellschaftlich relevant ist, öffentlich und verständlich machen und es zum Diskurs stellen. Idealerweise und im klassischen Sinne, geht es dabei also um die reine Vermittlung von Informationen und nicht um Meinungsbildung. Es ist klar, dass dieser Anspruch nur noch selten erhoben werden kann (beispielhaft,wie sich alleine die neutralen Nachrichtensendungen heute und Tagesschau unterscheiden) und es steht auch außer Frage, dass eine rein objektive Berichterstattung, die auf jeden Kommentar, jeden kritischen Hinweis und jeden Anstoß zur Diskussion einer politischen und gesellschaftlichen Entwicklung eher hinderlich denn förderlich wäre.

Gerade was die politische Meinungsbildung angeht, sind Zeitungen nach wie vor unerlässlich. In Zeiten, in denen es keiner großen Anstrengung bedarf, zielgerichtet, neutrale Informationen aus dem Internet zu beziehen, können Tageszeitungen nicht mehr damit punkten, am nächsten Tag abzudrucken, was schon 20 Stunden zuvor bekannt wurde und mittlerweile Staub angesetzt hat. Dass den Verlagen diese Tatsache bewusst ist und sie darauf reagieren müssen, ist klar. Die Gefahr besteht jedoch darin, dass die online-Redaktionen den Printredaktionen den Rang ablaufen könnten. Sind Printredaktionen natürlicherweise an einen Redaktionsschluss gebunden, arbeitet die online-Redaktion weiter.

Die Sorge, dass die Tageszeitungen  zwar nicht vor dem Ende ihrer Daseinsberechtigung stehen, aber ein strukturelles Problem mit ihren Printausgaben bekommen könnten, erscheint daher berechtigt. Die schnelle und unproblematische Verfügbarkeit von Informationen aus dem Internet, sowie aus den regelmäßigen Radio- und Fernsehnachrichten, erweckt den Eindruck, dass Tageszeitungen nur noch als verhältnismäßig teures Begleitmedium fungieren können. Zudem sind Bild und Ton nach wie vor leichter zu konsumieren und die zunehmende Verbreitung von weiteren Formen der Web-2.0-Medien durch das mobile Internet macht auch den Zugang zu Kommentaren, Kolumnen und Diskussionen jenseits der gedruckten Meinungsseiten einfacher. Die Vielfalt der Blogs, Foren und Newsfeed-Angebote spricht zwar auf den ersten Blick für Unübersichtlichkeit, doch ist sie zu 99% kostenlos, weitgehend aktuell und flexibel und bietet die Möglichkeit des schnellen Zugriffs auf das, was man zu konsumieren wünscht.

Tageszeitungen stehen also vor einem Dilemma: Bei der Breite kostenloser Informationen können es sich die wenigsten Zeitungen leisten, ihre online-Dienste kostenpflichtig zu gestalten. Auch wenn zwar die traditionelle Bindung der Leser an ein haptisches Erlebnis beim Zeitungslesen nach wie vor besteht (der spezielle Geruch, das Anfassen, das Umblättern), wird aber bei einer gleichbleibend rasanten Verbreitung entsprechender Hardware (das iPad lässt grüßen) die Freigabe der Printausgaben der Zeitungen für den online-Bereich zu einer weiteren Abnahme der Verkaufszahlen im Printbereich führen.

Eine Lösung wäre es, aus der Not eine Tugend zu machen und einen radikalen Strukturwandel einzuleiten. Darauf zu hoffen, dass die Bindung des Lesers zum handfesten Produkt wirklich bestehen bleibt, wäre fatal. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis Produkte wie das iPad oder in Produktion befindliche eReader für eine breite Masse erschwinglich sein werden. Displays und Monitore werden mitunter schon so produziert, dass es kaum noch einen spürbaren Unterschied zum Konsum vom Papier aus gibt. Sowohl für die Print-, wie auch für die online-Ausgabe wäre ein modularisiertes Angebot denkbar. Warum soll jemand für den Sportteil zahlen, wenn er keinerlei Interesse daran hat? Gerade für die Produktion der Printausgaben wäre zwar ein modularisiertes Abonnement eine logistische Herausforderung aber durchaus eine Überlegung wert. Einem festen Kern, der Nachrichten und Lokalteil enthält, werden die bestellten Module beigefügt: Wirtschaft, Sport, Kultur, Politik, etc. Der Mantel wäre ein geeigneter Ort, um mit Schlagzeilen auch auf nicht bestellte Ressorts aufmerksam zu machen. Das Abonnement würde gleichzeitig Zugang zu exklusiven online-Angeboten gewähren, wie beispielsweise Audiodokumente (wie es die Zeit schon anbietet), Filme, Grafiken, Hintergrundinformationen, etc., die auch bequem unterwegs abrufbar wären.

Die online-Ausgabe wäre demgegenüber einfacher zu gestalten und würde auch mehr Komfort bieten. Die Hypertextualisierung – also Verlinkungen und direkte Verweise – bietet hier ein großes Potential, das gerade für das iPad verlockend ist. Mit einer sinnvollen Struktur könnten die online-Angebote, die auch der modularisierten Printausgabe zur Verfügung stehen, direkt in das Produkt eingebettet werden. Auch eine regelmäßige Aktualisierung durch die online-Redaktion müsste Teil des Angebots sein.

Die zweite Alternative wäre, dass gerade Tageszeitungen in Metropolenregionen verstärkt auf ihre Regionalität setzen und damit ein Angebot unterstreichen, das bisher kein ausgeprägtes online-Pendant gefunden hat. So können die meisten Tageszeitungen auf eine enge geschichtliche Vernetzung zwischen der Stadt und ihrem Verlagshaus zurückblicken. Diese gegenseitige Identitätsuntermauerung – Berlin macht Berliner Tageszeitungen erst zu dem, was sie sind und die Zeitungen machen Berlins Gesicht erst publik – müsste ausgebaut werden.

In beiden Fällen ist jedoch wichtig, dass die Tageszeitungen nicht einen plötzlichen Wandel ihres Charakters vornehmen. Auch ein modularisiertes Angebot muss noch immer Überraschungen parat halten und bekannt machen, womit man nicht gerechnet hat. Tageszeitungen dürfen nicht zu einer schriftlichen Form der Tagesschau des Vortages werden, wie auch im Radioeins Medienmagazin vom 29. Mai 2010 angemerkt wurde. Tageszeitungen müssen darüber hinaus in ihrem Beitrag zur politischen Meinungsbildung auch immer pluralistisch bleiben und nicht die Prinzipien des Qualitätsjournalismus über Bord werfen.

Alles in allem wird die aktuelle Zeitungskrise sicherlich nicht das Ende des Zeitungswesens einläuten, sondern über kurz oder lang wahrscheinlich eher zu einer strukturellen Änderung führen. Wie sich Tagesspiegel, Berliner Zeitung und taz innerhalb der nächsten 20 Jahre verändern werden, wird sicherlich spannend und interessant zu beobachten sein.

Über das Für und Wider der neuen Studiengänge – ein Erfahrungsbericht

Es gibt wohl kaum einen Studenten, der, so das Gespräch auf die Motivation seiner Studiengangswahl kommt, nicht mit dieser Standardfrage konfrontiert wird: „Und was kannst du damit später machen?“

Vor einigen Jahren, als sich die universitären Disziplinen noch übersichtlicher gestalteten und Titel trugen, die genau das implizierten, was der entsprechende Lehrplan hergab, traf diese Frage meistens Geistes- und Kulturwissenschaftler besonders hart. Der in aller Ausführlichkeit diskutierte Bologna-Prozess schaffte zumindest hier Gerechtigkeit. Denn wer nicht gerade Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre studiert, muss sich noch immer mit dieser Frage herumplagen. Speziell viele Masterstudiengänge lassen sich nur schwer gängigen Vorstellungen der universitären Disziplinenlandschaft zuordnen. Historische Urbanistik an der Technischen Universität Berlin, Forschung und Entwicklung in sozialen und pädagogischen Organisationen an der Freien Universität Berlin und Executive Master of Public Management an der Universität Potsdam sind drei besonders schillernde Perlen im Sortiment klangvoller Titel.

Dass nicht nur Masterstudiengänge eine genaue Beschreibung ihrer Inhalte benötigen, um Bewerbern klarzumachen, auf was für ein hochschulpolitisches und fachwissenschaftliches Experiment sie sich einlassen, illustriert wiederum die Universität Potsdam mit ihrem Bachelorstudiengang Regionalwissenschaften.

Der Weg eines angehenden Regionalwissenschaftlers führt nicht etwa zum Neuen Palais im Schlosspark Sanssouci, das das Logo der Universität ziert, sondern in den Randbezirk Golm. Auch der Stationsdurchsage in der Regionalbahn, die vom Potsdamer Hauptbahnhof zum Wissenschaftspark Golm fährt, scheint der Name nicht ganz geläufig zu sein. So kann man durchaus gewillt sein, ein Fragezeichen mitschwingen zu hören, wenn es vom Band heißt: „Nächste Station Golm?“

Das Institut für Geographie ist das Hirn des Studiengangs. Hier wurde er ersonnen, noch bevor Bologna unter Dach und Fach war. Wahrscheinlich ist das schon eines der ersten großen Probleme. Das Bachelor- und Mastersystem sollte eine klare Struktur in das Studium bringen. Austauschbare und universell anerkennbare Module sind das Rückgrat der neuen Studiengänge. Nicht so bei Regionalwissenschaften, nach Modulen sucht man hier vergebens. Es scheint viel eher, dass das Ganze auch ein Diplomstudiengang hätte sein können, bei dem schlicht der Abschluss verändert wurde. Auch die unkomplizierte elektronische Verwaltung der Studienleistungen, die alle anderen Bachelor- und Masterstudiengänge betrifft, lässt die Regionalwissenschaften außen vor.

Doch nur etwa ein Drittel aller zu besuchenden Veranstaltungen tragen einen geographischen beziehungsweise erdwissenschaftlichen Titel. Ein weiteres Drittel machen Wirtschaftswissenschaften aus. Das letzte Drittel teilt sich auf mehr oder weniger den gesamten Rest der universitären Fächer auf: Politik, Verwaltung, Soziologie, Kulturwissenschaften, Recht, selbst die eine oder andere philologische Veranstaltung kann mitbesucht werden.

Was man da so lernt? „Eine ganze Menge, zumindest in Ansätzen“, erklärt ein Dozent recht früh im Studienverlauf. „Sie werden von allem ein bisschen wissen, aber auf keinem Gebiet richtige Experten sein. Das hat aber den großen Vorteil, dass sie überall mitreden und hervorragend zwischen den Fachgebieten vermitteln können.“

Für die Studenten bedeutet das ein hohes Maß an Flexibilität. Der Stundenplan wird ihnen zwar nicht vorgegeben, aber wirkliche Wahlmöglichkeiten zwischen Veranstaltungen gibt es nicht. So geschieht es leicht, dass am Montag auf eine Vorlesung über Geoökologie ein Seminar in Wirtschaftspolitik folgt und der Tag mit einer kulturwissenschaftlichen Veranstaltung endet. Dienstags muss dann wohlmöglich der intellektuelle Spagat zwischen topographischer Kartographie und volkswirtschaftlicher Mikroökonomik erfolgen, um sich danach auf betriebswirtschaftliches Marketing, Verwaltungsmodernisierung und Landschaftsplanung einzustellen. Auch logistisch bedeutet dies Flexibilität, denn lediglich die Erdwissenschaften sind in Golm beheimatet, der Rest verteilt sich auf die anderen Unistandorte in der Stadt.

In den meisten Veranstaltungen sitzen die Regionalwissenschaftler neben Studenten, die sich auf nur ein Fach spezialisieren müssen. Wer BWL studiert und sich eine Marketing Vorlesung anhört, der weiß meistens gar nichts von den Regionalwissenschaftlern, die um ihn herum sitzen. Für die Dozenten gilt das gleiche: Von Regionalwissenschaften haben sie häufig noch gar nichts gehört. Das Resultat: Es müssen der gleiche Stoff gelernt und die gleichen Prüfungen bestanden werden. Ohne die vorbereitenden Übungen besuchen zu können, weil die Regionalwissenschaftler zu diesem Zeitpunkt schon wieder thematisch und räumlich ganz woanders sind. Die fehlende Koordination zwischen den Fakultäten und den Instituten lassen die Studenten häufig den Kopf schütteln. „Interdisziplinarität ist gut und schön“, wird dann beklagt, „aber wie soll das ohne Absprache gehen. Es ist einfach anstrengend, wenn man jedes Semester den Dozenten erst erklären muss, was ein Regionalwissenschaftler eigentlich macht.“

Und was macht ein Regionalwissenschaftler nun? Das bringt selbst die Studenten des Faches in Erklärungsschwierigkeiten. „Man könnte es so beschreiben: Ein Regionalwissenschaftler kann eine beliebige Region im wahrsten Sinne des Wortes vom Boden an aufwärts beschreiben, bis hin zur Wirtschaftsstruktur, Gesellschaft und Kultur“, so lautet der zaghafte Versuch eines Studenten.

Bis auf ein paar Projektseminare pro Semester und wenige Exkursionen ist der Bachelorstudiengang eher durch Theorievermittlung geprägt. Eine vermehrt praktische Ausrichtung soll im gleichnamigen Masterstudium folgen, mit dem gleich zu Beginn des Bachelorstudiums geworben wird. Doch hier wartet schon das nächste große Problem. Das Masterstudium soll reformiert werden, noch praxisnaher werden. Dazu sollen Kooperationen mit großen Berliner und Brandenburger Institutionen entstehen, so dass ein praktischer Forschungsstudiengang entsteht. Soweit die Planung. Im Wintersemester 2009/2010 kam dann die Ernüchterung. Erstmals konnte kein Master in Regionalwissenschaften angeboten werden. Die Neuausrichtung des Studiengangs wurde von der Universitätsleitung nicht abgesegnet und die Fortführung des alten Masters vom Institut für Geographie scheinbar nicht beantragt. Die Enttäuschung bei Dozenten und Studenten ist gleichermaßen groß. „Ach, auch Sie gehören zu den von der Universität verschaukelten?“, begrüßt seitdem ein Dozent Regionalwissenschaftler in seiner Sprechstunde.

Querelen in der Personalpolitik der Universität haben mittlerweile dazu geführt, dass selbst im Bachelorstudiengang keine neuen Studenten mehr aufgenommen werden. Die letzten drei Jahrgänge werden also höchstens mit einem Bachelor of Science die Universität verlassen können, müssen sich dann komplett neu orientieren und werden vorerst die letzten in Potsdam ausgebildeten Regionalwissenschaftler sein. Das ist das große Dilemma der neuen Studiengänge. Es sind wahre Perlen darunter, gute Ideen, die aber aufgrund schlechter Umsetzungen schnell matt und stumpf werden.

Der Autor hat Ende 2009 seinen Bachelor of Science in Regionalwissenschaften gemacht und hofft, dass die breit gefächerten Themen des Studiengangs eine journalistische Karriere begünstigen. Auf jeden Fall lässt sich damit schon mal ein Blog füllen.

Augenrollen. Ein ganz sicheres Zeichen dafür, dass eine Frage gestellt wurde, die offensichtlich nicht bei jedem Faszination auslöst. Augenrollen kombiniert mit einem abschätzigen Schnauben kann dann sogar übersetzt werden als:

„Volckmann, glaubst du wirklich, das interessiert irgendjemanden?“

Auch wenn es schwer ist, sich dies einzugestehen, reift wahrscheinlich früher oder später bei jedem die Erkenntnis, dass es tatsächlich gewisse Fragestellungen gibt, die wohl wirklich nicht jeden animieren, kostbare Zeit und unwiederbringliche Nervenzellen für deren Ergründung zu opfern. Entweder ist es ein Zeichen mangelnder Reife oder aber eine genetische Anomalie, die mich veranlasst hat, dieser Erkenntnis stets erfolgreich aus dem Weg gegangen zu sein. Ich tippe auf Letzteres. Und so kam es dazu, dass sich, angeregt durch die Lektüre zahlreicher Kriminalromane und dank des Filmvergnügens, das mir der eine oder andere Thriller bereitet hat, in meinem Kopf eine Frage manifestierte, die ich meinen Mitmenschen nicht vorenthalten konnte.

Wie engagiert man eigentlich einen Auftragsmörder?

Augenrollen. War ja klar. Aber mal ehrlich, wie geht das? Nicht, dass ich jemals vorgehabt hätte, von so einer schon gar nicht mehr ins Zwielichtige, sondern eher ins komplett Abgedunkelte gehörenden Dienstleistung Gebrauch zu machen. Aber fast jeder zweite Thriller wartet an der einen oder anderen Ecke des Plots mit einer solchen Gestalt auf. Der Auftragsmörder ist dann einfach da, hat seinen Auftrag in der Tasche aber der Zuschauer und Leser bekommt nie mit, wie der Auftrag da eigentlich rein kommt.

Auftrags- oder Meuchelmörder, Killer, Hitman, Ninja, Assassine. Meine Neugierde war geweckt.

Der erste Rechercheschritt war natürlich Google zu konsultieren. <Wie engagiert man einen Auftragsmörder> gab ich in die Suchmaske ein. Mein Finger lag schon am Abzug des Suchauftrages, beziehungsweise auf der Eingabetaste, als sich plötzlich die Internetüberwachungsparanoia in meinem Kopf räuspernd zu Wort meldete. Wenn ich jetzt auf die Entertaste drücke, dann kann garantiert dank Vorratsdatenspeicherung und sonstiger ausgeklügelter Teufeleien diese Suchanfrage auf mich zurückgeführt werden. Da könnte ich doch gleich beim Bundesnachrichtendienst anrufen!

Moment mal. Beim BND anrufen? Nein, das wäre wirklich verrückt. So etwas würde ich nicht tun. Mein Blick wanderte zwischen Entertaste und dem neben der Tastatur liegenden Telefon hin und her.

„Bundesnachrichtendienst, Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Sie sprechen mit Tanja Wolka. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ja, äh. Guten Tag, Frau Wolka. Mein Name ist …“ Sollte ich wirklich meinen Namen nennen? Klar, ich spreche da mit Profis, die würden so oder so in Windeseile den Anschluss ermitteln können und es würde mich ja wohl noch verdächtiger machen, wenn ich sagen würde, dass hier Vito Corleone spricht.

„Mein Name ist Volckmann.“ Ungutes Gefühl, echt schlecht. „Ich habe da mal eine Frage.“

„Herr Volckmann, darf ich Sie kurz darauf hinweisen, dass wir zur Evaluierung unserer Öffentlichkeitsarbeit ausgewählte Telefongespräche aufzeichnen?“ Das ungute Gefühl schwoll an und erzeugte leichte Übelkeit.

„Ah ja, das ist schön. Ich wollte Ihnen auch eigentlich nur mitteilen, wie sehr ich die Arbeit des BND schätze und wollte einfach mal Danke sagen. Wiederhören.“ Das Telefon lag wieder neben der Tastatur. Vielleicht ist es nur Zufall aber ich bin mir relativ sicher, dass ich seitdem jedes Mal, wenn ich telefoniere, ein kurzes Knacken in der Leitung höre.

Das Problem war also immer noch nicht gelöst. Vielmehr gestaltete es sich jetzt noch komplizierter. Wie kann man einen Auftragsmörder engagieren, ohne gleich hinter Schloss und Riegel zu kommen? Im Branchenbuch nachzuschlagen bringt sicherlich auch nichts. Auftragsmördermarketing ist offensichtlich keine zukunftsweisende Branche. Das ganze muss also über irgendwelche verdeckten Kanäle laufen.

Wenn man beim Recherchieren nicht weiterkommt, muss man einfach mal die Assoziationsmaschine anwerfen: Auftragsmord, Attentat, jemanden um die Ecke bringen, jemanden entsorgen. Entsorgen, das klang gut. Der Blick wanderte wieder zum Telefon.

„Berliner Stadtreinigung. Thomas Wichniewski, wat kann ick für Sie tun?“ Kurzes Knacken in der Leitung.

„Guten Tag Herr Wichniewski, ich hätte da etwas, was ich entsorgt wissen möchte.“ Ich betonte jede Silbe extra, damit klar war, dass sich hinter meinen Worten noch ein verborgener Sinn befand. Schmatzen und das Geräusch von Alufolie, die zusammengeknüllt wird, drang durch den Telefonhörer.

„Na dann komm Se doch einfach uff den Recyclinghof in Ihre Nähe. Da jibt’s zig Tonnen für unterschiedlichen Müll.“

„Ja, ja, Sie verstehen nicht. Nicht ich habe etwas zu entsorgen, sondern ich wünsche, dass ETWAS entsorgt wird. Sagen wir aus dem Nachbarhaus. Und es soll so klein gemacht werden, dass man es nicht mehr erkennt.“

„Und Ihr Nachbar hat keen eigenes Telefon oder wat? Wenn Se für Ihrn Nachbarn schon anrufen, dann können Se doch einfach och seine Sachen ins Auto laden und zum Hof fahrn. Für Sperrmüll jibt’s da och Pressen, da erkennt niemand mehr, wat da rinjeworfen wurde.“

Zwecklos, das brachte wohl auch nichts. Ich war kurz davor in die Pizzeria um die Ecke zu gehen und mal nach italienischem Rat zu fragen. Aber eigentlich wollte ich da in den nächsten Monaten auch noch essen gehen ohne schräg angeguckt zu werden oder dank Hausverbot Pizza nur noch nasal konsumieren zu dürfen.

Vorratsdatenspeicherung hin oder her, der BND hing ja eh schon in meiner Leitung, also musste doch Google herhalten. Sonderlich viele Treffer gab es nicht. 2600, das war nicht viel. Aha, da hat in den Staaten also ein vierzehn Jahre alter Junge einen Auftragsmörder engagieren wollen, weil seine Mutter ihm die Playstation weggenommen hat. Das beantwortete zwar nicht meine Frage aber immerhin fügte es meiner Ideen-Pinwand für Kommentare zum Zeitgeist ein weiteres Stichwort hinzu.

In einem Forum wurde ich fündig. Fast wortwörtlich wurde da meine Frage gestellt. Großartige Antwort: Am besten, indem man gute Kontakte zum organisierten Verbrechen besitzt. Na Mensch, das beantwortete ja alle meine Fragen. Also musste ich weiterstöbern. Da, das sah nach einer brauchbaren Information aus, auch wenn ich keinerlei Möglichkeit hatte, den Wahrheitsgehalt zu verifizieren. Die Wahrscheinlichkeit, einen Kontakt zu einem Auftragsmörder herzustellen, steigt um 65 %, wenn Sie in einem Gefängnis interniert sind. Die Qual der Wahl zwischen zwei Alternativen: Gute Kontakte zum organisierten Verbrechen oder als Knastbruder einsitzen. Ersteres dürfte eine gute Voraussetzung für Letzteres sein. Aber mal ehrlich, wenn jemand erst ins Gefängnis muss, um einen Auftragsmörder zu engagieren, dann kann er das doch gleich selber erledigen und spart dabei noch einen Haufen Geld. Wenn er sich dabei auch noch geschickt anstellt und nicht gestellt wird, dann könnte er sich selber als Auftragsmörder verdingen. Aber Moment mal, wie soll er denn dann Kundenakquise betreiben? Dafür müsste er ja entweder eine geschickte Marketingkampagne fahren oder aber gute Kontakte zum organisierten Verbrechen besitzen. Die kann er bestimmt am besten im Gefängnis knüpfen. Aber dazu müsste er ja gefasst werden. Das tut seinem Ruf als Auftragsmörder und damit seiner Selbstvermarktung sicherlich nicht sonderlich gut:

„Hey du, Zellennachbar, pst, wenn du hier wieder raus kommst und mal einen Mann fürs Grobe brauchst, denk einfach an mich. Hier hast du meine Karte. Auftragsmörderei Häcksel-Drechsel. Aber pst!“

– „Warum sitzt du denn ein?“

„Hab jemanden um die Ecke gebracht, einem das Zeitliche gesegnet, ihn entsorgt. Verstehste Kollege?“

– „Ah ja, du, ich komm auf dich zurück.“

Der einzig logische Schluss: Es gibt gar keine Auftragsmörder! Alles nur eine Erfindung, ein Mythos wie die Ninja.