Archiv für die Kategorie ‘Kultur’

Totgesagte leben länger, sagt man. Wenn es danach geht, dann müsste den Zeitungen mittlerweile das ewige Leben so gut wie sicher sein. Es ist nicht das erste Mal, dass aus vielen Ecken prophezeit wird, dass sich eine Krise im Zeitungswesen anbahnt. Was in den Vereinigten Staaten begann und dazu geführt hat, dass nicht nur Redaktionen personell und finanziell stark beschnitten wurden, sondern dass einige renommierte und alteingesessene Tageszeitungen vor dem finanziellen Ruin standen und Konkurs anmelden mussten, wird auch in Deutschland spürbar.

Man muss nicht lange recherchieren, um festzustellen, dass  sich Tageszeitungen mit veränderten Bedingungen konfrontiert sehen. Ein Blick auf die Daten der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) reicht aus, um beispielsweise für den Berliner Zeitungsmarkt feststellen zu können, dass den Tageszeitungen innerhalb von zwei Jahren mehr oder weniger kontinuierlich die Leser davonlaufen. Lediglich der taz und der Welt konnte eine leichte Zunahme der Leserschaft attestiert werden. Die Gründe für diese Entwicklungen, die bisher bei weitem nicht ein so dramatisches Ausmaß angenommen haben, wie in den USA, werden in Medienmagazinen heiß diskutiert.

Neben den ganz offensichtlichen Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise und den wegbrechenden Anzeigenschaltungen in Tageszeitungen (lesenswert) wird vor allem auch die rasantere Entwicklung des Internets als Erklärung herangezogen. Soziologen bezeichnen Medien allgemein als intermediäre Institutionen. Sie bilden sozusagen eine verbindende Schicht zwischen unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft, indem sie das, was gesellschaftlich relevant ist, öffentlich und verständlich machen und es zum Diskurs stellen. Idealerweise und im klassischen Sinne, geht es dabei also um die reine Vermittlung von Informationen und nicht um Meinungsbildung. Es ist klar, dass dieser Anspruch nur noch selten erhoben werden kann (beispielhaft,wie sich alleine die neutralen Nachrichtensendungen heute und Tagesschau unterscheiden) und es steht auch außer Frage, dass eine rein objektive Berichterstattung, die auf jeden Kommentar, jeden kritischen Hinweis und jeden Anstoß zur Diskussion einer politischen und gesellschaftlichen Entwicklung eher hinderlich denn förderlich wäre.

Gerade was die politische Meinungsbildung angeht, sind Zeitungen nach wie vor unerlässlich. In Zeiten, in denen es keiner großen Anstrengung bedarf, zielgerichtet, neutrale Informationen aus dem Internet zu beziehen, können Tageszeitungen nicht mehr damit punkten, am nächsten Tag abzudrucken, was schon 20 Stunden zuvor bekannt wurde und mittlerweile Staub angesetzt hat. Dass den Verlagen diese Tatsache bewusst ist und sie darauf reagieren müssen, ist klar. Die Gefahr besteht jedoch darin, dass die online-Redaktionen den Printredaktionen den Rang ablaufen könnten. Sind Printredaktionen natürlicherweise an einen Redaktionsschluss gebunden, arbeitet die online-Redaktion weiter.

Die Sorge, dass die Tageszeitungen  zwar nicht vor dem Ende ihrer Daseinsberechtigung stehen, aber ein strukturelles Problem mit ihren Printausgaben bekommen könnten, erscheint daher berechtigt. Die schnelle und unproblematische Verfügbarkeit von Informationen aus dem Internet, sowie aus den regelmäßigen Radio- und Fernsehnachrichten, erweckt den Eindruck, dass Tageszeitungen nur noch als verhältnismäßig teures Begleitmedium fungieren können. Zudem sind Bild und Ton nach wie vor leichter zu konsumieren und die zunehmende Verbreitung von weiteren Formen der Web-2.0-Medien durch das mobile Internet macht auch den Zugang zu Kommentaren, Kolumnen und Diskussionen jenseits der gedruckten Meinungsseiten einfacher. Die Vielfalt der Blogs, Foren und Newsfeed-Angebote spricht zwar auf den ersten Blick für Unübersichtlichkeit, doch ist sie zu 99% kostenlos, weitgehend aktuell und flexibel und bietet die Möglichkeit des schnellen Zugriffs auf das, was man zu konsumieren wünscht.

Tageszeitungen stehen also vor einem Dilemma: Bei der Breite kostenloser Informationen können es sich die wenigsten Zeitungen leisten, ihre online-Dienste kostenpflichtig zu gestalten. Auch wenn zwar die traditionelle Bindung der Leser an ein haptisches Erlebnis beim Zeitungslesen nach wie vor besteht (der spezielle Geruch, das Anfassen, das Umblättern), wird aber bei einer gleichbleibend rasanten Verbreitung entsprechender Hardware (das iPad lässt grüßen) die Freigabe der Printausgaben der Zeitungen für den online-Bereich zu einer weiteren Abnahme der Verkaufszahlen im Printbereich führen.

Eine Lösung wäre es, aus der Not eine Tugend zu machen und einen radikalen Strukturwandel einzuleiten. Darauf zu hoffen, dass die Bindung des Lesers zum handfesten Produkt wirklich bestehen bleibt, wäre fatal. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis Produkte wie das iPad oder in Produktion befindliche eReader für eine breite Masse erschwinglich sein werden. Displays und Monitore werden mitunter schon so produziert, dass es kaum noch einen spürbaren Unterschied zum Konsum vom Papier aus gibt. Sowohl für die Print-, wie auch für die online-Ausgabe wäre ein modularisiertes Angebot denkbar. Warum soll jemand für den Sportteil zahlen, wenn er keinerlei Interesse daran hat? Gerade für die Produktion der Printausgaben wäre zwar ein modularisiertes Abonnement eine logistische Herausforderung aber durchaus eine Überlegung wert. Einem festen Kern, der Nachrichten und Lokalteil enthält, werden die bestellten Module beigefügt: Wirtschaft, Sport, Kultur, Politik, etc. Der Mantel wäre ein geeigneter Ort, um mit Schlagzeilen auch auf nicht bestellte Ressorts aufmerksam zu machen. Das Abonnement würde gleichzeitig Zugang zu exklusiven online-Angeboten gewähren, wie beispielsweise Audiodokumente (wie es die Zeit schon anbietet), Filme, Grafiken, Hintergrundinformationen, etc., die auch bequem unterwegs abrufbar wären.

Die online-Ausgabe wäre demgegenüber einfacher zu gestalten und würde auch mehr Komfort bieten. Die Hypertextualisierung – also Verlinkungen und direkte Verweise – bietet hier ein großes Potential, das gerade für das iPad verlockend ist. Mit einer sinnvollen Struktur könnten die online-Angebote, die auch der modularisierten Printausgabe zur Verfügung stehen, direkt in das Produkt eingebettet werden. Auch eine regelmäßige Aktualisierung durch die online-Redaktion müsste Teil des Angebots sein.

Die zweite Alternative wäre, dass gerade Tageszeitungen in Metropolenregionen verstärkt auf ihre Regionalität setzen und damit ein Angebot unterstreichen, das bisher kein ausgeprägtes online-Pendant gefunden hat. So können die meisten Tageszeitungen auf eine enge geschichtliche Vernetzung zwischen der Stadt und ihrem Verlagshaus zurückblicken. Diese gegenseitige Identitätsuntermauerung – Berlin macht Berliner Tageszeitungen erst zu dem, was sie sind und die Zeitungen machen Berlins Gesicht erst publik – müsste ausgebaut werden.

In beiden Fällen ist jedoch wichtig, dass die Tageszeitungen nicht einen plötzlichen Wandel ihres Charakters vornehmen. Auch ein modularisiertes Angebot muss noch immer Überraschungen parat halten und bekannt machen, womit man nicht gerechnet hat. Tageszeitungen dürfen nicht zu einer schriftlichen Form der Tagesschau des Vortages werden, wie auch im Radioeins Medienmagazin vom 29. Mai 2010 angemerkt wurde. Tageszeitungen müssen darüber hinaus in ihrem Beitrag zur politischen Meinungsbildung auch immer pluralistisch bleiben und nicht die Prinzipien des Qualitätsjournalismus über Bord werfen.

Alles in allem wird die aktuelle Zeitungskrise sicherlich nicht das Ende des Zeitungswesens einläuten, sondern über kurz oder lang wahrscheinlich eher zu einer strukturellen Änderung führen. Wie sich Tagesspiegel, Berliner Zeitung und taz innerhalb der nächsten 20 Jahre verändern werden, wird sicherlich spannend und interessant zu beobachten sein.

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Über das Für und Wider der neuen Studiengänge – ein Erfahrungsbericht

Es gibt wohl kaum einen Studenten, der, so das Gespräch auf die Motivation seiner Studiengangswahl kommt, nicht mit dieser Standardfrage konfrontiert wird: „Und was kannst du damit später machen?“

Vor einigen Jahren, als sich die universitären Disziplinen noch übersichtlicher gestalteten und Titel trugen, die genau das implizierten, was der entsprechende Lehrplan hergab, traf diese Frage meistens Geistes- und Kulturwissenschaftler besonders hart. Der in aller Ausführlichkeit diskutierte Bologna-Prozess schaffte zumindest hier Gerechtigkeit. Denn wer nicht gerade Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre studiert, muss sich noch immer mit dieser Frage herumplagen. Speziell viele Masterstudiengänge lassen sich nur schwer gängigen Vorstellungen der universitären Disziplinenlandschaft zuordnen. Historische Urbanistik an der Technischen Universität Berlin, Forschung und Entwicklung in sozialen und pädagogischen Organisationen an der Freien Universität Berlin und Executive Master of Public Management an der Universität Potsdam sind drei besonders schillernde Perlen im Sortiment klangvoller Titel.

Dass nicht nur Masterstudiengänge eine genaue Beschreibung ihrer Inhalte benötigen, um Bewerbern klarzumachen, auf was für ein hochschulpolitisches und fachwissenschaftliches Experiment sie sich einlassen, illustriert wiederum die Universität Potsdam mit ihrem Bachelorstudiengang Regionalwissenschaften.

Der Weg eines angehenden Regionalwissenschaftlers führt nicht etwa zum Neuen Palais im Schlosspark Sanssouci, das das Logo der Universität ziert, sondern in den Randbezirk Golm. Auch der Stationsdurchsage in der Regionalbahn, die vom Potsdamer Hauptbahnhof zum Wissenschaftspark Golm fährt, scheint der Name nicht ganz geläufig zu sein. So kann man durchaus gewillt sein, ein Fragezeichen mitschwingen zu hören, wenn es vom Band heißt: „Nächste Station Golm?“

Das Institut für Geographie ist das Hirn des Studiengangs. Hier wurde er ersonnen, noch bevor Bologna unter Dach und Fach war. Wahrscheinlich ist das schon eines der ersten großen Probleme. Das Bachelor- und Mastersystem sollte eine klare Struktur in das Studium bringen. Austauschbare und universell anerkennbare Module sind das Rückgrat der neuen Studiengänge. Nicht so bei Regionalwissenschaften, nach Modulen sucht man hier vergebens. Es scheint viel eher, dass das Ganze auch ein Diplomstudiengang hätte sein können, bei dem schlicht der Abschluss verändert wurde. Auch die unkomplizierte elektronische Verwaltung der Studienleistungen, die alle anderen Bachelor- und Masterstudiengänge betrifft, lässt die Regionalwissenschaften außen vor.

Doch nur etwa ein Drittel aller zu besuchenden Veranstaltungen tragen einen geographischen beziehungsweise erdwissenschaftlichen Titel. Ein weiteres Drittel machen Wirtschaftswissenschaften aus. Das letzte Drittel teilt sich auf mehr oder weniger den gesamten Rest der universitären Fächer auf: Politik, Verwaltung, Soziologie, Kulturwissenschaften, Recht, selbst die eine oder andere philologische Veranstaltung kann mitbesucht werden.

Was man da so lernt? „Eine ganze Menge, zumindest in Ansätzen“, erklärt ein Dozent recht früh im Studienverlauf. „Sie werden von allem ein bisschen wissen, aber auf keinem Gebiet richtige Experten sein. Das hat aber den großen Vorteil, dass sie überall mitreden und hervorragend zwischen den Fachgebieten vermitteln können.“

Für die Studenten bedeutet das ein hohes Maß an Flexibilität. Der Stundenplan wird ihnen zwar nicht vorgegeben, aber wirkliche Wahlmöglichkeiten zwischen Veranstaltungen gibt es nicht. So geschieht es leicht, dass am Montag auf eine Vorlesung über Geoökologie ein Seminar in Wirtschaftspolitik folgt und der Tag mit einer kulturwissenschaftlichen Veranstaltung endet. Dienstags muss dann wohlmöglich der intellektuelle Spagat zwischen topographischer Kartographie und volkswirtschaftlicher Mikroökonomik erfolgen, um sich danach auf betriebswirtschaftliches Marketing, Verwaltungsmodernisierung und Landschaftsplanung einzustellen. Auch logistisch bedeutet dies Flexibilität, denn lediglich die Erdwissenschaften sind in Golm beheimatet, der Rest verteilt sich auf die anderen Unistandorte in der Stadt.

In den meisten Veranstaltungen sitzen die Regionalwissenschaftler neben Studenten, die sich auf nur ein Fach spezialisieren müssen. Wer BWL studiert und sich eine Marketing Vorlesung anhört, der weiß meistens gar nichts von den Regionalwissenschaftlern, die um ihn herum sitzen. Für die Dozenten gilt das gleiche: Von Regionalwissenschaften haben sie häufig noch gar nichts gehört. Das Resultat: Es müssen der gleiche Stoff gelernt und die gleichen Prüfungen bestanden werden. Ohne die vorbereitenden Übungen besuchen zu können, weil die Regionalwissenschaftler zu diesem Zeitpunkt schon wieder thematisch und räumlich ganz woanders sind. Die fehlende Koordination zwischen den Fakultäten und den Instituten lassen die Studenten häufig den Kopf schütteln. „Interdisziplinarität ist gut und schön“, wird dann beklagt, „aber wie soll das ohne Absprache gehen. Es ist einfach anstrengend, wenn man jedes Semester den Dozenten erst erklären muss, was ein Regionalwissenschaftler eigentlich macht.“

Und was macht ein Regionalwissenschaftler nun? Das bringt selbst die Studenten des Faches in Erklärungsschwierigkeiten. „Man könnte es so beschreiben: Ein Regionalwissenschaftler kann eine beliebige Region im wahrsten Sinne des Wortes vom Boden an aufwärts beschreiben, bis hin zur Wirtschaftsstruktur, Gesellschaft und Kultur“, so lautet der zaghafte Versuch eines Studenten.

Bis auf ein paar Projektseminare pro Semester und wenige Exkursionen ist der Bachelorstudiengang eher durch Theorievermittlung geprägt. Eine vermehrt praktische Ausrichtung soll im gleichnamigen Masterstudium folgen, mit dem gleich zu Beginn des Bachelorstudiums geworben wird. Doch hier wartet schon das nächste große Problem. Das Masterstudium soll reformiert werden, noch praxisnaher werden. Dazu sollen Kooperationen mit großen Berliner und Brandenburger Institutionen entstehen, so dass ein praktischer Forschungsstudiengang entsteht. Soweit die Planung. Im Wintersemester 2009/2010 kam dann die Ernüchterung. Erstmals konnte kein Master in Regionalwissenschaften angeboten werden. Die Neuausrichtung des Studiengangs wurde von der Universitätsleitung nicht abgesegnet und die Fortführung des alten Masters vom Institut für Geographie scheinbar nicht beantragt. Die Enttäuschung bei Dozenten und Studenten ist gleichermaßen groß. „Ach, auch Sie gehören zu den von der Universität verschaukelten?“, begrüßt seitdem ein Dozent Regionalwissenschaftler in seiner Sprechstunde.

Querelen in der Personalpolitik der Universität haben mittlerweile dazu geführt, dass selbst im Bachelorstudiengang keine neuen Studenten mehr aufgenommen werden. Die letzten drei Jahrgänge werden also höchstens mit einem Bachelor of Science die Universität verlassen können, müssen sich dann komplett neu orientieren und werden vorerst die letzten in Potsdam ausgebildeten Regionalwissenschaftler sein. Das ist das große Dilemma der neuen Studiengänge. Es sind wahre Perlen darunter, gute Ideen, die aber aufgrund schlechter Umsetzungen schnell matt und stumpf werden.

Der Autor hat Ende 2009 seinen Bachelor of Science in Regionalwissenschaften gemacht und hofft, dass die breit gefächerten Themen des Studiengangs eine journalistische Karriere begünstigen. Auf jeden Fall lässt sich damit schon mal ein Blog füllen.

Augenrollen. Ein ganz sicheres Zeichen dafür, dass eine Frage gestellt wurde, die offensichtlich nicht bei jedem Faszination auslöst. Augenrollen kombiniert mit einem abschätzigen Schnauben kann dann sogar übersetzt werden als:

„Volckmann, glaubst du wirklich, das interessiert irgendjemanden?“

Auch wenn es schwer ist, sich dies einzugestehen, reift wahrscheinlich früher oder später bei jedem die Erkenntnis, dass es tatsächlich gewisse Fragestellungen gibt, die wohl wirklich nicht jeden animieren, kostbare Zeit und unwiederbringliche Nervenzellen für deren Ergründung zu opfern. Entweder ist es ein Zeichen mangelnder Reife oder aber eine genetische Anomalie, die mich veranlasst hat, dieser Erkenntnis stets erfolgreich aus dem Weg gegangen zu sein. Ich tippe auf Letzteres. Und so kam es dazu, dass sich, angeregt durch die Lektüre zahlreicher Kriminalromane und dank des Filmvergnügens, das mir der eine oder andere Thriller bereitet hat, in meinem Kopf eine Frage manifestierte, die ich meinen Mitmenschen nicht vorenthalten konnte.

Wie engagiert man eigentlich einen Auftragsmörder?

Augenrollen. War ja klar. Aber mal ehrlich, wie geht das? Nicht, dass ich jemals vorgehabt hätte, von so einer schon gar nicht mehr ins Zwielichtige, sondern eher ins komplett Abgedunkelte gehörenden Dienstleistung Gebrauch zu machen. Aber fast jeder zweite Thriller wartet an der einen oder anderen Ecke des Plots mit einer solchen Gestalt auf. Der Auftragsmörder ist dann einfach da, hat seinen Auftrag in der Tasche aber der Zuschauer und Leser bekommt nie mit, wie der Auftrag da eigentlich rein kommt.

Auftrags- oder Meuchelmörder, Killer, Hitman, Ninja, Assassine. Meine Neugierde war geweckt.

Der erste Rechercheschritt war natürlich Google zu konsultieren. <Wie engagiert man einen Auftragsmörder> gab ich in die Suchmaske ein. Mein Finger lag schon am Abzug des Suchauftrages, beziehungsweise auf der Eingabetaste, als sich plötzlich die Internetüberwachungsparanoia in meinem Kopf räuspernd zu Wort meldete. Wenn ich jetzt auf die Entertaste drücke, dann kann garantiert dank Vorratsdatenspeicherung und sonstiger ausgeklügelter Teufeleien diese Suchanfrage auf mich zurückgeführt werden. Da könnte ich doch gleich beim Bundesnachrichtendienst anrufen!

Moment mal. Beim BND anrufen? Nein, das wäre wirklich verrückt. So etwas würde ich nicht tun. Mein Blick wanderte zwischen Entertaste und dem neben der Tastatur liegenden Telefon hin und her.

„Bundesnachrichtendienst, Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Sie sprechen mit Tanja Wolka. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ja, äh. Guten Tag, Frau Wolka. Mein Name ist …“ Sollte ich wirklich meinen Namen nennen? Klar, ich spreche da mit Profis, die würden so oder so in Windeseile den Anschluss ermitteln können und es würde mich ja wohl noch verdächtiger machen, wenn ich sagen würde, dass hier Vito Corleone spricht.

„Mein Name ist Volckmann.“ Ungutes Gefühl, echt schlecht. „Ich habe da mal eine Frage.“

„Herr Volckmann, darf ich Sie kurz darauf hinweisen, dass wir zur Evaluierung unserer Öffentlichkeitsarbeit ausgewählte Telefongespräche aufzeichnen?“ Das ungute Gefühl schwoll an und erzeugte leichte Übelkeit.

„Ah ja, das ist schön. Ich wollte Ihnen auch eigentlich nur mitteilen, wie sehr ich die Arbeit des BND schätze und wollte einfach mal Danke sagen. Wiederhören.“ Das Telefon lag wieder neben der Tastatur. Vielleicht ist es nur Zufall aber ich bin mir relativ sicher, dass ich seitdem jedes Mal, wenn ich telefoniere, ein kurzes Knacken in der Leitung höre.

Das Problem war also immer noch nicht gelöst. Vielmehr gestaltete es sich jetzt noch komplizierter. Wie kann man einen Auftragsmörder engagieren, ohne gleich hinter Schloss und Riegel zu kommen? Im Branchenbuch nachzuschlagen bringt sicherlich auch nichts. Auftragsmördermarketing ist offensichtlich keine zukunftsweisende Branche. Das ganze muss also über irgendwelche verdeckten Kanäle laufen.

Wenn man beim Recherchieren nicht weiterkommt, muss man einfach mal die Assoziationsmaschine anwerfen: Auftragsmord, Attentat, jemanden um die Ecke bringen, jemanden entsorgen. Entsorgen, das klang gut. Der Blick wanderte wieder zum Telefon.

„Berliner Stadtreinigung. Thomas Wichniewski, wat kann ick für Sie tun?“ Kurzes Knacken in der Leitung.

„Guten Tag Herr Wichniewski, ich hätte da etwas, was ich entsorgt wissen möchte.“ Ich betonte jede Silbe extra, damit klar war, dass sich hinter meinen Worten noch ein verborgener Sinn befand. Schmatzen und das Geräusch von Alufolie, die zusammengeknüllt wird, drang durch den Telefonhörer.

„Na dann komm Se doch einfach uff den Recyclinghof in Ihre Nähe. Da jibt’s zig Tonnen für unterschiedlichen Müll.“

„Ja, ja, Sie verstehen nicht. Nicht ich habe etwas zu entsorgen, sondern ich wünsche, dass ETWAS entsorgt wird. Sagen wir aus dem Nachbarhaus. Und es soll so klein gemacht werden, dass man es nicht mehr erkennt.“

„Und Ihr Nachbar hat keen eigenes Telefon oder wat? Wenn Se für Ihrn Nachbarn schon anrufen, dann können Se doch einfach och seine Sachen ins Auto laden und zum Hof fahrn. Für Sperrmüll jibt’s da och Pressen, da erkennt niemand mehr, wat da rinjeworfen wurde.“

Zwecklos, das brachte wohl auch nichts. Ich war kurz davor in die Pizzeria um die Ecke zu gehen und mal nach italienischem Rat zu fragen. Aber eigentlich wollte ich da in den nächsten Monaten auch noch essen gehen ohne schräg angeguckt zu werden oder dank Hausverbot Pizza nur noch nasal konsumieren zu dürfen.

Vorratsdatenspeicherung hin oder her, der BND hing ja eh schon in meiner Leitung, also musste doch Google herhalten. Sonderlich viele Treffer gab es nicht. 2600, das war nicht viel. Aha, da hat in den Staaten also ein vierzehn Jahre alter Junge einen Auftragsmörder engagieren wollen, weil seine Mutter ihm die Playstation weggenommen hat. Das beantwortete zwar nicht meine Frage aber immerhin fügte es meiner Ideen-Pinwand für Kommentare zum Zeitgeist ein weiteres Stichwort hinzu.

In einem Forum wurde ich fündig. Fast wortwörtlich wurde da meine Frage gestellt. Großartige Antwort: Am besten, indem man gute Kontakte zum organisierten Verbrechen besitzt. Na Mensch, das beantwortete ja alle meine Fragen. Also musste ich weiterstöbern. Da, das sah nach einer brauchbaren Information aus, auch wenn ich keinerlei Möglichkeit hatte, den Wahrheitsgehalt zu verifizieren. Die Wahrscheinlichkeit, einen Kontakt zu einem Auftragsmörder herzustellen, steigt um 65 %, wenn Sie in einem Gefängnis interniert sind. Die Qual der Wahl zwischen zwei Alternativen: Gute Kontakte zum organisierten Verbrechen oder als Knastbruder einsitzen. Ersteres dürfte eine gute Voraussetzung für Letzteres sein. Aber mal ehrlich, wenn jemand erst ins Gefängnis muss, um einen Auftragsmörder zu engagieren, dann kann er das doch gleich selber erledigen und spart dabei noch einen Haufen Geld. Wenn er sich dabei auch noch geschickt anstellt und nicht gestellt wird, dann könnte er sich selber als Auftragsmörder verdingen. Aber Moment mal, wie soll er denn dann Kundenakquise betreiben? Dafür müsste er ja entweder eine geschickte Marketingkampagne fahren oder aber gute Kontakte zum organisierten Verbrechen besitzen. Die kann er bestimmt am besten im Gefängnis knüpfen. Aber dazu müsste er ja gefasst werden. Das tut seinem Ruf als Auftragsmörder und damit seiner Selbstvermarktung sicherlich nicht sonderlich gut:

„Hey du, Zellennachbar, pst, wenn du hier wieder raus kommst und mal einen Mann fürs Grobe brauchst, denk einfach an mich. Hier hast du meine Karte. Auftragsmörderei Häcksel-Drechsel. Aber pst!“

– „Warum sitzt du denn ein?“

„Hab jemanden um die Ecke gebracht, einem das Zeitliche gesegnet, ihn entsorgt. Verstehste Kollege?“

– „Ah ja, du, ich komm auf dich zurück.“

Der einzig logische Schluss: Es gibt gar keine Auftragsmörder! Alles nur eine Erfindung, ein Mythos wie die Ninja.

… ein Gaffer?

Veröffentlicht: 15. Februar 2010 in Kultur
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Des Öfteren sitze ich im Kino, noch halb benommen von der Bilderflut, die die letzten 90+ Minuten auf mich eingewirkt hat, und betrachte den monoton dahin scrollenden Abspann eines Filmes. Gut, zugegebenermaßen stehe ich auch häufig im Kino. Mit Bürste, Mülltüte und Besen bewaffnet, darauf wartend, dass sich die letzten Gäste zu gehen bequemen, um dann voll des Tatendrangs den Kinosaal wieder herzurichten. Ja, was tut man nicht alles, um das Studium finanzieren zu können. Wie dem auch sei, auch im Stehen ein hervorragender Moment, um die Zeichenkolonne zu würdigen, die ein Mitglied des Filmproduktionsteams zusammengetragen hat, um die zu ehren, die maßgeblich dazu beigetragen haben, dass das cineastische Meisterwerk in eben jener Form die letzten 90+ Minuten die Zuschauer begeistern oder vergraulen durfte.

Fantastisch, was man da so alles entdecken kann. Nicht unbedingt beim Putzen des Kinosaals – wobei die Funde dieser Aktivität eigentlich auch einen eigenen Blogeintrag, wenn nicht sogar einen ganz eigenen Blog verdient hätten – sondern beim meditativen Betrachten der Credits.  Die Macher der Animationsfilme aus dem Hause Pixar huldigen zum Beispiel der Fruchtbarkeit und listen unter der Kategorie „Production Babies“ die Namen aller Kinder auf, die während der Produktionsarbeiten geborenen wurden … oder gezeugt wurden. Oder beides, da kann man sich ja nicht so sicher sein, was in den Mittagspausen so alles passiert.

Auch der „Pizza Consultant“ hat offensichtlich bei dem einen oder anderen Werk einen entscheidenden Einfluss auf dessen Gelingen genommen und damit seinen Platz im Abspann wohlverdient. Mysteriöser wird es da schon bei der Bedeutung des „Wife Support Service“, der im Abspann von „Bee Movie“ gefunden werden kann. Hinter diesem Ehefrauen Unterstützungsdienst steckt Jessica Seinfeld. Den Nachnamen schon mal gehört? Richtig, das ist die Frau des Stand-up Comedians Jerry Seinfeld. Die Unterstützung für die Ehefrauen liegt wohl offensichtlich darin, dass sie ein Buch geschrieben hat, das im Deutschen den schönen Titel „Mama, das schmeckt super! Die heimlich gesunden Lieblingsgerichte Ihrer Kinder – Wie Sie einen kompletten Blumenkohl servieren, ohne dass es jemand merkt!“ trägt. Ich nehme stark an, dass die „Production Babies“-Liste bei Bee Movie sehr lang gewesen ist. Lecker Blumenkohl aus den Kochtöpfen der Frauen, während sich am Set fleißig von Pizza ernährt wurde. Das bedarf wohl keines weiteren Kommentars, auch wenn mir der Name Eva Hermann wie ein böser Blitz durch den Geist fährt. Auf jeden Fall besser so, als dass Pizza Consultant und Wife Support Service in Personalunion auftreten.

Natürlich wird auch das Repertoire an bizarr anmutenden Namen um das eine oder andere Exemplar erweitert, aber das geht hier wirklich zu weit. Was mich persönlich immer stutzig gemacht hat – Schuld daran ist wahrscheinlich kindliche Naivität seitens des Bloggers – ist die Funktion des Gaffers. Was mochte das sein? Von den Produktionsstudios gezielt eingesetzter Voyeurismus, um ein virales Marketing durch Mund-zu-Mund-Propaganda zu starten? Der scherzhafte Begriff für die Gewinner von Meet’n’Greet-Tickets mit den Filmstars? Oder tatsächlich verhaftete unerwünschte Zaungäste, die ein solches Engagement gezeigt haben, die Stars anzugaffen, dass die Produzenten selbiges ehren musste, da sie daraus Inspirationen für neue Stunts gewonnen haben?

Ein Besuch im Baumarkt meines Vertrauens brachte mich auf eine andere Fährte. Gaffer? Ist das nicht ein Faserklebeband? Ja, genau, das muss es sein. Vor meinen Augen zeichnete sich ein Bild ab, dessen grauenhafter Detailreichtum diesen Vermerk im Abspann einfach rechtfertigen musste! Ich sah die Schlagzeile genau vor mir: „Tödliches Unglück: Kameramann verheddert sich in Starkstromkabel!“ Furchtbar! Die einzig logische Erklärung: Der Gaffer macht nichts anderes, als ständig mit einem Hubwagen voller Klebeband am Set präsent zu sein und jedes einzelne Kabel, das er sieht, bombenfest mit dem Boden verschmelzen zu lassen und so jede Stolperfalle auszumerzen! Gibt es etwas ehrbareres? Eigentlich nicht. Reihenweise Schauspieler, Techniker, Künstler und Regisseure wären sicherlich schon gestorben, wenn es den Gaffer nicht gäbe.

Na gut, ich muss gestehen, letztendlich habe ich mich bei Wikipedia informieren müssen, siegesgewiss, dass meine Vermutung nur richtig sein kann. Und was soll ich sagen? Ja, gut, ich habe mich geirrt. Der Gaffer ist nichts anderes als der Oberbeleuchter, der Chef des Lichtes und des Ausleuchtens, der beste Freund der Kameras und Schauspieler, um sie nicht im Dunkeln stehen zu lassen. Ist in Ordnung, denke ich. Ist ja irgendwie auch eine wichtige Rolle. Und immerhin, ohne Faserklebebandrolle sind der Gaffer und sein Assistent (das ist übrigens der Best Boy) so gut wie nichts.

Quelle: imdb.com – amazon.de – de.wikipedia.org