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Es geht derzeit heiß her im höchsten Amt der Bundesrepublik Deutschland. Der Haussegen hängt schief. Dem Bundesadler zerzaust der Gegenwind aus allen Richtungen das stolze Federkleid. Ja, in Bellevue geht ein Gespenst um. Das Schlossgespenst namens Kreditaffäre, freundlichst animiert unter anderem von Kai Diekmann.

Wie albern wäre es denn, jetzt, nach Wochen und Monaten der politischen, polemischen und populistischen Debatten um das Amt und dem ihm innewohnenden Ruf des Bundespräsidenten, auch noch einen politischen Kommentar zu verfassen? Ja, sehr albern, auch wenn es zugegebenermaßen schon in den Fingern juckt. Aber es soll ja mehr oder weniger um – damit mir Linguisten nicht den Kopf abreissen – allgemeine Semantik gehen. Oder plakativer ausgedrückt: um den Sinn und Unsinn von Wortgebilden.

Kreditaffäre!

Das klingt bedeutungsschwanger und schreit geradezu in roten BILD-Lettern: SKANDAL!

Banken, Zinsen, Geld, Geheimnisse, Betrug, anrüchig, schmutzig, Sex.

Lustig eigentlich die Vorstellung, dass sich, pauschal gesprochen, die Gesellschaft in zwei Gruppen einteilen lässt, deren Klimax-Antiklimax-Pole ihrer Erregungskala ob dieser sieben Assoziationen sich diametral gegenüber stehen. Zum Glück lässt sich im aktuellen Fall „Banken“ durch „Privatpersonen“ ersetzen. Das lässt wenigstens einen kausalen Ringschluss zu. Denn „Sex“ und „Privatperson“ passt doch besser zusammen als „Sex“ und „Bank“.
Womit eigentlich auch wieder der Sinn der semantischen Analyse als bewiesen angesehen werden kann. Denn einigen wir uns nicht vorher darauf, dass wir unter Bank ein Kreditinstitut und keine Sitzgelegenheit meinen, erscheinen die verbindenden Präpositionen „auf“ oder „unter“ im Zusammenhang mit „Sex“ und „Bank“ doch noch recht plausibel.

Wobei ich unserem Bundespräsidenten auf keinen Fall unterstellen möchte, dass er sich den von einer Freundin der Familie gewährten Millionenkredit auf irgendeine Art und Weise „erkauft“ hätte. Das klänge ja fast wie bei Demi Moore und Robert Redford in „Ein unmoralisches Angebot“. Hach ja, da ist sie auf einmal, die Moral und damit die Versuchung, doch noch in einen politischen Kommentar abzudriften. Zusammenreissen und weiter mit der Semantik!

Was steckt nun also drin in der Kreditaffäre? Klar: Kreditaffäre = Kredit + Affäre!

Ein Kredit, das würde die „Sendung mit der Maus“ erklären, ist ja nichts anderes, als sich von jemandem Geld zu borgen und das Versprechen abzugeben, es auch zurückzuzahlen. Klar, als Dankeschön natürlich ein bisschen mehr Geld als ursprünglich geborgt – oder eine Schachtel Merci.

Aber was bedeutet der Begriff selber? Den Kredit kennt man bereits im Mittelalter und, wen wundert es, er kommt natürlich mit Umwegen über Italien und Frankreich aus dem Lateinischen und geht auf „credere“ zurück, auf „glauben, vertrauen“. Das kennen wir auch vom Kredo, dem Glaubensbekenntnis. Die Kreditaffäre ist also eine Glaubensaffäre!

Also kann die Assoziationskette doch gleich erweitert werden:

Kirche, Religion, Glaube, Banken, Zinsen, Geld, Geheimnisse, Betrug, anrüchig, schmutzig, Sex!

Wahnsinn, schließt sich hier die Kette zum Kreis, dann gäbe es aber wieder viel zu diskutieren. „Kirche“ und „Sex“. Das schreit ja geradezu nach neuen alten Skandalen. Aber die Missbrauchsfälle sind ja zum Glück alle aufgeklärt.

Der Glaube, auf den der Begriff Kredit zurückgeht, ist natürlich nicht der Glaube an Gott (der sich aber sicherlich über Abschweifungen zum protestantischen Arbeiterethos damit auch verbinden lässt), sondern eher der Glaube in die Vertrauenswürdigkeit der Person, der Geld geliehen wird. Das ist doch super! Der Gläubiger verleiht also in diesem Sinne dem Schuldner gleich einen doppelten Kredit. Zum einen in monetärer Form, zum anderen einen Vertrauenskredit. Und – zumindest im Mittelalter – das ganze ohne Ratingagentur!

Jetzt aber zum Sex und zur Affäre!

Und da kommt es auch leider schon zur Enttäuschung. Denn ursprünglich hat der Begriff rein gar nichts mit einem Seitensprung zu tun. Das lässt sich schon recht eindringlich darstellen, wenn man an den Begriff der Staatsaffäre denkt. Stellen Sie sich doch einfach mal Angela Merkel vor. Wohlwissend, dass die First Lady, Carla Bruni, gerade ein Publikum mit ihren Chansons erfreut, bewegt sie sich, lediglich umhüllt von einem fast transparenten CDU-schwarzen Negligé, mit einer Flasche Rotkäppchen halbtrocken hinter ihrem aufreizenden Rücken, mit staatsweiblichem Hüftschwung durch einen Flur des Palais de l’Élysée geradewegs auf das Schlafgemach des, sich auf seinem Bett in sportlicher Retroshorts rekelnden und seine Brustwarzen mit einem Eiswürfel stimulierenden, Nicolas Sarkozy zu.

Der Gedanke an Sex ist auch Ihnen vergangen? Ganz recht! So sehr dieses Beispiel einer Allegorie der Asexualität gleicht, so wenig hat der Begriff Affäre auch wirklich in seiner ursprünglichen Bedeutung mit Sex zu tun. Über das Altfranzösische „à faire“ hat wiederum ein lateinischer Ausdruck Einzug in die deutsche Sprache erhalten. „Facere“ heißt so viel wie „machen, tun, ausüben, handeln“. Daher ist die Affäre auch nichts anderes als eine „Angelegenheit“ oder ein „Vorfall“.

Für die Kreditaffäre bedeutet das also, dass wir mittlerweile von einer Glaubensangelegenheit sprechen können. Die Ironie, dass es sich dabei um einen Christdemokraten handelt, sei nur am Rande erwähnt. Eine Glaubensangelegenheit also. Das mag tatsächlich eine passende Herleitung sein, wenn man die Etymologie, also die Herkunftsgeschichte von Ausdrücken, und den Sachverhalt, Privatperson leiht anderer Privatperson Geld, bedenkt. Doch die Semantik betrachtet glücklicherweise nicht nur die Ursprünge von Begriffen, sondern auch die umgangssprachliche, häufig davon abweichende Bedeutung, die ein solcher Begriff dieser Tage erhalten hat.

Hier ist die Affäre eindeutig, wenn auch mit einem gewissen anerkennenden Wagemut verbunden, eher negativ konnotiert und steht für Seitensprung und Betrug. Und da das Amt des Bundespräsidenten nicht den gleichen Stellenwert hat wie das Ansehen einer Privatperson, die Debatte darüber sowieso in der Öffentlichkeit geführt wird und dort auch hingehört, erhält „Kreditaffäre“ die Wortsalat-Bestnote.

Denn was für den einen eine monetäre Vertrauensfrage sein mag, ist in diesem Kontext nichts anderes als betrogenes Vertrauen.

Etymologie: Deutsches Wörterbuch der Deutschen Sprache. Ein Online-Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. 

Schon so oft durchgekaut. Von jedem kommentiert. Breitgetreten. In offenen Briefen angesprochen. In einer aktuellen Fragestunde behandelt. Karikiert. Ironisiert. Und von manchen einfach kleingeredet.

Dennoch, es geht nicht anders. Auch ich muss etwas dazu loswerden. Wozu? Klar, zum Fall Guttenberg.

Ich bin davon betroffen. Als politisch interessierter Mensch. Als Wissenschaftler. Als Zeitungsleser. Als jemand, der auch durchaus gerne promovieren möchte. Als Demokrat. Aber vor allem als jemand, der dieses Gefühl der Ohnmacht nicht ertragen kann, wenn Unrecht nicht geahndet wird und das auch noch so viel Anklang findet.

Aber keine Angst, ich halte mich kurz.

Im heutigen Tagesspiegel bringt DFG-Präsident Matthias Kleiner auf den Punkt, was die Nichtahndung dieses Plagiatsfalls für die Wissenschaft bedeutet, wenn er sagt: „Wissenschaftler teilen ihre Ideen und Erkenntnisse, sie führen sie gemeinsam weiter, aber sie entwenden sie nicht.“ – Wissenschaft beruhe auf den Prinzipien der Wahrhaftigkeit, der Redlichkeit und des Vertrauens.

Androhungen straf- und zivilrechtlicher Verfolgungen bei Verstößen gegen das Urheberrecht stehen heutzutage höher im Kurs denn je. Doch was für ein Licht wirft die Affäre auf den Wert geistigen Eigentums von Wissenschaftlern? Menschen, die zwecks Mehrung ihres Privatvergnügens illegale Tauschbörsen nutzen, werden natürlich selbst dann belangt, wenn sie sich bei den großen Major Labels entschuldigen und versprechen, ihre illegal erworbenen Kopien zu löschen. Die Rückgabe des Doktortitels und eine Entschuldigung reichen im Fall zu Guttenberg dagegen vollkommen aus. Ist ja auch klar, eine mp3-Sammlung besitzt einen sehr viel größeren Wert als ein lapidarer, erschlichener Doktortitel. Gerade der Aufruf Angela Merkels zu einer Debatte über geistiges Eigentum kann vor diesem Hintergrund nur ein schlechter und dazu noch geschmackloser Scherz sein.

Aber warum sollten wir zu Guttenberg denn auch nicht verzeihen? Er ist ja schließlich der beliebteste und populärste Politiker Deutschlands. Wenn jemand unser Vertrauen verdient, dann doch er. Ein junger Familienvater, politisch engagiert und aktiv, Mandatsträger. Er war einfach übermotiviert. Sagt es ja selber, wenn er davon spricht, die Quadratur des Kreises versucht zu haben. Solche Politiker brauchen wir!

Da bringt es auch nichts, den Soziologen Richard Sennett zu zitieren, der in seinem Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität“ aus dem Jahr 1977 nicht nur vorausschauend facebook und Co. kommentiert, sondern sich auch Gedanken über das Verhältnis Politiker:Gesellschaft gemacht hat, wenn er eine zeitgemäße Definition von Zivilisiertheit und Unzivilisiertheit vorschlägt:

„Unzivilisiert ist es, andere mit dem eigenen Selbst zu belasten. […] Jeder kennt Menschen, die in diesem Sinne unzivilisiert sind: jene ‚Freunde‘, die stets darauf aus sind, anderen Einlaß in die traumatische Sphäre ihrer alltäglichen Innenwelt zu gewähren, die am anderen nur ein einziges Interesse haben, daß er ihren Geständnissen sein Ohr leiht.“ (Sennett 1977, S. 463)

Und weiter zum Politiker:

„Der charismatische Führer von heute beseitigt jede Distanz zwischen seinen eigenen Empfindungen und Impulsen und denen seines Publikums, und indem er die Aufmerksamkeit seiner Anhänger auf seine Motivationen lenkt, lenkt er sie davon ab, ihn an seinen Taten zu messen. […] Es ist ein Merkmal von Unzivilisierheit, wenn eine Gesellschaft ihren Bürgern das Gefühl vermittelt, ein Politiker sei glaubwürdig, weil er seine eigenen Motivationen zu dramatisieren vermag. Dann wird Politik zur Verführung.“ (ebd. S. 464)

Aber die „Bürger“ finden das alles „gutt so“, wie es das größte deutsche Sprachrohr BILD auszudrücken gewohnt ist. Und hier fängt an die Ohnmacht zu schmerzen und die Grenzen zwischen Demokratie und Medienmacht zu verwischen. Niemand hat das in letzter Zeit so schön und passend in Worte gefasst wie die Sängerin der Band „Wir sind Helden“, Judith Holofernes, die im Bildblog eine Replik auf die Anfrage liefert, ob ihre Band nicht Interesse daran hätte, an der nächsten Werbekampagne für die BILD mitzuwirken:

„Die BILD -​Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-​Kulturgut und kein harmloses “Guilty Pleasure” für wohl­frisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Li­festyle-​Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild -​Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestge­hend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands.
Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument – nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht be­schreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.“ (Judith Holofernes, 2011)

Mehr braucht man dazu eigentlich nicht mehr sagen.

Eines vorweg: Keine Angst, ob meiner neuen Vaterrolle verkommt dieses Blog jetzt nicht zu einer Ansammlung von Artikeln über Kinder, Kacka und Kurzgeschichten. Des Weiteren werden Sie hoffentlich auch nie Kinderkackakurzgeschichten an und für sich zu lesen bekommen. Wenn doch, dann möchte ich Sie, liebe Leserin und lieber Leser, dazu auffordern, mir rechtzeitig einen Stock zwischen die Speichen zu werfen und mich an das eigentliche Thema dieses Blogs zu erinnern.

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Ach ja, die lieben Kleinen. Es gibt wohl kaum etwas lebhafteres als die kindliche Fantasie.
Das hab ich mir zumindest sagen lassen. Nicht dass ich da schon wirklich mitreden könnte. Beschränkt sich doch die Kreativität meines kleinen Windelpupsers primär darauf, seinem Titel auf möglichst spektakuläre Art und Weise gerecht zu werden. Glücklicherweise sind seinem Ideenreichtum dabei gewisse Grenzen gesetzt.

Aber was rede ich da. Schließlich war man ja auch selber mal Kind und kann sich sicherlich an so manch famoses Spiel erinnern. Und auch wer sich nicht eines Gedächtnisses rühmen kann, das bis in die frühesten Kindheitsjahre zurückreicht, der kann doch garantiert in direkter Nachbarschaft das eine oder andere menschliche Jungexemplar beim fröhlichen Spiel beobachten.

Räuber und Gendarm, der Klassiker. Immerhin geht es dabei um eine gewisse Form der Gerechtigkeit. Auch wenn sich nach dem Einfangen der Räuber eher selten Gerichtsverhandlungen anschließen und sich die Gendarmerie in ihrer Pflichtausübung auch wohl weniger darum bemüht, zu eruieren, welcher Straftat sich die Gejagten denn schuldig gemacht haben.

Cowboy und Indianer. Da steckt schon eher das Potential drin, vor dem internationalen Gerichtshof für Menschenrechte einen Völkermord zu verhandeln. Ritterspiele jeder Art sind auch beliebt und wer nicht im Besitz kunstvoll geschnitzter Holzschwerter ist, der bedient sich einfach eines Stockes und versucht damit, seine Kontrahenten zu bezwingen. Wer weiß, heutzutage spielt man bestimmt auch „Space Invaders“ oder „Ghetto-Gangster und Cops“.

Alles in allem kommt man nicht umhin festzustellen, dass also nicht gerade die Völkerfreundschaft und der Weltfriede auf kleiner Ebene geprobt werden. Und die Frage drängt sich unweigerlich auf: Was ist denn da los mit der Gewalt im Kinderspiel?

Ich meine, man versucht überall ein Vorbild für die Kinder zu sein. An jeder Ampel, die mir signalisiert, dass meine Füße gefälligst diesseits der Bordsteinkante  zu verharren haben, folge ich dieser Aufforderung, wenn ich ein kleines dickes Kind auf der anderen Straßenseite sehe. Doch dann – die Ampel schaltet um – kreuzen sich unsere Wege in der Mitte der Straße, das kleine dicke Kind spannt Daumen und Zeigefinger auseinander, zielt auf mich und „Peng! Peng! Du bist tot, motherfucka!“. Gut, letzteres entspringt in diesem Fall nur meiner Fantasie. Doch von Verbalprojektilen durchlöchert frage ich mich dann noch einmal: Wo haben unsere Kinder denn diese Gewaltorientierung her?

Steckt das vielleicht in den menschlichen Genen? Gewalt als kulturelles Erbe unserer Spezies. Ich durfte eine Kindheit genießen, die vollkommen frei von Gewalt war. Selbstverständlich im offensichtlichen Sinne frei von Gewalt gegen Kinder, aber auch mit dem Bemühen, jede Auseinandersetzung und Konfrontation mit Gewalt zu vermeiden. Das mag mir heute etwas übertrieben erscheinen, gehört Gewalt doch wohl oder übel zur Welt dazu, doch auf der anderen Seite macht es mich auch Stolz, dass meine Eltern ein so idealistisches Ziel verfolgt haben.

Doch ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich einmal ganz verträumt mit einem kleinen Düsenjet gespielt habe, dessen rote Plastikraketen mit einer Feinmechanikerzange abgeknipst wurden, ehe er meinen kleinen Wurstfingern ausgehändigt wurde. Das Flugzeug flog Manöver, dass die Gs jeden Piloten nur so zerquetscht hätten. „Bamm! Bamm!“, ließ ich zwei laute Kracher ertönen, woraufhin mich mein Bruder ermahnte, dass ich doch wohl wüsste, dass unsere Eltern nicht wollten, dass wir mit Waffen spielten. Glücklicherweise konnte ich mich damit herausreden, dass das doch gar kein Raketenbeschuss war, sondern dass der Düsenjet gerade die Schallmauer durchbrochen hatte – zweimal.

Eigenartig, ich kann mich daran genau erinnern. Aber einfach nicht, wann ich vorher mal einen Kampfflieger gesehen hätte.

Wachsen unsere Kinder seit Generationen ganz direkt mit Gewalt auf? Wir lassen sie in jungen Jahren tatsächlich guten Gewissens Spiele spielen, die Vorgänge simulieren, bei denen es primär darum geht, Gegenstände durch den Körper eines Gegners zu bohren. Und das in einem Alter, in dem Kinder noch kein Verständnis für Moral und Ethik haben. Jugendlichen, die mittlerweile sehr wohl zwischen gut und böse sowie richtig und falsch unterscheiden können, wollen wir dann aber als Moralapostel verbieten, „Killerspiele“ am Computer zu spielen. Während zwei drei Generationen weiter die Gewalt im Schützenverein wieder komplett entmoralisiert und als Kulturgut in der Gesellschaft verankert wird. Da stimmt doch was nicht.

Wie sahen solche Kinderspiele wohl in der Steinzeit aus? Stellen Sie sich doch mal vor, wie Sie im Garten sitzen und die kleine Ubonga aus der Nachbarhöhle mit ihrem süßen Klomp spielen sehen. Herzzerreißend wie die beiden durch die Gegend turnen. Ubonga mit einer zur Klaue verkrampften Hand, in der offensichtlich ein imaginärer aber verdammt schwerer und spitzer Stein liegt, so groß, dass sie ihn kaum umfassen kann und mit dem sie spielerisch versucht Klomps Schädel einzuschlagen. Glucksend fährt ihre Hand herunter und ein johlendes „Krack! Krack! Kopfmus!“ entweicht ihrem schelmischen Grinsen.

Da kann man doch eigentlich nicht anders, als mal Danke zu sagen:

Danke, liebe Rüstungsindustrie! Danke dafür, dass Schweiß, Ideenreichtum und Unmengen Geld investiert wurden, um das Töten zivilisierter und alltagstauglicher zu gestalten!

Wie langweilig wäre doch das Leben, wenn die lieben Kinder auf dem Pausenhof UNO-Vollversammlung spielen würden.

Wer braucht schon Soziologen, Politikwissenschaftler, Wirtschaftsexperten, Polit-Talk-Moderatoren oder Fachleute sonstiger Art, die es verstehen, das Wohl der Gesellschaft zu analysieren und Wege aus zahlreichen Miseren aufzuzeigen, wenn es doch auch viel einfacher geht? Denn es ist wirklich erstaunlich, wie viel Aufschlussreiches schon in den Namen der Dinge steckt, über die häufig diskutiert wird. Ein minimal geschultes Gehör, ein Funken Ironie und ein Hauch Kreativität reichen hier schon aus, um so manchen Wissensvorsprung wieder wettzumachen.

Die Zauberformel zum Einstieg in das Expertengespräch lautet dann: „Moment mal!“ Dazu muss in kurzer mimischer und gestischer Vorbereitung zuerst die Stirn in Falten gelegt werden. Parallel dazu müssen die Lippen grüblerisch gespitzt oder auch wahlweise von links nach rechts und zurück bewegt werden. Nach Belieben darf dabei auch mit dem Zeigefinger am Kinn oder der Oberlippe gekratzt werden. Wichtig ist das abschließende Schnipsen und Heben des Zeigefingers, in dem Moment, in dem der Einstieg in das Gespräch erfolgen soll.

Beste Anwendungs- und Übungsbeispiele liefern die Finanz- und Wirtschaftskrise, beziehungsweise die Debatten bezüglich ihrer Überwindung:

Deutschland muss sparen! Keine Frage.
Weil wir gerne in Bildern denken und diese so schön einprägsam sind, wird häufig vom Gürtel gesprochen, der enger geschnallt werden muss. Irgendwie ein eigenartiges Bild, meinen Sie nicht auch? Eigentlich muss ich noch nicht genutzte Löcher im Gürtel doch nur dann einweihen, wenn ich mir eine zu große Hose gekauft habe.

Das spricht

a) nicht gerade für käuferisches und modisches Geschick und ist
b) auch nicht wirklich ein Indiz für Sparwillen.

Andererseits müsste ich den Gürtel enger schnallen, wenn ich bereits abgenommen habe! Wenn die einfache symbolische Gleichung „abnehmen“ = „sparen“ gilt, müsste ich den Gürtel doch erst viel später enger schnallen. Aber da habe ich ja dann schon längst eine Menge gespart und kann mir eine neue Hose kaufen, so dass ich auf gar keinen Gürtel mehr angewiesen bin. Sehr bizarr! Und außerdem klänge dann „Wir werden den Gürtel enger geschnallt haben müssen“ sehr eigenartig und erinnert stark an einen Comicstrip von Joscha Sauer zur Grammatik von Zeitreisen.

Und warum wird dieses Sprichwort eigentlich von den bürgerlichen Parteien so häufig verwendet? Der Gürtel sitzt doch mehr oder weniger in der Mitte des Körpers, knapp unterhalb seines Schwerpunktes. Wenn das Engerschnallen des Gürtels bedeutet, dass Druck auf bestimmte Bevölkerungs- und Einkommensschichten ausgeübt werden soll, dann würde dies ja wohl eindeutig den Mittelstand treffen. Ob das die selbsternannten Mittelstandsparteien bedacht haben?

Wann geraten Hosen denn noch ins Rutschen? Doch eigentlich nur, wenn man keinen Arsch in der Hose hat, wenn Sie mir diese volkstümliche und etwas saloppe Formulierung durchgehen lassen.

Aber ist „sparen“ eigentlich das richtige Wort? So unwissenschaftlich die Arbeit mit der freien Enzyklopädie Wikipedia auch ist, so bequem und einfach ist sie dennoch. Sie spart im wahrsten Sinne des Wortes Zeit, denn „Sparen ist das Zurücklegen momentan freier Mittel zur späteren Verwendung.“ Das was die Bundesregierung in ihrer zweitägigen Klausur skizziert, diskutiert und beschlossen hat, kann also nicht als Sparpaket bezeichnet werden. Weder ist das in den sozialen Bereichen dringend benötigte Geld frei, noch wird es zur späteren Verwendung zurückgelegt. Einer Regierung sollte das Sparen sowieso relativ schwer fallen, da freies Geld doch in den Haushalt reinvestiert werden sollte.

Sicherlich ist das hauptsächlich Wortklauberei, aber wenn viel eher die Gleichung „sparen“ = „beschneiden“ gilt, dann muss man doch fragen, wie  die Gesellschaft sonst aus der Krise gesteuert werden kann. Das sind wieder zwei Wörter, die man gut verwenden kann. Das eine, „Krise“, findet derzeit nahezu inflationär Verwendung. Es stammt aus dem Griechischen und kann als Scheidung übersetzt werden – was, nebenbei bemerkt, eine recht zynische Umdeutung der Ehekrise nach sich zieht und ihr eine gewisse Ausweglosigkeit bescheinigt. Scheidung meint hier aber eher den Scheideweg, in dessen Angesicht eine Entscheidung notwendig ist. Einer der abzweigenden Wege führt zur erhofften Linderung, der andere mündet in der Katastrophe.

Das Gefühl, derzeit Zeuge einer Krise zu sein, ist jedoch trügerisch. Selbstverständlich stehen derzeit wichtige Entscheidungen an, von denen man hofft, dass sie den aktuellen Zustand lindern. Doch die Krise selber ist schon lange vorbei. Das Doofe daran ist nämlich, dass die Gesellschaft meistens erst dann merkt, dass sie sich an einem Scheideweg befunden hat, wenn eben der Weg eingeschlagen wurde, der zur Katastrophe führt.

Wie kann man also das Ruder noch einmal herumreißen? „Steuern stehen nicht zur Debatte“, heißt es aus den Reihen der FDP. Und da ist es, das zweite Wort. Zeit für ein:

„Moment mal!“
– „Was denn?“
„Sie haben schon gemerkt, dass sich da ein grammatikalischer Fehler eingeschlichen hat!?“
– „Wie bitte?“
„Es müsste doch heißen ‚Steuern steht nicht zur Debatte‘.“

Richtig, das klingt zwar komisch, ist aber wahr. Was sind denn Steuern anderes als ein staatliches Steuerungsmittel? Steuern kann man zielgerichtet einsetzen, um was zu machen? Zu steuern, genau, die Bewegung in eine andere Richtung lenken oder Kurskorrekturen vornehmen. Das klappt natürlich nicht immer, aber man kann selbstverständlich annehmen, dass der Steuermann der Titanic sicherlich nicht untätig geblieben ist, als er merkte, dass sich da eine Katastrophe anbahnte.
Ganz profan kann man mit Steuern aber auch Geld in die klammen Staatskassen spülen. Was Steuern so angenehm macht, ist, dass sie immer relativ sind. Sie stehen also stets in einem bestimmten Verhältnis zu etwas, was in diesem Fall das Einkommen und damit die Wirtschaftskraft der Besteuerten ist. Deshalb unterstützt jemand mit einem geringeren Einkommen den Staat weniger, als jemand mit einem hohen Einkommen – Steuergerechtigkeit wird das in der Fachsprache genannt und ist eines der Kernelemente gerechter Steuerpolitik.

Steuern steht also wirklich nicht zur Debatte, nicht dass etwa noch der Kurs geändert wird!

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Man kann übrigens auch mit geringen mathematischen Grundkenntnissen mitreden. Wenn „abnehmen“ = „sparen“ ist, zeitgleich aber auch „sparen“ = „beschneiden“ bedeutet, dann gilt: „abnehmen“ = „beschneiden“. So wird das Bild mit dem Gürtel, der enger geschnallt werden soll, auch wieder verständlicher. Stellt der gesamte Körper die Gesellschaft dar, so muss man doch nur die Beine amputieren. Schon hat man abgenommen und braucht gar keinen Gürtel mehr, den man enger schnallen müsste. Und da wird dann das Steuern auch komplett überflüssig. Wohin denn auch gehen, so ganz ohne Beine?

Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis das Kriegsrecht verhängt wird. Seit Tagen berichten die Tageszeitungen der Hauptstadt von nichts anderem als den schwersten Krawallen seit Jahren. Mittlerweile ist die Rede von mehreren Toten. Bei der Berliner Polizei herrscht Ausnahmezustand und die Nerven liegen blank. Fieberhaft arbeitet die Staatsanwaltschaft in den bis zum Bersten überfüllten Gefangenensammelstellen, um schnellstmöglich Anklage erheben zu können, gegen die unzähligen Randalierer, Vandalen, Radikalen und Gewalttätigen.

Aber irgendetwas stimmt da nicht so ganz. Man liest und hört zwar seit fast einer Woche, dass sich die Berliner Polizei mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus dem gesamten Bundesgebiet am Kottbusser Tor verbarrikadieren wird, um die Störenfriede in Schach zu halten. Doch ein Blick ins Herz von Kreuzberg offenbart: Da ist ja gar keine Polizeihochburg errichtet. Und dann wird schlagartig klar: 1. Mai? Der ist ja erst übermorgen!

Also muss man gleich wieder relativieren: Es könnte die schwersten Krawalle seit Jahren geben. Von Toten wird eventuell die Rede sein. Die Nerven der Polizisten werden erst noch blank liegen. Und noch arbeitet kein Staatsanwalt fieberhaft in den Sammelstellen für gewaltbereite Radikale beiderseits des ideologischen Spektrums. Die derzeitige Berichterstattung über die möglichen Eskalationen am Tag der Arbeit  in Berlin wird jedoch mit einer Vehemenz geführt, die schnell den Konjunktiv vergessen lässt.

Es ist absolut legitim und wichtig, vor schweren Krawallen zu warnen. Auch Berichte über das befürchtete Erstarken der rechtsradikalen Szene sind zwingend notwendig, um die Gefahr von rechtsaußen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Gleiches gilt für autonome Radikale, deren gewaltbereites Gebaren ebenfalls medial gebrandmarkt gehört. Doch gegen Krawallmacher aus dem rechten und linken Randbereich der Gesellschaft hilft es nicht, eine Berichterstattung zu inszenieren, die einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gleicht und mit möglichen Todesopfern und Horrorszenarien jongliert. Jedes Jahr gibt es aufs Neue eine Diskussion über das geplante Vorgehen der Polizei: Wie kann die Situation und die Stimmung von vornherein deeskaliert werden? Soll hart durchgegriffen werden? Oder führt ein massives Polizeiaufgebot eher zur Eskalation, als dass es gewaltbereite Radikale einschüchtert und die aufgelesenen Steine lieber wieder feinsäuberlich mit dem Straßenpflaster verschmelzen lässt?

Deeskalation kann aber nur funktionieren, wenn sie von allen gesellschaftlichen Akteuren unterstützt wird. Die beste Strategie dafür ist zivilgesellschaftliches Engagement. Bestes Beispiel: Das MyFest, das seit 2003 vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg jährlich am 1. Mai veranstaltet wird. Das bunte Straßenfest, an dem sich Anwohner und Gewerbebetreiber beteiligen und das die gesamte Stadt ansprechen soll, wurde 2004 mit dem Präventionspreis des Landes Berlin ausgezeichnet. Es findet genau in dem Kiez statt, in dem sich Ende der 1980er Jahre zum ersten Mal Autonome und die Polizei Straßenschlachten lieferten, die dem Berliner 1. Mai seinen von Gewalt geprägten Ruf einbrachten.

„Ein Fest gegen Gewalt und für Chancengleichheit, Bildung und Ausbildung, Integration für alle und das friedliche, tolerante Zusammenleben der Kulturen“, so lautet das Motto des MyFests. Leider ist die Medienpräsenz des Festes stark gesunken. Erwähnt wird es fast nur noch, wenn von den Plänen der Polizei berichtet wird, wie die Demonstrationen von dem Straßenfest ferngehalten werden können. Ob das zu einem Besuch tatsächlich einlädt, ist indes fragwürdig.

Traurig außerdem, dass von den historisch gewachsenen Inhalten des 1. Mais so gut wie keine Rede mehr ist. Wer hat zum letzten Mal etwas von den Umständen gelesen, die zum Haymarket Riot im Chicago des Jahres 1886 geführt hatten? Kaum mehr als eine Randnotiz nahmen in den letzten Jahren die großen Demonstrationen des Deutschen Gewerkschaftsbundes in der Berichterstattung ein. Schnell wird vergessen, dass die Themen, die Gewerkschafter und Arbeitnehmer einst auf die Straßen trieben, heute immer noch aktuell sind. So bezeichnet Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse den 1. Mai als „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde.“

Doch das alles geht zum größten Teil unter in einer Welle von Warnungen vor Gewalt, Toten und Straßenschlachten. Am besten sollte man wohl zu Hause bleiben, scheint der Rat der Medien zu lauten. So kann Zivilcourage allerdings nicht funktionieren. Doch viel dramatischer an dieser Art der Berichterstattung ist die Gefahr, dass Zusammenhänge entstehen und in der Erinnerungen hängen bleiben, die so nicht existieren. Wird von linken Gewaltexzessen und Demonstrationen für soziale Gerechtigkeit und gegen Rechtsradikalismus in einem Atemzug berichtet, entsteht schnell eine Gleichbedeutung zwischen diesen beiden Gegensätzen, die Zivilcourage und das Einfordern von Gerechtigkeit in ein schlechtes Licht rückt.

Kann die Zivilcourage und das zivilgesellschaftliche Engagement das in diesen Zeiten verkraften? Stichworte wie Finanzkrise, Zeitarbeit, Arbeitslosigkeit, Einkommensschere, bildungsferne Schichten, soziales Prekariat und Kinderarmut sprechen eindeutig dagegen.

Quelle: spd-berlin.de – myfest.de

Oh Graus, ein Beben der Empörung erschüttert das Fundament des Abendlandes. Ein kollektives Stöhnen, Jammern, ja streckenweise sogar Aufschreien geht durch die Republik. Nein, es sind nicht die Fälle sexuellen Missbrauchs und priesterlicher Züchtigung. Schon fast vergessen und vergeben erscheinen die Skandale der letzten Wochen und Monate, die Tag für Tag ans Licht der Öffentlichkeit gelangten und Atheisten wie Gläubigen gleichsam die Zornesröte ins Gesicht trieben. Nun ist sie weggewischt und ersetzt durch ein fahles Weiß, als wäre das Antlitz mit Kreidestaub bedeckt.

„Wie kann es sein? Wie kann sie es wagen?“, schreit es kollektiv durch das Land. Kruzifixe aus Klassenräumen, ja gar komplett aus deutschen Schulgebäuden zu verbannen! Ein Frevel, der seines gleichen sucht. So versuchen es zumindest quer durch die Republik Christdemokraten und ihre Parteifreunde aus der bayrischen Schwesterpartei zu vermitteln. Unvorstellbar, dass eine aus ihren eigenen Reihen diesen Vorschlag gebracht hat. Dazu auch noch eine gläubige Muslima mit türkischen Wurzeln, die Ministerin für Soziales in Niedersachsen werden soll.

Dass sie aber auch ein striktes Kopftuchverbot an deutschen Schulen gefordert hat, geht im Hagel der Entrüstung unter. Passt ja auch nicht so recht in das Bild, das nun krampfhaft zu vermitteln versucht wird. Die Zustimmung und die Begeisterung waren groß, als Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff die türkischstämmige Aygül Özkan für den Ministerposten vorschlug. Großartig, ein Musterbeispiel für Integration. Ein regelrechtes Vorzeigeland dieses Niedersachsen. Wie häufig doch erwähnt werden musste, dass sie der islamischen Glaubensgemeinschaft angehört und ihre familiären Wurzeln in die Türkei reichen. Ungünstig nur, dass auch türkischstämmige und muslimische Ministerinnen für Soziales eine eigene Meinung haben. Noch ungünstiger, dass diese eigene Meinung mitunter mit dem offiziellen Unionskonsens kollidiert. In einigen Punkten sogar mehrfach, spricht sie sich doch auch noch für ergebnisoffene Beitrittsverhandlungen zwischen der Türkei und der EU aus.

„Das Kreuz ist aus Sicht der CDU ein Symbol der Toleranz auch gegenüber anderen Religionen. Die über das Wochenende entstandenen Irritationen und Missverständnisse sind damit ausgeräumt.“ So heißt es im News-Ticker auf der Internetpräsenz der niedersächsischen CDU. Das Kreuz und Toleranz gegenüber anderen Religionen noch immer mit Begriffen wie Kreuzzug, Ketzer und Inquisition zu assoziieren, ist heutzutage vielleicht wirklich schon ein wenig antiquiert. Der CDU geht daher vielmehr um die christlichen Werte, auf denen unsere säkulare Gesellschaft basiert. Säkular? Das bedeutet doch die strikte Trennung von Kirche und Staat?

Egal, sei es drum. Das Kreuz soll also für alle Bundesbürger für Toleranz, Gerechtigkeit und Nächstenliebe stehen. Für alle Christen, Juden, Moslems, Hindus und Buddhisten. Für alle Deutschen, Immigranten und Staatenlose. Kurzum also für jeden Schüler, der das Privileg genießt, an Deutschen Schulen unterrichtet zu werden. Es ist natürlich absolut naheliegend, dass ein jeder Schüler versteht, was das Kreuz für die CDU bedeutet. Angela Merkel ist ja schließlich Kanzlerin für alle Deutschen. Auch für Berliner Schüler, die vor nicht allzu langer Zeit im medialen Zentrum rund um den Volksentscheid um Religion als Pflicht- oder Wahlfach standen und nun verpflichtend in Ethik unterrichtet werden und bei Interesse den Religionsunterricht besuchen können. So könnten sie nun beruhigt unter dem Kruzifix sitzen und dem Ethiklehrer lauschen und fühlen sich wohlbehütet von der toleranten Ausstrahlung des christlichen Kreuzes.

Es gibt in unserer Gesellschaft ja auch nichts anderes, was für Gerechtigkeit, Toleranz und Nächstenliebe steht. Nichts anderes als das Kreuz vermittelt die Botschaft, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. In unserem Zusammenleben sind es nur die christlichen Werte, die uns wissen lassen, dass sich das Deutsche Volk zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt bekennt.

Unfassbar also! Fehlt nur noch, dass Frau Özkan als nächstes auch noch fordert, dass an Stelle des Kreuzes Artikel 1 des Grundgesetzes an die Schulwände geschrieben wird. Das würde ja wirklich zu weit gehen in unserer säkularen Welt. Wie gut, dass sie sich entschuldigt hat.

„Der Weg ist das Ziel.“

Wer kennt es nicht, dieses geflügelte Wort aus Fernost, das häufig Konfuzius zugeschrieben wird? Plötzliches, fast mystisches Erkennen verspricht es, sobald man nur endlich damit begonnen hätte, die Planung Planung sein zu lassen und letztlich umzusetzen, was man sich vorgenommen hat. „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich endlich Taten sehen!“, würde Goethe wahrscheinlich mit einstimmen.

Um die Berliner Wege ist es nun seit fast zwei Monaten eher schlecht bestellt. Ein dicker Eispanzer ruhte auf Kopfsteinpflaster, Asphalt und Beton und verschaffte chemischer und physikalischer Witterung die nötige Zeit und Ruhe, Risse zu dehnen, Pflastersteine zu heben und die Straßen und Wege mit Schlaglöchern zu versehen. Mittlerweile steigen die Temperaturen und Schnee und Eis treten den Rückzug an, um zu offenbaren, in welch schlechtem Zustand sich die Verkehrsadern der Hauptstadt nun befinden. Der Weg als Ziel wird zum wenig eleganten Slalom herum um knöcheltiefe Pfützen und senkrecht stehende Betonpflaster, der höchstens zu der Erkenntnis einlädt, dass auch Tauwetter eines guten Schuhwerkes bedarf.

Doch es mag schon fast wie die Umkehr des physikalischen Energieerhaltungssatzes anmuten, dass die steigenden Temperaturen einhergehen mit einer Abkühlung des sozialen Klimas. Irgendwo muss es scheinbar immer kalt bleiben. Es ist nicht erst die „spätrömische Dekadenz“, mit der Guido Westerwelle unreflektiert auf Missstände aufmerksam machen wollte, die illustriert, dass Empfänger von Hartz IV zum Feindbild Nummer Eins geworden sind. Schon lange weisen Kabarettisten pointiert und häufig mit an Verzweiflung grenzendem Sarkasmus daraufhin, dass etwas faul ist im Sozialstaate Deutschland und legen den Finger auf die Wunde, die aufklafft im gesellschaftlichen Gefüge der Bundesrepublik. Nur ist Guido Westerwelle alles andere als ein Kabarettist und darf weitaus mehr Zuhörer sein Eigen nennen, als wahrscheinlich alle politischen Kabarettisten zusammen, die in den Dritten Programmen ihr Dasein fristen. Auch seine Intention dürfte eine gänzlich andere gewesen sein.

Was auf die Äußerungen des Außenministers und Bundesvorsitzenden der FDP folgte lässt sich leicht zusammenfassen, denn es fällt entweder in die Rubrik der Polemik oder lässt sich dem Schlagwortrepertoire der politischen Lager zuordnen. Eine ernsthafte Diskussion über soziale Gerechtigkeit bleibt bisher aus, da sie stets durch politische Instrumentalisierungen erstickt wird. Der Ruf der Gewerkschaften und der SPD nach einem flächendeckenden Mindestlohn mag angemessen erscheinen, doch lenkt eine vorschnell formulierte Lösung davon ab, dass über die Ursachen noch gar kein Konsens herrscht. Kaum ist die Rede von Mindestlöhnen regt sich lauter Widerstand im neoliberalen und konservativen Lager, dass Löhne stets vom Markt bestimmt werden müssen. Eine Replik, die dem Markt den Status der Unantastbarkeit und Unmanipulierbarkeit verleiht. Obwohl doch die jüngste Vergangenheit gezeigt hat, dass der Markt sehr wohl vom Menschen gesteuert wird. Und schon versinkt die eigentliche Frage im Treibsand politischen Idealismus.

Worum sollte sich die Diskussion nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes bezüglich der Hartz IV Regelsätze überhaupt drehen? Die Verfassungsrichter haben zu bedenken gegeben, dass die Existenz sichernden Bezüge bisher zu untransparent und vor allem unsachgemäß berechnet wurden. Eigentlich also nichts weiter als ein Aufruf zu bürokratischen Korrekturen. Dass aber zur Würde des Menschen, die durch die Hartz IV Bezüge bewahrt bleiben soll, auch eine Partizipation am kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Republik gehört, weckt scheinbar neidische Geister, die meinen, dass in einer Leistungsgesellschaft Teilhabe eben nur über Leistung erlangt werden dürfe.

Hier müsste die eigentliche Diskussion ansetzen, sachlich und unpolemisch. Sachlich sowohl darüber, was die deutsche Gesellschaft eigentlich in ihrem Innersten zusammenhält, als auch, woher solche neidvollen Tendenzen kommen. Unpolemisch im Ersinnen von Lösungswegen.

Es stehen genug Aussagen im Raum, um eine solche Diskussion anzustoßen. Zwei Beispiele sollen genügen:

  • 2,3 Millionen Bürger, sagen Experten, werden in nicht allzu ferner, sondern sogar sehr naher Zukunft Hartz IV Leistungen erhalten und das, obwohl sie festangestellten Beschäftigungen in Vollzeit nachgehen.
  • Wie der Spiegel vor kurzem berichtete, raufen sich ehemalige Richter als Bürger verzweifelt die Haare, weil sie mit ihrem juristischen Latein am Ende sind, wenn sie danach gefragt werden, wie Bankmanager, die maßgeblich in die Finanzkrise verwickelt sind, straf- und zivilrechtlich belangt werden können. Der gesunde Menschenverstand sagt, dass hier Unrecht geschehen ist, doch der Justiz sind meistens die Hände gebunden.

Wie sehr muss sich eine Gesellschaft an Leistungen orientieren, wenn ihr nicht eine Chancengleichheit, sondern ein an Georg Büchners Woyzeck erinnernder Determinismus zu Grunde liegt? Chancengleichheit, das würde bedeuten, dass einem jeden Bürger die gleiche existentielle Grundlage zur Verfügung steht. Dass jede Leistung, die er von dieser Basis aus unternimmt und erreicht, honoriert wird.

Erst dann macht es Sinn, von einem stillschweigend akzeptierten Gesellschaftsvertrag zu sprechen, der auf einem Leistungsgedanken beruht. Solange aber argumentiert wird, dass die Hartz IV Regelsätze zu hoch sind, dass sich deshalb Arbeit nicht mehr lohne, dass gar jeder Empfänger von Ausgleichsleistungen unter den Generalverdacht des „Sozialschmarotzers“ gestellt wird und dabei die eben angesprochenen 2,3 Millionen Bürger komplett ausgeklammert werden, ist die Rede von einem Gesellschaftsvertrag reiner Hohn.

Das propagierte Bild der faulen Hartz IV Empfänger ist daher reinster Populismus. Das große Problem mit dem Populismus ist nur, dass jeder Populist genau die Themen anschneidet, von denen er annimmt, dass sein Publikum sie hören möchte. Guido Westerwelle indes kann sich eines großen Publikums sicher sein.

Und so bleibt die Hoffnung bestehen, dass das abgekühlte gesellschaftliche Klima nicht der Vorbote einer sozialen Eiszeit ist. Der Berliner mag zwar mit Schlaglöchern auf dem Arbeits- oder Jobcenterweg halbwegs leben können, doch wenn sich die Risse im fragilen Zusammenhalt der Gesellschaft weiter dehnen, wird das wohl gravierendere Folgen als nasse Füße haben. Hoffentlich kommt die Erkenntnis wirklich so plötzlich und unverhofft, wie Konfuzius sie sich wünscht.

Quelle: spiegel.de – zeit.de