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Es gibt wirklich keinen Weg dran vorbei am Phänomen, am Hype, an der Leidenschaft, am Wahnsinn namens Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Und da Fußball ein gesellschaftliches Ereignis sondergleichen ist, das schon fast einer Naturgewalt gleichkommt, gilt es, Fußball auch stets in der Gesellschaft von Freunden, Bekannten und Fremden zu genießen, die sich alle für mindestens 105 Minuten zu einer Patchwork-Familie in Reinform zusammenschließen.  Für das richtige Verhalten beim Public Viewing werden Ihnen hier interessante Rollen vorgeschlagen, die Sie üben und perfektionieren können. Zum ursprünglichen Artikel und der ersten Rolle gelangen Sie hier.

Heute: Der passive Mitbrüller
Es gibt so unfassbar viele Fußballexperten auf der Welt, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass Sie sich beim Public Viewing im Biergarten die Sitzbank mit einem Autor teilen, der eines der unglaublich vielen Fußballbücher geschrieben hat: Fußballbücher für Kinder, Fußballratgeber für Manager, Abseitsfallenumgehen für Broker, Trainingshandbücher für Fußballtrainer, Fußbälle richtig aufgepumpt, Fußballrekorde, Fußballnichtrekorde, Rasenpflege für den Kunstrasen, Afrikaans für WM-Reisende, Galileo-Mystery: Wie dunkel ist es wirklich in einem Fußball? – das Buch zur Sensationssendung, und so weiter und so fort.

Wie peinlich es doch wäre, wenn Sie sich in so erlauchter Gesellschaft als Nicht-Fußballexperte zu erkennen geben müssten. Die Fußballgemeinde würde Sie sicherlich des Platzes verweisen und Sie hätten anschließend Hausverbot in Ihrem Biergarten, da man Sie noch vor dem Begleichen der Bierrechnung vor die Gartentür gesetzt hätte.

Diesem Schicksal können Sie sicher entgehen, wenn Sie einfach die Rolle des passiven Mitbrüllers einnehmen. Viel müssen Sie dafür nicht mitbringen. Sicherlich können Sie Ihre Rolle durch profundes Fußballfachwissen festigen, aber notwendig ist es dafür nicht. Einzig und allein ein schnelles Reaktionsvermögen ist notwendig, um als passiver Mitbrüller punkten zu können. Eine Warnung sei noch an Personen gerichtet, die über ein gutes Artikulationsvermögen verfügen: Schalten Sie es ab – oder, wenn Sie dazu nicht in der Lage sind, versuchen Sie sich ein gutes Gleichgewicht zwischen noch vorhandenem Reaktionsvermögen und an die Tierwelt erinnernder Lautartikulation anzutrinken.

Ihre Aufgabe ist es nun, relativ passiv abzuwarten. Sie müssen ein Auge für die Schiedsrichter haben und natürlich für Ihre Mitmenschen, aber lassen Sie auch nicht eventuell stürzende Spieler aus den Augen. Sobald Sie merken, dass es um Sie herum unruhig wird, machen Sie mit. Sie können auch schon leise anfangen zu grunzen, wenn sich ein Spieler dem Strafraum nähert. Grunzen oder leise Affenlaute sind sowieso eine hervorragende Wahl, da sie schnell zu Begeisterungsbrüllern oder Verachtungslauten umgewandelt werden können.

Vermuten Sie eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters, dann springen Sie auf keinen Fall sofort auf und brüllen Sie „Abseits!“. Vergessen Sie nicht, dass Sie der passive Mitbrüller sind, außerdem ist „Abseits“ zu schwer zu artikulieren. Erst wenn Sie merken, dass Ihre Banknachbarn aufspringen und wild schreien, machen Sie mit, vorher erheben Sie sich nicht. Springen Sie auf, brüllen Sie ein mächtiges „DOOOOOOOOOOOOOH!“ und gestikulieren Sie wild.

Das wiederholen Sie immer, wenn sich etwas auf dem Spielfeld und im Biergarten tut. Achten Sie aber auf die Emotionen, die Sie in den Brülllaut legen. Wenn Sie von Fußball nicht einmal so viel Ahnung haben, dass Sie nicht wissen, ob es gut ist, dass gerade ein Tor gefallen ist, achten Sie auf die Stimmung um Sie herum. Fangen Ihre Mitmenschen an zu singen, sobald ein Tor gefallen ist, dann können Sie ruhig mitmachen, die Texte werden im Allgemeinen nicht sonderlich schwer sein und nur aus wenigen Silben bestehen.

Sie müssen aber auch darauf achten, ob sich in der Bewegung Ihrer Banknachbarn etwas ändert. Es kann gut sein, dass eine sichere Torchance vereitelt wird. Sie müssen trotzdem mit aufspringen. Ändern Sie in so einem Fall jedoch das Brüllen in ein sacht ausklingendes „UUUUUUUUUHHhhhh!“ wenn die Recken Ihrer Mannschaft vom Gegner gestoppt wurden oder setzen Sie noch ein nach Erleichterung klingendes „P“ davor, wenn Ihre Mannschaft eine gegnerische Torchance vereitelt hat. In beiden Fällen gehört beidhändiges Haareraufen dazu! (Für Fortgeschrittene: Sollte der Torwart Ihrer Mannschaft nicht sämtliche Sympathien im Land genießen, dann können Sie auch zum ursprünglich „DOOOOOOOOOOOOOH!“ zurückgreifen und diesem Laut einen wütenden Unterton hinzufügen, wenn der Torwart seine Inkompetenz unter Beweis gestellt hat.)

Wenn Sie diese Hinweise befolgen, dann steht einem interessanten Public Viewing eigentlich nichts mehr im Wege. Abschließend sei aber darauf hingewiesen, dass Sie nicht nur Ihrer unmittelbaren Umgebung Aufmerksamkeit schenken sollten, sondern die Bewegungen im gesamten Biergarten beachten sollten. Wenn sich nur Ihr Banknachbar erhebt, springen Sie nicht auf und brüllen, denn es kann sein, dass er nur mal eben für kleine Public Viewer muss.

Das nächste Mal: Der Kommentator Kommentierer

Sehr stimmungsvolle Fotos vom Public Viewing findet man übrigens im Blog Fotograf Nürnberg

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*Was eigentlich dieser dämliche Titel soll? Japanophone Menschen mögen mir bitte verzeihen. Sie kennen doch sicherlich noch dieses japanische Kartenspiel Yu-Gi-Oh, zu dem es Trickserien und Filme gab. Übersetzt heißt das soviel wie „König der Spiele“. Dann muss doch Yu-Gi-Löw nichts anderes sein, als „König der Löwen“, ergo Simba. Und damit steht schon mal fest: Deutschland wird Weltmeister! Mit einem Trainer in Südafrika, der der Herr des Tierreichs ist!

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Es gibt wirklich keinen Weg dran vorbei am Phänomen, am Hype, an der Leidenschaft, am Wahnsinn namens Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Es haben sich nicht nur derart verblüffend viele Produkte in entweder afrikanische oder fußballerische Gewänder gekleidet, dass man sie gar nicht mehr genau auseinander halten kann: von Fußballfruchtzwergen über afrikanisches Fußballwursteis (oder war es die afrikanische Wurst und das Fußballeis, oder doch die Fußballwurst und das Afrikaeis?) bis hin zu den Werbestrategen von Carglass, die am Nachmittag zu Fußballkonsum am Fernseher raten und am Vormittag die gesprungene Frontscheibe mit Zebrafell bespannen.

Auch jede zweite Kolumne widmet sich mittlerweile dem Sportevent in Südafrika, von dem wohl erwartet wird, dass es den geschundenen Kontinent garantiert schneller und wirkungsvoller aus der Armut katapultieren wird, als es jede Entwicklungshilfe könnte. Kommentare zur Vuvuzela dürfen genauso wenig fehlen, wie Meinungen von Experten, die das Wunder vollbringen, ihr gesammeltes Afrikawissen in fünfminütigen Dokumentationen zu präsentieren. Da sind die Kommentare, die Kommentare kommentieren schon bedeutend erheiternder zu lesen (wie zum Beispiel: Innerer Reichsparteitag und Winter).

Da das Phänomen Fußball aber gerade zu Zeiten wie der Weltmeisterschaft sozialer Natur ist, spielt sich das Spannendste aber meistens (in diesem Fall bisher leider fast immer) vor der Leinwand, dem Fernseher oder dem – oh je, wie retro ist das denn? – Radio ab. Seit dem deutschen Sommermärchen 2006 ist Public Viewing so en vogue wie nie zuvor. Keine Rundfunkanstalt kann es sich mehr leisten, nicht zu bevölkerten Plätzen zu schalten und zu versuchen „Schalala“-, bzw. „Tshabalalah“-singende und grölende Fans zu filmen und zu interviewen. Wie immer, wenn sich der Mensch unter seinesgleichen wagt, nimmt er dabei eine bestimmte Rolle ein. Auch Bürgern ohne sozialwissenschaftliche Ausbildung sollte das bisher nicht entgangen sein. Und gerade beim Public Viewing kann man mal versuchen, ganz bewusst einen anderen Part zu spielen und sich üben in diesem großen Stück aus dem Genre des Improvisationstheaters. Die schönsten Rollen, die sich dafür anbieten, sollen an dieser Stelle in den nächsten Tagen nacheinander vorgestellt werden.

Heute: Der Fragesteller
Sie müssen ganz besondere Voraussetzungen mitbringen, um diese Rolle gut zu spielen und sich leider auch ab und zu ein wenig auf das Spiel vorbereiten, das es mit Freunden und Bekannten zu begutachten gilt. Ein fehlendes Gespür für Situationen und Stimmungen – oder anders herum: ein feines Gespür für die falsche Situation und Stimmung – ist Grundvoraussetzung. Es gilt für Sie, in möglichst vielen unpassenden Situationen Fragen zu stellen. Dabei können Sie aus einem breiten Spektrum wählen, das von Spielsituationen auf der einen Seite („Was passiert eigentlich, wenn ein Spieler, der die rote Karte bekommen hat, nicht vom Platz geht? Wird dann die Polizei gerufen?“, „Wenn Deutschland jetzt also nicht ein Tor schießt, scheiden wir aus?“) über allgemeine Fragen („Woraus besteht eigentlich so eine Eckfahne?“, „Dürfen sich die Spieler ihre Trikotnummer eigentlich selber aussuchen?“, „Wie viel Schnodder wohl nach so einem Spiel auf dem Rasen liegt?“) bis hin zu hochspezialisierten Fragen auf der anderen Seite reicht („Was ist eigentlich ein Guay? Und warum ist ein Land für das Guay und das andere eher … äh … Uru?“).

Die eingenommene Körperhaltung beim Fragen kann dabei großen Einfluss auf die Rolle nehmen. Im Sitzen nach vorne geneigt und eine in Falten gelegte Stirn sind typisch für den naiven Frager. Zurückgelehnte Haltung, überschlagene Beine und vor der Brust verschränkte Arme deuten auf den rhetorisch fragenden Klugscheißer hin, der die Antwort schon längst kennt. Möchten Sie diesen Aspekt des Fragestellers nuancieren, müssen Sie sich aber wirklich gut vorbereiten. Die investierte Zeit lohnt sich auf jeden Fall, denn Sie werden beobachten können, dass Sie so die Rollen Ihrer Mitmenschen verändern können und sich diese schnell zum Genervten ändern. „Wusstet Ihr eigentlich, dass moderne Eckfahnen aus Kunststoff bestehen und ein speziell entwickeltes Knickgelenk besitzen?“, „Wusstet Ihr eigentlich, dass die Namen von Paraguay und Uruguay aus dem Guaraní stammen, der Sprache der Urbevölkerung?“ Spaß wird Ihnen garantiert sein – zumindest für ein Spiel, denn zu weiteren werden Sie wohl nicht mehr eingeladen werden!

Und das nächste mal: Der passive Mitbrüller

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*Was eigentlich dieser dämliche Titel soll? Japanophone Menschen mögen mir bitte verzeihen. Sie kennen doch sicherlich noch dieses japanische Kartenspiel Yu-Gi-Oh, zu dem es Trickserien und Filme gab. Übersetzt heißt das soviel wie „König der Spiele“. Dann muss doch Yu-Gi-Löw nichts anderes sein, als „König der Löwen“, ergo Simba. Und damit steht schon mal fest: Deutschland wird Weltmeister! Mit einem Trainer in Südafrika, der der Herr des Tierreichs ist!

    … Bridget so?

    Veröffentlicht: 2. Mai 2010 in Sport
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    Was bisher geschah: Wette abgeschlossen, doofe Sache, voll in so eine Egofalle getappt – extrem ausgebuffte Freundin. Muss jetzt 2011 am Berlin Marathon teilnehmen. 42,195 Kilometer, total verrückt. Egal, muss ich durch. Also mit Training angefangen. Überlegt, diese Anstrengungen zu dokumentieren und Tagebuch zu führen. Erkenntnis kam plötzlich: Oh mein Gott, du bist die Bridget Jones des Laufens! Winter kam so plötzlich wie die Erkenntnis. Winter hielt sich eine ganze Weile. Pfunde kamen auch plötzlich. Halten sich seitdem auch eine Weile, Frechheit!

    Zu knapp und zu schnell geschildert? Den kompletten Text gibt es hier: Was macht eigentlich mein Lauftraining?

    ***

    Ich laufe wieder. Endlich. Es hat lange gedauert, bis der Winter seinen eisigen Griff um Berlin gelockert hat. Aber jetzt, wo ein geschulter Fährtenleser totsicher aus meinen Fußabdrücken herauslesen kann, dass ich mich lockeren Fußes joggend fortbewege, hat sich endlich der Frühling durchgesetzt. Au revoir Eis und Schnee. Bonjour Einweggrill und Wiesengetümmel.

    Ich laufe also wieder. Von Woche zu Woche werde ich besser, schneller, agiler. Die Pfunde purzeln nur so und bleiben auf der Laufstrecke. Da ich ja aber um die Umwelt besorgt bin und eigentlich nichts auf dem Weg zurücklassen möchte, hebe ich sie natürlich wieder auf und nehme sie mit nach hause. Schritt für Schritt füttere ich meine Kondition und härte ich meinen Körper ab. Mein Geist und meine Willenskraft werden gestählt. Oh, wie unfassbar männlich. Heimlich lese ich in dem 500 Seiten starken Laufbuch, das ich mir anonym gekauft habe, und komplettiere verstohlen Excel-Tabellen mit meinen Trainingsresultaten. Real men don’t need instructions, verrät Tim Allen als Heimwerkerkönig. Was für die Werkstatt gilt, das muss natürlich auch für die Laufstrecke gelten.

    Woher der plötzliche Drang nach läuferischer Männlichkeit? Es ist dieser eine Satz, der mich verfolgt, diese eine ehrliche Erkenntnis, die mir in einem Moment der Unaufmerksamkeit entrutscht ist: Bridget Jones des Laufens. Ich muss dieses Image loswerden. Darf nicht mehr blumig schreiben. Wie schreibt man als richtiger Mann? Richtig, muss schwitzig schreiben. Kurze Sätze. Kurze Worte. Mehr geht nicht. Wird schwer. Zerbreche mir den Kopf darüber, wie ich das hinkriege. Gehe erstmal eine Runde laufen.

    Gut, während des Laufens muss ich mir eingestehen, dass ausformulierte und verbal ausstaffiert Sätze vielleicht nicht zwangsläufig unmännlich sind. Und so laufe ich, angetrieben von dem Kampf gegen die Dämonen, die mir zuraunen, das Vorhaben aufzugeben. Unbeirrt setze ich einen Fuß vor den anderen, kontrolliere meine Atmung, blicke auf meine Pulsuhr. Meine Laufstrecken sind mittlerweile größer geworden. Meine Leistungen ausdauernder. Etwa eine Stunde laufe ich mittlerweile. Das wäre vor einem Jahr noch gar nicht möglich gewesen, muss ich mir eingestehen, während ich an einem dicken Kind vorbeilaufe, das in der untergehenden Sonne an einem Eis schleckt.

    Ernsthaft, wie kann ich das Bridget Jones Image loswerden? Der Schweiß tropft mir von der Stirn. Als die Sonne hinter den Häusern verschwindet und ich fast die Hälfte meiner Strecke absolviert habe, bahnt sich eine Möglichkeit an. Pilze gab es gestern zum Mittag, ganz schön schwere Kost, hat auch genauso schwer im Magen gelegen. Der Kaffee, der den Zeitungsgenuss heute früh komplettierte, hatte nicht die sonst übliche Wirkung auf die Verdauung gehabt. Ha! Ich lache förmlich auf, was zugegebenermaßen meine kontrollierte Atmung etwas durcheinander bringt. DAS würde Bridget Jones sicherlich nicht in ihrem Tagebuch erwähnen. Plötzlicher Enddarmdruck während des Laufens, aufgrund deftiger Hausmannskost und Arbeitsverweigerung des Frühstückskaffees.

    Während ich noch jubiliere, dass eine derartige Erwähnung garantiert dem Bridget Jones Image zuwiderläuft, merke ich, dass sich daraus aber tatsächlich ein Problem entwickeln könnte. Ich spule kurz zurück und lasse die letzten Gedanken noch einmal Revue passieren: Als die Sonne hinter den Häusern verschwindet und ich fast die Hälfte meiner Strecke absolviert habe … Ich kontrolliere das mal eben. Ja, die Sonne ist schon weg. Ein Blick auf die Uhr und in die Wohngegend, durch die ich laufe, sagen mir: Die Hälfte der Laufstrecke ist absolviert. Das bedeutet also, dass ich auf meiner Rundstrecke jetzt also am weitesten von zu Hause entfernt bin. Mein wissenschaftlich geschulter Verstand vermittelt mir sofort das Ergebnis der Überlegung: ausgesprochen ungünstige Korrelation mit zunehmendem Enddarmdruck.

    Umkehren bringt nichts, ist ja ein Rundweg. Fieberhaft überlege ich, wie ich dieser unangenehmen Situation entrinnen könnte, während die schuhsohlengedämpfte Rhythmik der Laufbewegung weiter auf meine Darmbewegung einwirkt. Da, mir fällt es ein. Nur wenige Minuten bis zu einem Berliner S-Bahnhof, auf dessen Vorplatz sich eine moderne City-Toilette befindet. Während ich meinen Schritt vorsichtig beschleunige, fange ich an, in den Taschen meiner Jogginghose nach ein bisschen Kleingeld zu kramen. Ich brauche nicht länger als den Weg bis zu dem Ort, der Entspannung und eine Lösung des Problems verspricht, um festzustellen, dass ich meinen Schritt gar nicht zügeln muss: Mein Geld reicht nicht aus. 40 Cent anstelle der geforderten 50 Cent.

    Mir schießen Tränen in die Augen als ich an dem kleinen silbernen Häuschen vorbei laufen muss. Ruhe bewahren, sage ich mir. Es ist als würde Tim Allen auf der einen Schulter und Bridget Jones auf der anderen sitzen. Tim freut sich, er grunzt. Echtes Männerproblem und Männerthema, mit dem ich mich da herumschlage. Bridget hingegen verbirgt ihre Augen vor einer schamvoll vor ihr Gesicht gehaltenen Hand.

    Tim grunzt mir ins Ohr: „Hauh, Hauh, Hauh! Gleich kommt ein Park! Mach es wie früher. Es ist schon dunkel. Hock dich an einen Baum.“ Ich habe das Gefühl, das Bridget ohnmächtig wird. Wieder durchforsten meine Hände die Taschen der Hose. Da, eine Packung Taschentücher! Aber dann die Ernüchterung: Tempo Pockets, die extra kleine Packung für unterwegs, nur noch ein Taschentuch drin. Das reicht niemals, habe viele Pilze gegessen. Merke, wie die Sätze wieder männlich kurz werden. Muss an den vielen vielversprechenden Bäumen im Park vorbeilaufen. Muss jetzt auch immer wieder anhalten, stehenbleiben und zwei Muskelgruppen im aller obersten und hintersten Oberschenkelbereich anspannen.

    Die Abstände zwischen Stehen, verkrampftem Gehen und Joggen werden immer kürzer. Zum Sportschweiß auf meiner Stirn gesellt sich Angstschweiß, fiese Mischung. Bin jetzt schon fast eine Stunde unterwegs und immer noch nicht zu hause. Bleibe zu oft stehen. Darf nicht an Pilze denken. Bin immer noch im Park, der dazu auch noch dank des warmen Frühlingsabends relativ gut besucht ist.  Bleibe an einer Parkbank stehen. Überlege kurz mich hinzusetzen. Entscheide mich dagegen. Habe Angst, dass die Pomuskulatur die zusätzliche Belastung des Sitzens nicht verkraftet und auf einmal nachgibt. Ein junges Pärchen beobachtet mich irritiert. Halte mich verkrampft an der Lehne der Parkbank fest und tue so, als ob ich mich dehne. Muss weiter laufen. Beine fast komplett durchgestreckt. Gott, hab Erbarmen!

    Irgendwie komme ich zu hause an, weiß nicht mehr genau wie und wie lange es gedauert hat. Friemel den Schlüssel in das Schloss. Als ich im Bad verschwinde, höre ich die Liebste aus dem Wohnzimmer rufen: „Das war aber eine lange Runde!“ Während ich Erlösung finde, streite ich mich mit Tim Allen, der vorschlägt,  zu berichten, wie es im Badezimmer weiterging.

    Am nächsten Morgen fühle ich mich erstaunlich gut und fit. Die Strapazen des Abends sind so gut wie vergessen. Die Liebste gibt mir einen Gutenmorgenkuss und zwickt mir in den Po. Heilige Mutter Gottes! Mit einem Mal stehe ich senkrecht im Bett. Ein greller Schmerzensblitz jagt durch meine Pomuskulator. Es dauert eine Weile, bis sich mein Puls wieder beruhigt hat, der Schmerz nachlässt und mich die Liebste nicht mehr irritiert ansieht. Murmele etwas von Frühstück vorbereiten und gehe in die Küche. „Das gibt garantiert einen knackigen Po!“, denke ich erfreut und versuche einen Blick über meine Schulter auf mein Gesäß zu erhaschen. Mal schauen, was die Waage heute früh zu sagen hat.

    Irgendwo höre ich, wie sich Tim Allen die Hand vor die Stirn schlägt und bitterlich zu weinen anfängt. Mist, Bridget hat mich wieder!

    … mein Lauftraining?

    Veröffentlicht: 18. Februar 2010 in Sport
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    Wollen wir wetten?
    – Junge, ich wette nie!

    Wer sich dieser Devise verschworen hat und sich in das Reich der Wetten nur mittels des Mediums Thomas Gottschalk wagt, der meint wahrscheinlich, sein Leben kontrollierter und vorhersehbarer gestalten zu können. Mitmenschen könnten auch gehässig sein und es langweilig nennen. Ja, ja, die lieben Mitmenschen. Die sagen auch, dass ich ihnen manchmal auf die Nerven gehe. Kann man also nicht viel drauf geben.
    Ich für meinen Teil gehörte bis vor wenigen Monaten recht standhaft zu eben jener „Ich wette nie!“-Fraktion. Das alleine ist ja nicht sonderlich schlimm. Aber bis vor wenigen Monaten gehörte  ich  auch zu der Gruppe Menschen, die sich über die „Sag niemals nie“-Fraktion lustig gemacht hat. Sie ahnen, was sich hier anbahnt? Eine Kombination, die nichts Gutes vermuten lässt.

    Was ist geschehen?  Ich bin meiner Devise untreu geworden und habe mich auf eine Wette eingelassen. Und das, obwohl am Anfang doch eigentlich nur eine gute Idee stand.

    Als Berliner sieht man das jedes Jahr mehrmals:  Tausende Hobbyathleten kämpfen sich schwitzend durch die von Autos befreiten Straßenschluchten der Hauptstadt, von begeisterten Trommel schlagenden und Tröten trötenden Schaulustigen begleitet, deren Caipirinhakonsum sich mitunter proportional zur absolvierten Kilometerzahl der Athleten verhält. Unterschiedliche Distanzen locken die Sportler auf die Straßen hinaus, lassen sie leiden, lassen sie sich plagen. Die Königsdisziplin löst wohl bei jedem Faszination und Respekt aus: Der Marathon oder 42,195 Kilometer, die es in möglichst kurzer Zeit und möglichst ohne Einsatz des eigenen Lebens schnellen Schrittes zu absolvieren gilt, ehe der alles vernichtende Lumpensammler den Läuferambitionen ein Ende setzt.
    Als eine wirkliche Sportskanone würde ich mich nun nicht wirklich bezeichnen und der letzte hochleistungssportliche Einsatz ist auch schon eine ganze Weile her. Trotzdem bin ich mir durchaus der Tatsache bewusst, dass Sport positive Effekte für Körper und Geist bietet. Wobei ich mir das mit dem Geist ehrlich gesagt noch einmal durch selbigen gehen lassen sollte – die Bilder des olympischen Eishockeyturniers, die gerade über den Fernseher flimmern, suggerieren doch eher das Gegenteil.

    Schon früher mal habe ich mich dem lockeren Joggen verschrieben, ohne jedes Ziel und in ausgebeulten Sportschuhen, die noch aus Schulzeiten übrig waren. Warum also nicht jetzt auch wieder. Und da das ganze alleine ja keinen Spaß macht, wurde ein schöner partnerschaftlicher Plan daraus. Sagen wir, es war beim Frühstücken, als ich meiner Liebsten den Plan offerierte, der sich als Fallgrube erweisen sollte. Lecker Brötchen, heißer Tee und Kaffee, vielleicht ja sogar dampfendes Rührei mit Schnittlauch.

    Sag mal, was hältst du eigentlich davon, wenn wir zusammen laufen gehen?
    Eine Augenbraue wird skeptisch hochgezogen und sicherheitshalber das Brötchenmesser aus der Hand gelegt.
    Einfach so, jede Woche ein oder zwei mal. Das tut uns bestimmt gut. Richtig Zeit um zum Training zu gehen, hast du im Moment ja auch nicht, also wäre es doch bestimmt super, wenn wir zusammen was machen können.
    – Aha?
    Und wie wäre es, wenn wir uns ein Ziel setzen, das wir zusammen erreichen können? Das ist doch bestimmt super, wenn wir darauf zuarbeiten, gemeinsam. Ich dachte da so an den Berlin Marathon 2011. Bis dahin hätten wir noch genug Zeit, um richtig in Form zu kommen.
    – Sag mal, Alter, spinnst du?

    Ja, das war die Reaktion meiner Liebsten. Einer reizenden Frau, die ihr Leben lang Leichtathletik betrieben hat. Mit einer Abfuhr hätte ich ja irgendwie leben können aber was dann kam, das war wirklich sehr hinterhältig.

    – Das schaffst du doch eh nicht!

    Das hat gesessen. Ein nahezu schmerzhafter Tiefschlag gegen mein männliches Ego, der natürlich nicht unerwidert bleiben konnte.

    Bitte was? (Krümel stürzen in die Tiefe)
    Du glaubst doch nicht, dass du das schaffst! Weißt du überhaupt, was das für eine lange Strecke ist?
    Natürlich kann ich das schaffen!
    (Diesmal wird die Augenbraue verschmitzt hochgezogen): Wollen wir wetten?

    Mist, sie hat mich!

    Das war ungefähr Mitte August. Und was soll ich sagen, seitdem habe ich mich regelmäßig in einen unglaublich attraktiven Sportdress gezwängt und bin mindestens einmal pro Wochen laufen gewesen. Ab und zu kam die Liebste mit. Auf dem Fahrrad natürlich. Und hat mir wertvolle Tipps aus ihrer langen Leichtathletikkarriere gegeben.
    Mir kam sogar die Idee, dass ich einen Blog dazu verfassen könnte und während ich meine wöchentlichen zehn Kilometer absolvierte entstand vor meinen Augen dazu das Bild, wie ich das ganze aufbauen könnte. Ich dachte mir, dass es ja nicht schlecht wäre, wenn ich immer mit ein paar Kerndaten beginnen würde: Gewicht, verlorene Pfunde, sicher dazu gewonnener Abstand zur deprimierenden Dreistelligkeit der Anzeige der Waage.  Absolvierte Strecke, Dauer und Intensität des Muskelkaters, Essensumstellungen und so weiter. Ich hab damit sogar angefangen und es auf zwei Einträge bei myspace.com gebracht. Doch dann ganz plötzlich wurde mir bewusst: Oh mein Gott, du bist die Bridget Jones des Laufens!

    Glücklicherweise hat mein läuferischer Kampfgeist längeren Atem bewiesen, als die Standhaftigkeit, den myspace-Blog zu aktualisieren.

    Aber was macht denn nun eigentlich mein Lauftraining derzeit?
    Hallo? Schonmal rausgeguckt? Meine Laufstrecke ist seit Neujahr von derartigen Eismassen bedeckt, dass man fast vermuten könnte, dass im Untergrund durch den Druck langsam Erdöl entstehen müsste. Glücklicherweise konnte ich neulich dem Radiokommentar eines Sportmediziners entnehmen, dass man es als Breitensportler nach Möglichkeit bei solchen Witterungsbedingungen mit Sport im Freien nicht übertreiben soll. Gott sei Dank! Balsam für mein schlechtes Gewissen. Und so kann ich getrost den Winter weiterhin mit Sport an der Wii verbringen und werde sicher ausgiebiger berichten, wenn ich mich wieder nach draußen in die Kleingartenanlage zum Laufen wage.

    Ach ja, das lernt man ja auch bei Thomas Gottschalk: Was wäre eine Wette ohne einen Wetteinsatz? Sollte ich es tatsächlich schaffen, die 42,195 Kilometer außerhalb des Lumpensammlers und mit Startnummer auf der Brust zurückzulegen, so ist die Zweiflerin dazu verdammt, ein halbes Jahr lang täglich Zeitung zu lesen. Mal schauen, vielleicht täglich außer Donnerstag die „Süddeutsche“ und jeden Donnerstag „Die Zeit“?
    Und sollte ich wider Erwarten doch versagen, dann muss ich wohl meinen Internetkonsum reduzieren. Also bitte, als ob mir das schwer fallen würde. Bin doch schließlich so gut wie nie im Netz.