Archiv für die Kategorie ‘Wirtschaft’

Wer braucht schon Soziologen, Politikwissenschaftler, Wirtschaftsexperten, Polit-Talk-Moderatoren oder Fachleute sonstiger Art, die es verstehen, das Wohl der Gesellschaft zu analysieren und Wege aus zahlreichen Miseren aufzuzeigen, wenn es doch auch viel einfacher geht? Denn es ist wirklich erstaunlich, wie viel Aufschlussreiches schon in den Namen der Dinge steckt, über die häufig diskutiert wird. Ein minimal geschultes Gehör, ein Funken Ironie und ein Hauch Kreativität reichen hier schon aus, um so manchen Wissensvorsprung wieder wettzumachen.

Die Zauberformel zum Einstieg in das Expertengespräch lautet dann: „Moment mal!“ Dazu muss in kurzer mimischer und gestischer Vorbereitung zuerst die Stirn in Falten gelegt werden. Parallel dazu müssen die Lippen grüblerisch gespitzt oder auch wahlweise von links nach rechts und zurück bewegt werden. Nach Belieben darf dabei auch mit dem Zeigefinger am Kinn oder der Oberlippe gekratzt werden. Wichtig ist das abschließende Schnipsen und Heben des Zeigefingers, in dem Moment, in dem der Einstieg in das Gespräch erfolgen soll.

Beste Anwendungs- und Übungsbeispiele liefern die Finanz- und Wirtschaftskrise, beziehungsweise die Debatten bezüglich ihrer Überwindung:

Deutschland muss sparen! Keine Frage.
Weil wir gerne in Bildern denken und diese so schön einprägsam sind, wird häufig vom Gürtel gesprochen, der enger geschnallt werden muss. Irgendwie ein eigenartiges Bild, meinen Sie nicht auch? Eigentlich muss ich noch nicht genutzte Löcher im Gürtel doch nur dann einweihen, wenn ich mir eine zu große Hose gekauft habe.

Das spricht

a) nicht gerade für käuferisches und modisches Geschick und ist
b) auch nicht wirklich ein Indiz für Sparwillen.

Andererseits müsste ich den Gürtel enger schnallen, wenn ich bereits abgenommen habe! Wenn die einfache symbolische Gleichung „abnehmen“ = „sparen“ gilt, müsste ich den Gürtel doch erst viel später enger schnallen. Aber da habe ich ja dann schon längst eine Menge gespart und kann mir eine neue Hose kaufen, so dass ich auf gar keinen Gürtel mehr angewiesen bin. Sehr bizarr! Und außerdem klänge dann „Wir werden den Gürtel enger geschnallt haben müssen“ sehr eigenartig und erinnert stark an einen Comicstrip von Joscha Sauer zur Grammatik von Zeitreisen.

Und warum wird dieses Sprichwort eigentlich von den bürgerlichen Parteien so häufig verwendet? Der Gürtel sitzt doch mehr oder weniger in der Mitte des Körpers, knapp unterhalb seines Schwerpunktes. Wenn das Engerschnallen des Gürtels bedeutet, dass Druck auf bestimmte Bevölkerungs- und Einkommensschichten ausgeübt werden soll, dann würde dies ja wohl eindeutig den Mittelstand treffen. Ob das die selbsternannten Mittelstandsparteien bedacht haben?

Wann geraten Hosen denn noch ins Rutschen? Doch eigentlich nur, wenn man keinen Arsch in der Hose hat, wenn Sie mir diese volkstümliche und etwas saloppe Formulierung durchgehen lassen.

Aber ist „sparen“ eigentlich das richtige Wort? So unwissenschaftlich die Arbeit mit der freien Enzyklopädie Wikipedia auch ist, so bequem und einfach ist sie dennoch. Sie spart im wahrsten Sinne des Wortes Zeit, denn „Sparen ist das Zurücklegen momentan freier Mittel zur späteren Verwendung.“ Das was die Bundesregierung in ihrer zweitägigen Klausur skizziert, diskutiert und beschlossen hat, kann also nicht als Sparpaket bezeichnet werden. Weder ist das in den sozialen Bereichen dringend benötigte Geld frei, noch wird es zur späteren Verwendung zurückgelegt. Einer Regierung sollte das Sparen sowieso relativ schwer fallen, da freies Geld doch in den Haushalt reinvestiert werden sollte.

Sicherlich ist das hauptsächlich Wortklauberei, aber wenn viel eher die Gleichung „sparen“ = „beschneiden“ gilt, dann muss man doch fragen, wie  die Gesellschaft sonst aus der Krise gesteuert werden kann. Das sind wieder zwei Wörter, die man gut verwenden kann. Das eine, „Krise“, findet derzeit nahezu inflationär Verwendung. Es stammt aus dem Griechischen und kann als Scheidung übersetzt werden – was, nebenbei bemerkt, eine recht zynische Umdeutung der Ehekrise nach sich zieht und ihr eine gewisse Ausweglosigkeit bescheinigt. Scheidung meint hier aber eher den Scheideweg, in dessen Angesicht eine Entscheidung notwendig ist. Einer der abzweigenden Wege führt zur erhofften Linderung, der andere mündet in der Katastrophe.

Das Gefühl, derzeit Zeuge einer Krise zu sein, ist jedoch trügerisch. Selbstverständlich stehen derzeit wichtige Entscheidungen an, von denen man hofft, dass sie den aktuellen Zustand lindern. Doch die Krise selber ist schon lange vorbei. Das Doofe daran ist nämlich, dass die Gesellschaft meistens erst dann merkt, dass sie sich an einem Scheideweg befunden hat, wenn eben der Weg eingeschlagen wurde, der zur Katastrophe führt.

Wie kann man also das Ruder noch einmal herumreißen? „Steuern stehen nicht zur Debatte“, heißt es aus den Reihen der FDP. Und da ist es, das zweite Wort. Zeit für ein:

„Moment mal!“
– „Was denn?“
„Sie haben schon gemerkt, dass sich da ein grammatikalischer Fehler eingeschlichen hat!?“
– „Wie bitte?“
„Es müsste doch heißen ‚Steuern steht nicht zur Debatte‘.“

Richtig, das klingt zwar komisch, ist aber wahr. Was sind denn Steuern anderes als ein staatliches Steuerungsmittel? Steuern kann man zielgerichtet einsetzen, um was zu machen? Zu steuern, genau, die Bewegung in eine andere Richtung lenken oder Kurskorrekturen vornehmen. Das klappt natürlich nicht immer, aber man kann selbstverständlich annehmen, dass der Steuermann der Titanic sicherlich nicht untätig geblieben ist, als er merkte, dass sich da eine Katastrophe anbahnte.
Ganz profan kann man mit Steuern aber auch Geld in die klammen Staatskassen spülen. Was Steuern so angenehm macht, ist, dass sie immer relativ sind. Sie stehen also stets in einem bestimmten Verhältnis zu etwas, was in diesem Fall das Einkommen und damit die Wirtschaftskraft der Besteuerten ist. Deshalb unterstützt jemand mit einem geringeren Einkommen den Staat weniger, als jemand mit einem hohen Einkommen – Steuergerechtigkeit wird das in der Fachsprache genannt und ist eines der Kernelemente gerechter Steuerpolitik.

Steuern steht also wirklich nicht zur Debatte, nicht dass etwa noch der Kurs geändert wird!

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Man kann übrigens auch mit geringen mathematischen Grundkenntnissen mitreden. Wenn „abnehmen“ = „sparen“ ist, zeitgleich aber auch „sparen“ = „beschneiden“ bedeutet, dann gilt: „abnehmen“ = „beschneiden“. So wird das Bild mit dem Gürtel, der enger geschnallt werden soll, auch wieder verständlicher. Stellt der gesamte Körper die Gesellschaft dar, so muss man doch nur die Beine amputieren. Schon hat man abgenommen und braucht gar keinen Gürtel mehr, den man enger schnallen müsste. Und da wird dann das Steuern auch komplett überflüssig. Wohin denn auch gehen, so ganz ohne Beine?

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Es gibt Begriffe, die geradezu wie der Schlüssel zu einer Kiste voller Assoziationen erscheinen. Nachhaltigkeit erzeugt beispielsweise ein solches assoziatives Blitzlichtgewitter. Öko, Bio, Grün, Windkraft, Photovoltaik, Bionade, Umweltschutz, Bioladen, Jutebeutel. Und ehe man sich versieht, reiht sich für den einen oder anderen Berliner noch Prenzlauer Berg und Schwabe ein, in diese kognitive Verknüpfungsleistung. Spätestens von dort ist es nicht mehr weit bis zur Diskussion über das Entstehen pseudo-alternativer Subkulturen, die manchmal so schön direkt und undiplomatisch geführt werden kann, wie Mely Kiyak das in ihrer Kolumne „Liebe Kreuzberger“ in der Frankfurter Rundschau im Juli 2009 vorgeführt hat.

Doch all das führt dazu, dass dem Begriff der Nachhaltigkeit eine gewisse Sinnentleerung widerfährt. Genauso vorschnell wird die Vorsilbe „Öko-“ mit handgewebten Leinenhosen, Sandalenbewaffneten Großstadtfüßen und Matetee in einen selbstgeknöppelten Jutehut geworfen. Dem kollektiven gesellschaftlichen Aufschrei bei Tankerhavarien folgen meistens pflichtbewusst mit Tränen geschwängerte Augen beim Konsum der Fernsehbilder, die ölverschmierte und durch ein schwarzes Wattenmeer watende Seevögel zeigen. Doch danach ist dann wirklich Schluss mit emotionalen Regungen, Konsequenzen sind sowieso ausgeschlossen. Es wird dann lieber über zu hohe Spritkosten gewettert, an denen ja auch hauptsächlich die Ökosteuer Schuld ist.

Sie sehen: Öko, Bio und Nachhaltigkeit erfahren nur wenig gesellschaftliche Reflexion. Entweder entsteht daraus ein bigottes Lebensgefühl, das krampfhaft zelebriert wird, oder die Verantwortung wird zivilgesellschaftlichen Interessenvertretern, wie Greenpeace, BUND und ähnlichem zugeschoben, die man je nach Tagesform mit Wohlwollen betrachtet oder als Spinner verteufelt. Ernsthaftigkeit und Seriosität werden gerne außen vor gelassen.

So wird wahrscheinlich auch dem Earth Day am 22. April in Deutschland nur wenig Beachtung geschenkt. Earth Day? Kennen Sie nicht? Sehen Sie! Höchstwahrscheinlich wurde der Earth Day bisher auch nur im Prenzlauer Berg wahrgenommen und mit einer Extraportion Dinkelbrötchen und großen Wassersparaktionen à la „Das einwöchige Toilettenspül- und Duschboykott!“ gefeiert. Der Earth Day, der jedes Jahr auf Klima- und Umweltprobleme aufmerksam machen soll und in vielen Staaten sogar auf eine ganze Earth Week ausgeweitet wurde, wird dieses Jahr 40. Er geht auf eine US-amerikanische studentische Umweltbewegung zurück, die politische Rückendeckung durch den sozial engagierten Senator Gaylord Nelson erhalten hat. Ziel der Bewegung, die mittlerweile in nationalen und internationalen Verbänden organisiert ist, ist unter anderem Umweltbildung an Schulen und Universitäten zu betreiben. Seit 1990 ist der 22. April eines jeden Jahres in den USA nationaler Feiertag. Im letzten Jahr hat sich auch die Generalversammlung der Vereinten Nationen dem Earth Day gewidmet und den 22. April zum Internationalen Tag der Mutter Erde erklärt.

Zugegebenermaßen entbehrt es sicherlich nicht einer gewissen Ironie, dass der Earth Day seinen Ursprung in den USA hat, dem Land, das weltweit für den zweitgrößten Kohlenstoffdioxid-Ausstoß verantwortlich ist. Politisch gesehen ist dieser Tag also auch nichts anderes als ein Symbol, ein Alibi, das für Umweltbewusstsein steht, wenn mal wieder die Automobilindustrie subventioniert wird. Aber immerhin wird der Tag wahrgenommen und löst zumindest gesellschaftlich kontroverse Diskussionen aus.

Dass es mit dem Schlagwort Nachhaltigkeit in Deutschland auch anders geht, zeigt eindrucksvoll ein neues Magazin. „Enorm – Wirtschaft für den Menschen“ schafft es, die eingangs aufgeführte Assoziationskette nicht in den Prenzlauer Berg zu führen, sondern streicht den Jutebeutel und hängt mal eben „Corporate Social Responsibility“ ran. Nachhaltigkeit, das wird eindrucksvoll auf den 130 Seiten des Wirtschaftsmagazins gezeigt, ist etwas ganz seriöses und entwickelt sich immer mehr zum Kerngedanken guten Wirtschaftens. So bringt es Chefredakteur Thomas Friemel im Vorwort auf den Punkt, wenn er darauf hinweist, dass es offensichtlich ein Umdenken in der Wirtschaft gibt, dass Gewinne reinvestiert werden und sozialer Profit erwirtschaftet wird. Nachhaltigkeit wird so zum Wirtschaftskonzept und weltweit von Großkonzernen praktiziert. Das Magazin ist prall gefüllt mit Neuigkeiten, gut recherchierten Reportagen, Interviews (herausragend das Gespräch mit Nobelpreisträger Muhammad Yunus), Unternehmensportraits und vielem mehr. Wer denkt, ein Ökomagazin in den Händen zu halten, der täuscht sich gewaltig. Nachhaltigkeit, Umweltschutz und soziale Verantwortung werden nicht durchdekliniert und blauäugig für gut befunden, sondern befinden sich stets auf dem Prüfstand und werden kritisch analysiert. Die Reportage über die ISO-Norm 26 000, die Unternehmen weltweit eine ethische Zertifizierung verleihen soll, ist das beste Beispiel dafür.

Wenn auch die weiteren Ausgaben des vierteljährlich erscheinenden Magazins so hochwertig sind, wie das erste, seit Mitte März im Zeitschriftenhandel erhältliche Exemplar, gibt es eine sehr gute Ergänzung zu etablierten Wirtschaftsmagazinen wie Brandeins.

Quelle: enorm-magazin.de – bmwi.de – earthday.de
Bildmaterial: enorm-magazin.de