Eines vorweg: Keine Angst, ob meiner neuen Vaterrolle verkommt dieses Blog jetzt nicht zu einer Ansammlung von Artikeln über Kinder, Kacka und Kurzgeschichten. Des Weiteren werden Sie hoffentlich auch nie Kinderkackakurzgeschichten an und für sich zu lesen bekommen. Wenn doch, dann möchte ich Sie, liebe Leserin und lieber Leser, dazu auffordern, mir rechtzeitig einen Stock zwischen die Speichen zu werfen und mich an das eigentliche Thema dieses Blogs zu erinnern.

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Ach ja, die lieben Kleinen. Es gibt wohl kaum etwas lebhafteres als die kindliche Fantasie.
Das hab ich mir zumindest sagen lassen. Nicht dass ich da schon wirklich mitreden könnte. Beschränkt sich doch die Kreativität meines kleinen Windelpupsers primär darauf, seinem Titel auf möglichst spektakuläre Art und Weise gerecht zu werden. Glücklicherweise sind seinem Ideenreichtum dabei gewisse Grenzen gesetzt.

Aber was rede ich da. Schließlich war man ja auch selber mal Kind und kann sich sicherlich an so manch famoses Spiel erinnern. Und auch wer sich nicht eines Gedächtnisses rühmen kann, das bis in die frühesten Kindheitsjahre zurückreicht, der kann doch garantiert in direkter Nachbarschaft das eine oder andere menschliche Jungexemplar beim fröhlichen Spiel beobachten.

Räuber und Gendarm, der Klassiker. Immerhin geht es dabei um eine gewisse Form der Gerechtigkeit. Auch wenn sich nach dem Einfangen der Räuber eher selten Gerichtsverhandlungen anschließen und sich die Gendarmerie in ihrer Pflichtausübung auch wohl weniger darum bemüht, zu eruieren, welcher Straftat sich die Gejagten denn schuldig gemacht haben.

Cowboy und Indianer. Da steckt schon eher das Potential drin, vor dem internationalen Gerichtshof für Menschenrechte einen Völkermord zu verhandeln. Ritterspiele jeder Art sind auch beliebt und wer nicht im Besitz kunstvoll geschnitzter Holzschwerter ist, der bedient sich einfach eines Stockes und versucht damit, seine Kontrahenten zu bezwingen. Wer weiß, heutzutage spielt man bestimmt auch „Space Invaders“ oder „Ghetto-Gangster und Cops“.

Alles in allem kommt man nicht umhin festzustellen, dass also nicht gerade die Völkerfreundschaft und der Weltfriede auf kleiner Ebene geprobt werden. Und die Frage drängt sich unweigerlich auf: Was ist denn da los mit der Gewalt im Kinderspiel?

Ich meine, man versucht überall ein Vorbild für die Kinder zu sein. An jeder Ampel, die mir signalisiert, dass meine Füße gefälligst diesseits der Bordsteinkante  zu verharren haben, folge ich dieser Aufforderung, wenn ich ein kleines dickes Kind auf der anderen Straßenseite sehe. Doch dann – die Ampel schaltet um – kreuzen sich unsere Wege in der Mitte der Straße, das kleine dicke Kind spannt Daumen und Zeigefinger auseinander, zielt auf mich und „Peng! Peng! Du bist tot, motherfucka!“. Gut, letzteres entspringt in diesem Fall nur meiner Fantasie. Doch von Verbalprojektilen durchlöchert frage ich mich dann noch einmal: Wo haben unsere Kinder denn diese Gewaltorientierung her?

Steckt das vielleicht in den menschlichen Genen? Gewalt als kulturelles Erbe unserer Spezies. Ich durfte eine Kindheit genießen, die vollkommen frei von Gewalt war. Selbstverständlich im offensichtlichen Sinne frei von Gewalt gegen Kinder, aber auch mit dem Bemühen, jede Auseinandersetzung und Konfrontation mit Gewalt zu vermeiden. Das mag mir heute etwas übertrieben erscheinen, gehört Gewalt doch wohl oder übel zur Welt dazu, doch auf der anderen Seite macht es mich auch Stolz, dass meine Eltern ein so idealistisches Ziel verfolgt haben.

Doch ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich einmal ganz verträumt mit einem kleinen Düsenjet gespielt habe, dessen rote Plastikraketen mit einer Feinmechanikerzange abgeknipst wurden, ehe er meinen kleinen Wurstfingern ausgehändigt wurde. Das Flugzeug flog Manöver, dass die Gs jeden Piloten nur so zerquetscht hätten. „Bamm! Bamm!“, ließ ich zwei laute Kracher ertönen, woraufhin mich mein Bruder ermahnte, dass ich doch wohl wüsste, dass unsere Eltern nicht wollten, dass wir mit Waffen spielten. Glücklicherweise konnte ich mich damit herausreden, dass das doch gar kein Raketenbeschuss war, sondern dass der Düsenjet gerade die Schallmauer durchbrochen hatte – zweimal.

Eigenartig, ich kann mich daran genau erinnern. Aber einfach nicht, wann ich vorher mal einen Kampfflieger gesehen hätte.

Wachsen unsere Kinder seit Generationen ganz direkt mit Gewalt auf? Wir lassen sie in jungen Jahren tatsächlich guten Gewissens Spiele spielen, die Vorgänge simulieren, bei denen es primär darum geht, Gegenstände durch den Körper eines Gegners zu bohren. Und das in einem Alter, in dem Kinder noch kein Verständnis für Moral und Ethik haben. Jugendlichen, die mittlerweile sehr wohl zwischen gut und böse sowie richtig und falsch unterscheiden können, wollen wir dann aber als Moralapostel verbieten, „Killerspiele“ am Computer zu spielen. Während zwei drei Generationen weiter die Gewalt im Schützenverein wieder komplett entmoralisiert und als Kulturgut in der Gesellschaft verankert wird. Da stimmt doch was nicht.

Wie sahen solche Kinderspiele wohl in der Steinzeit aus? Stellen Sie sich doch mal vor, wie Sie im Garten sitzen und die kleine Ubonga aus der Nachbarhöhle mit ihrem süßen Klomp spielen sehen. Herzzerreißend wie die beiden durch die Gegend turnen. Ubonga mit einer zur Klaue verkrampften Hand, in der offensichtlich ein imaginärer aber verdammt schwerer und spitzer Stein liegt, so groß, dass sie ihn kaum umfassen kann und mit dem sie spielerisch versucht Klomps Schädel einzuschlagen. Glucksend fährt ihre Hand herunter und ein johlendes „Krack! Krack! Kopfmus!“ entweicht ihrem schelmischen Grinsen.

Da kann man doch eigentlich nicht anders, als mal Danke zu sagen:

Danke, liebe Rüstungsindustrie! Danke dafür, dass Schweiß, Ideenreichtum und Unmengen Geld investiert wurden, um das Töten zivilisierter und alltagstauglicher zu gestalten!

Wie langweilig wäre doch das Leben, wenn die lieben Kinder auf dem Pausenhof UNO-Vollversammlung spielen würden.

Bald ist es wieder soweit: Jahreswechsel.

Und wie immer gehen die Tage zwischen den Jahren einher mit einem Dauernieselregen unkreativer Jahresrückblicke. Ihnen zu entgehen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Nahezu so, als würde auf allen Sendern RTLs grauenhafte, schon in die 89. Folge gehende „Ultimative Chartshow“ mit einem debil grinsenden Oliver Geissen laufen.

Wer hat was mit wem und wenn ja warum und vor allem wie oft gemacht? Kriege, Katastrophen, Eurovision Songcontest, Krisen, Ölkatastrophen, Wahlen, Wale, Sex, Sex mit Walen, Skandale, Rücktritte, Missbrauch, Helden, Schurken, russische Gerichtsurteile … alles ist wieder da und das meiste davon für die meisten sowieso nicht wert in Erinnerung zu bleiben – bis auf die Alliteration mit S natürlich:  Songcontest, Sex, Skandale!

Und wenn dann resümiert wurde, dass lediglich die Rettung der chilenischen Kumpel eine frohe Botschaft war, dann wird der Blick vom Vergangenen auf das Zukünftige gerichtet: „Und was nimmst du dir für das neue Jahr vor?“

Ja, was denn? Ein bisschen weniger fluchen? Scheiße, sicher nicht! Nicht mehr rauchen? Hab ich eh noch nie gemacht. Mit dem Rauchen anfangen, damit ich endlich mal einen guten Vorsatz für das übernächste Jahr habe? Ich denke eher nicht.

Vielleicht – ja, das wäre was! –  ein wenig mit dem Schubladendenken aufräumen. In letzter Zeit erwische ich mich dabei immer häufiger. Obwohl doch meistens eine geradezu schillernde Farbenvielfalt zwischen den Schwarz-Weiß-Kontrasten der Schubladenwände schlummert.

„Dummheit“ steht zum Beispiel auf einer Schublade in meinem kognitiven Archiv geschrieben. Und wie wunderbar, sie öffnet so schnell und geräuschlos wie kaum eine andere Schublade. Ihre Laufräder werden ständig geölt, so oft ist sie in Betrieb. Kein Quietschen, kein Scharren. *Biep* Dummheitsdetektor schlägt an. *Suuuusch* Schublade auf. *Tack* Abgestempelt. *Bämm* Schublade zu. Herrlich!

Dabei ist das falsch, mon dieu! Denn auch wenn man sehr häufig und wirklich ganz objektiv die Dummheitsschublade füttern kann, so ist Dummheit nicht gleich Dummheit. Geradezu ein Kosmos des Dummen eröffnet sich dem, der sich traut, kurz zu verweilen und zu beobachten. Er wird irgendwo aufgespannt zwischen den Polen „Idiotie“ und „Unreflektiertheit“. Raumfahrer, unterwegs in den unendlichen Weiten der Dummheit, können das Zwillingsgestirn „Ficken, Saufen, Ficken, Saufen, FICKEN FICKEN FICKEN, SAUAAAAUFEEEN!“ besuchen und schon kurz darauf den fragilen Meteoritenhaufen namens „Wie jetzt? Zukunft?“ passieren.

Ein Mangel an Intelligenz ist nicht immer ausschlaggebend für Dummheit, wirkt häufig jedoch verstärkend. Nicht immer lässt sich Dummheit an der Kleidung festmachen oder an der Solariumbräune – aber man öffnet in solchen Fällen zum Glück nur sehr selten die falsche Schublade.

Letztendlich glaube ich aber, dass es purer Neid ist, der mich dazu veranlasst, die Dummheitsschublade so sehr zu pflegen. Dummheit, denke ich, macht einfach glücklich. Was muss das doch für ein zufriedenes Leben sein, sich nicht ständig den Kopf über alles mögliche zu zerbrechen. Leben, Tod, Leben nach dem Tod. Glück, Liebe, Gott, Gerechtigkeit. Sinn und Unsinn des Lebens. Mensch-Maschine-Dualismus. Körper-Geist-Seele Fragen. Alles für die Katz.

Wer so richtig dumm ist, dass er – um bei der Metapher des Universums zu bleiben – im Wurmloch lebt, das den Raum knickt und die Pole „Idiotie“ und „Unreflektiertheit“ miteinander verbindet, muss wohl der glücklichste Mensch der Welt sein. Wer sich daran ein Beispiel nehmen möchte, für den dürfte das alte Credo nicht mehr lauten: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“, sondern vielmehr: „Lebe jeden Tag, als wärst du richtig dumm.“

Es ist schon fast eine Anlehnung an die abstrakten Denkweisen des Zen-Buddhismus: Einfach Sein. René Descartes „Ich denke, also bin ich“ wird unfassbar positiv abstrahiert:

„Ich“, das wird einfach hingenommen, als gegebene Größe akzeptiert.
„Denke“, wohl eher nicht!
„Bin ich“, eindeutig grammatikalisch zu komplex.
Bleibt also „Also“.

Und klingt das nicht nach Tatendrang, nach in den Tag hineinleben? Einfach aufwachen und sich sagen: Also! Das Heureka der Idiotie und Dummheit!

Da fragt man sich nur, ob die von Dummheit gesegneten Mitbürger das ganze überhaupt zu schätzen wissen. Wissen sie denn, dass sie glücklich sind? Oder fehlt ihnen dafür die über Selbstreflektion erhaltene Erkenntnis des Glücksgefühls?

Ich denke, ich werde das mit dem Schubladendenken für das Jahr 2011 doch auf Eis legen und einfach mal versuchen, ein bisschen dumm zu sein. Ja, für mich wird 2011 das Jahr der spirituellen Dummheit!

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen idiotischen Jahreswechsel und ein dummes neues Jahr!

… Doktor Google?

Veröffentlicht: 2. Dezember 2010 in Gesellschaft, Privat
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Ich muss Ihnen sagen, ich fühle mich nicht sonderlich wohl. Zumindest körperlich nicht. Seelisch, psychisch und mental bescheinige ich mir einfach mal eine absolute Quickfidelität, die ihresgleichen sucht. Es ist halt nur so, dass ich mir schon ein paar Sorgen mache. Man wird ja eben auch nicht jünger. Und was man so ab und zu liest, das kann schon mal zu der einen oder anderen schlaflosen Nacht führen.

Ich bin auch nicht unbedingt jemand, der pausenlos in sich hineinhorcht und bei jedem Magengrummeln aufschreckt. Aber zwei Tage in Folge Magengrummeln würden mir dann doch wieder zu denken geben. Aber: Mit dem Magen ist soweit alles in Ordnung, der macht seine Arbeit ganz gut. Ich würde auch nicht beim zweiten Tag Magengrummeln sofort zum Arzt rennen. Wäre doch albern. Nirgends ist ja die Gefahr so groß, ernsthaft zu erkranken, wie im überfüllten Wartezimmer eines Allgemeinmediziners. Schnupfen, Erbrechen, Durchfall (wenn es schlimm kommt auch in der wirklich furchtbaren Kombination namens Miserere), womit man sich da nicht alles anstecken könnte. Dazu auch noch die direkte Konfrontation mit dem Leid, dem Altern und dem unvermeidbaren Ende unseres Lebens.

Nein, sage ich, das muss nicht sein!

Da begebe ich mich doch lieber in die heiligen Hallen des größten medizinischen Instituts – das Internet – und lasse mich von Doktor Google von Kopf bis Fuß auf Herz und Nieren testen (die zwar weder im Kopf noch in den Füßen sind, aber kleinkariert möchte ich hier wirklich nicht werden, denn mit der Gesundheit ist ja nun einmal nicht zu spaßen!). Foren, Ratgeber, Medizinartikel bei Wikipedia, Medikamentenlisten, Gesundheitsbücher und -zeitschriften, Expertenchats. Es ist einfach wunderbar! Ein Eldorado für Wartezimmerscheue, Hypochonder und Informationsdurstige.

Aber leider verstärken sich die Sorgen damit nur noch mehr. Denn es sieht für mich wirklich nicht gut aus, das können Sie mir glauben! Alles deutet auf eine akute Amalgamvergiftung hin.

Seit drei Wochen plagen mich nun schon starke Müdigkeit, immer wiederkehrender Kopfschmerz und ein wirklich unangenehmer Geschmack im Mund. Die Suche beginnt natürlich mit dem Googeln der Symptome und manche möglichen Diagnosen stechen hervor, als wären sie in einen Eimer Signalfarbe getaucht und lassen alles andere verblassen.

Müdigkeit: Pfeiffersches Drüsenfieber. Keine gute Sache. Aber da: Mist! Fast jede Krebserkrankung verursacht Müdigkeit. Ich werde etwas nervös. Das ist nicht gut.

Kopfschmerzen: Die Meningits springt mich sofort an! Schlaganfall! Hirntumor! Fuck!

Schlechter Geschmack im Mund/Mundgeruch: Da ahne ich auch schon schlimmes. Garantiert Magenkrebs. Und da: Netdoktor.de schreibt es: Bösartiger Tumor!

Mir schwant nichts Gutes, das wird kein gutes Ende mit mir nehmen. Aber es wäre auf jeden Fall falsch, jetzt schon die Recherche zu beenden und die Flinte ins Korn zu werfen. Also, schlauer Fuchs, suche ich nach den Kombinationen der Symptome. Und da ist sie: die Amalgamvergiftung. Nicht schön, aber auf jeden Fall besser als Krebs. Auch irgendwie schon was besonderes.

Und es stimmt schon, ein paar Amalgamfüllungen zieren meine Zahnreihen und neulich beim Zahnarzt wurde mir mitgeteilt, dass da so eine Füllung ist, die nicht mehr so ganz die fitteste ist und mal erneuert werden müsste.

Oh Gott, ich war beim Zahnarzt! Da habe ich doch garantiert einen Haufen Quecksilberdämpfe eingeatmet. Wie zur Bestätigung schwillt das Pochen in meinem Kopf an und der Geschmack in meinem Mund nach in abgestandenen Kaffee getunkte Socken wird stärker.

Ich hole tief Luft, denn gleich muss ich mich wohl oder übel mit meiner Lebenserwartung auseinandersetzen. Doktor Google hat schon ein ernstes und mitfühlendes Gesicht aufgesetzt. Meine Finger zittern beim Nachuntenscrollen …

Glücklicherweise werde ich abgelenkt. Sie müssen wissen, seit ein paar Wochen habe ich nicht mehr ganz so viel Zeit, wie früher. Ich muss mich dann mal kurz um das leise Plärren aus dem Schlafzimmer kümmern, mein Sohn – stolze drei Wochen alt – ist gerade aufgewacht und hat wohl Hunger. Vielleicht muss ich doch mal zum Arzt gehen, wegen meiner Amalgamvergiftung. Man und ich hab’s schon wieder nicht geschafft, mir die Zähne zu putzen, bevor mein Kleiner wach wird.

Als Vater sollte ich wirklich über ein neues Zeitmanagement nachdenken. Wenn die Amalgamvergiftung doch nur keine Müdigkeit verursachen würde …

… der Googlefisch?

Veröffentlicht: 11. Oktober 2010 in Gesellschaft, Medien
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Google ist schon richtig toll!

Nein, nein, keine Angst, das wird jetzt kein Beitrag, der sich einreiht in sarkastische Bemerkungen über Datenschutz und übermächtige Unternehmen. Ganz ehrlich: Google ist super.

Ich denke, dass es nicht mehr lange dauern wird und Google avanciert zum sozialwissenschaftlichen Forschungsinstrument Nummer 1, mit gehörigem Abstand gefolgt von Interviews, Experimenten und altbackenen Fragebögen. Vom persönlichen Nutzen mal ganz abgesehen.

So kann man sich mal einen Spaß machen und die Google-Vorschläge ausprobieren. In die Suchmaske vorsichtig einen Begriff eingeben und schauen, was die Suchmaschine als Komplettierung des Begriffes vorschlägt. Die Vorschläge sind natürlich nach den häufigsten Suchanfragen in Zusammenhang mit diesem Begriff geordnet. Was für ein Forschungspotenzial. Denn welcher Sozialwissenschaftler hat sich noch nicht über die sonst aus quantitativen und qualitativen Interviews allzu bekannten Hemmschwellen geärgert, die offensichtlich jedoch ad acta gelegt werden, wenn man alleine am Rechner sitzt und die Suchmaschine füttert.

Probieren wir es doch mal aus. Geben wir einfach bei Google „Deutsche sind“ ein und schauen uns die Vorschläge an. Also:

„Deutsche sind“:

  1. nazis
  2. hässlich
  3. kalt
  4. kartoffeln
  5. nichtmigranten mehr nicht
  6. dumm
  7. arrogant
  8. rassisten
  9. opfer

Faszinierend oder? Da wollten uns Bild und B.Z. immer weiß machen, wir wären Papst, Lena und fast schon Weltmeister, dabei sind wir Deutschen offensichtlich hässliche, kalte Nazis, die Opfer ihrer rassistischen und dummen Arroganz sind.

Probieren wir es weiter:

„Angela Merkel ist“:

  1. tot
  2. spurlos verschwunden
  3. hässlich
  4. he-man

Letzteres sollte sicherlich für das CDU-Wahlkampfmanagement für den nächsten Bundestagswahlkampf mehr als verwertbar sein, allerdings nur, wenn die ersten beiden Vorschläge hoffentlich nicht der Wahrheit entsprechen. Als Gentleman lasse ich den dritten Vorschlag lieber unkommentiert.

Da die Deutschen ja Ländervergleiche mögen, können wir einfach mal fortfahren mit „Amerikaner sind“:

  1. dumm
  2. fett
  3. schweine
    Achtung! Jetzt kommt wirklich bahnbrechendes geographisches Fachwissen, das mit Google auf seine zweifelsfreie Richtigkeit überprüft werden sollte:
  4. europäer
  5. arrogant

Und natürlich, wenn Frau Merkel schon herhalten musste, dann selbstverständlich auch der US-amerikanische Präsident, denn „Obama ist“:

  1. tot
  2. osama
  3. kein amerikaner
  4. präsident
  5. moslem
  6. der antichrist
  7. ein lügner
  8. gebürtiger reutlinger
  9. schweizer

Deutsche und Amerikaner sind also dumme und arrogante Europäer, die von toten Staatsmännern und -frauen regiert werden, die entweder über die Macht von Grayskull verfügen oder verlogene Reutlinger und/oder Schweizer mit direktem Draht zum Teufel sind. Wenn das mal nicht fundiertes Fachwissen für die Bundeszentrale für politische Bildung ist?

P.S.: Das Ganze basiert natürlich auf den deutschsprachigen Suchanfragen. Führt man die Merkel/Obama-Anfrage auf der englischsprachigen Google-Seite durch, dann lernt man, dass Obama auch für die Amerikaner der Antichrist und ein Moslem ist und dass Angela Merkel scheinbar Hitlers Tochter ist.

P.P.S.:  Dass offensichtlich nur negative Vorschläge geliefert werden, sollte auch nicht überinterpretiert werden, denn schließlich gilt „Google ist“:

  1. dein freund
  2. ne missgeburt
  3. doof
  4. schwul
  5. böse
  6. dein bester freund
  7. dumm
  8. eine missgeburt
  9. nicht dein freund

Das hält sich doch fast die Waage!

Über Oger, Menschen, Zwiebeln, das Denken, Bundespräsidenten, kleinste und größte gemeinsame Nenner, die Aufklärung, den Islam und die menschliche Identität – bringen Sie das mal alles unter einen Hut!

„Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ lautet der Titel des sehr populären Buches von Richard David Precht, das sich lange Zeit an der Spitze der deutschen Büchercharts behaupten konnte. Wahrlich keine leicht zu beantwortende Frage und ein Thema, das sich angesichts ein paar Jahrtausende währender Geistesgeschichte auch nicht mal eben als philosophische Fingerübung in einfache Formeln für den Haus- und Alltagsgebrauch verpacken lässt.

Wie gut, dass es Hollywood gibt und wir von Shrek lernen können, dem gütig-grässlichen Oger.  Der nämlich musste nicht erst Prechts Buch lesen, um von sich behaupten zu können: „Ich bin eine Zwiebel!“ Dass der grünhäutige Antiheld das im übertragenen Sinne gemeint hat und nicht als Warnung an Köche vor brennenden Augen beim Hacken von Ogern verstanden haben möchte, sei einfach mal vorausgesetzt.

„Heureka!“, möchte man rufen. „Auch der Mensch ist eine Zwiebel.“

Denn was die klugen Köpfe des DreamWorks Prictures Teams Shrek auf die digitale Zunge geschrieben haben, um seine unglaublich vielschichtige Persönlichkeit erklären zu können, kann auch bestens als Metapher für das menschliche Wesen sowohl im Einzelnen als auch für sein Auftreten in einem sozialen Gefüge dienen. Fast wünschte man sich, Bundespräsident Christian Wulff hätte sich bei seiner Jubiläumsrede zum Tag der Deutschen Einheit eben dieses Bildes bedient, anstatt historisch schwammig zu schwadronieren, was zu Deutschland gehört und was nicht.

Er hätte sagen können: „Schaut her liebes wiedervereintes Volk, ich hab da mal was vorbereitet. Ich habe hier einen Sack voller Zwiebeln und einen Packen Stifte. Jetzt kommt jeder nach einander nach vorne an mein Rednerpult und nimmt sich eine Zwiebel und einen Stift und schreibt auf die äußerste Haut der Zwiebel ‚Mensch‘. Dann pult jeder ganz ganz vorsichtig Haut für Haut ab und schreibt rauf, was immer sie oder er gerne möchte. Nur auf den innersten Teil schreibt bitte wieder jeder ‚Mensch‘. Dann legen wir die Zwiebel wieder genauso zusammen. Und schon haben wir unsere gemeinsame Identität.“

Natürlich ist es falsch, dass der Islam mittlerweile zu Deutschland gehört. Genauso falsch wie die Behauptung, dass Christen- und Judentum, Buddhismus und Hinduismus zu Deutschland gehören. Alleine der Begriff der abendländlichen christlich-jüdischen Tradition suggeriert eine friedvolle Einheit der beiden Religionen, die es so leider nie gegeben hat. Keine Religion gehört zu Deutschland! Die Religion gehört zu den Menschen die hier leben, die aber alle zuallererst in ihrem Kern und nach außen hin Menschen sind und genauso gut entscheiden können, dass sie keine ihrer Zwiebelschalen mit „Christ“, „Moslem“ oder „Jude“ beschriften.

In der Umgangssprache gibt es die Ausdrücke des kleinsten und des größten gemeinsamen Nenners. Ersterer bezeichnet einen Minimalkonsens auf aller niedrigster und unbefriedigendster Ebene, zweiterer einen äußerst fortschrittlichen Maximalkompromiss. Niemand vermag zu beeinflussen, ob man als Mensch geboren wird (sieht man mal vom Kharma ab) oder nicht. Was somit zuallererst als kleinster gemeinsamer Nenner erscheint, ist doch in Wahrheit der größte. Das Menschsein ist die Wurzel unserer sozialen Diversität und das, was unsere individuellen Biographien eint. Es ist die Basis für Toleranz, Mitgefühl, Nächstenliebe, Demut und Gerechtigkeit, für die höchsten geistigen Güter, die die Menschheit besitzt. Menschenrechte sind universell, weil das Menschsein hoch über dem Christsein, dem Judesein, dem Moslemsein steht. Wer auf die äußerste Haut der Zwiebel der menschlichen Identität etwas anderes als „Mensch“ schreibt, an dem ist die Aufklärung vorbeigegangen, der macht aus dem größten gemeinsamen Nenner wieder den kleinsten.

 

Okay, zugegeben: Es wäre übertrieben zu behaupten, ich würde mich Nacht für Nacht von Seite zu Seite werfen und mit dieser mich quälenden und mir den Segen des Schlafes verwehrenden Frage kämpfen. Aber tatsächlich schleicht sie sich immer wieder mal an und flüstert mir die Gewissheit ins Ohr, dass ich versagt habe.

Versagt, oh je!

Dass ich es nicht aufklären kann, wie man in Kontakt mit einem Auftragsmörder tritt.

Sie kommt dann nachts so an, zeigt mir eine lange Nase und sabbert mir voll Hohn ins Ohr: „Dädädä, dädädä, weißte nicht, kannste nicht. Ätschibätsch!“ Verdammt, ich hasse so etwas! Beknackte, ausgebuffte und unerzogene Frage. Es zermürbt mich schon ein bisschen und nagt an mir, wie ein wildentschlossener Biber, der dem Wald im Yosemity-Valley den Krieg erklärt hat.

Aber manchmal erfährt ein solches Leiden Linderung, wenn man gar nicht damit rechnet.

Zack! Ganz plötzlich und unverhofft steht es dann vor einem. Schwarz auf Weiß sozusagen. Oder in meinem Fall: Lila mit schwarzer Kontur auf Silber und Efeu.  Und das alles nur wegen laktosefreier Milch.

Verwirre ich Sie? Das möchte ich nicht, verzeihen Sie mir bitte. Aber ich bin immer noch etwas aufgeregt, dass sich mir eine Spur zur Klärung der mich quälenden Fragen so plötzlich offenbart hat, so dass die Sätze geradeheraus aus meinen Fingerspitzen auf die Tastatur purzeln. Also Schritt für Schritt:

Sie müssen wissen, ich bin umgezogen. War schon etwas stressig. Ein typischer Umzug eben. Aber es war eine gute Ablenkung. Sowohl für mich, um mich nicht mehr mit unnützen Fragen herumquälen zu müssen. Als auch für den Bundesnachrichtendienst, der entweder das Interesse an mir verloren hat oder mit ausgefeilterer Technik aufwarten kann. Das Knacken in der Telefonleitung ist auf jeden Fall weg. Dafür muss aber jeder Handwerker, der etwas in der neuen Wohnung zu handwerken hat, einen umfangreichen Backgroundcheck über sich ergehen lassen.

Doch irgendwann ist auch der längste Umzug abgeschlossen und die Fragen melden sich zurück. Langsam aber penetrant. Patentes Rezept dagegen: Einfach mal die neue Wohngegend erkunden. Man muss ja schließlich wissen, wo es beispielsweise laktosefreie Milch zu kaufen gibt. Und tatsächlich: Gar nicht weit von der Wohnungstür entfernt öffnet eine Kaiser’s Filiale Tag für Tag ihre Automatiktüren für die Kundschaft. (Nebenbei bemerkt: Kaiser’s ist übrigens keine Reminiszenz an vergangene Herrschaftsformen, sondern geht vielmehr auf Josef Kaiser zurück, der Ende des 19. Jahrhunderts die erste richtige Kaffeeröstmaschine erfand – daher wohl auch die Kaffeekanne als Logo des Unternehmens).

Gut gelaunt und angenehm abgelenkt, schlendere ich über den Parkplatz des Supermarkts. Plötzlich verharren meine Beine, meine Augen weiten sich und mein Verstand beginnt zu arbeiten. Der Parkplatz wird von einer etwa zwei Meter hohen Mauer begrenzt. Mit Efeu bewachsen. Wahres Parkplatzidyll. Doch der Efeu kann nicht überall an der Mauer Fuß beziehungsweise biologisch korrekt ausgedrückt: Haftwurzel fassen. Und da steht es. In lila gesprayter runder Schrift, mit schwarzer Kontur versehen und auf silbrig glänzendem Untergrund:

„For Phila the Killa!“

Oh man, denke ich. Phila der Killa. Phila, könnte er wirklich ein Killer sein?

Nein, eher nicht. Sicherlich nur ein Versuch mittels seichten Vandalismus der jugendsubkulturellen Coolness Ausdruck zu verleihen. Zu sagen: „Efeu mein Arsch, Alter! Meine Parkplatzmauer! Hier setze ich mein Zeichen, und zwar dedicated für Phila den Killa, meinen Homie!“

Lila und Silber stelle ich mir auch nicht als so die ganz richtigen Farben des Auftragsmörderbusiness vor. Wobei ein Corporate Design für einen Auftragsmörder auch etwas hoch gegriffen wäre. Aber das wiederum ist eine andere Frage.

Mein Geist rotiert also: „Schmierereien von Halbstarken“, sagt mir der Verstand und meine metropolitane Lebenserfahrung nickt zustimmend. Kennen wir, schon oft genug gesehen. Aber auf der anderen Seite geht es hier um das Auftragsmörderbusiness. Helfen da ein normaler Verstand und an schroffer Urbanität geschliffene Lebenserfahrung weiter? Vielleicht ist Phila wirklich ein Killer und genau hier unter dem Efeu hinterlegen seine Auftraggeber ihre perfiden Mordpläne. Das Graffito ist dann Philas in den Himmel von Gotham City projiziertes Batman-Symbol. Und was wäre unauffälliger als eine auffällige Schmiererei, von der jeder denkt, dass sie aus der Dose semibegabter Jugendkünstler stammt?

Während ich das Regal mit der laktosefreien Milch suche, stelle ich mit Befriedigung fest, dass mein Geist seine Betriebstemperatur erreicht hat. Ich muss das im Auge behalten, sage ich mir. Aber wie?

Könnte umziehen und eine Wohnung mit Blick auf den Parkplatz suchen. Nein, bin gerade erst umgezogen und zu teuer.

Könnte mich als vietnamesischer Zigarettenschwarzmarkthändler ausgeben und den ganzen Tag vor Kaiser’s rumstehen. Blicke in mein fahles Spiegelbild in einer Scheibe einer Tiefkühltruhe. Muss diesen Plan verwerfen. Den Vietnamesen nimmt mir keiner ab.

Da, ich hab’s! Werde mir einen Stapel Obdachlosenmagazine à la Straßenfeger und Motz kaufen und die dann vor Kaiser’s feilbieten. So kann ich meine soziale Ader befriedigen, indem ich einem Motzverkäufer den Umsatz des Monats beschere (werde die Magazine natürlich billiger verkaufen, sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen) und kann den Parkplatz beobachten.

Gesagt, getan. Es ist natürlich wie immer: Wenn man mal dringend einen Motzverkäufer sucht, dann findet man keinen. Immerhin konnte ich mal wieder den ganzen Tag U-Bahn fahren und muss jetzt nicht, wie ursprünglich geplant, eine Woche aufs Duschen und Haarewaschen verzichten, sondern kann schon am nächsten Morgen meine Tarnidentität annehmen.

Ich schlüpfe also in den von meinem letzten Fahrradsturz stark zerschlissenen Parker, klemme mir den Stapel Magazine und den darin versteckten Notizblock unter den Arm und schlurfe miefend und müde zu Kaiser’s.

Es ist kein Zuckerschlecken, das kann ich sagen. Wer jemals wieder etwas von Hausiererromantik und den Vorzügen des Lebens auf der Straße faselt, kriegt von mir einen heftigen Tritt in den Hintern. Für 90% der Menschen ist man eh komplett unsichtbar. 9% der Passanten vermeiden es, in der Nähe zu atmen, da sie sich ja mit allerlei Krankheiten anstecken könnten. Immerhin 0,9% der Kaiser’s Kunden schütteln mitleidig und entschuldigend den Kopf und jeder tausendste kauft mir tatsächlich eine Zeitung ab.

Am späten Nachmittag dröhnt mein Kopf und ich habe Hunger. Wollte eigentlich von den Zeitungserlösen etwas zu essen kaufen. Aber erstens habe ich nicht genug Magazine verkauft und zweitens habe ich den Fehler begangen, zu fragen, ob ich die Mitarbeitertoilette benutzen darf. Das Mitgefühl der Mitarbeiter ist wirklich grenzwertig. Bin bei Kaiser’s jetzt nicht mehr so gerne gesehen.

Und es ist nichts geschehen. Kein Phila, kein Killer. Niemand, der sich am Efeu zu schaffen gemacht hat. Fehlanzeige!

In Gedanken darüber verloren, was ich eigentlich mache, wenn ich es mal schaffen sollte, Kontakt zu einem Auftragsmörder aufzunehmen – ich will ja schließlich nicht seine Dienste in Anspruch nehmen – werde ich unsanft angerempelt. Empört drehe ich mich um.

„Ey du Assi!“, brüllt mich jemand spuckend in einem zerschlissenen Parker an und holt zum zweiten Schupser aus. „Das is mein Stand, du Arschpimmel!“

Mein Blick fällt auf den Stapel Straßenfeger unter seinem Arm, seiner hingegen auf mein improvisiertes Pappschild ‚Motz! heute nur 80 Cent!’. Er läuft rot an. Ich überlege kurz, ob ich ihm erklären soll, dass ich ja eigentlich sehr sozial gewesen war. Verwerfe es aber, als ich die Ader auf seiner Stirn pulsieren sehe. Mir schwant nichts Gutes.

„80 Cent?“, er kreischt förmlich. „ACHTZIG CENT?! Ich bring dich um, du Schwein!“

Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch: „Phila?“

… der Umzug?

Veröffentlicht: 7. September 2010 in Privat
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Nach einer gefühlten Ewigkeit des Lebens zwischen, auf und unter Kisten, Säcken und undefinierbaren Gedönsansammlung ist nun wieder Normalität eingekehrt. Soll heißen: Der Umzug ist so gut wie abgeschlossen und der Kampf gegen die aggressiven Wandfarben der Vormieter gewonnen. Danke noch einmal an die freiwilligen Helferinnen und Helfer.

Und da kein Nachbar so frei war, seinen WLAN-Zugang nicht zu verschlüsseln (Spießer!), durften sich Internet und Telefon eine gewisse Zeit erholen. Jetzt ist alles wieder gut und schon bald wird hier wieder Neues zu lesen sein.