Mit ‘Plagiat’ getaggte Beiträge

Schon so oft durchgekaut. Von jedem kommentiert. Breitgetreten. In offenen Briefen angesprochen. In einer aktuellen Fragestunde behandelt. Karikiert. Ironisiert. Und von manchen einfach kleingeredet.

Dennoch, es geht nicht anders. Auch ich muss etwas dazu loswerden. Wozu? Klar, zum Fall Guttenberg.

Ich bin davon betroffen. Als politisch interessierter Mensch. Als Wissenschaftler. Als Zeitungsleser. Als jemand, der auch durchaus gerne promovieren möchte. Als Demokrat. Aber vor allem als jemand, der dieses Gefühl der Ohnmacht nicht ertragen kann, wenn Unrecht nicht geahndet wird und das auch noch so viel Anklang findet.

Aber keine Angst, ich halte mich kurz.

Im heutigen Tagesspiegel bringt DFG-Präsident Matthias Kleiner auf den Punkt, was die Nichtahndung dieses Plagiatsfalls für die Wissenschaft bedeutet, wenn er sagt: „Wissenschaftler teilen ihre Ideen und Erkenntnisse, sie führen sie gemeinsam weiter, aber sie entwenden sie nicht.“ – Wissenschaft beruhe auf den Prinzipien der Wahrhaftigkeit, der Redlichkeit und des Vertrauens.

Androhungen straf- und zivilrechtlicher Verfolgungen bei Verstößen gegen das Urheberrecht stehen heutzutage höher im Kurs denn je. Doch was für ein Licht wirft die Affäre auf den Wert geistigen Eigentums von Wissenschaftlern? Menschen, die zwecks Mehrung ihres Privatvergnügens illegale Tauschbörsen nutzen, werden natürlich selbst dann belangt, wenn sie sich bei den großen Major Labels entschuldigen und versprechen, ihre illegal erworbenen Kopien zu löschen. Die Rückgabe des Doktortitels und eine Entschuldigung reichen im Fall zu Guttenberg dagegen vollkommen aus. Ist ja auch klar, eine mp3-Sammlung besitzt einen sehr viel größeren Wert als ein lapidarer, erschlichener Doktortitel. Gerade der Aufruf Angela Merkels zu einer Debatte über geistiges Eigentum kann vor diesem Hintergrund nur ein schlechter und dazu noch geschmackloser Scherz sein.

Aber warum sollten wir zu Guttenberg denn auch nicht verzeihen? Er ist ja schließlich der beliebteste und populärste Politiker Deutschlands. Wenn jemand unser Vertrauen verdient, dann doch er. Ein junger Familienvater, politisch engagiert und aktiv, Mandatsträger. Er war einfach übermotiviert. Sagt es ja selber, wenn er davon spricht, die Quadratur des Kreises versucht zu haben. Solche Politiker brauchen wir!

Da bringt es auch nichts, den Soziologen Richard Sennett zu zitieren, der in seinem Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität“ aus dem Jahr 1977 nicht nur vorausschauend facebook und Co. kommentiert, sondern sich auch Gedanken über das Verhältnis Politiker:Gesellschaft gemacht hat, wenn er eine zeitgemäße Definition von Zivilisiertheit und Unzivilisiertheit vorschlägt:

„Unzivilisiert ist es, andere mit dem eigenen Selbst zu belasten. […] Jeder kennt Menschen, die in diesem Sinne unzivilisiert sind: jene ‚Freunde‘, die stets darauf aus sind, anderen Einlaß in die traumatische Sphäre ihrer alltäglichen Innenwelt zu gewähren, die am anderen nur ein einziges Interesse haben, daß er ihren Geständnissen sein Ohr leiht.“ (Sennett 1977, S. 463)

Und weiter zum Politiker:

„Der charismatische Führer von heute beseitigt jede Distanz zwischen seinen eigenen Empfindungen und Impulsen und denen seines Publikums, und indem er die Aufmerksamkeit seiner Anhänger auf seine Motivationen lenkt, lenkt er sie davon ab, ihn an seinen Taten zu messen. […] Es ist ein Merkmal von Unzivilisierheit, wenn eine Gesellschaft ihren Bürgern das Gefühl vermittelt, ein Politiker sei glaubwürdig, weil er seine eigenen Motivationen zu dramatisieren vermag. Dann wird Politik zur Verführung.“ (ebd. S. 464)

Aber die „Bürger“ finden das alles „gutt so“, wie es das größte deutsche Sprachrohr BILD auszudrücken gewohnt ist. Und hier fängt an die Ohnmacht zu schmerzen und die Grenzen zwischen Demokratie und Medienmacht zu verwischen. Niemand hat das in letzter Zeit so schön und passend in Worte gefasst wie die Sängerin der Band „Wir sind Helden“, Judith Holofernes, die im Bildblog eine Replik auf die Anfrage liefert, ob ihre Band nicht Interesse daran hätte, an der nächsten Werbekampagne für die BILD mitzuwirken:

„Die BILD -​Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-​Kulturgut und kein harmloses “Guilty Pleasure” für wohl­frisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Li­festyle-​Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild -​Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestge­hend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands.
Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument – nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht be­schreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.“ (Judith Holofernes, 2011)

Mehr braucht man dazu eigentlich nicht mehr sagen.

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