Mit ‘Public Viewing’ getaggte Beiträge

Es gibt wirklich keinen Weg dran vorbei am Phänomen, am Hype, an der Leidenschaft, am Wahnsinn namens Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Und da Fußball ein gesellschaftliches Ereignis sondergleichen ist, das schon fast einer Naturgewalt gleichkommt, gilt es, Fußball auch stets in der Gesellschaft von Freunden, Bekannten und Fremden zu genießen, die sich alle für mindestens 105 Minuten zu einer Patchwork-Familie in Reinform zusammenschließen.  Für das richtige Verhalten beim Public Viewing werden Ihnen hier interessante Rollen vorgeschlagen, die Sie üben und perfektionieren können. Zum ursprünglichen Artikel und der ersten Rolle gelangen Sie hier.

Heute: Der passive Mitbrüller
Es gibt so unfassbar viele Fußballexperten auf der Welt, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass Sie sich beim Public Viewing im Biergarten die Sitzbank mit einem Autor teilen, der eines der unglaublich vielen Fußballbücher geschrieben hat: Fußballbücher für Kinder, Fußballratgeber für Manager, Abseitsfallenumgehen für Broker, Trainingshandbücher für Fußballtrainer, Fußbälle richtig aufgepumpt, Fußballrekorde, Fußballnichtrekorde, Rasenpflege für den Kunstrasen, Afrikaans für WM-Reisende, Galileo-Mystery: Wie dunkel ist es wirklich in einem Fußball? – das Buch zur Sensationssendung, und so weiter und so fort.

Wie peinlich es doch wäre, wenn Sie sich in so erlauchter Gesellschaft als Nicht-Fußballexperte zu erkennen geben müssten. Die Fußballgemeinde würde Sie sicherlich des Platzes verweisen und Sie hätten anschließend Hausverbot in Ihrem Biergarten, da man Sie noch vor dem Begleichen der Bierrechnung vor die Gartentür gesetzt hätte.

Diesem Schicksal können Sie sicher entgehen, wenn Sie einfach die Rolle des passiven Mitbrüllers einnehmen. Viel müssen Sie dafür nicht mitbringen. Sicherlich können Sie Ihre Rolle durch profundes Fußballfachwissen festigen, aber notwendig ist es dafür nicht. Einzig und allein ein schnelles Reaktionsvermögen ist notwendig, um als passiver Mitbrüller punkten zu können. Eine Warnung sei noch an Personen gerichtet, die über ein gutes Artikulationsvermögen verfügen: Schalten Sie es ab – oder, wenn Sie dazu nicht in der Lage sind, versuchen Sie sich ein gutes Gleichgewicht zwischen noch vorhandenem Reaktionsvermögen und an die Tierwelt erinnernder Lautartikulation anzutrinken.

Ihre Aufgabe ist es nun, relativ passiv abzuwarten. Sie müssen ein Auge für die Schiedsrichter haben und natürlich für Ihre Mitmenschen, aber lassen Sie auch nicht eventuell stürzende Spieler aus den Augen. Sobald Sie merken, dass es um Sie herum unruhig wird, machen Sie mit. Sie können auch schon leise anfangen zu grunzen, wenn sich ein Spieler dem Strafraum nähert. Grunzen oder leise Affenlaute sind sowieso eine hervorragende Wahl, da sie schnell zu Begeisterungsbrüllern oder Verachtungslauten umgewandelt werden können.

Vermuten Sie eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters, dann springen Sie auf keinen Fall sofort auf und brüllen Sie „Abseits!“. Vergessen Sie nicht, dass Sie der passive Mitbrüller sind, außerdem ist „Abseits“ zu schwer zu artikulieren. Erst wenn Sie merken, dass Ihre Banknachbarn aufspringen und wild schreien, machen Sie mit, vorher erheben Sie sich nicht. Springen Sie auf, brüllen Sie ein mächtiges „DOOOOOOOOOOOOOH!“ und gestikulieren Sie wild.

Das wiederholen Sie immer, wenn sich etwas auf dem Spielfeld und im Biergarten tut. Achten Sie aber auf die Emotionen, die Sie in den Brülllaut legen. Wenn Sie von Fußball nicht einmal so viel Ahnung haben, dass Sie nicht wissen, ob es gut ist, dass gerade ein Tor gefallen ist, achten Sie auf die Stimmung um Sie herum. Fangen Ihre Mitmenschen an zu singen, sobald ein Tor gefallen ist, dann können Sie ruhig mitmachen, die Texte werden im Allgemeinen nicht sonderlich schwer sein und nur aus wenigen Silben bestehen.

Sie müssen aber auch darauf achten, ob sich in der Bewegung Ihrer Banknachbarn etwas ändert. Es kann gut sein, dass eine sichere Torchance vereitelt wird. Sie müssen trotzdem mit aufspringen. Ändern Sie in so einem Fall jedoch das Brüllen in ein sacht ausklingendes „UUUUUUUUUHHhhhh!“ wenn die Recken Ihrer Mannschaft vom Gegner gestoppt wurden oder setzen Sie noch ein nach Erleichterung klingendes „P“ davor, wenn Ihre Mannschaft eine gegnerische Torchance vereitelt hat. In beiden Fällen gehört beidhändiges Haareraufen dazu! (Für Fortgeschrittene: Sollte der Torwart Ihrer Mannschaft nicht sämtliche Sympathien im Land genießen, dann können Sie auch zum ursprünglich „DOOOOOOOOOOOOOH!“ zurückgreifen und diesem Laut einen wütenden Unterton hinzufügen, wenn der Torwart seine Inkompetenz unter Beweis gestellt hat.)

Wenn Sie diese Hinweise befolgen, dann steht einem interessanten Public Viewing eigentlich nichts mehr im Wege. Abschließend sei aber darauf hingewiesen, dass Sie nicht nur Ihrer unmittelbaren Umgebung Aufmerksamkeit schenken sollten, sondern die Bewegungen im gesamten Biergarten beachten sollten. Wenn sich nur Ihr Banknachbar erhebt, springen Sie nicht auf und brüllen, denn es kann sein, dass er nur mal eben für kleine Public Viewer muss.

Das nächste Mal: Der Kommentator Kommentierer

Sehr stimmungsvolle Fotos vom Public Viewing findet man übrigens im Blog Fotograf Nürnberg

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*Was eigentlich dieser dämliche Titel soll? Japanophone Menschen mögen mir bitte verzeihen. Sie kennen doch sicherlich noch dieses japanische Kartenspiel Yu-Gi-Oh, zu dem es Trickserien und Filme gab. Übersetzt heißt das soviel wie „König der Spiele“. Dann muss doch Yu-Gi-Löw nichts anderes sein, als „König der Löwen“, ergo Simba. Und damit steht schon mal fest: Deutschland wird Weltmeister! Mit einem Trainer in Südafrika, der der Herr des Tierreichs ist!

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Es gibt wirklich keinen Weg dran vorbei am Phänomen, am Hype, an der Leidenschaft, am Wahnsinn namens Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Es haben sich nicht nur derart verblüffend viele Produkte in entweder afrikanische oder fußballerische Gewänder gekleidet, dass man sie gar nicht mehr genau auseinander halten kann: von Fußballfruchtzwergen über afrikanisches Fußballwursteis (oder war es die afrikanische Wurst und das Fußballeis, oder doch die Fußballwurst und das Afrikaeis?) bis hin zu den Werbestrategen von Carglass, die am Nachmittag zu Fußballkonsum am Fernseher raten und am Vormittag die gesprungene Frontscheibe mit Zebrafell bespannen.

Auch jede zweite Kolumne widmet sich mittlerweile dem Sportevent in Südafrika, von dem wohl erwartet wird, dass es den geschundenen Kontinent garantiert schneller und wirkungsvoller aus der Armut katapultieren wird, als es jede Entwicklungshilfe könnte. Kommentare zur Vuvuzela dürfen genauso wenig fehlen, wie Meinungen von Experten, die das Wunder vollbringen, ihr gesammeltes Afrikawissen in fünfminütigen Dokumentationen zu präsentieren. Da sind die Kommentare, die Kommentare kommentieren schon bedeutend erheiternder zu lesen (wie zum Beispiel: Innerer Reichsparteitag und Winter).

Da das Phänomen Fußball aber gerade zu Zeiten wie der Weltmeisterschaft sozialer Natur ist, spielt sich das Spannendste aber meistens (in diesem Fall bisher leider fast immer) vor der Leinwand, dem Fernseher oder dem – oh je, wie retro ist das denn? – Radio ab. Seit dem deutschen Sommermärchen 2006 ist Public Viewing so en vogue wie nie zuvor. Keine Rundfunkanstalt kann es sich mehr leisten, nicht zu bevölkerten Plätzen zu schalten und zu versuchen „Schalala“-, bzw. „Tshabalalah“-singende und grölende Fans zu filmen und zu interviewen. Wie immer, wenn sich der Mensch unter seinesgleichen wagt, nimmt er dabei eine bestimmte Rolle ein. Auch Bürgern ohne sozialwissenschaftliche Ausbildung sollte das bisher nicht entgangen sein. Und gerade beim Public Viewing kann man mal versuchen, ganz bewusst einen anderen Part zu spielen und sich üben in diesem großen Stück aus dem Genre des Improvisationstheaters. Die schönsten Rollen, die sich dafür anbieten, sollen an dieser Stelle in den nächsten Tagen nacheinander vorgestellt werden.

Heute: Der Fragesteller
Sie müssen ganz besondere Voraussetzungen mitbringen, um diese Rolle gut zu spielen und sich leider auch ab und zu ein wenig auf das Spiel vorbereiten, das es mit Freunden und Bekannten zu begutachten gilt. Ein fehlendes Gespür für Situationen und Stimmungen – oder anders herum: ein feines Gespür für die falsche Situation und Stimmung – ist Grundvoraussetzung. Es gilt für Sie, in möglichst vielen unpassenden Situationen Fragen zu stellen. Dabei können Sie aus einem breiten Spektrum wählen, das von Spielsituationen auf der einen Seite („Was passiert eigentlich, wenn ein Spieler, der die rote Karte bekommen hat, nicht vom Platz geht? Wird dann die Polizei gerufen?“, „Wenn Deutschland jetzt also nicht ein Tor schießt, scheiden wir aus?“) über allgemeine Fragen („Woraus besteht eigentlich so eine Eckfahne?“, „Dürfen sich die Spieler ihre Trikotnummer eigentlich selber aussuchen?“, „Wie viel Schnodder wohl nach so einem Spiel auf dem Rasen liegt?“) bis hin zu hochspezialisierten Fragen auf der anderen Seite reicht („Was ist eigentlich ein Guay? Und warum ist ein Land für das Guay und das andere eher … äh … Uru?“).

Die eingenommene Körperhaltung beim Fragen kann dabei großen Einfluss auf die Rolle nehmen. Im Sitzen nach vorne geneigt und eine in Falten gelegte Stirn sind typisch für den naiven Frager. Zurückgelehnte Haltung, überschlagene Beine und vor der Brust verschränkte Arme deuten auf den rhetorisch fragenden Klugscheißer hin, der die Antwort schon längst kennt. Möchten Sie diesen Aspekt des Fragestellers nuancieren, müssen Sie sich aber wirklich gut vorbereiten. Die investierte Zeit lohnt sich auf jeden Fall, denn Sie werden beobachten können, dass Sie so die Rollen Ihrer Mitmenschen verändern können und sich diese schnell zum Genervten ändern. „Wusstet Ihr eigentlich, dass moderne Eckfahnen aus Kunststoff bestehen und ein speziell entwickeltes Knickgelenk besitzen?“, „Wusstet Ihr eigentlich, dass die Namen von Paraguay und Uruguay aus dem Guaraní stammen, der Sprache der Urbevölkerung?“ Spaß wird Ihnen garantiert sein – zumindest für ein Spiel, denn zu weiteren werden Sie wohl nicht mehr eingeladen werden!

Und das nächste mal: Der passive Mitbrüller

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*Was eigentlich dieser dämliche Titel soll? Japanophone Menschen mögen mir bitte verzeihen. Sie kennen doch sicherlich noch dieses japanische Kartenspiel Yu-Gi-Oh, zu dem es Trickserien und Filme gab. Übersetzt heißt das soviel wie „König der Spiele“. Dann muss doch Yu-Gi-Löw nichts anderes sein, als „König der Löwen“, ergo Simba. Und damit steht schon mal fest: Deutschland wird Weltmeister! Mit einem Trainer in Südafrika, der der Herr des Tierreichs ist!