Mit ‘Religion’ getaggte Beiträge

Über Oger, Menschen, Zwiebeln, das Denken, Bundespräsidenten, kleinste und größte gemeinsame Nenner, die Aufklärung, den Islam und die menschliche Identität – bringen Sie das mal alles unter einen Hut!

„Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ lautet der Titel des sehr populären Buches von Richard David Precht, das sich lange Zeit an der Spitze der deutschen Büchercharts behaupten konnte. Wahrlich keine leicht zu beantwortende Frage und ein Thema, das sich angesichts ein paar Jahrtausende währender Geistesgeschichte auch nicht mal eben als philosophische Fingerübung in einfache Formeln für den Haus- und Alltagsgebrauch verpacken lässt.

Wie gut, dass es Hollywood gibt und wir von Shrek lernen können, dem gütig-grässlichen Oger.  Der nämlich musste nicht erst Prechts Buch lesen, um von sich behaupten zu können: „Ich bin eine Zwiebel!“ Dass der grünhäutige Antiheld das im übertragenen Sinne gemeint hat und nicht als Warnung an Köche vor brennenden Augen beim Hacken von Ogern verstanden haben möchte, sei einfach mal vorausgesetzt.

„Heureka!“, möchte man rufen. „Auch der Mensch ist eine Zwiebel.“

Denn was die klugen Köpfe des DreamWorks Prictures Teams Shrek auf die digitale Zunge geschrieben haben, um seine unglaublich vielschichtige Persönlichkeit erklären zu können, kann auch bestens als Metapher für das menschliche Wesen sowohl im Einzelnen als auch für sein Auftreten in einem sozialen Gefüge dienen. Fast wünschte man sich, Bundespräsident Christian Wulff hätte sich bei seiner Jubiläumsrede zum Tag der Deutschen Einheit eben dieses Bildes bedient, anstatt historisch schwammig zu schwadronieren, was zu Deutschland gehört und was nicht.

Er hätte sagen können: „Schaut her liebes wiedervereintes Volk, ich hab da mal was vorbereitet. Ich habe hier einen Sack voller Zwiebeln und einen Packen Stifte. Jetzt kommt jeder nach einander nach vorne an mein Rednerpult und nimmt sich eine Zwiebel und einen Stift und schreibt auf die äußerste Haut der Zwiebel ‚Mensch‘. Dann pult jeder ganz ganz vorsichtig Haut für Haut ab und schreibt rauf, was immer sie oder er gerne möchte. Nur auf den innersten Teil schreibt bitte wieder jeder ‚Mensch‘. Dann legen wir die Zwiebel wieder genauso zusammen. Und schon haben wir unsere gemeinsame Identität.“

Natürlich ist es falsch, dass der Islam mittlerweile zu Deutschland gehört. Genauso falsch wie die Behauptung, dass Christen- und Judentum, Buddhismus und Hinduismus zu Deutschland gehören. Alleine der Begriff der abendländlichen christlich-jüdischen Tradition suggeriert eine friedvolle Einheit der beiden Religionen, die es so leider nie gegeben hat. Keine Religion gehört zu Deutschland! Die Religion gehört zu den Menschen die hier leben, die aber alle zuallererst in ihrem Kern und nach außen hin Menschen sind und genauso gut entscheiden können, dass sie keine ihrer Zwiebelschalen mit „Christ“, „Moslem“ oder „Jude“ beschriften.

In der Umgangssprache gibt es die Ausdrücke des kleinsten und des größten gemeinsamen Nenners. Ersterer bezeichnet einen Minimalkonsens auf aller niedrigster und unbefriedigendster Ebene, zweiterer einen äußerst fortschrittlichen Maximalkompromiss. Niemand vermag zu beeinflussen, ob man als Mensch geboren wird (sieht man mal vom Kharma ab) oder nicht. Was somit zuallererst als kleinster gemeinsamer Nenner erscheint, ist doch in Wahrheit der größte. Das Menschsein ist die Wurzel unserer sozialen Diversität und das, was unsere individuellen Biographien eint. Es ist die Basis für Toleranz, Mitgefühl, Nächstenliebe, Demut und Gerechtigkeit, für die höchsten geistigen Güter, die die Menschheit besitzt. Menschenrechte sind universell, weil das Menschsein hoch über dem Christsein, dem Judesein, dem Moslemsein steht. Wer auf die äußerste Haut der Zwiebel der menschlichen Identität etwas anderes als „Mensch“ schreibt, an dem ist die Aufklärung vorbeigegangen, der macht aus dem größten gemeinsamen Nenner wieder den kleinsten.

 

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Oh Graus, ein Beben der Empörung erschüttert das Fundament des Abendlandes. Ein kollektives Stöhnen, Jammern, ja streckenweise sogar Aufschreien geht durch die Republik. Nein, es sind nicht die Fälle sexuellen Missbrauchs und priesterlicher Züchtigung. Schon fast vergessen und vergeben erscheinen die Skandale der letzten Wochen und Monate, die Tag für Tag ans Licht der Öffentlichkeit gelangten und Atheisten wie Gläubigen gleichsam die Zornesröte ins Gesicht trieben. Nun ist sie weggewischt und ersetzt durch ein fahles Weiß, als wäre das Antlitz mit Kreidestaub bedeckt.

„Wie kann es sein? Wie kann sie es wagen?“, schreit es kollektiv durch das Land. Kruzifixe aus Klassenräumen, ja gar komplett aus deutschen Schulgebäuden zu verbannen! Ein Frevel, der seines gleichen sucht. So versuchen es zumindest quer durch die Republik Christdemokraten und ihre Parteifreunde aus der bayrischen Schwesterpartei zu vermitteln. Unvorstellbar, dass eine aus ihren eigenen Reihen diesen Vorschlag gebracht hat. Dazu auch noch eine gläubige Muslima mit türkischen Wurzeln, die Ministerin für Soziales in Niedersachsen werden soll.

Dass sie aber auch ein striktes Kopftuchverbot an deutschen Schulen gefordert hat, geht im Hagel der Entrüstung unter. Passt ja auch nicht so recht in das Bild, das nun krampfhaft zu vermitteln versucht wird. Die Zustimmung und die Begeisterung waren groß, als Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff die türkischstämmige Aygül Özkan für den Ministerposten vorschlug. Großartig, ein Musterbeispiel für Integration. Ein regelrechtes Vorzeigeland dieses Niedersachsen. Wie häufig doch erwähnt werden musste, dass sie der islamischen Glaubensgemeinschaft angehört und ihre familiären Wurzeln in die Türkei reichen. Ungünstig nur, dass auch türkischstämmige und muslimische Ministerinnen für Soziales eine eigene Meinung haben. Noch ungünstiger, dass diese eigene Meinung mitunter mit dem offiziellen Unionskonsens kollidiert. In einigen Punkten sogar mehrfach, spricht sie sich doch auch noch für ergebnisoffene Beitrittsverhandlungen zwischen der Türkei und der EU aus.

„Das Kreuz ist aus Sicht der CDU ein Symbol der Toleranz auch gegenüber anderen Religionen. Die über das Wochenende entstandenen Irritationen und Missverständnisse sind damit ausgeräumt.“ So heißt es im News-Ticker auf der Internetpräsenz der niedersächsischen CDU. Das Kreuz und Toleranz gegenüber anderen Religionen noch immer mit Begriffen wie Kreuzzug, Ketzer und Inquisition zu assoziieren, ist heutzutage vielleicht wirklich schon ein wenig antiquiert. Der CDU geht daher vielmehr um die christlichen Werte, auf denen unsere säkulare Gesellschaft basiert. Säkular? Das bedeutet doch die strikte Trennung von Kirche und Staat?

Egal, sei es drum. Das Kreuz soll also für alle Bundesbürger für Toleranz, Gerechtigkeit und Nächstenliebe stehen. Für alle Christen, Juden, Moslems, Hindus und Buddhisten. Für alle Deutschen, Immigranten und Staatenlose. Kurzum also für jeden Schüler, der das Privileg genießt, an Deutschen Schulen unterrichtet zu werden. Es ist natürlich absolut naheliegend, dass ein jeder Schüler versteht, was das Kreuz für die CDU bedeutet. Angela Merkel ist ja schließlich Kanzlerin für alle Deutschen. Auch für Berliner Schüler, die vor nicht allzu langer Zeit im medialen Zentrum rund um den Volksentscheid um Religion als Pflicht- oder Wahlfach standen und nun verpflichtend in Ethik unterrichtet werden und bei Interesse den Religionsunterricht besuchen können. So könnten sie nun beruhigt unter dem Kruzifix sitzen und dem Ethiklehrer lauschen und fühlen sich wohlbehütet von der toleranten Ausstrahlung des christlichen Kreuzes.

Es gibt in unserer Gesellschaft ja auch nichts anderes, was für Gerechtigkeit, Toleranz und Nächstenliebe steht. Nichts anderes als das Kreuz vermittelt die Botschaft, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. In unserem Zusammenleben sind es nur die christlichen Werte, die uns wissen lassen, dass sich das Deutsche Volk zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt bekennt.

Unfassbar also! Fehlt nur noch, dass Frau Özkan als nächstes auch noch fordert, dass an Stelle des Kreuzes Artikel 1 des Grundgesetzes an die Schulwände geschrieben wird. Das würde ja wirklich zu weit gehen in unserer säkularen Welt. Wie gut, dass sie sich entschuldigt hat.