Mit ‘Sex’ getaggte Beiträge

Es geht derzeit heiß her im höchsten Amt der Bundesrepublik Deutschland. Der Haussegen hängt schief. Dem Bundesadler zerzaust der Gegenwind aus allen Richtungen das stolze Federkleid. Ja, in Bellevue geht ein Gespenst um. Das Schlossgespenst namens Kreditaffäre, freundlichst animiert unter anderem von Kai Diekmann.

Wie albern wäre es denn, jetzt, nach Wochen und Monaten der politischen, polemischen und populistischen Debatten um das Amt und dem ihm innewohnenden Ruf des Bundespräsidenten, auch noch einen politischen Kommentar zu verfassen? Ja, sehr albern, auch wenn es zugegebenermaßen schon in den Fingern juckt. Aber es soll ja mehr oder weniger um – damit mir Linguisten nicht den Kopf abreissen – allgemeine Semantik gehen. Oder plakativer ausgedrückt: um den Sinn und Unsinn von Wortgebilden.

Kreditaffäre!

Das klingt bedeutungsschwanger und schreit geradezu in roten BILD-Lettern: SKANDAL!

Banken, Zinsen, Geld, Geheimnisse, Betrug, anrüchig, schmutzig, Sex.

Lustig eigentlich die Vorstellung, dass sich, pauschal gesprochen, die Gesellschaft in zwei Gruppen einteilen lässt, deren Klimax-Antiklimax-Pole ihrer Erregungskala ob dieser sieben Assoziationen sich diametral gegenüber stehen. Zum Glück lässt sich im aktuellen Fall „Banken“ durch „Privatpersonen“ ersetzen. Das lässt wenigstens einen kausalen Ringschluss zu. Denn „Sex“ und „Privatperson“ passt doch besser zusammen als „Sex“ und „Bank“.
Womit eigentlich auch wieder der Sinn der semantischen Analyse als bewiesen angesehen werden kann. Denn einigen wir uns nicht vorher darauf, dass wir unter Bank ein Kreditinstitut und keine Sitzgelegenheit meinen, erscheinen die verbindenden Präpositionen „auf“ oder „unter“ im Zusammenhang mit „Sex“ und „Bank“ doch noch recht plausibel.

Wobei ich unserem Bundespräsidenten auf keinen Fall unterstellen möchte, dass er sich den von einer Freundin der Familie gewährten Millionenkredit auf irgendeine Art und Weise „erkauft“ hätte. Das klänge ja fast wie bei Demi Moore und Robert Redford in „Ein unmoralisches Angebot“. Hach ja, da ist sie auf einmal, die Moral und damit die Versuchung, doch noch in einen politischen Kommentar abzudriften. Zusammenreissen und weiter mit der Semantik!

Was steckt nun also drin in der Kreditaffäre? Klar: Kreditaffäre = Kredit + Affäre!

Ein Kredit, das würde die „Sendung mit der Maus“ erklären, ist ja nichts anderes, als sich von jemandem Geld zu borgen und das Versprechen abzugeben, es auch zurückzuzahlen. Klar, als Dankeschön natürlich ein bisschen mehr Geld als ursprünglich geborgt – oder eine Schachtel Merci.

Aber was bedeutet der Begriff selber? Den Kredit kennt man bereits im Mittelalter und, wen wundert es, er kommt natürlich mit Umwegen über Italien und Frankreich aus dem Lateinischen und geht auf „credere“ zurück, auf „glauben, vertrauen“. Das kennen wir auch vom Kredo, dem Glaubensbekenntnis. Die Kreditaffäre ist also eine Glaubensaffäre!

Also kann die Assoziationskette doch gleich erweitert werden:

Kirche, Religion, Glaube, Banken, Zinsen, Geld, Geheimnisse, Betrug, anrüchig, schmutzig, Sex!

Wahnsinn, schließt sich hier die Kette zum Kreis, dann gäbe es aber wieder viel zu diskutieren. „Kirche“ und „Sex“. Das schreit ja geradezu nach neuen alten Skandalen. Aber die Missbrauchsfälle sind ja zum Glück alle aufgeklärt.

Der Glaube, auf den der Begriff Kredit zurückgeht, ist natürlich nicht der Glaube an Gott (der sich aber sicherlich über Abschweifungen zum protestantischen Arbeiterethos damit auch verbinden lässt), sondern eher der Glaube in die Vertrauenswürdigkeit der Person, der Geld geliehen wird. Das ist doch super! Der Gläubiger verleiht also in diesem Sinne dem Schuldner gleich einen doppelten Kredit. Zum einen in monetärer Form, zum anderen einen Vertrauenskredit. Und – zumindest im Mittelalter – das ganze ohne Ratingagentur!

Jetzt aber zum Sex und zur Affäre!

Und da kommt es auch leider schon zur Enttäuschung. Denn ursprünglich hat der Begriff rein gar nichts mit einem Seitensprung zu tun. Das lässt sich schon recht eindringlich darstellen, wenn man an den Begriff der Staatsaffäre denkt. Stellen Sie sich doch einfach mal Angela Merkel vor. Wohlwissend, dass die First Lady, Carla Bruni, gerade ein Publikum mit ihren Chansons erfreut, bewegt sie sich, lediglich umhüllt von einem fast transparenten CDU-schwarzen Negligé, mit einer Flasche Rotkäppchen halbtrocken hinter ihrem aufreizenden Rücken, mit staatsweiblichem Hüftschwung durch einen Flur des Palais de l’Élysée geradewegs auf das Schlafgemach des, sich auf seinem Bett in sportlicher Retroshorts rekelnden und seine Brustwarzen mit einem Eiswürfel stimulierenden, Nicolas Sarkozy zu.

Der Gedanke an Sex ist auch Ihnen vergangen? Ganz recht! So sehr dieses Beispiel einer Allegorie der Asexualität gleicht, so wenig hat der Begriff Affäre auch wirklich in seiner ursprünglichen Bedeutung mit Sex zu tun. Über das Altfranzösische „à faire“ hat wiederum ein lateinischer Ausdruck Einzug in die deutsche Sprache erhalten. „Facere“ heißt so viel wie „machen, tun, ausüben, handeln“. Daher ist die Affäre auch nichts anderes als eine „Angelegenheit“ oder ein „Vorfall“.

Für die Kreditaffäre bedeutet das also, dass wir mittlerweile von einer Glaubensangelegenheit sprechen können. Die Ironie, dass es sich dabei um einen Christdemokraten handelt, sei nur am Rande erwähnt. Eine Glaubensangelegenheit also. Das mag tatsächlich eine passende Herleitung sein, wenn man die Etymologie, also die Herkunftsgeschichte von Ausdrücken, und den Sachverhalt, Privatperson leiht anderer Privatperson Geld, bedenkt. Doch die Semantik betrachtet glücklicherweise nicht nur die Ursprünge von Begriffen, sondern auch die umgangssprachliche, häufig davon abweichende Bedeutung, die ein solcher Begriff dieser Tage erhalten hat.

Hier ist die Affäre eindeutig, wenn auch mit einem gewissen anerkennenden Wagemut verbunden, eher negativ konnotiert und steht für Seitensprung und Betrug. Und da das Amt des Bundespräsidenten nicht den gleichen Stellenwert hat wie das Ansehen einer Privatperson, die Debatte darüber sowieso in der Öffentlichkeit geführt wird und dort auch hingehört, erhält „Kreditaffäre“ die Wortsalat-Bestnote.

Denn was für den einen eine monetäre Vertrauensfrage sein mag, ist in diesem Kontext nichts anderes als betrogenes Vertrauen.

Etymologie: Deutsches Wörterbuch der Deutschen Sprache. Ein Online-Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. 

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